Link zum Text (42): Konservierungsmittel

Ich weiß nicht, wieso die Grünen sich so über eine ihrer Abgeordneten in Niedersachsen aufregen, die jüngst zur CDU übergelaufen ist. Beschritt diese Frau Twesten doch nur den Weg, auf dem die meisten anderen Grünen sich auch befinden. Sie war nur schneller am Ziel. Das war’s wohl, was Neid weckte. Nicht nur die meisten Funktionäre, sondern auch die meisten Wähler der Grünen fühlen sich inzwischen in der Gegenwart von Christdemokraten recht wohl. Wo schwarz-grüne Koalitionen zusammengefunden haben, regieren sie so reibungslos, als hätte eine Fusion stattgefunden.

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Termine der Woche

Am Mittwoch (16. August) gibt’s die erste Ausgabe unserer Leseshow Zentralkomitee Deluxe in Berlin nach der Sommerpause. Die Stammautoren sind Tilman Birr, Noah Klaus, Piet Weber, Christian Ritter und ich. Wir begrüßen diesmal außerdem als Gast den Slam-Poeten Max Gebhard. Los geht es mit dem Fest fortschrittlicher Komik um 20 Uhr in der Baumhaus Bar an der Oberbaumbrücke in Kreuzberg. Tickets sind am Einlass erhältlich.

Am Donnerstag (17. August) lese ich als Gastautor bei den Brauseboys, der Lesebühne im Wedding, dem schönsten Problemviertel Berlins. Die Stammautoren sind Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning. Als weiterer Gast ist auch Johannes Kubin mit dabei. Der Spaß beginnt um 20:30 Uhr im La Luz.

Rigaer Straße, 19 Uhr

Kurz hinter der Kreuzung mit der Samariterstraße ist die Rigaer Straße seit einigen Tagen vollständig abgesperrt, um eine Großbaustelle zu sichern. Der Schutz von Passanten, Bauarbeitern und Polizisten ist nach Ansicht der Stadt nicht anders zu gewährleisten. Ab und zu laufen und fahren noch Menschen ahnungslos in die Sackgasse, stoppen verdutzt am Zaun und kehren dann missmutig um. Eine sehbehinderte Frau fragt, ob es hier nicht doch noch irgendeinen Weg gebe, aber es ist kein Durchkommen. Ein großes Schild hinterm Bauzaun kündigt an, hier entstünden in Kürze ein neuer Lidl-Markt, Mietwohnungen und eine Kita. Auf einem Verkehrsschild vor dem Bauzaun hat jemand eine andere Botschaft hinterlassen: „Hier entsteht nichts Gutes“.

Kurz vor 19 Uhr versammeln sich wie jeden Tag um diese Zeit Menschen, die Krach schlagen wollen aus Protest gegen das Bauprojekt. Es verkörpert die Gentrifizierung, die das ganze Samariter-Viertel in den letzten Jahren stark verändert hat; beinahe ein Dutzend neue Blöcke, vor allem mit noblen Eigentumswohnungen, haben fast alle alten Baulücken gestopft. Zwei hippiesk anmutende Familien mit kleinen Kindern sind gekommen, dazu einige junge Leute. Sie haben in ihren Rucksäcken Büchsen und Töpfe als Schlagwerk dabei, die Stimmung ist fröhlich. Eine Frau trägt einen grünen Stoffbeutel, auf dem „Refugees Welcome“ steht.

Hinterm Bauzaun taucht ein älterer Mann in kariertem Hemd auf, wahrscheinlich ein Mitarbeiter der zuständigen Bau- oder Sicherheitsfirma: „Ihr seid ja wieder pünktlich da!“ – „Komm doch rüber auf die richtige Seite!“, ruft eine junge Frau. Die beiden streiten unaufgeregt ein wenig herum. „Ihr wisst schon, dass einige eurer Freunde meine Mitarbeiter nachts mit Flaschen beworfen haben?“, fragt der Mann hinterm Zaun. „Dafür habe ich absolut kein Verständnis!“ Er bekommt keine Antwort. „Wundert mich ja, dass der Zaun überhaupt noch steht“, sagt die junge Frau. „Ach, der stand auch schon ein paar Mal nicht mehr“, erwidert einer der anderen Demonstranten lachend. „Den Zaun stellen wir ganz schnell wieder auf, keine Angst“, sagt der Arbeiter hinterm Zaun.

Das Gespräch endet, denn es ist nun 19 Uhr, Zeit für den Krach. Der Besitzer des indischen Restaurants kommt während des Lärms vor die Tür, mit dem Ausdruck der Verzweiflung im Gesicht: „Es nervt! Muss das denn sein?! Jeden Tag dasselbe! Jeden Tag!“ Offensichtlich hat er Angst, dass der Lärm seine Gäste vertreibt, die ohnehin wohl schon spärlicher in die neue Sackgasse finden. Die Protestierer, alles junge Deutsche, beachten den Inder nicht. Um 19:10 Uhr endet das Charivari pünktlich, wie es begonnen hat. Die Instrumente werden eingepackt, die kleine Gruppe löst sich schnell auf. Am nächsten Morgen, so steht zu vermuten, wird hinterm Zaun weitergebaut. Und am Abend wird wieder Krach gemacht.

Termine der Woche

Am Sonnabend (12. August) bin ich einer der Autoren beim Kantinenlesen, dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Mit dabei sind neben Moderator Dan Richter auch noch die Autoren Ivo LotionJochen Reinecke und Jürgen Beer. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Am Sonntag (13. August) lese ich als Sommergastautor bei der traditionsreichen Reformbühne Heim & Welt in Berlin. Stammautoren dort sind Ahne, Jakob Hein, Falko Hennig, Heiko Werning und Jürgen Witte. Als weitere Gäste sind am Sonntag auch noch Günther Stolarz, Moses Wolff & Eva Jacobi mit dabei. Los geht es um 20 Uhr in der gemütlichen Jägerklause in Friedrichshain.

Die Schwarzhemden von Themar

Der Staat, so hört man derzeit oft, dürfe keine rechtsfreien Räume dulden. Ganz gut dulden kann er aber Räume voller Rechter. Solches Gelände muss nicht wie andernorts von der Polizei mit aller Gewalt gestürmt und geräumt werden, es reicht vielmehr, wenn es schützend gesäumt und mit dem Rücken zum Geschehen überwacht wird. So geschieht es seit Neuestem in dem Dörfchen Themar in Thüringen, wo sich Menschen aus dem ganzen Vaterland zu politischen Demonstrationen mit musikalischer Begleitung versammeln. „Rock gegen Überfremdung“, nennt sich das oder auch „Rock für Identität“. Die Demonstrationsfreude der Gäste ist so groß, dass sie sogar Eintritt zahlen, um sich zeigen zu dürfen. Es ist fast so, als handelte es sich einfach um kommerzielle Veranstaltungen, die sich als politische Versammlungen nur tarnen – wie einst die Love Parade, nur mit etwas weniger Liebe.

„So sieht deutscher Nationalstolz aus!“, meinte Egbert Ermer, Vorstandsmitglied des AfD-Kreisverbandes Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, nach dem ersten Treffen von Themar. Er lobte in einer Rede, wie friedlich und ordentlich das Ganze abgelaufen sei, ohne jeden Konflikt mit den anwesenden Ordnungshütern. Die linke Lügenpresse will hingegen Nazis erkennen beim Blick auf die Bilder, die während der Veranstaltungen angefertigt wurden. Fotografien zeigen tatsächlich aber bloß fröhliche Männer. Zugegebenermaßen erklärungsbedürftig ist allenfalls die fantasievolle Gestaltung der Hemden, die sie trugen. Bei den Besuchern, die sich durch ihre Kleidung als Mitglieder der „Arischen Bruderschaft“ kenntlich machten, handelte es sich aber gewiss nur um eingeschworene Freunde der indogermanischen Sprachfamilie. Ein anderer Gast wurde im Internet dafür kritisiert, dass er auf seinem Hemd seine Liebe zu „HTLR“ bekannte – aber ist es denn jetzt schon verwerflich, Zuneigung zu den deutschen Buchstaben H, T, L und R zu empfinden? Zumal diese ja ausdrücklich als Abkürzungen für „Heimat“, „Treue“, „Loyalität“ und „Respekt“ erklärt waren! Ein weiterer besorgter Bürger wurde als Nazi verunglimpft, weil auf seinem Hemd „N.A.Z.I.“ stand – auch hier eine ganz unverfängliche Kurzform für „natürlich anständig zuverlässig intelligent“. Wer könnte gegen diese löblichen Tugenden etwas einwenden? Doch nur ein wahrer Schuft! Einen Skandal will man schließlich auch daraus machen, dass im Konzertzelt, als die Polizei konzentriert weghörte, ein wenig Armgymnastik betrieben und ein Sprechchor angestimmt wurde, der die Worte „Sieg“ und „Heil“ enthielt. Aber was ist denn an einem Sieg, was ist am Heil zu beanstanden? Wären denn Unheil und Niederlage besser?

Man muss einräumen, dass sich unter den Konzertbesuchern auch Menschen befinden, die Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Politik äußern. Die Zeile „Gegen die Regierung mit allen Mitteln zu kämpfen ist ja ein Grundrecht und Sport jedes Deutschen“ etwa weist in diese Richtung. Ein anderer Besucher sah sich gar „Im Kampf gegen ein Scheiss-System“. Aber hier zeigt sich doch nur ein lebendiger demokratischer Geist, den man begrüßen muss. Politikverdrossenheit oder mangelndes Engagement für ihre Sache kann man diesen Bürgern jedenfalls nicht vorwerfen. Vielleicht geht aus dem Thüringischen Fest sogar eine neue Partei hervor. Ein Gast wenigstens regte dies an durch ein Hemd mit der Aufschrift „Bündnis 88 – die Braunen“. Überhaupt war Braun eine beherrschende Farbe in Themar, was einer der Besucher mit dem erfrischenden Bekenntnis „Bin ich zu braun, bist du zu bunt!“ unterstrich. Noch häufiger sah man allerdings Schwarz. Es wirkt fast, als wollten die Rechten einen eigenen Schwarzen Block präsentieren, allerdings keinen linkschaotischen, sondern einen stramm organisierten. Sie wissen eben, dass in Deutschland jedes Verhalten verziehen wird, solange es nur diszipliniert zugeht.

Nach Halt suchen die von der Gegenwart angewiderten Männer in der guten alten Zeit. „Früher war alles besser“, ließ ein Gast sein Hemd verlauten. Wer würde dem nicht zustimmen! Sicherlich seinen verstorbenen Großvater ehren wollte einer, der den Satz „Adolf war der Beste“ spazieren trug. Ein anderer pries das „Jubeljahr 1933“, womit er auf die Verkündigung eines Jubeljahres durch Papst Pius XI. am 6. Januar 1933 anspielte. Überhaupt wollen die Leute verständlicherweise die Leistungen ihrer Vorfahren in gutem Andenken bewahren: „Ruhm und Ehre dem deutschen Soldat“, diese Worte prangten auf einer Flagge. Der deutsche Soldat bleibt somit in Erinnerung, der deutsche Dativ leider nicht. Aus dem Stolz auf die Geschichte ziehen die Versammelten erfreulicherweise aber auch Hoffnung für die Zukunft. Dies zumindest verheißt ein weiterer textiler Sinnspruch: „Vizeweltmeister 1945 – wir kommen wieder“. Würde dieses Versprechen wahr, käme auf die Welt ein Sommermärchen ganz besonderer Art zu. In Themar hat diese ganz eigentümliche deutsche Mannschaft jedenfalls von nun an beste Trainingsbedingungen, um sich auf ihr Comeback vorzubereiten.

Zitat des Monats Juli

Und [der Prophet Elisa] ging hinauf nach Bethel. Und als er den Weg hinanging, kamen kleine Knaben zur Stadt heraus und verspotteten ihn und sprachen zu ihm: Kahlkopf, komm herauf! Kahlkopf, komm herauf! Und er wandte sich um, und als er sie sah, verfluchte er sie im Namen des HERRN. Da kamen zwei Bären aus dem Walde und zerrissen zweiundvierzig von den Kindern. Von da ging er auf den Berg Karmel und kehrte von da nach Samaria zurück.

2. Könige 2,23-25

Termine der Woche

Wie im letzten, so bin ich auch in diesem Jahr Sommergast bei der traditionsreichen Reformbühne Heim & Welt in Berlin. Stammautoren dort sind Ahne, Jakob Hein, Falko Hennig, Heiko Werning und Jürgen Witte. Am Sonntag (30. Juli) lese ich erstmals mit den Kollegen und weiteren Gästen in der gemütlichen Jägerklause in Friedrichshain. Los geht es um 20 Uhr.

Am Dienstag (1. August) bin ich sodann Gastautor bei der Lesebühne LSD – Liebe statt Drogen, ebenfalls in Berlin. Stammautoren dort sind Micha Ebeling, Andreas „Spider“ Krenzke, Tobias „Tube“ Herre, Uli Hannemann und Ivo Lotion. Los geht es um 21:30 Uhr im Schokoladen, einer der letzten Bastionen der Subkultur in Mitte.

Link zum Text (41): Verlorene Souveränität

Über Jahre wurden die sogenannten Reichsbürger als harmlose Spinner belächelt. Es musste erst ein Polizist von einem Reichsbürger erschossen werden, bis jene, die vor der Gefährlichkeit dieser Politsekte warnten, nicht mehr als Hysteriker abgetan wurden. Sogar der sächsische Verfassungsschutz, in dessen Büros die deutschen Beamten sitzen, die am langsamsten denken, hat nun die Beobachtung aufgenommen.

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Termine der Woche

Am Mittwoch (19. Juli) lese ich gemeinsam mit netten Kolleginnen und Kollegen beim Havel Slam in Potsdam. Bei gutem Wetter findet der Spaß unter freiem Himmel beim Waschhaus, sonst in demselben statt. Los geht es um 20 Uhr.

Am Sonnabend (22. Juli) lese ich mit beim Kantinenlesen, dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Mit dabei sind neben Moderator Dan Richter auch noch die Autoren Andreas Gläser, Jakob Hein und Robert Rescue. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Link zum Text (40): Schweig, o, schweig!

Eine der grausamsten Qualen, die mit dem menschlichen Dasein verbunden sind, ist das Sprechen. Und doch wird selten über dieses Übel gesprochen, aus gutem Grund freilich, denn auch das Reden über das Reden ist eine Qual. Zumindest aufgeschrieben sei die bittere Wahrheit aber einmal: Das Sprechen behindert die sachgemäße Atmung, es beansprucht die Gesichtsmuskeln im Übermaß, es stiehlt Zeit, in denen der Mund weit sinnvollere Tätigkeiten vollziehen könnte, Schlucken etwa, Küssen oder Gähnen.

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