Termine der Woche

Am Dienstag (24. Mai) moderiere ich eine Lesung und Diskussion unter dem Titel „Ich erzähle, also bin ich“ im Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Mit dabei ist die wunderbar kluge und witzige Kollegin Jacinta Nandi aus Berlin, die Texte u.a. aus ihrem aktuellen Roman lesen wird, sowie der Biologe und Sachbuchautor Werner Siefer, der sein Buch „Der Erzählinstinkt“ vorstellt. Wir sprechen über die Kunst und die Macht des autobiografischen Erzählens. Los geht es um 19 Uhr.

Am Freitag (27. Mai) gibt es die erste Ausgabe der neuen Reihe „Nachtlaune“, die Autoren der satirischen Literatur ins Tom Pauls Theater nach Pirna bringt. Ich lese gemeinsam mit Gastgeber Peter Ufer und dem Berliner Kollegen Heiko Werning, der zudem auch noch in die Tasten greifen will. Los geht es um 19:30 Uhr. Karten kann man sich im Vorverkauf sichern.

Termine der Woche

Am Freitag (20. Mai) gastiere ich mit der Lesebühne Sax Royal erstmals in Löbau. Ich freue mich nicht nur sehr auf eine Lesung in meiner Heimat, der Oberlausitz, sondern auch auf den Ort des Geschehens: das berühmte, von Hans Scharoun entworfene Haus Schminke. Mit mir lesen die Kollegen Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth eine Auswahl der schönsten Geschichten und Gedichte aus den letzten Jahren. Los geht es um 19 Uhr. Karten können bei der Stiftung Haus Schminke vorbestellt oder an der Abendkasse erworben werden.

Am Sonnabend (21. Mai) lese ich in Dresden beim KultiMultiFest, das nicht nur verschiedene Kulturen, sondern auch verschiedenste Künste zusammenbringen möchte. Das Fest beginnt um 17 Uhr, meine Lesung um 18:30 Uhr vor bzw. in der Chemiefabrik. Gutmenschen, Linksfaschisten, Volksverräter – erscheint in Massen!

Link zum Text (13): Satire mit Hitlerbärtchen

Es gibt kaum noch Grenzen des Anstands, des guten Geschmacks oder der Verfassung, vor denen die Alternative für Deutschland Respekt hätte. Das funktioniert immer gleich: Einer von ihnen äußert irgendeine Bestialität, erntet dafür dann den erwünschten Sturm der Entrüstung und lässt sich von seinen Anhängern als Märtyrer der Meinungsfreiheit feiern.

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Link zum Text (12): Der Schleier der Venus

Es gibt keine Geheimnisse mehr! Der Schleier, mit dem sich die Venus früher verführerisch bedeckte, ist weggerissen. Die Sexualität, die einst im mysteriösen Halbdunkel lag, findet nun im grellsten Scheinwerferlicht statt. Wie wurden junge Menschen früher vom Rätsel der Liebe verlockt, gerade weil es so lange ungelöst blieb! Heute kann jeder Teenager auf dem Bildschirm seines Telefons Leuten beim Ficken zugucken.

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Termine der Woche

Am Donnerstag (12. Mai) gibt’s eine neue Ausgabe unserer Dresdner Lesebühne Sax Royal – wie immer ab 20 Uhr in der scheune. Neue Geschichten und Gedichte lesen mit mir die Stammautoren Max Rademann und Roman Israel sowie unser Gast Hauke von Grimm aus Leipzig. Außerdem feiert „Sackgang Kid“ seine Weltpremiere, der erste gemeinsame Comic von Max und mir. Tickets für den Spaß gibt es im Vorverkauf oder ab 19:30 Uhr am Einlass.

Am Freitag (13. Mai) folgt dann wie jeden Monat die Görlitzer Lesebühne Grubenhund. Gemeinsam mit den Kollegen Udo Tiffert und Max Rademann lese ich neue Texte im Kino Camillo. Los geht es um 19:30 Uhr. Den Klimawandel bekämpfen heißt: auch bei gutem Wetter Lesungen in dunklen Kellern besuchen!

Link zum Text (11): Noch mal gut gegangen

Jauchzet, frohlocket, ihr Deutschen! Die Flüchtlingskrise ist gelöst! Zwar nicht für die Flüchtlinge, aber für uns – und das ist ja die Hauptsache. Denn gute Politik verfährt nach der Maxime: Aus den Augen, aus dem Sinn. Zugegeben, der Krieg in Syrien und dem Irak geht weiter. Und in Jordanien, dem Libanon und der Türkei leben noch immer Millionen Kriegsflüchtlinge ohne Arbeit, ohne Schulbildung, ohne Hoffnung. Aber solche Details müssen uns nicht kümmern, solange nur die besorgten Bürger in Deutschland wieder etwas ruhiger schlafen. Was juckt es uns, wenn hinter der Türkei die Völker aufeinander schlagen?

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Die Sprachpolizei informiert (2): Gegen den Rant

Es ist dumm, Neuerungen abzulehnen, nur weil sie aus den USA stammen. Aber nicht jede Neuerung, die aus Amerika zu uns kommt, ist begrüßenswert. Seit einer Weile begeistert eine neue Textsorte namens „Rant“ das Internet. Benötigen wir dieses neue Genre? Kamen wir bislang nicht auch ganz gut mit Pamphlet, Polemik und Pasquill aus? Das Oxford Dictionary verrät, das Wort „rant“ bezeichne eine Tätigkeit folgender Art: „speak or shout at length in a wild, impassioned way“. Wer einen „Rant“ von sich gibt, der will also offenbar wüten und schimpfen. Mein altes Schulwörterbuch bietet eine Übersetzung an, die vielen Beiträgen im Netz sogar noch besser gerecht wird: „Phrasen dreschen“. Denn einige Autorinnen und Autoren nehmen das Wort wörtlich und verschriftlichen bloße Motzerei. Regelmäßig entspricht die Sorglosigkeit im Umgang mit Rechtschreibung und Grammatik dabei der Schlampigkeit des Denkens. Solche Texte beweisen einmal mehr, dass es eben keine gute Idee ist, das Internet als Medium virtueller Mündlichkeit zu verstehen und im Netz so zu schreiben, wie man auf der Straße spricht.

Viele Beispiele könnte man zitieren. Ich wähle in unfairer Weise nur eines aus: Sebastian Bartoschek hat im Blog Ruhrbarone jüngst einen Beitrag mit dem Titel Wir sind die Irrelevanten! publiziert. Er beginnt so:

Ich halte es nicht mehr aus: die Rechtsradikalen sind europaweit auf dem Vormarsch. In Österreich die FPÖ, in die Deutschland die AfD, in Ungarn regiert bereits ein Viktor Orban und in Polen das PiS-Pack. Und was tun wir? Wir diskutieren über Gendersternchen, die vermeintlichen Gefahren von Freihandel und Veganismus. Es ekelt mich an – ich muss ranten. Oder damit die FAZ-Leser es auch verstehen: das hier wird ein übellauniger Kommentar.

Wer könnte diese Verzweiflung nicht nachfühlen? Aber zu welchen Schlüssen führt uns der Autor?

Die Dreckssäcke vom „Islamischen Staat“ ermorden Hunderte bei Terroranschlägen in Europa. Die Menschen haben Angst. Und wir diskutieren über den Islam. In Talkrunden, Kommentarspalten und Sozialen Medien. Analysieren, wägen ab, zeigen uns empört, sind überrascht, dass wir Muslime im Land haben, und stellen fest, dass Muslime Muslime töten. Statt ernsthaft etwas zu tun. Wir sind immer noch zu feige, gegen den Islamischen Staat vorzugehen. Weil der menschenverachtende Pazifismus der Wohlfühlboheme lieber tote Araberkinder in Kauf nimmt, statt selbst in einen schmutzigen Krieg einzusteigen.

Wie soll man diese Worte deuten? Sollen wir aufhören, differenziert über den Islam zu diskutieren? Und stattdessen endlich militärisch in den schmutzigen Krieg gegen den IS einsteigen? Weil, wer gegen einen solchen Krieg stimmte, für den Tod von Araberkindern verantwortlich wäre? Wird Sebastian Bartoschek sich bald freiwillig bei der Bundeswehr zum Auslandseinsatz melden? Nein? So waren die Worte gar nicht gemeint? Sie sollten überhaupt nichts Konkretes bedeuten, der Autor wollte nur ein bisschen „ranten“? Genau das hatte ich befürchtet.

Den argumentativen Zusammenhang von Sebastian Bartoscheks Beitrag zu rekonstruieren, erweist sich als schwierig. Womöglich hat er einen solchen Zusammenhang gar nicht erst konstruiert. So viel versteht man: Eine intellektuelle „Pseudoelite“ diskutiert über nebensächlichen Firlefanz wie Veganismus, Diskriminierung oder geschlechtergerechte Sprache, statt sich um die wirklich „großen Themen“ zu kümmern und auch „die Mehrheit der Deutschen“ und den „kleinen Mann“ anzusprechen. Wer nun aber nach handfesten, materiellen Ursachen für die beklagte „Spaltung“ der Gesellschaft sucht, der irrt. Die „soziale Gerechtigkeit“ ist nach Meinung des Autors nämlich nur ein „leerer Begriff“. Nein, das Problem ist das Sprechen, spricht Sebastian Bartoschek. Die Leute müssten einander endlich wieder zuhören und verstehen! Ob ihnen das früher je schon einmal gelungen ist, im Zweiten Weltkrieg, im Mittelalter oder im Paradies, bleibt leider ungeklärt. Ein Umbau der Gesellschaft ist jedenfalls nicht nötig. Die „radikale Linke“ weiß ja auch nur, wie man „Autos abfackelt oder Menschen bedroht“. Wir müssen aber versuchen, „die Herzen der Menschen zu gewinnen“. So sind wir am Ende glücklich bei der politischen Romantik angelangt. Sie wird in Deutschland seit Jahrhunderten von Autoren produziert, die nach unpolitischen Lösungen für politische Probleme suchen. Wenn sich doch die Menschen nur alle wieder lieb hätten! Die Welt wäre geheilt!

Da das Ergebnis auch den Autor unbefriedigt lässt, immunisiert er sich noch durch Selbstironie gegen Kritik: „Ich bin nicht besser.“ „Und noch eins: dieser Text bringt wahrscheinlich auch nichts. Ausser, dass ihr mir ein paar Minuten beim Schimpfen zuhören musstet.“ Nicht einmal hier können wir Sebastian Bartoschek ganz zustimmen: Wir mussten nicht zuhören, sondern lesen – das schmerzt noch mehr.

Der „Rant“ verführt viele Autorinnen und Autoren zu hysterischem Gezeter, Wutgeschnaube und Betroffenheitsgeheule. Von alldem haben wir aber schon genug. Eine gute Polemik erfordert genau das Gegenteil: gelassene Heiterkeit und Sorgfalt. Aufregung hilft nicht beim Schreiben, künstliche Aufregung erst recht nicht. Polemik erfordert außerdem Haltung. Wer nur verzweifelt und ratlos ist, der schweige besser. Und ein literarischer Angriff sollte sich immer auf ein konkretes Ziel richten. Wer alle anklagt, trifft keinen.

Aus den genannten Gründen plädiere ich dafür, die Textsorte „Rant“ wieder abzuschaffen.

Termine der Woche

Am Montag (2. Mai) gibt’s die vierte Ausgabe unserer neu gegründeten Lesebühne Zentralkomitee Deluxe in Berlin. Gemeinsam mit Tilman Birr, Noah Klaus, Christian Ritter und Piet Weber versuche ich, die Berliner Öffentlichkeit mit Mitteln der fortschrittlichen Komik klassenbewusst und revolutionsbereit zu machen. Unterstützen wird uns diesmal die umwerfende Poetin Lisa Eckhart aus Österreich. Der Spaß ereignet sich im Monarch am Kottbusser Tor, dem schönsten Platz Europas. Los geht es um 20 Uhr, der Eintritt kostet 5 Euro.

Am Donnerstag (5. Mai) moderiere ich wieder gemeinsam mit Stefan Seyfarth den Dresdner Livelyrix Poetry Slam. Der Dichterwettstreit beginnt um 20 Uhr in der scheune. Tickets gibt es an der Abendkasse oder im Vorverkauf.

Über die Gratisschreiberei

Die Kapitalisten lieben die Menschen. Aber sie lieben die Menschen nur als Konsumenten, die Geld bezahlen. Als Arbeiter, die Geld verlangen, werden die Menschen weit weniger innig geliebt. Die Kapitalisten würden am liebsten ganz ohne Lohnarbeiter auskommen. „Wenn nur die Arbeiter gratis für mich arbeiteten!“, ruft in seinen kühnsten Träumen der Unternehmer. „Oder noch besser: Wenn die Arbeiter dafür bezahlten, für mich arbeiten zu dürfen!“ Solcher Träumerei ist in der Wirklichkeit eine Grenze gesetzt. Leider ist nämlich der Konsument und der Produzent nicht selten dieselbe Person. Das Geld, das die Menschen als Kunden ausgeben, müssen sie als Arbeiter zuvor verdient haben. Und doch finden Kapitalisten immer öfter Mittel und Wege, Lohn zu sparen, indem sie die Konsumenten davon überzeugen, sich gratis an der Produktion und dem Vertrieb von Waren zu beteiligen. So soll es einen schwedischen Konzern geben, der erfolgreich Bretter und Schrauben verkauft, die von den Käufern dann zuhause selbst zu Möbeln montiert werden. Was früher ein bezahlter Handwerker machte, erledigt nun ein zahlender Kunde.

Die Verwandlung von zahlenden Kunden in zahlende Mitarbeiter macht auch in anderen Branchen rasche Fortschritte. Abertausende Kunden beliefern Internethandelskonzerne wie Amazon freiwillig und unbezahlt mit Bewertungen und Rezensionen von Produkten. Was treibt diese Menschen an? Offenbar ist es der Reiz, die eigene Meinung publiziert und diskutiert zu sehen. Es verwundert nicht, dass angesichts der finanziellen Krise des Journalismus nun auch Medienkonzerne auf das Amazon-Prinzip setzen. Und man erhält als Autor immer öfter Anfragen wie die folgende:

Über einen Facebook-Link bin ich auf Ihren Text: *** gestoßen. Ich würde Ihren Text gerne auf unserer Seite zur Debatte stellen. Ein Budget habe ich für diese Zwecke leider nicht, würde aber im Text auf Ihren Blog verlinken mit dem Hinweis, dass dieser zuerst dort erschienen ist. Lassen Sie mich wissen, ob Sie Interesse daran haben.

So freundliches Fragen ist natürlich nicht verwerflich. Aber man wundert sich doch, wenn ein solches Angebot von einem kommerziellen Medium kommt. Was soll man als freier Autor, der irgendwie seine Miete bezahlen muss, anderes antworten als:

Lieber ***,

vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Anfrage! Ich freue mich, dass Ihnen der Text gefallen hat und natürlich würde ich mich auch über weitere Verbreitung freuen. Aber ich finde es grundsätzlich problematisch, wenn professionelle Medien ihre Seiten mit Beiträgen von Autoren füllen, die dafür nicht bezahlt werden. Ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis und nehmen mir diese Prinzipienreiterei nicht übel.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner

Muss man vielleicht auch die triumphale Rückkehr der lange belächelten Leserbriefe in so vielen Medien ganz neu bewerten? Geht’s da vielleicht weniger darum, die Kluft zwischen Redaktion und Leserschaft zu überbrücken, als darum, kostengünstig Seiten zu füllen? Der finanzielle Unterschied zwischen Leserbriefschreiberei und freiem Journalismus schrumpft jedenfalls stetig, während freie Autoren gleichzeitig immer mehr Aufgaben übernehmen, die früher feste Redakteure erledigten. Vielleicht treten bald nur noch Menschen an die Öffentlichkeit, die sich das Schreiben als Hobby leisten können, weil sie vermögend sind oder anderswo sprudelnde Geldquellen erschlossen haben. Man wird sich fragen dürfen, ob das wünschenswert ist.

(Den cleveren Einwand „Schreibt halt besser, dann werdet ihr auch besser bezahlt!“ nehme ich hier gleich mal vorweg, damit sich kein Kommentator die Mühe machen muss.)

Aber ist denn nicht auch dieser Beitrag hier Gratisschreiberei? Verschenke ich nicht auch Texte? In der Tat mache ich das, sogar sehr gerne. Nur mag ich es wie jeder Schenkende nicht, wenn meine Gabe vom Beschenkten anschließend weiterverkauft wird. In meinen kühnsten Träumen verfolgen Medien überhaupt keine kommerziellen Interessen mehr. Aber solange das noch nicht wirklich der Fall ist, sollte die Presse ihre Autoren gefälligst bezahlen.