Professor Patzelt und der Nazi-Vergleich

Gegen zwei Äußerungen von Prof. Werner J. Patzelt haben verschiedene Menschen, unter ihnen auch ich, Einwände erhoben. Es handelt sich um Sätze aus der unseligen Kategorie „Nazi-Vergleich“. Prof. Patzelt sieht sich, wie meistens, wenn er kritisiert wird, als Opfer einer Hexenjagd und Diffamierungskampagne. Versuchen wir uns an einer sachlichen Prüfung, wie sie auch von Prof. Patzelt eingefordert wird.

Hierzu zunächst eine Begriffsklärung. Das Wort „Vergleich“ wird, wie auch Prof. Patzelt zurecht betont, in mehrdeutiger Weise verwendet. Leider wird es oft als Synonym für „Gleichsetzung“, also für eine Identifikation gebraucht. Dies führt zu Missverständnissen, zum Beispiel wenn jemand angibt, er wolle die DDR und das Dritte Reich miteinander vergleichen, und ihm daraufhin vorgeworfen wird, er wolle beide Staaten gleichsetzen. Ein Vergleich will aber sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede feststellen. So kann man etwa PEGIDA und die NSDAP miteinander vergleichen, wie ich das in einem früheren Beitrag gemacht habe, ohne damit zu behaupten, beide wären identisch. Um aber zwei Sachverhalte miteinander vergleichen zu können, müssen diese irgendwie ähnlich sein, wenigstens in einer Hinsicht (Tertium comparationis) etwas gemeinsam haben. Man kann z.B. Äpfel und Birnen sehr gut miteinander vergleichen, weil es sich in beiden Fällen um Obst handelt. Hingegen ist ein Vergleich zwischen einem Harzer Käse und dem Satz des Pythagoras unsinnig, wenigstens außerhalb des Reiches der Poesie. Aus dieser Logik hat sich nun aber noch eine dritte Verwendungsweise des Wortes „Vergleich“ ergeben, nämlich die als Synonym für Feststellung von Ähnlichkeit. In der Umgangssprache behauptet jemand, der „X mit Y vergleicht“, X und Y seien ähnlich – wobei nicht immer klar ist, in welcher Hinsicht die Ähnlichkeit bestehen soll.

Am 2. September 2016 erschien in der Sächsischen Zeitung eine Kolumne von Prof. Patzelt in der Rubrik „Besorgte Bürger“. In ihr warnte er vor einer Überforderung der Politik durch uneinlösbare Wünsche. Der Versuch, solche überzogenen Pläne in die Tat umzusetzen, müsse scheitern und könne sogar zu Zerstörungen führen. Und Prof. Patzelt führte einige historische Beispiele auf für den unbedingten Glauben an das Gelingen von zum Scheitern verurteilten Projekten. In diesem Zusammenhang folgte dann gegen Ende des Textes der Satz:

Wenig hilft in solchen Lagen ein „Glaube an den Endsieg“, heute formuliert als „Yo, wir schaffen das“.

Worum handelt es sich hier? Ein Vergleich benutzt üblicherweise das Wörtchen „wie“ – wir suchen es vergebens. Liest man den Satz ganz wörtlich, dann bedeutet er: Der Glaube an den „Endsieg“ (von jedermann mit Adolf Hitler und dem Zweiten Weltkrieg assoziiert), wird heute formuliert als „Wir schaffen das!“, ein Satz, der unzweifelhaft zu Angela Merkel und der Flüchtlingskrise gehört. Man kann den Satz von Prof. Patzelt also durchaus als Gleichsetzung, als die direkte Behauptung einer historischen Wiederkehr lesen. Einige Rechtsradikale werden das auch getan haben: „Die Merkel wird durch die Ausländer Deutschland zu Grunde richten wie Hitler!“ Verräterischerweise hat Prof. Patzelt den Satz in seiner Rechtfertigung auch nicht wörtlich wiederholt, sondern umschrieben:

Ich hatte vor zwei Wochen über die Grenzen von Politik geschrieben und darauf hingewiesen, dass diese Grenzen auch nicht dadurch sonderlich ausgedehnt würden, dass man etwa an einen Endsieg glaubt oder es mit einem Mantra wie „Yo, wir schaffen das!“ versucht.

In dieser Version erscheinen nun zwei Sachverhalte nicht gleichgesetzt, sondern als unterschiedliche Beispiele für einen Sachverhalt aufgeführt. Ich glaube Prof. Patzelt auch, dass seine ursprüngliche Formulierung schon genauso gemeint gewesen ist, dass es sich also um einen impliziten Vergleich, keine Gleichsetzung handelte. Aber: Muss ein Autor, der sonst stets argumentative und sprachliche Sensibilität einfordert und besonders „Nazi-Vergleiche“ streng kritisiert, diese Maßstäbe nicht auch an sich selbst anlegen? Der Satz, mit dem Prof. Patzelt die Debatte lostrat, war missverständlich formuliert, wohl auch bewusst provozierend. Dies jedenfalls legt eine Aussage von Prof. Patzelt gegenüber dem Deutschlandfunk nahe, die sich schon auf seinen zweiten Beitrag zum Streit bezieht:

Hätte ich das Goebbels-Zitat nicht gebracht, spräche niemand über diese Kolumne, jetzt spricht man drüber, und natürlich will ich, dass meine Analysen und Argumente auch ein breites Publikum finden. Und wenn andere über Stöckchen drüber springen, soll mir das Recht sein.

Wer aber erst als bewusster Provokateur zu Missverständnissen einlädt und sich danach über Missverständnisse empört zeigt, der argumentiert unredlich – um ein Wort zu benutzen, das Prof. Patzelt selbst gern Gegnern entgegenschleudert.

Wer Prof. Patzelt kennt, der weiß natürlich, dass es ihm fernliegt, Hitler und Angela Merkel oder Nazis und Flüchtlingshelfer miteinander zu identifizieren. Meine Erwiderung in der folgenden Kolumne der Rubrik „Besorgte Bürger“ am 9. September war deswegen auch in heiterem Ton gehalten. Ich warf Prof. Patzelt keine Gleichsetzung vor, sondern signalisierte nur, dass ich seinen impliziten Vergleich für unsinnig halte. Denn die Unterschiede zwischen Zweitem Weltkrieg und Flüchtlingskrise sind so groß, dass eine Verknüpfung mir unsinnig erscheint. Ich halte die von Prof. Patzelt angenommene Ähnlichkeit schlicht für nicht vorhanden, denn die Flüchtlingshelfer waren keine merkelgläubige Masse, sondern engagierte und dabei durchaus kritisch reflektierte Menschen. So zumindest habe ich einige von ihnen kennengelernt. Wie viele Flüchtlingshelfer Prof. Patzelt persönlich getroffen hat, weiß ich nicht.

Damit hätte es nun sein Bewenden haben können, wenn Prof. Patzelt nicht die ununterdrückbare Leidenschaft hätte, in allen Fragen am Ende Recht zu behalten. Er beschloss, in der folgenden Kolumne am 16. September noch eins draufzusetzen und führte den impliziten Vergleich explizit aus. Wohlgemerkt sieht er die Ähnlichkeit der Flüchtlingshelfer mit den Deutschen unter dem Nationalsozialismus nicht in der moralischen Qualität ihres Tuns. Er sieht sie in einem Vertrauen-Wollen, einem unkritischen Glauben an politische Führer. Und dies erläuterte er u.a. mit dem folgenden Satz:

Gewiss war kein abscheulicher Krieg, sondern eine an menschlicher Schönheit schwer zu übertreffende Willkommenskultur, in was vor einem Jahr so viele hineingingen „wie in einen Gottesdienst“ (so einst Joseph Goebbels).

Ich habe bereits ausgeführt, warum ich diesen Vergleich sachlich für falsch halte. Ich halte ihn aber auch für schief und missraten, denn ein Vergleich (verstanden hier als Feststellung einer Ähnlichkeit) wird auch dann unsinnig, wenn die Unterschiede die Gemeinsamkeiten weit überwiegen. Würde ich z.B. äußern: „Prof. Patzelt ähnelt Dr. Goebbels!“ und dann auf die ausgelöste Empörung erwidern: „Was denn? Haben denn nicht beide Bücher geschrieben?“, dann würde meine Antwort gewiss nicht als hinreichende Erklärung akzeptiert. Prof. Patzelt bliebe beleidigt. Ebenso beleidigt sind nun aber die Flüchtlingshelfer, die sich mit Nazis verglichen sehen, obwohl ihr sicherlich vorhandener Optimismus dem Fanatismus der Nazis weder dem moralischen Wert noch der Intensität nach entspricht, ja ihm sogar entgegengesetzt ist. Dies hat Prof. Patzelt nun auch anerkannt, indem er sagt, er habe das Vertrauen-Wollen nicht dem „Grad“ oder der „Inhumanität“ nach gleichsetzen wollen. Aber diese Klarstellung folgt eben erst jetzt. Und es stellt sich schließlich die Frage: Wozu erst eine Ähnlichkeit zwischen Flüchtlingshelfern und Nazi-Soldaten behaupten, um dann in mühevoller Rechtfertigung herauszustellen, gar so ähnlich seien sich beide ja auch wieder nicht?

Differenzieren macht müde. Ich will’s dabei belassen. Ob ich Prof. Patzelt davon überzeugen konnte, dass er sich mit einem einfachen Eingeständnis, einmal einen missratenen Satz formuliert zu haben, die ganze Debatte hätte sparen können? Ich zweifle daran.

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Eine kürzere und naturgemäß etwas pointiertere Erwiderung auf Prof. Patzelts Beiträge erscheint am 23. September als Kolumne der Rubrik „Besorgte Bürger“ in der Sächsischen Zeitung.

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Prof. Patzelt hat auf die Kritik reagiert in einem Beitrag mit dem Titel Plisch und Plum.

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Die Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg war für Hitler bloß Symptom eines allgemeinen Niedergangs des deutschen Volkes in der Zeit der Moderne. Seine Aufzählung der „Verfallserscheinungen einer langsam abfaulenden Welt“ ist nicht originell. Er hakt nur all jene Phänomene der „Entartung“ noch einmal ab, die von kulturpessimistischen Konservativen der Jahrhundertwende schon vielfach attackiert worden waren. So beklagt er die „schädliche Industriealisierung“ [sic], die zusammen mit der Verstädterung zu einer „Schwächung des Bauernstandes“ und einem Verlust des Heimatgefühls geführt habe. Die nationale Souveränität leide unter der „Verinternationalisierung der deutschen Wirtschaft“ durch das globale Finanzkapital. Im „Geflunker einer sogenannten »Pressefreiheit«“ sieht er nur „straflose[] Volksbelügung und Volksvergiftung“. Ihr entspricht auf dem ästhetischen Feld der avantgardistische „Bolschewismus der Kunst“, auf dem politischen Feld das Elend des Parlamentarismus.

Eigentümlich an Hitlers Thesen ist einerseits – wie immer – die rasende Übertreibung, andererseits der Biologismus. Dass es in der Moderne einen ganz förchterlichen Verfall der Kultur gebe, behauptet ja noch immer jeder zweite pensionierte Studienrat; Hitler aber sah eine ganz körperliche Degeneration am Werk. „Verweichlichung und Verweibung“ zersetzten die männliche Wehrtüchtigkeit. Und die Massenmedien machten die Menschen nicht einfach nur dümmer, vielmehr finde gar eine „Rückentwicklung des menschlichen Gehirns“ statt. Es sind denn auch die „blutsmäßigen Faktoren“, welche für die Katastrophe der allgemeinen Entartung verantwortlich sein sollen, letztlich natürlich wieder einmal „der Jude“.

Mit auffälliger Akribie widmet sich Hitler der „Verpestung unseres Sexuallebens“, die sich in der „Prostituierung der Liebe“ zeige. Es ist besonders eine Sorge, die Hitler umtreibt und die ihn wohl schon nachts im Bett des Männerwohnheims nicht schlafen ließ, die Angst vor der Syphilis. Diese Krankheit erscheint besonders schrecklich, weil sie nicht nur die Gesundheit des Einzelnen, sondern durch Vererbung den ganzen Volkskörper bedroht. Erreger dieser Lustseuche ist nach der Diagnose Hitlers kein Bakterium, sondern der Jude:

Die Verjudung unseres Seelenlebens und Mammonisierung unseres Paarungstriebes versauen früher oder später unseren gesamten Nachwuchs, indem statt kraftvoller Kinder eines natürlichen Gefühls, nur mehr die Jammererscheinungen finanzieller Zweckmäßigkeit treten.

Vordringlich ist für Hitler die Abschaffung der Prostitution. Im Ziel ist Hitler also mit Alice Schwarzer einig, nur in der Wahl der Mittel stimmen die beiden nicht ganz überein:

Die Prostitution ist eine Schmach der Menschheit, allein man kann sie nicht beseitigen durch moralische Vorlesungen, frommes Wollen usw., sondern ihre Einschränkung und ihr endlicher Abbau setzen die Beseitigung einer ganzen Unzahl von Vorbedingungen voraus. Die erste aber ist und bleibt die Schaffung der Möglichkeit einer der menschlichen Natur entsprechenden frühzeitigen Heirat vor allem des Mannes; denn die Frau ist ja hier ohnehin nur der passive Teil.

Als weitere Maßnahme empfiehlt Hitler besonders der Jugend den Sport. Denn wer turnt, der sündigt nicht:

Die übermäßige Betonung des rein geistigen Unterrichtes und die Vernachlässigung der körperlichen Ausbildung fördern aber auch in viel zu früher Jugend die Entstehung sexueller Vorstellungen. Der Junge, der in Sport und Turnen zu einer eisernen Abhärtung gebracht wird, unterliegt dem Bedürfnis sinnlicher Befriedigungen weniger als der ausschließlich mit geistiger Kost gefütterte Stubenhocker.

Kurz gesagt: Die deutschen Buben sollen nicht zu so schlaffen, untätigen Zwangsonanisten heranwachsen, wie der junge Adolf Hitler einer war.

Wie für alle Rassisten, so sind auch für Hitler das Individuum und die Menschheit keine leitenden Begriffe, allein Volk und Rasse bestimmen als Höchstwerte das Denken. Auch die Liebe wird dementsprechend vom Zweck zum Mittel, die Sexualität zur Menschenzucht:

Auch die Ehe kann nicht Selbstzweck sein, sondern muß dem einen größeren Ziele, der Vermehrung und Erhaltung der Art und Rasse, dienen. Nur das ist ihr Sinn und ihre Aufgabe.

Das heißt aber auch: Die Gesundheitspolitik wird zur Bevölkerungspolitik. Nicht mehr der Körper des Kranken soll geheilt werden, sondern der Volkskörper. Der Kranke wird so selbst zur Krankheit, die es zu beseitigen gilt. Und Ärzte müssen zu Mördern werden. Diese fatale Logik ist in Mein Kampf bereits nahezu vollständig offengelegt:

Es ist eine Halbheit, unheilbar kranken Menschen die dauernde Möglichkeit einer Verseuchung der übrigen gesunden zu gewähren. […] Die Forderung, daß defekten Menschen die Zeugung anderer ebenso defekter Nachkommen unmöglich gemacht wird, ist eine Forderung klarster Vernunft und bedeutet in ihrer planmäßigen Durchführung die humanste Tat der Menschheit. […] Denn hier wird man, wenn nötig, zur unbarmherzigen Absonderung einmal unheilbar Erkrankter schreiten müssen; eine barbarische Maßnahme für den unglücklich davon Betroffenen, aber ein Segen für die Mit- und Nachwelt.

Denn der Einzelne zählt nichts, das Volk ist alles. Nicht einmal der eigene Körper gehört mehr dem Individuum in jenem totalen Staat, von dem Hitler träumte, bis er Wirklichkeit wurde.

Das Recht der persönlichen Freiheit tritt zurück gegenüber der Pflicht der Erhaltung der Rasse.

Auf diese Weise aber bemächtigte sich Hitler schließlich doch noch der fremden Körper, die sich ihm in seinem erbärmlichen Leben so lange entzogen hatten.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Termine der Woche

Am Freitag (23. September) moderiere ich in Dresden einen Poetry Slam unter dem Titel „Literaturen am Fluss“, der im Rahmen der Aktion „FreiRaum – Brücken bauen für Demokratie und Dialog“ stattfindet. Die Reihe wird von der Stiftung Friedliche Revolution organisiert. Vier junge Poetinnen und Poeten setzen sich literarisch mit Migration und kulturellem Wandel in Europa auseinander. Ich freue mich auf die Leipziger Autorin und Bloggerin Nhi Le, den Berliner Poeten Temye Tesfu, die Dichterin Tanasgol Sabbagh aus Friedberg in Hessen und Noah Klaus, meinen Berliner Kollegen von der Lesebühne Zentralkomitee Deluxe. Der Spaß findet auf der FreiRaum-Bühne auf dem Theaterplatz statt – bei gutem Wetter draußen, bei schlechtem drinnen. Der Eintritt ist frei!

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Keiner soll mir vorwerfen, ich verschwiege die menschlichen Züge Hitlers, die sich in einigen Passagen von Mein Kampf durchaus zeigen. Der Gefreite Hitler erzählt uns aus seinem Kasernenleben:

Da ich jeden Morgen früh schon vor 5 Uhr aufzuwachen pflegte, hatte ich mir die Spielerei angewöhnt, den Mäuslein, die in der kleinen Stube ihre Unterhaltung trieben, ein paar Stückchen harte Brotreste oder -rinden auf den Fußboden zu legen und nun zuzusehen, wie sich die possierlichen Tierchen um diese paar Leckerbissen herumjagten. Ich hatte in meinem Leben schon soviel Not gehabt, daß ich mir den Hunger und daher auch das Vergnügen der kleinen Wesen nur zu gut vorzustellen vermochte.

Ist das nicht ein rührendes Bild? Wird uns nicht der Mann, der früher selbst Hunger litt und nun die Macht genießt, hungernde Mäuslein ums Brot kämpfen zu lassen, gleich sympathisch? Nein? Na, dann weiß ich auch nicht weiter.

Eigentliches Thema des Kapitelchens ist der Beitritt des Helden zur Deutschen Arbeiterpartei. Sie war einer der zahllosen völkischen Zirkel, die nach dem Weltkrieg in München aufblühten. Hitler bemüht sich, die Kleinstpartei um den Werkzeugschlosser Anton Drexler noch kleiner zu schreiben, als sie wirklich war, offenkundig in der Absicht, sich später selbst als eigentlichen Neugründer besser ins Licht zu setzen. Geradezu lustig macht Hitler sich über die „Vereinsmeierei allerärgster Art und Weise“, die ihn bei den ersten Begegnungen mit Parteileuten sehr abgeschreckt habe. Umso schwerer fällt es ihm sodann zu erklären, wieso er dennoch halb widerstrebend Mitglied wurde. Wieder einmal ist der „entscheidendste Entschluss [s]eines Lebens“ fällig – so ungefähr in jedem vierten Kapitel fasst Hitler solch schwerste Entschlüsse. Er tritt bei!

Denn dies war der Vorteil, der sich hier ergeben mußte: man konnte hier noch arbeiten, und je kleiner die Bewegung war, um so eher war sie noch in die richtige Form zu bringen. Hier konnten noch der Inhalt, das Ziel und der Weg bestimmt werden, was bei den bestehenden großen Parteien von Anfang an schon wegfiel.

Die DAP also ein weißes Blatt Papier, das Hitler zur Niederschrift seiner Erfolgsgeschichte auswählte? Näher an der Wahrheit dürfte folgende Vermutung sein: Der vereinsamte Gefreite war froh, überhaupt irgendwo Anschluss zu finden. Und er entdeckte, dass sich Leute für die wütenden Monologe begeisterten, die er bislang zuhause allein seinem Wandschrank vorgetragen hatte.

Mehr lässt sich aus diesem Kapitel wirklich nicht quetschen. Aber das nächste droht schon mit über sechzig Seiten! Werde ich es lesen? Das wird der schwerste Entschluss meines Lebens!

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Im Laufe der Revolutionswirren der Jahre 1918 und 1919 gerät der Gefreite Adolf Hitler in recht undurchsichtiger Weise in die Politik, zuerst als Spitzel und Propagandist innerhalb der Reichswehr in Bayern. Über die genauen Abläufe erzählt der Autor Hitler wenig und mancherlei Zweifelhaftes. Ungewöhnlicherweise namentlich würdigt er einen frühen Mentor: Gottfried Feder. Der Bauingenieur und Hobbyökonom war kurz nach dem Ersten Weltkrieg mit Schriften und Vorträgen aufgetreten, in denen er behauptete, „das Ei des Kolumbus“ gefunden zu haben. Schlüssel zur Lösung aller ökonomischen Probleme sei die Abschaffung des Zinses. Man muss kein Wirtschaftswissenschaftler sein, um zu erkennen, dass Feder ein faules Ei ausgebrütet hatte. Hitler hingegen war begeistert, denn Feder lieferte ihm eine theoretische Grundlage für seinen Wunsch, eine nationalistische Antwort auf die soziale Frage zu finden:

Der Kampf gegen das internationale Finanz- und Leihkapital ist zum wichtigsten Programmpunkt des Kampfes der deutschen Nation um ihre Unabhängigkeit und Freiheit geworden.

So ein Satz Hitlers dürfte auch heute noch so manchem Bürger wohlklingend im Ohr tönen. Und liest man Gottfried Feders Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes (1919), dann glaubt man, eine aktuelle Ausgabe des Magazins Compact vor sich zu haben. Ich möchte gerne kurz zu dieser Schrift abschweifen, denn die Verführungskraft dieses nationalen Sozialismus scheint mir auch heute noch beträchtlich.

Nicht der Kapitalismus ist nach Gottfried Feder das Übel, sondern nur der raffende Finanzkapitalismus, der fundamental vom schaffenden Industriekapitalismus unterschieden wird:

Wir erkennen klar, daß nicht die kapitalistische Wirtschaftsordnung, an sich nicht das Kapital als solches die Geißel der Menschheit ist. Das unersättliche Zinsbedürfnis des Groß-Leihkapitals ist der Fluch der gesamten arbeitenden Menschheit!

Gottfried Feder meint denn auch, mit der Abschaffung eines einzelnen Elementes des kapitalistischen Systems, nämlich des Zinses, wäre dieses System von allen Gebrechen zu heilen:

Der Zins ist es, der mühe- und endlose Güterzufluß aus reinem Geldbesitz ohne Hinzutun jeglicher Arbeit hat die großen Geldmächte wachsen lassen. Der Leihzins ist das teuflische Prinzip, aus dem die goldene Internationale geboren ist. All überall hat sich das Leihkapital festgesaugt. Wie mit Polypenarmen hat das Großleihkapital alle Staaten, alle Völker der Welt umstrickt.

Spekulanten sind den meisten Menschen unsympathischer als Fabrikanten und das ist wohl nur natürlich. Dass Finanzkapital eine ganz eigene Dynamik entwickeln kann, die einer Selbstvermehrung des Geldes ähnlich sieht, wird auch niemand bestreiten. Dennoch bleibt eine theoretische Entgegensetzung von Finanz- und Industriekapital, die in der Praxis keineswegs getrennt sind, Unsinn. Der Finanzunternehmer strebt nach dem, worauf auch der Industrieunternehmer angewiesen ist: Profit. Einer kann ohne den anderen auch keinen Profit machen, weshalb beide nicht selten identisch sind. Wären Finanzkapitalisten nur Schmarotzer, gäbe es sie nicht mehr, denn der Kapitalismus duldet keine Nutzlosigkeit. Um „die unheimliche, unsichtbare, geheimnisvolle Herrschaft der großen internationalen Geldmächte“ zu erklären, die doch eigentlich überflüssig sein sollen, muss Feder eine Verschwörung am Werke sehen. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass die Zinslobby vor allem aus Juden besteht.

Was unterscheidet diesen nationalen Sozialismus von einer vernünftigen Kapitalismuskritik?

Es ist erstens die Simplifizierung der ökonomischen Fragen. Alle wirtschaftlichen Probleme werden auf ein einziges Hauptübel reduziert, dessen Beseitigung nicht weniger als die „Erlösung“ der Menschheit garantieren soll. So verspricht etwa die „Brechung der Zinsknechtschaft“ die Wiederherstellung nationaler Souveränitität, die Abschaffung aller Steuern, niedrigere Mieten, mehr Einkommen und noch viele andere schöne Dinge. Der nationale Sozialist glaubt, der Kapitalismus könnte reibungslos funktionieren, hätte sich nur der verteufelte Zins nicht eingeschlichen. Nur ein Willensakt sei nötig, um ihn abzuschaffen. Ebenso könnte man allerdings vorschlagen: Die Marktwirtschaft wäre vollkommen, gäbe es nur diese ärgerlichen Preise nicht! Schaffen wir sie ab, dann bekommen wir alles umsonst!

Zweitens bringt der nationale Sozialismus eine Moralisierung und Personalisierung. Probleme werden mit Menschen identifiziert. Die Kritik gilt weniger den Produktionsverhältnissen als vielmehr Charakteren, Weltanschauungen und Verhaltensweisen. Die kapitalistische Ordnung wird ausdrücklich als natürlicher „Erwerbstrieb“ gebilligt, lediglich Auswüchse einer bei bestimmten Personen „zum Wahnsinn gewordenen Geldgier“ werden gegeißelt. Aus dem systematischen Konflikt von Arbeit und Kapital werden Meinungsverschiedenheiten von Arbeitern und Arbeitnehmern, die sich beilegen lassen, wenn sich beide Gruppen nur im nationalen Interesse zusammenraufen.

Auf diese Weise gelingt schließlich drittens eine Nationalisierung des ökonomischen Programms. Es sind nicht die einheimischen Kapitalisten, sondern immer nur die fremden, die der Glückseligkeit im Wege stehen. Verständlicherweise sind es die ökonomisch erfolgreichen Nationen, die als Schuldige ausgemacht werden, zu Feders und Hitlers Zeiten also die Engländer und Amerikaner. Vor allem aber von den Juden geht in den Augen der nationalen Sozialisten die Gefahr aus. Eine versöhnliche Verständigung mit ihnen ist unmöglich, denn sie sind ja Feinde der nationalen Idee. Die Entmachtung, Enteignung, Vertreibung und Vernichtung bestimmter Menschengruppen kann damit zur Lösungsstrategie werden. Letztlich wird also über den Umweg pseudoökonomischer Argumentation in ganz klassisch antisemitischer Weise das Judentum für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht. Das Böse = die „Zinsknechtschaft“ = das „internationale Finanzkapital“ = die „goldene Internationale“ = der „Mammonismus“ = „Rothschild“ = der Jude. Der Nationalsozialismus sieht die Lösung der sozialen Frage am Ende darin, die Juden totzuschlagen.

Verräterischerweise lobt Hitler Gottfried Feder dafür, dass er dem Nationalsozialismus „eine gewaltige Parole“ verschafft habe. In der Tat wurde das Programm Feders nur propagandistisch beim Kampf um die Stimmen der Arbeiter genutzt. Es hatte keine Substanz, bot aber die Möglichkeit, fremde Schuldige für die wirtschaftliche Not zu benennen, ohne zuhause am Kapitalismus wirklich etwas zu ändern. Hitler sagt es klar:

Die scharfe Scheidung des Börsenkapitals von der nationalen Wirtschaft bot die Möglichkeit, der Verinternationalisierung der deutschen Wirtschaft entgegenzutreten, ohne mit dem Kampf gegen das Kapital überhaupt auch die Grundlage einer unabhängigen völkischen Selbsterhaltung zu bedrohen.

Nach der Machtübernahme landeten die ökonomischen Pläne Feders im Papierkorb, Feder selbst wurde auf einflusslose Posten abgeschoben. Um seine Macht zu sichern, schloss Hitler Frieden mit den Kapitalisten und natürlich auch mit den Bankiers. Zustimmung bei den Arbeitern erkaufte er sich mit sozialen Wohltaten, die er unter anderem mit dem Geld bezahlte, das er den vertriebenen und ermordeten Juden stahl.

Und die Moral von der Geschichte: Es gibt keinen nationalen Sozialismus. Sozialismus ist entweder übernational oder er ist gar nicht.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Link zum Text (20): Geld oder Volk

Staaten sind auf das Vertrauen der Bürger in gewählte Repräsentanten angewiesen. Wie aber soll man Vertreter wertschätzen, die sich selbst für machtlos und überflüssig erklären? Nichts anderes haben jene Politiker verschiedener Parteien getan, die sich in den vergangenen Jahrzehnten der neoliberalen Lüge unterwarfen, die Politik wäre nur dazu da, die „ökonomischen Sachzwänge“, also die Wünsche der Unternehmer, praktisch durchzusetzen.

WEITERLESEN BEI DER SÄCHSISCHEN ZEITUNG

Termine der Woche

Am Montag (5. September) gibt’s wieder das Zentralkomitee Deluxe, Berlins mutmaßlich jüngste Lesebühne. Wir präsentieren wie stets neue Texte, Lieder und fortschrittliche Komik zur Erheiterung und Belehrung der Massen, auf dass die Weltrevolution nicht mehr länger auf sich warten lasse. Mit dabei sind neben mir die wunderbaren Kollegen Tilman Birr, Noah Klaus, Christian Ritter und Piet Weber. Los geht es um 20 Uhr im Monarch am schönen Kottbusser Tor. Der Eintritt kostet proletarierfreundliche 5 Euro und wird am Einlass erhoben.

Am Donnerstag (8. September) kehrt unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal endlich zurück in die scheune und beendet die Sommerpause. In den Ferien haben wir fleißig an neuen Geschichten, Gedichten und Liedern gebastelt, die wir nun stolz präsentieren. Wie immer wird es an heiteren Episoden ebenso wenig fehlen wie an politischem Zündstoff. Mit dabei sind neben mir: Stefan Seyfarth, der dichtende und singende Erzieher, Max Rademann, der erzgebirgische Naturbursche und professionelle Nachtschwärmer, Roman Israel, der energische Erzähler und Lyriker, Julius Fischer, der Alltagsphilosoph und Fernsehstar. Wie stets dürfen sich die Fans der Lesebühne außerdem noch auf Überraschungen und Zugaben freuen. Los geht es um 20 Uhr, Karten gibt es an der Abendkasse oder im Vorverkauf.

Am Freitag (9. September) kreucht sodann auch die Görlitzer Lesebühne Grubenhund wieder aus dem Sommerloch hervor. Mit mir dabei mit neuen Geschichten sind wie stets die Stammautoren Udo Tiffert und Max Rademann, außerdem begrüßen wir als besondere Gäste die beiden Musiker Klaus Meier & Somar Hazeem. Los geht es um 19:30 Uhr im Kino Camillo. Tickets am Einlass.

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Denken nach dieser Maxime ist wohl keinem Menschen ganz fremd. Verblendete, die völlig in ein Wahnsystem versunken sind, finden aber überhaupt keinen Ausweg mehr aus solch selektiver Wahrnehmung, weil ihnen die Fähigkeit zu selbstkritischer Reflexion abhanden gekommen ist. Sicherstes Kennzeichen solcher Verblendung ist die Abwesenheit von Selbstironie, die stets die Fähigkeit zum Selbstzweifel voraussetzt. Von bitterstem Ernst ist denn auch das Kapitel Die Revolution, in dem Hitler die Ursachen der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg bekanntgibt.

Für Hitler war jeder Krieg ein Kampf ums Dasein zwischen Völkern und Rassen. Wer einen solchen Kampf verlor, der hatte nach Hitlers Logik seine eigene Minderwertigkeit unter Beweis gestellt und verdiente die Vernichtung. Wollte Hitler vermeiden, die Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg so zu deuten, musste er nach fremden Schuldigen suchen, um die besiegten deutschen Soldaten zu entschuldigen. Zugleich musste er die Niederlage psychologisieren und idealisieren. Nicht die materielle, technische und personelle Überlegenheit der Westalliierten machte er für die Niederlage verantwortlich. Nein, die von der Propaganda äußerer und innerer Feinde zersetzte Psyche der Deutschen habe kapituliert, obgleich ein Sieg noch möglich gewesen wäre. Schon deutlich vorausahnen lässt sich hier der Wahnwitz, mit dem Hitler im Zweiten Weltkrieg unter allen Umständen an der Überzeugung festhielt, fanatischer Glaube an den Endsieg werde diesen Sieg endlich auch herbeizwingen.

Wer aber zersetzte die Tapferkeit der deutschen Soldaten, abgesehen von den effektiven Propagandisten des feindlichen Auslandes? Hitler beschuldigt zuerst – die deutschen Frauen. Diese hätten nämlich durch „Jammerbriefe“ die Helden demoralisiert, zumal solche Briefe auch dem Feind in die Hände fielen:

Die Front wurde nach wie vor mit diesem Gift überschwemmt, das gedankenlose Weiber zu Hause zusammenfabrizierten, ohne natürlich zu ahnen, daß dies das Mittel war, dem Gegner die Siegeszuversicht auf das äußerste zu stärken, also mithin die Leiden ihrer Angehörigen an der Kampffront zu verlängern und zu verschärfen. Die sinnlosen Briefe der deutschen Frauen kosteten in der Folgezeit Hunderttausenden von Männern das Leben.

Liebesbriefe als kriegsentscheidender Verrat des dummen Weibes? Hier spricht wohl noch der nachtragende Neid eines Mannes, der an der Front keine Liebesbriefe bekam, weil niemand ihn liebte. Mehr noch als die Weiber waren es aber natürlich die weibischen Juden, die dem deutschen Heer den Todesstoß mit dem „Dolche“ versetzten. Alle Proteste und Streiks für einen Verständigungsfrieden erscheinen als marxistische Verschwörung zur Begünstigung des Gegners. Da kann einem Frontkämpfer schon einmal der Kragen platzen:

Ich haßte das ganze Pack dieser elenden volksbetrügerischen Parteilumpen auf das äußerste. Ich war mir längst darüber im klaren, daß es sich bei diesem Gelichter wahrlich nicht um das Wohl der Nation handelte, als vielmehr um die Füllung leerer Taschen. Daß sie aber jetzt schon bereit waren, dafür das ganze Volk zu opfern und wenn nötig Deutschland zugrunde gehen zu lassen, machte sie in meinen Augen nur reif zum Strick.

Die Marxisten waren dann natürlich auch verantwortlich für „die größte Schandtat des Jahrhunderts“, es „organisierte der Jude die Revolution“. Folgendermaßen will der durch Giftgas fast Erblindete im Lazarett die Novemberrevolution gesehen haben:

Matrosen kamen auf Lastkraftwagen und riefen zur Revolution auf, ein paar Judenjungen aber waren die »Führer« in diesem nun auch hier einsetzenden Kampfe um die »Freiheit«, »Schönheit« und »Würde« des Daseins unseres Volkes. Keiner von ihnen war an der Front gewesen. Über dem Umweg eines sogenannten »Tripperlazaretts« waren die drei Orientalen aus der Etappe der Heimat zurückgegeben worden. Nun zogen sie in ihr den roten Fetzen auf.

Der Kommunist als drückebergerischer, geschlechtskranker Jude – da tanzen die Ressentiments Ringelreigen. Sexualneid gehört stets zum Antisemitismus, bei einem sexuell Frustrierten wie Hitler verständlicherweise in besonderem Maße. Interessanter ist der Vorwurf der Feigheit, denn ihn erhob Hitler in einem subjektiven Gefühl der Stärke. Nach den vorliegenden Berichten war er nämlich im Felde durchaus tapfer. Aber er war eben tapfer auf deutsche Art: „Man befahl uns den Patriotismus, und wir wurden Patrioten; denn wir thun alles, was uns unsere Fürsten befehlen“ (Heine). Mutig nur auf Befehl und gegen den Feind, nicht aber mutig gegenüber der eigenen Obrigkeit, angetrieben vom eigenen Gewissen. Hitler kamen während des Krieges durchaus auch Zweifel an der Politik der eigenen Regierung, nicht anders als den Protestierenden in der Heimat. Was aber tat er?

So war es besser, den Mund zu halten und so gut als möglich seine Pflicht zu tun.

Das Fronterlebnis wurde für Hitler zum Leitbild einer gelungenen Gemeinschaft: der Feind klar erkennbar, die Reihen fest geschlossen, die Befehle eindeutig. Wie viel besser war das als der „verfluchte[] Hader“ in der Heimat: „Die Front kannte das ganze politische Parteipack nicht.“ Und so kam es angeblich schon zur Entscheidung:

Ich aber beschloß nun, Politiker zu werden.

Das aber hieß: Hitler beschloss, den Krieg in die Politik zu tragen.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Zitat des Monats August

Misstrauen Sie demjenigen, der Ordnung schaffen will. Ordnung schaffen heißt immer, sich zum Herrn der anderen machen, indem man ihnen Schranken setzt.

Denis Diderot: Nachtrag zu „Bougainvilles Reise“