Termine der Woche

Am Mittwoch (18. Oktober) gibt’s eine neue Ausgabe der revolutionären Leseshow Zentralkomitee Deluxe in Berlin. Ich werde die Gelegenheit nutzen, auch aus meinem neuen Buch Der Bürger macht sich Sorgen vorzulesen. Mit mir treten die literarischen Genossen Tilman Birr, Noah Klaus, Piet Weber und Christian Ritter auf. Wir begrüßen außerdem als Gast die Berliner Poetin Annette Flemig. Los geht es mit dem Fest fortschrittlicher Komik um 20 Uhr in der Baumhaus Bar an der Oberbaumbrücke in Kreuzberg. Tickets sind am Einlass erhältlich.

Deutsche im Sturm

Der Autor legt Wert auf die Vorbemerkung, dass er sämtliche Ereignisse und Äußerungen getreulich nach der Wirklichkeit aufgezeichnet hat.

Ich sitze im EuroCity Richtung Prag zwischen Berlin und Dresden, wie zumeist in diesem Zug im vorzüglichen tschechischen Speisewagen, wo es noch Lampen mit warmem Licht gibt, Tischdecken, freundliche Kellner und Köche, die nicht nur eine Mikrowelle zu bedienen wissen. Vor etwa einer Dreiviertelstunde haben wir Berlin planmäßig um 15:10 Uhr verlassen, ganz zu meiner Freude, denn ich hatte wegen des angekündigten Sturms schon mit einer  Verspätung gerechnet. Die wäre aber heute besonders ungünstig, denn ich habe mein Telefon zuhause liegen lassen, sodass es mir schwerfallen würde, die Freunde zu erreichen, die in Dresden auf mich warten. Auf einem Blatt Papier notiere ich mir gerade die Reihenfolge der Texte, die ich am Abend vorlesen will. Ziel meiner Reise ist die Premierenfeier meines neuen Buches. Ein Stückchen hinter Jüterbog bleibt der Zug plötzlich im Wald stehen. Durchs Fenster sehe ich, wie Windböen die Bäume schütteln. Ungute Gedanken kommen auf. Der Schaffner meldet sich über den Lautsprecher: „Werte Fahrgäste, wir können unsere Fahrt leider im Moment nicht fortsetzen, da auf der Strecke vor uns Bäume in die Oberleitung gefallen sind. Ich kann Ihnen im Moment leider noch nicht sagen, wie es weitergeht und bitte Sie um etwas Geduld.“

Ein Mann zwei Tische weiter mit Magdeburger Akzent fängt an zu meckern: „Das kann ich nicht verstehen. Es muss doch eine Vorschrift geben, dass Bäume nicht so nah am Gleis stehen dürfen! Da muss es doch ein Gesetz geben, bestimmt gibt es sogar eins. Warum sägt man denn dann diese ganzen Bäume nicht ab? Dann können die auch nicht mehr auf die Gleise fallen. Das kann doch nicht wahr sein, das ist doch schon wieder so typisch Deutsche Bahn!“ Ein glatzköpfiger Hamburger, der mit dem Magdeburger zufällig an einen Tisch geraten ist, nickt schweigend. „Ich find was anderes viel schlimmer!“, ruft ein weiterer Mann von hinten. „Dass es hier mitten in Deutschland kein Netz gibt! Kein einziger Balken! Man kann nicht einmal zuhause anrufen!“ Wir sind hier nicht mitten in Deutschland, denke ich still, wir sind hier mitten in Brandenburg. Ich bleibe locker. Klugerweise bin ich ja eigens fünf Stunden vor Beginn der Lesung losgefahren, um auch auf jeden Fall pünktlich anzukommen. Ich hole erst einmal mein Notizbuch aus der Tasche, um ein bisschen mitzuschreiben.

„Entschuldigung!“, spricht der glatzköpfige Hamburger den sächsischen Schaffner an, der gerade den Speisewagen durchquert. „Wenn wir jetzt hier länger stehen, gibt’s dann vielleicht die Möglichkeit, mal eine zu rauchen?“ – „Nein.“ – „Kann man nicht mal eine Tür aufmachen?“ – „Auf keinen Fall! Dann fällt noch einer raus, das fehlt uns gerade noch!“

Eine Viertelstunde später steigen die ersten Leute aus dem Zug und spazieren an den Gleisen entlang. Im Speisewagen steigt der Konsum von Wein und Bier. Die Küche hingegen bleibt kalt. „Kein Strom“, sagt der junge tschechische Kellner allen, die jetzt ein Schnitzel bestellen wollen. Eine Gruppe junger Leute kommt aus ihrem Abteil in den Speisewagen, um Karten zu spielen. Der Magdeburger sagt zum Hamburger: „Wenn man’s positiv sieht: Immerhin hat man jetzt mal Zeit zu reden.“ Der Hamburger wirkt nicht sehr begeistert.

Eine Stunde ist vergangen, der Zug bewegt sich nicht. Wolfgang Stumph kommt durch den Gang gelaufen und beruhigt die Menschen. „Die schicken bestimmt bald jemanden“, sagt Stumpi. „Dann geht’s weiter.“

Ich bestelle mir das zweite Bier. Die Gefahr scheint gering, dass mir nicht genug Zeit bleiben könnte, um es auszutrinken. Hinter mir höre ich eine Schaffnerin auf einen Fahrgast einreden: „Die Feuerwehr arbeitet im Akkord, die haben gerade sechzig Einsätze. Wenn die einen Baum weggeräumt haben, fällt hinter ihnen der nächste um. Die ganze Strecke ist jetzt für den Bahnverkehr gesperrt, ich kann Ihnen nicht sagen, wann es weitergeht.“

Eine Amerikanerin fragt den tschechischen Kellner verzweifelt, ob er Englisch spreche. Sie hat keine Ahnung, was eigentlich los ist, weil die Ansagen nur auf Deutsch durch den Lautsprecher kommen. Die Ärmste weiß nicht, dass deutsche Schaffner Ansagen auf Englisch nur machen, wenn es um gleichgültige Dinge geht.

Eine Gruppe von betrunkenen Männern aus Westfalen stürmt den Speisewagen. „Zwei Kiefern hängen vorne in der Oberleitung“, berichten sie. „Und dann ist auch noch der Anfahrtsweg für die Feuerwehr scheiße. Aber was soll’s: Wir machen jetzt Party! Kommt in den letzten Wagen, wir haben noch jede Menge Bier und Eierlikör!“

Am Nachbartisch versucht ein älterer Sachse, eine junge Frau mit Hilfe scharfer Merkel-Kritik zu unterhalten. „Wer sich in Deutschland nicht integrieren will, der muss wieder gehen! Und das betrifft eben vor allem kriminelle Zuwanderer aus dem Maghreb!“ Die junge Frau stellt sich als Thüringerin heraus, die in der Flüchtlingshilfe arbeitet. Die Chance auf ein schnelles Katastrophennümmerchen auf der Bordtoilette sinkt spürbar. Den alten Mann erinnert die Gegenwart an die letzten Jahre der DDR. Die BRD sei eine Lobbyrepublik, aber die Leute seien blind dafür. „Den Deutschen geht es viel zu gut!“, sagt er. „Die Deutschen sind das dümmste Volk, das mir seit der Wiedervereinigung über den Weg gelaufen ist!“ Zum Ende des Gesprächs treffen sich beide immerhin in der Auffassung, eine Überwindung des Kapitalismus sei dringend erforderlich, eine klassenlose Gesellschaft aber unmöglich. So kommen in Deutschland also doch noch politische Gegner miteinander zivilisiert ins Gespräch. Und alles, was es dafür braucht, ist eine gewaltige Naturkatastrophe. Das macht Hoffnung.

Die Stimmung im Zug wird seltsamerweise mit der Zeit nicht schlechter, sondern besser – wahrscheinlich, weil die Biervorräte des tschechischen Speisewagens unendlich scheinen. Draußen vorm Fenster sieht man jetzt Feuerwehrleute anrücken; neue Hoffnung keimt auf.

Ein junger Mann bringt Neuigkeiten: Eine Hilfslok soll kommen und uns rückwärts ziehen, aber nicht bis Berlin, sondern nur bis Jüterbog. So langsam dämmert den Fahrgästen, dass die Lage ernst ist. „So eine Scheiße, wir kommen also heute nicht mehr nach Prag in den Puff!“, klagt einer der Westfalen. Der Magdeburger denkt laut darüber nach, durch den Wald zehn Kilometer bis zur nächsten Ortschaft zu laufen, um von dort aus mit dem Taxi nach Dresden zu fahren. Die jungen Leute am Kartentisch überlegen, ihre Eltern in Hamburg anzurufen und sich abholen zu lassen. Die Westfalen wollen notfalls mit den Zweigen der umgestürzten Kiefern ein Lagerfeuer anzünden. Ich fühle mich in meiner alten Auffassung bestätigt, dass ein Großteil der erwachsenen Bevölkerung eigentlich entmündigt werden müsste.

Angesichts der Tatsache, dass die Toiletten nicht mehr funktionieren, fangen mich die beiden Biere, die ich trank, zu reuen an. In einigen Waggons des Zuges gehen die Lichter aus, denn die Batterien gehen zur Neige. Auch kühl wird es langsam. Eine Mutter schreit ihr Kind an. Allgemein wird unter den Fahrgästen die Rückkehr der Wölfe nach Brandenburg kritischer betrachtet als früher. Ich laufe zum Zeitvertreib ein wenig an der sehr frischen Luft herum und erfülle mir im Dunkel, das inzwischen hereingebrochen ist, einen Kindheitstraum: einmal vom Bahndamm pinkeln!

„Mein letzter Wille: ‘ne Frau mit Brille!“ Die betrunkenen Westfalen berichten einander davon, welche Schlampen sie schon für wie viel Geld gebumst haben. Wie lange wird es noch dauern, bis wir zum Kannibalismus übergehen? Erst einmal fangen die Westfalen an, sich auf ihren Telefonen gegenseitig Pornofilmchen vorzuführen.

Am Nebentisch sitzt inzwischen ein Amerikaner mit seiner erwachsenen Tochter. Er fordert sie auf, doch etwas zu trinken zu bestellen. Aber sie will nicht, weil die Toiletten kaputt sind. „Aber du kannst doch draußen pinkeln gehen, Sweetie!“- „Ich habe aber noch nie in der Öffentlichkeit gepinkelt, ich möchte das nicht.“- „Aber Sweetie, das ist doch kein Problem, ich kann doch mitkommen!“

Die betrunkenen Westfalen rufen inzwischen Frauen, die sich zwischen ihnen durch den Speisewagen drängeln müssen, „Ficki Ficki!“ hinterher. Erstaunlich: Es braucht nur vier bis fünf Bier, um junge Deutsche in jene Nafris der schlimmsten Sorte zu verwandeln, die sie doch angeblich so verachten. Der Amerikaner erklärt seiner Tochter: „Das sind Leute von der freiwilligen Feuerwehr aus Münster. Ich habe vorhin ein bisschen mit ihnen geredet. Sie sind betrunken, aber es sind gute Jungs.“

21 Uhr. Plötzlich gehen die Lichter wieder an. Man erzählt sich: Die Leitung sei repariert, der Strom fließe wieder und der Zug solle seine Fahrt fortsetzen, sogar wie geplant Richtung Dresden und Prag. Bald darauf setzt sich der Zug in Bewegung, Jubel bricht aus. Mir ist inzwischen alles gleichgültig. Ich will gar nicht mehr nach Dresden, denn meine Lesung werde ich ohnehin nicht mehr erreichen. Seit geraumer Zeit spreche ich anstelle des Bieres einem vorzüglichen tschechischen Weißwein zu.

Die erste Durchsage nach vielen Stunden: „Wir fahren jetzt mit 20 Kilometern pro Stunde bis zum nächsten Haltepunkt in Holzdorf an der Elster, dort wird die Oberleitung nochmals geprüft.“

Ein Gespräch über die AfD bricht aus. Der Magdeburger erklärt den Erfolg der Partei mit Ostfrust, resultierend aus sozialer Ungerechtigkeit, niedrigen Löhnen, kümmerlichen Renten und überhaupt der ganzen kapitalistischen Scheiße. Der Ossi sage sich derzeit: ‚Das ist doch wirklich ein großer Mist: 40 Jahre haben sie uns in der DDR betrogen und belogen, aber ausgerechnet über den Kapitalismus haben sie uns die Wahrheit erzählt.‘ Der Hamburger scheint nicht völlig überzeugt, bemüht sich aber, den aufgebrachten Magdeburger nicht durch Widerspruch zu reizen. Er gesteht ein, die etablierten Politiker müssten ihr Handeln „besser erklären“, um die Menschen „abzuholen und mitzunehmen“. Es fällt ihm jedoch schwer, seine Position zu erläutern, weil er vom Magdeburger immer nach fünf Worten schon wieder abgewürgt wird. „Die ganzen Frustrierten bei uns im Osten, die jetzt AfD gewählt haben, was bekommen die? Eine Regierung aus CDU, FDP und Grünen, also Parteien, die gar nichts für den kleinen Mann tun werden!“ Immerhin einigen sich die beiden darauf, dass Gerhard Schröder „der schlimmste Verbrecher von allen“ ist.

Als wir in Holzdorf stehen, borge ich mir das Telefon eines Spaniers und rufe die einzige Nummer an, die ich bei mir habe, meine eigene. Zuhause geht erfreulicherweise eine Frau ran und erklärt mir, meine Lesung finde gerade ohne mich statt; die Stimmung sei aber sehr gut. Ich freue mich darüber, dass ich offenbar schon nicht mehr vermisst werde. So schnell kommt man der Welt abhanden. Ich bestelle noch einen Weißwein. Die Toiletten funktionieren wieder. Das Bruttosozialprodukt Tschechiens dürfte an diesem Abend allein um 3,7 Prozent gewachsen sein.

Ich bemerke mit Schrecken, dass einen Tisch weiter schräg gegenüber schon seit einer ganzen Weile ein junger Schriftsteller sitzt, den ich vor ein paar Tagen in Berlin kennengelernt habe. Jetzt ist die Zeit verstrichen, in der wir einander ohne Peinlichkeit hätten wiedererkennen und begrüßen können. Uns bleibt nun nichts anderes übrig, als aneinander vorbeischauen, ein ganzes Schnitzel lang, das ihm gerade erst serviert wurde.

Wir stehen immer noch in Holzdorf an der Elster. Ich sitze inzwischen acht Stunden in diesem Zug. Langsam kommen mir die anderen Fahrgäste wie Familienmitglieder vor, die ich seit meiner Kindheit kenne. Ich möchte für diesen Gemütszustand den Namen Holzdorf-Syndrom vorschlagen. Ein Mann aus Sachsen hat sich zu mir an den Tisch gesellt. Wir kommen darin überein, dass das Krisenmanagement der Deutschen Bahn verbesserungswürdig ist. Das Versagen führen wir auf die Profitgier zurück, die auch bei der Bahn inzwischen Rationalisierung über Kundenglück stellt. Er erzählt mir, er fahre eigentlich ganz gern mit der Bahn und besuche auf diese Weise oft seinen Sohn in Berlin. Wir spotten gemeinsam ein bisschen über all die Sachsen, die sich vor Berlin fürchten und die Stadt für den gefährlichsten Moloch der Erde halten. Als sich der Sachse verabschiedet, verspricht er, ab jetzt öfter mal nach meinen Texten in der Zeitung zu schauen. Und wieder einen neuen Leser im persönlichen Nahkampf gewonnen!

Ein Bahnmitarbeiter kommt jetzt auf die Idee, ab sofort Getränke und Essen umsonst im Zug zu verteilen. Die Fahrgäste, die noch am Leben sind, werden es ihm danken.

Der glatzköpfige Hamburger erzählt seinem Nachbarn, er sei heute eigens um 8 Uhr aufgestanden, um pünktlich anzukommen. Inzwischen ist es 23:45 Uhr. Er sieht aus, als würde er bald töten. Immerhin hat der Magdeburger aufgehört zu reden. Der Alkohol hat ihn schließlich kampfunfähig gemacht. Er döst nur noch mit hängendem Kopf auf seinem Sitz.

Ich warte die ganze Zeit vergeblich auf die eigentlich obligatorische Lautsprecherdurchsage: „Liebe Fahrgäste, unsere Verspätung beträgt zurzeit leider 420 Minuten. Wir bitten um ihr Verständnis.“ Meiner Ansicht nach an allem schuld: die Kiefer! Diese Niete unter den Bäumen, dieser Flachwurzler, den das kleinste Lüftchen umweht! Danke, Realsozialismus, dass du den ganzen Osten vollgepflanzt hast mit diesem zu groß geratenen Unkraut!

Ich bestelle mir den vierten Weißwein. Saufen auf Kosten der Deutschen Bahn macht doppelt Freude.

Der Amerikaner neben mir hat sich inzwischen als Geschäftsmann aus New Jersey vorgestellt, der in der Lebensmittelbranche tätig ist. Seine Tochter wohnt in der Schweiz, die beiden befinden sich gerade auf einer gemeinsamen Reise nach Prag. Er erzählt davon, Lidl versuche gerade, den amerikanischen Markt zu erobern, stoße aber auf Hindernisse: „Die wollen unsere Produkte haben, aber sie wollen sie unter einem anderen Namen verkaufen und so gut wie kein Geld dafür bezahlen. Warum sollten wir das machen? Wir sind doch nicht blöd.“ Er fragt mich, warum man uns nicht schon vor Stunden einfach mit Bussen abgeholt hat. Ich weiß ihm keine Antwort zu sagen.

0:26 Uhr. Nichts Neues. Ein Mann mit Hamburger Dialekt hinter mir klagt sein Leid ins Telefon: „Wir wissen nicht, wo wir sind. Wir wissen nicht, wohin wir fahren. Wie die Züge damals nach Auschwitz ist das.“

Auf dem Nachbargleis kommt plötzlich ein Zug aus der Gegenrichtung an. Wir sehen den Lokführer in der erleuchteten Fahrerkabine, er streckt beide Daumen nach oben und lacht. Es ist also tatsächlich geschafft: Ein Schienenräumfahrzeug hat sich aus Dresden bis zu uns durchgekämpft. Die Strecke ist frei.

0:42 Uhr. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Freude bricht aus, doch gedämpft durch allgemeine Müdigkeit. Nie wieder werde ich bezweifeln, dass der Begriff „Schicksalsgemeinschaft“ einen Sinn besitzt. Eine Glücksbotschaft wird über den Lautsprecher verkündet: Wir werden um 2 Uhr Dresden erreichen, nach nur 11 Stunden Fahr- und Stehzeit.

„Wir hätten in Berlin niemals losfahren dürfen“, murmelt der Schaffner, als er wieder einmal durch den Speisewagen trottet.

Es ist Punkt 2 Uhr, als ich in Dresden aus dem Zug stolpere und mir auf dem Bahnsteig die Augen reibe. Neben mir purzelt der betrunkene Magdeburger aus der Bahn. Wir wollen einander beinahe in die Arme fallen.

Ich warte an der Haltestelle auf eine Straßenbahn. Wenn mein Freund Max um 2 Uhr noch nicht schläft, habe ich sogar einen Platz zur Übernachtung. Die Chancen dafür stehen gut.

Eine alte Frau neben mir plärrt aufgeregt in ihr Telefon: „Ich steig jetz in die Ölf, Armin. Die Ölf! Wiesch dann weitergomm, weeßsch ononi. – Was? Aber ich gann doch nischd davier, wenn der Zug hier hält. Also, ich fahr jetz zum Ullersdorfer Blatz. – Armin, mein Delefon hat doch keen I-Mehl! Armin? Armin?!“

Termine der Woche

So Gott will, begebe ich mich in dieser Woche nach Sachsen, um mein neues Buch Der Bürger macht sich Sorgen in meiner Heimat vorzustellen, nachdem die Dresdner Buchpremiere in der letzten Woche sturmbedingt leider ohne mich stattfinden musste.

Am Donnerstag (12. Oktober) lese ich mit meiner Dresdner Lesebühne Sax Royal in der Scheune. Ich lese gemeinsam mit den wunderbaren Kollegen Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth. Gemeinsam entzünden wir in diesen in jeder Hinsicht trüben Zeiten ein Licht, das erhellt und wärmt. Los geht es um 20 Uhr. Karten gibt es bis Mittwoch im Vorverkauf, aber auch am Donnerstag noch unbegrenzt an der Abendkasse am Einlass ab 19:30 Uhr.

Am Freitag (13. Oktober) folgt dann wie gewohnt die Görlitzer Lesebühne Grubenhund, bei der ich gemeinsam mit Udo Tiffert und Max Rademann wirke. Auch hier darf sich das Publikum auf brandneue Geschichten und Gedichte freuen. Als besonderer Gast mit dabei ist der junge Dichter David Klein aus Dresden. Der Spaß beginnt um 19:30 Uhr im Kino Camillo. Karten gibt’s am Einlass.

Am Sonnabend (14. Oktober) stelle ich dann allein mein neues Buch Der Bürger macht sich Sorgen erstmals mit einer Lesung in Chemnitz vor, und zwar um 20 Uhr im Lokomov. Die Gäste dürfen sich auf einer Auswahl meiner schönsten Texte aus den letzten Jahren freuen. Keine Angst, es geht nicht nur um Politik, sondern auch um Bier. Und um Chemnitz!

Neuerscheinung: „Der Bürger macht sich Sorgen“

Soeben erschienen ist mein neues Buch Der Bürger macht sich Sorgen, eine Auswahl meiner trefflichsten Texte aus den letzten, nicht gänzlich ereignislosen Jahren. Ich werde natürlich demnächst fleißig aus dem Buch lesen. Am 14. Oktober um 20 Uhr stelle ich es in Chemnitz im Lokomov vor, am 27. Oktober in Dresden um 19 Uhr in der Bibliothek Südvorstadt.

In seinem neuen Buch stürzt sich Michael Bittner mitten hinein in unsere turbulenten Zeiten. Das Abendland steht vor dem Untergang – doch wütende Bürger drohen, die Apokalypse im letzten Augenblick noch abzuwenden. In der weltumspannenden Krise, die nicht enden will, sucht derweil jeder woanders nach Rettung – bei Liebesratgebern, im Schädel von Karl Marx oder am Tresen bei bewusstem Biergenuss. Michael Bittner blickt in seinen neuen Kolumnen und Satiren auf die Verwirrungen dieser Tage mit Leidenschaft, Heiterkeit und Skepsis zugleich. Auch das eigene Leben spart er nicht aus, denn er weiß: Kritik ohne Selbstkritik ist feige.

Michael Bittner: Der Bürger macht sich Sorgen. Neue Satiren und Kolumnen. Dresden: edition AZUR, 2017, 132 Seiten, 14,90 Euro.

Bemerkungen zur katalanischen Frage

Die meisten Menschen, wenigstens die mit gesundem Gemüt, empfinden Mitgefühl mit Schwachen, die von Stärkeren misshandelt werden. In dieser Sympathie liegt wohl der tiefste Grund für jeden Kampf um mehr Gerechtigkeit, nichts an ihr ist zu tadeln. Aber das Mitgefühl der Menschen kann, wie jede Leidenschaft, auch missbraucht werden. Nichts ist leichter für eine politische Oppositionsbewegung, als sich den David-gegen-Goliath-Effekt zunutze zu machen: Man organisiere zivilen Ungehorsam, den der Staat nicht hinnehmen kann, ohne sich selbst aufzugeben. Und dann verbreite man die sich zwangsläufig einstellenden Bilder von bewaffneten Polizisten, die gewaltsam gegen friedliche Bürger vorgehen. Kein fühlender Mensch wird bei diesem Anblick nicht spontan Abscheu gegen die Ordnungshüter und Sympathie mit den Oppositionellen empfinden. Dieses Mitgefühl verwandelt sich sogleich in politisches Kapital der Opposition.

Menschen, die sich nicht dauerhaft vom Gefühl überwältigen lassen, können allerdings zu der Einsicht kommen: Die Sympathie, die ich mit den Opfern der Polizeigewalt empfinde, sagt für sich noch wenig, ja eigentlich gar nichts darüber aus, ob das Anliegen der Demonstranten berechtigt ist. Die politische Opposition, die den Protest organisiert, wird immer bestrebt sein, den Unterschied zwischen diesen beiden Fragen zu verwischen. Ihre Verlautbarungen sind pathetisch und emotional, für sie beweisen die Opfer der Polizeigewalt als Märtyrer die Rechtmäßigkeit des Kampfes. Der Zweifler hingegen wird fragen: Ist eine Sache schon deswegen gut, weil ihre Vertreter (noch) schwach und unterdrückt sind? Wäre dem so, dann müsste man sich auch Nationalsozialisten verbunden fühlen, die von Polizisten verprügelt werden oder in einem Akt zivilen Ungehorsams die Zufahrt zu einem Flüchtlingsheim blockieren. Mir scheint hingegen: Es gibt politische Bewegungen, deren Schwäche ein Segen und deren Unterdrückung gerechtfertigt ist. Und es gibt Bewegungen, die man zwar für legitim halten kann, deren Sieg man sich aber dennoch nicht wünschen muss.

Am 1. Oktober organisierte das Bündnis der katalanischen Regionalparteien, die für eine Abspaltung ihres Landesteils von Spanien eintreten oder zumindest den Katalanen das Recht zu einer solchen Entscheidung einräumen, ein Referendum, das nicht zuletzt eine David-gegen-Goliath-Inszenierung vor den Augen der Weltöffentlichkeit war. Der katalanische Regierungschef verhehlte in Interviews vor der Abstimmung nicht, dass er mit staatlicher Repression rechnete und diese sogar als nützlich einkalkulierte. Zur Eskalation der Gewalt trug allerdings auch das Bedürfnis der Regierung in Madrid bei, sich durch Härte bei ihren konservativen, royalistischen und postfaschistischen Wählern anzubiedern. Wem man nun auch immer die Hauptschuld anlasten will, eine ganz andere Frage ist es, ob der katalanische Separatismus berechtigt und begrüßenswert ist.

Der Antwort auf diese Frage kommt man nicht näher, indem man darüber diskutiert, welche Partei „im Recht“ ist. Die Spanier pochen darauf, das Referendum sei nach der geltenden Verfassung illegal gewesen und könne daher keine Gültigkeit besitzen. Die katalanischen Separatisten fühlen sich an die spanische Verfassung nicht gebunden, weil sie sich für eine eigenständige, souveräne Nation halten. Beide Parteien haben aus ihrer Sicht der Dinge recht. Eben weil es kein gemeinsames Recht mehr gibt, auf das sich beide Parteien beziehen, verwandelt sich die Rechts- in eine reine Machtfrage. Genau dies ist ja das Verheerende an nationalen Konflikten: Es kann in ihnen keinen Kompromiss geben, weil es um ganz Grundsätzliches geht. Sie können letztlich nur durch Krieg entschieden werden, falls nicht eine der beiden Seiten nachgibt und auf ihr beanspruchtes Recht verzichtet. Auch die internationale Gemeinschaft kann in solchen Konflikten allenfalls vermitteln, aber nicht entscheiden, denn es gibt kein objektives, allgemein anerkanntes Kriterium dafür, welche Gemeinschaft von Menschen berechtigt wäre, sich zur Nation zu erklären und welche nicht.

Wer als Außenstehender eine Haltung zur katalanischen Nationalbewegung finden will, der muss sich wohl zwei Fragen stellen. Zunächst: Gibt es grundsätzlich Fälle, in denen es gerechtfertigt ist, wenn eine Region sich – notfalls gewaltsam – von einem größeren Staat unabhängig macht? Diese Frage werden wohl nur wenige verneinen, da doch sonst auch der nationale Befreiungskampf der ehemaligen Kolonien zu verurteilen wäre. Umgekehrt werden aber wohl auch nur wenige Menschen der Meinung sein, jede beliebige Region oder Volksgruppe habe das Recht, sich ohne Angabe von Gründen zur unabhängigen Nation zu erklären. Das Ergebnis wäre eine Balkanisierung der Erde, ein endloser nationalistischer Weltkrieg. Die zweite Frage lautet: Werden die Katalanen so sehr unterdrückt und ausgebeutet, dass ihre Forderung nach Unabhängigkeit legitim ist? Die katalanischen Separatisten tun ihr Möglichstes, um sich selbst als Kolonie unter spanischer Fremdherrschaft darzustellen. Ich persönlich finde die Argumente nicht sehr überzeugend. Die Unterdrückung der Katalanen äußert sich immerhin in einer kulturellen Autonomie, einer eigenen Regierung und einem eigenen Parlament. Und die Ausbeutung der Katalanen hat zumindest die erfreuliche Nebenwirkung, dass Katalonien zur wohlhabendsten Region Spaniens aufgestiegen ist. Aber natürlich kann jeder in dieser Sache auch zu anderen Schlüssen kommen. Wer den katalanischen Wunsch nach Unabhängigkeit für berechtigt hält, der hat es allerdings schwer zu erklären, warum er nicht auch die Lega Nord oder die Bayernpartei unterstützt. Vielleicht, weil die katalanischen Nationalisten irgendwie linker und überhaupt sympathischer sind? So etwas kann sich schnell ändern, wenn erst aus den Rebellen die Regierenden geworden sind.

Übrigens muss niemand, der sich die Sache der katalanischen Nationalisten nicht zu eigen machen will, deswegen umgekehrt für die spanische Regierung eintreten. Niemand ist verpflichtet, sich der Kriegslogik zu unterwerfen und sich auf eine Seite zu schlagen, wenn irgendwo zwei Nationalismen kollidieren. Man kann es auch schlicht für irrelevant halten, ob irgendwo auf der Welt noch ein weiterer kapitalistischer Nationalstaat entsteht. Nicht bedeutungslos ist hingegen das Leben der Menschen, die ein Bürgerkrieg in Spanien kosten würde. Um den Konflikt zu entschärfen, gäbe es eine einfache Lösung: Die spanischen Parteien ändern gemeinsam die Verfassung, um ein legales Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien möglich zu machen. Es kann gut sein, dass die katalanischen Separatisten bei einer solchen Abstimmung eine aus ihrer Sicht unangenehme Überraschung erleben würden, ganz so wie schon ihre schottischen Freunde. Auf jeden Fall wäre der Konflikt zumindest für eine gewisse Zeit auf vernünftige Weise beigelegt. Vernunft ist allerdings das Letzte, was man bei Menschen in nationaler Erregung erwarten kann.

Aus meiner Fanpost (25): Unter dem Deckmantel des Intellektuellen

Für mich sind sie Herr Bittner ein geistiger Brandstifter aller erster Sorte .
Sie sind nicht an Fakten oder Wahrheiten , sonder nur an der Diffamierung ihres pol. Gegners interessiert , und das machen sie unter dem Deckmantel des “ Intellektuellen “ .
Die zynische Art , wie sie AFD – Wähler erniedrigen spricht Bände , und sie erinnert mich an gehirngewaschene , ignorante , Schüler und Studenten , die AFD Veranstaltungen mit Trillerpfeifen , und lauten Rumbrüllen stören , aber kein FAKT – bezogenes Gegenargument bringen können …..

Und nach Ihrem volksverhetzenden , blindwütigen Kommentar, über AFD – Wähler , der heute in der SZ zu lesen war , sehe ich sie in der Nähe zur links faschistischen Antifa .

Wie wohltuend war da die großformatige Anzeige von Frau Steinbach ….
Das hatte Format und Mut …., Danke Frau Steinbach ..

und wie erbärmlich dagegen ihr “ Arschkriecherbeitrag “ eine Seit zuvor …

Termine der Woche

Am Mittwoch (20. September) gibt’s eine neue Ausgabe der klassenbewussten Leseshow Zentralkomitee Deluxe in Berlin. Mit mir lesen neue Geschichten die weiteren Stammautoren Tilman Birr, Noah Klaus, Piet Weber, Christian Ritter. Wir begrüßen außerdem als Gast die Slam-Poetin Sandra da Vina. Los geht es mit der Parade fortschrittlicher Komik um 20 Uhr in der Baumhaus Bar an der Oberbaumbrücke in Kreuzberg. Tickets sind am Einlass erhältlich.

Am Sonnabend (23. September) bin ich einer der Autoren beim Kantinenlesen, dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Mit dabei sind neben Moderator Dan Richter auch weitere wunderbare Kollegen. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Am Sonntag (24. September) gehe ich wählen und danach ins Lovelite in Berlin-Friedrichshain. Dort bin ich als lesender Gast Teil der fünften Lieblingsshow, die von Don Mercedes Moped (aka René Marik) daselbst präsentiert wird. Mit dabei sind auch Frank BenzGeorgie Fisher und Hans Krüger. Los geht es um 20 Uhr.

Wie zerstören wir die Alternative für Deutschland?

Die Partei Alternative für Deutschland hat sich, allen voreiligen Prophezeiungen eines schnellen Untergangs zum Trotz, recht erfolgreich etabliert. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird ihr deswegen der Einzug in den Bundestag gelingen. Sie hat den Abgang von Bernd Lucke und dessen liberalkonservativen Anhängern mühelos verkraftet, weil der Verlust durch einen Zustrom von rechtsradikalen Sympathisanten ausgeglichen werden konnte. Sie hat mit einiger Mühe ein Programm verabschiedet, ohne dass es zu einer weiteren Spaltung der Partei gekommen wäre. Auch die ungeklärte Führungsfrage und die schmutzigen und brutalen Machtkämpfe an der Parteispitze haben nicht zum Zerfall geführt. Es ist zu erwarten, dass auch die vollständige Entmachtung von Frauke Petry nach der Wahl der Partei nicht sonderlich schaden wird – unabhängig davon, ob Frauke Petry sich ins zweite Glied zurückzieht oder die AfD im Streit verlässt.

Die Gründe für den Erfolg der AfD sind offenkundig: Die Finanz- und Eurokrise, die zeitweise chaotischen Zustände während der Flüchtlingskrise und die dschihadistischen Terroranschläge haben viele Menschen in Angst versetzt. Angst aber führt zum Ruf nach Ordnung, Sicherheit und Abschottung. Die auf Kosten der SPD in die Mitte gerückte CDU hatte derweil rechts neben sich einen Raum freigemacht, der in einer solchen Lage von einer rechtspopulistischen Partei gut ausgefüllt werden konnte. Diese Partei hat sich durch den Zulauf vom rechten Rand nun faschistisch und rassistisch radikalisiert und bildet dergestalt eine politische Brücke zwischen erzkonservativem und rechtsextremem Milieu. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, die AfD werde von allein wieder verschwinden, wenn nur das Flüchtlingsthema erst aus den Schlagzeilen verschwunden ist. Die Mitglieder und Wähler der Partei sind dafür längst zu gut integriert: einerseits um einen ideologischen Kern des radikalen Nationalismus, andererseits durch die militante Abgrenzung gegenüber den verhassten „Altparteien“. Es kann gut sein, dass sich die AfD als völkisch-nationalistische Partei dauerhaft rechtsaußen auf dem politischen Feld behauptet. Damit wäre eigentlich auch nur der traurige Normalzustand wieder hergestellt, wie er in den meisten europäischen Ländern besteht und auch in Deutschland vor 1933 bestand.

Dies alles heißt natürlich keineswegs, dass man die AfD kampf- und klaglos hinzunehmen hätte. Im Gegenteil: Da in der Gesellschaft der Wind ohnehin gerade stramm von rechts weht, ist liberale und linke Gegenwehr nötig, um wenigstens die wichtigsten Bastionen zu halten, bis bessere Zeiten kommen. Dazu bräuchte es aber eine Strategie, die sich sehr von den Mitteln unterscheidet, die zurzeit ohne großen Erfolg im Kampf gegen die AfD angewandt werden. Es sind die Methoden, die schon im Kampf gegen Donald Trump versagt haben: eine halb weinerliche, halb entrüstete Warnung vor der drohenden Gefahr für die Demokratie, unterlegt mit unzähligen Skandalisierungen rassistischer Ausfälle, vorgetragen von der politischen, medialen und kulturellen Elite im Ton der Volkspädagogik. Die ideologisch verhärteten Faschisten in der AfD lachen über solche Entlarvungen, die frustrierten und verwirrten Protestwähler, die der Partei nur lose anhängen, fühlen sich durch derart herablassende oder anklagende Belehrungen provoziert und binden sich trotzig nur noch fester an die AfD. Wie könnte man es aber besser machen? Zwei Möglichkeiten, die AfD wieder in die Bedeutungslosigkeit zu stoßen, wären dabei stets im Auge zu behalten: Entweder es gelingt, der Partei so viele Wähler abspenstig zu machen, dass sie wieder unter die 5-Prozent-Hürde rutscht, oder es gelingt, eine Spaltung der Partei herbeizuführen. Vielleicht gelingt auch beides zugleich. Es gilt also: 1. die Wähler der AfD zu demotivieren und einen Keil zwischen sie und die Parteifunktionäre zu treiben und 2. die Spaltungen zwischen den verschiedenen Flügeln und Fraktionen innerhalb der AfD zu vertiefen. Das aber bedeutet: Es ist möglichst alles zu vermeiden, was zur weiteren Solidarisierung der Wähler und der Mitglieder der AfD beiträgt. Diese Strategie ist eine Zumutung, aber die Alternative ist der bisherige Weg, der unweigerlich zu einer dauerhaften Verfestigung der AfD führt.

Offensive Gewalt gegen Mitglieder und Politiker der AfD führt zu nichts anderem als einer verhärteten Vergemeinschaftung. Sie bestätigt die AfD-Sympathisanten in ihrer Selbstwahrnehmung als Opfer und nährt ihr Phantasma, ein „Vorbürgerkrieg“ (Götz Kubitschek) habe begonnen, der zum baldigen Umsturz der Gesellschaft in ihrem Sinne führen werde. Jede linke Gewalttat treibt der AfD verschreckte Bürger in die Arme und verstärkt die Sympathie, die es ohnehin schon in den Reihen von Polizei, Justiz und Militär für die Rechtsautoritären gibt. Linke Gewalt ist im Machtergreifungsplan der Faschisten fest eingeplant, man ärgert sie also am besten dadurch, dass man Gewalt unterlässt.

Es ist sinnvoll, rassistische und faschistoide Äußerungen von AfD-Politikern öffentlich zu verbreiten, weil dadurch Wähler abgeschreckt werden, die konservativ denken, aber zumindest mit dem Nationalsozialismus und allem, was ihm ähnlich sieht, nichts zu tun haben wollen. Nicht sinnvoll ist es hingegen, tagein tagaus das Netz nach abscheulichen Äußerungen von irgendwelchen unbedeutenden AfD-Sympathisanten zu durchforsten, um immer wieder aufs Neue den schlagenden Beweis dafür zu erbringen, dass Wähler wie Politiker der AfD „alle Nazis“ sind. Diese Einschätzung ist nicht nur sachlich falsch, da sie zu undifferenziert ist, sie ist auch politisch unklug, denn sie schweißt die AfD-Wähler mit den AfD-Funktionären und die AfD-Funktionäre untereinander zusammen wie nichts sonst. Die wirklichen Nazis in der AfD fühlen sich gut getroffen, die Nationalkonservativen hingegen zu Unrecht beschuldigt. Soll aber der Kampf gegen die AfD erfolgreich sein, dann bringt es nichts, pauschal moralisch zu verdammen. Wirkungsvoller ist es, zu spalten, Zweifel zu säen und das Selbstbewusstsein zu untergraben.

Die Kritik an der AfD sollte nicht den Wählern, sondern den Politikern gelten. Jeder Fernsehbeitrag, in dem AfD-Wähler von gewitzten Satirikern oder empörten Intellektuellen als dumme Ossis oder unwissende Rassisten vorgeführt werden, beschert der AfD einen Stimmenzuwachs. Die Kritik sollte sich besser darauf konzentrieren, die Politiker der AfD in den Augen der Wähler der AfD zu diskreditieren. Dies aber gelingt gerade nicht, indem man sie als krasse, ungehobelte, abartige Außenseiter darstellt. Genau nach solchen Nicht-Politikern sehnt sich ja der Protestwähler. Man sollte die AfD-Funktionäre vielmehr als faul, inkompetent, intrigant, gierig und korrupt entlarven – als ganz gewöhnliche Politiker der schlimmsten Sorte also. Auf diese Weise führt man eine Enttäuschung beim AfD-Wähler herbei, die ihn veranlasst, bei der nächsten Wahl anders abzustimmen oder zuhause zu bleiben.

Eine pauschale moralisierende Verdammung widerspricht auch dem zweiten Ziel, nämlich dem, die Risse innerhalb der AfD zu vertiefen. Kritiker sollten klugerweise nicht vornehmlich auf den Feldern angreifen, auf denen sich alle AfD-Mitglieder einig sind, im Bereich der Flüchtlingspolitik etwa. Spaltungen, die sich nutzen ließen, tun sich auf zwischen den verfassungstreuen Realpolitikern der Petry-Fraktion und den Möchtegernalleinherrschern um 51%-Höcke, in der Sozialpolitik aber auch zwischen neoliberalen Großbürgern und anti-globalistischen Kleineleuteverstehern. Genau diese Gegensätze sollten betont und immer wieder angesprochen werden, um die verschiedenen Fraktionen der AfD in internen Streit zu stürzen und gegeneinander auszuspielen. Gemäßigte innerhalb der AfD sollten bevorzugt und sachlich angesprochen werden, selbst wenn man Zweifel an ihrer Mäßigung hegt – in jedem Fall kann man die Fanatiker auf diese Weise zur Weißglut treiben und Streit induzieren. Abtrünnige der AfD und Überläufer zu anderen Parteien sollten übrigens auch nicht moralisch verurteilt, sondern freundlich empfangen und belobigt werden.

Zuletzt noch ein Hinweis, der wohl auch schmerzliche Gefühle hervorrufen kann: Die AfD wäre nicht so erfolgreich, wie sie ist, hätten ihre Parolen nicht zumindest auch teilweise Bezug zur Wirklichkeit. Solange man sich dies nicht eingesteht, wird man auch keinen Erfolg im Kampf gegen die AfD haben. Unverkennbar scheint mir dies vor allem in einem Bereich: Es gibt eine dschihadistische Bedrohung, sie ist keine Fiktion der Rechten. Es gibt fundamentalreligiöse Verblödung, patriarchalische Verhältnisse und antisemitische Vorurteile in bestimmten Teilen von islamischen Gemeinschaften. Der Hinweis, das gebe es ja alles woanders auch, ist eine allzu preiswerte Ausflucht. Es wäre eigentlich gerade Aufgabe von liberal oder links Denkenden, solche Probleme anzusprechen – allerdings auf gänzlich andere Weise, als es die rechtsradikalen Hetzer tun, nicht ausgrenzend, sondern emanzipatorisch. Solange aber echte Probleme von Demokraten nur verklemmt besprochen oder ganz beschwiegen werden, stehen sie als Munition den Antidemokraten zur Verfügung.

Die von mir vorgeschlagenen Methoden kosten gewiss einige Überwindung. Es ist ohne Zweifel leichter und freudvoller, bei der wahlweise heiteren oder verzweifelten Vollverdammung der AfD zu verharren. Man muss sich nur im Klaren sein, dass diese Methode die Partei nur politisch stärkt und letztlich nichts anderes ist als moralische Selbstbefriedigung.

Die Gründe der Nichtwähler

Gelegentlich bemerkt ein sehr schlauer Mensch, dass die Wahlergebnisse, die regelmäßig verkündet werden, gar nicht korrekt sind: In den Balken- und Tortendiagrammen fehlen nämlich die Nichtwähler, die doch eine große Fraktion, ja oft die größte bilden! Diese originelle Einsicht wird sodann verschieden instrumentalisiert: Protestparteien verbuchen die Nichtwähler zumeist als eigene, indem sie behaupten, diese zornigen Verweigerer stünden eigentlich auf ihrer Seite, hätten sich nur leider noch nicht aufraffen können, auch in diesem Sinne abzustimmen. Die Gegner der Populisten neigen hingegen dazu, die Nichtwähler als enttäuschte oder träge Demokraten anzusprechen, die man zurückgewinnen oder aufrütteln müsse, um den Radikalismus zu schwächen. Beiden Sichtweisen liegt offenkundig derselbe Irrtum zugrunde: Alle gehen davon aus, die Nichtwähler wären eine homogene Gruppe. Tatsächlich sind die Gründe dafür, warum Menschen nicht zur Wahl gehen, sehr unterschiedlich und auch unterschiedlich vernünftig. Im Folgenden möchte ich die gängigsten Erklärungen von Nichtwählern prüfen:

„Mich interessiert Politik nicht. Es ist mir egal, wer da regiert. Mit meinem Leben hat das nichts zu tun.“

Diese Einstellung ist nachvollziehbar und konsequent. Wem es gleichgültig ist, wer regiert, der hat auch keinen vernünftigen Grund, zur Wahl zu gehen. Man vergisst oft, dass – repräsentativen Umfragen zufolge – nur ungefähr die Hälfte der Bürger sich überhaupt für Politik interessiert, die andere Hälfte aber gar nicht. Insofern ist es eher erstaunlich, dass bei bundesweiten Wahlen zumeist doch mehr als 70 Prozent der Bürger teilnehmen. Wer auch den Rest der unpolitischen Menschen mit dem Argument überzeugen will, jeder werde doch von politischen Entscheidungen betroffen, der hat einen schweren Stand. Tatsächlich beeinflusst Politik in demokratischen Staaten nur in Zeiten von Krise und Krieg das Leben der meisten in einer existenziellen Weise. In normalen Zeiten kann man durchaus unpolitisch leben – darf sich dann aber konsequenterweise auch nicht beschweren. Man ist dann streng genommen kein Bürger, sondern ein Untertan, aber es gibt auch glückliche Untertanen.

„Man weiß doch gar nicht, wofür man eigentlich stimmt. Die Parteien machen doch eh, was sie wollen. Sie versprechen vor der Wahl das eine und tun dann das Gegenteil.“

Dieses Argument ist teilweise berechtigt, wie schon ein flüchtiger Blick auf die jüngere Vergangenheit zeigt: Man stimmt für Rot-Grün, weil einem soziale Gerechtigkeit und Frieden versprochen wurden, bekommt dann aber Hartz-IV und Kriegseinsatz in Jugoslawien. Man stimmt für Schwarz-Gelb und erhält überraschend Atomausstieg und Abschaffung der Wehrpflicht. Wer die Ursache für diese Diskrepanz zwischen Wahlversprechen und Regierungshandeln in der Charakterschwäche der Politiker sucht, macht es sich allerdings etwas zu leicht. Hier sind einfach zwei verschiedene Tätigkeiten gegeben: Vor der Wahl kämpft der Politiker um Zustimmung, nach der Wahl muss er unter dem Einfluss von sachlichen Zwängen das Mögliche tun. Wird die Diskrepanz zu groß, geht allerdings die Legitimität der Politik überhaupt flöten. Es ist durchaus vernünftig, Regierungspolitiker für gebrochene Wahlversprechen zu bestrafen. Allerdings kann man dies besser als durch Wahlenthaltung durch die Wahl oppositioneller Parteien tun. An der grundsätzlichen, unaufhebbaren Diskrepanz zwischen Versprechen und Realität ändert Nichtwählen auch nichts.

„Die Entscheidungen werden doch sowieso von den Wirtschaftsbossen getroffen, Politiker sind nur Befehlsempfänger.“

Auch diese Einstellung entbehrt nicht der Grundlage. In der Tat gibt es eine beträchtliche Macht, die nicht vom Volke, sondern vom Gelde ausgeht. Denn Reiche und Unternehmer können durch direkte Bestechung oder legalen Lobbyismus weit größeren Einfluss auf die Politik ausüben als Normalbürger. Allerdings ist dieser Einfluss auch nicht unbegrenzt. Unpopuläre Maßnahmen lassen sich nicht dauerhaft gegen den Willen der Mehrheit durchdrücken, solange das allgemeine, gleiche Wahlrecht besteht. Es gibt Beispiele wie den Mindestlohn, die belegen, dass politische Entscheidungen auch gegen den Willen der Kapitalisten durchgesetzt werden können. Der Weg, auf dem sich dies erreichen lässt, ist aber gerade der politische. Darum ist es absurd, aus Protest gegen den politischen Einfluss der Ökonomie auf das Wählen zu verzichten.

„Jede Stimme für irgendeine Partei stützt doch bloß das Schweinesystem, das aber gestürzt werden muss, damit eine wahre Demokratie möglich wird.“

Wir leben nicht in revolutionären Zeiten und es gibt keine revolutionäre Partei, die mit der Vision einer ganz anderen, besseren Gesellschaft die Massen begeistert. Wenn sich unter diesen Umständen ein Häuflein Systemkritiker in Wahlenthaltung übt, juckt dies das System nicht im Geringsten. Wer aber der Meinung ist, jede politische Aktion, die nicht in absehbarer Zeit die Weltrevolution herbeiführt, sei sinnlos, der unterscheidet sich kaum von einem politischen Romantiker.

„Die Parteien sind doch alle gleich.“

Dies ist Unsinn. Politiker sind allenfalls darin gleich, dass sie eben alle Politiker sind und den Zwängen und Versuchungen unterliegen, die mit dieser Rolle unvermeidlich verbunden sind. Was den Inhalt angeht, ist aber auf dem Wahlzettel das gesamte politische Spektrum vom Nationalsozialismus bis zum Marxismus-Leninismus durch Parteien vertreten; es gibt Konservative, Liberale und Sozialisten in den verschiedensten Spielarten. Wer in diesem Angebot nichts findet, der weiß einfach nicht, was er politisch will.

„Aber es gibt doch keine Partei, die genau zu mir passt und die meine Überzeugungen vertritt. An allen stört mich etwas.“

Wer einmal die Leserbriefseiten oder die Kommentarspalten von politischen Medien studiert hat, dem müssen ernste Zweifel kommen, ob die Leute politisch wirklich so individuell sind, wie sie gerne alle behaupten. Die meisten politischen Diskussionen wiederkäuen die immer gleichen Gemeinplätze. Die Behauptung, jeder Bürger bräuchte eigentlich eine eigene, persönliche Partei, um sich ganz repräsentiert zu fühlen, ist vielleicht die schlimmste Phrase von allen. Wie auch immer dem nun sein mag: Dass jede Gemeinschaft von Menschen dem Einzelnen nur annähernd gerecht werden kann, ist eine Selbstverständlichkeit. Wer seine Skrupel nicht überwinden kann, eine Partei zu wählen, mit der er nur überwiegend, aber nicht ganz übereinstimmt, der muss zuhause bleiben. Es entscheiden dann eben allein die Entscheidungsfreudigeren.

„Meine einzelne Stimme ist doch bedeutungslos und hat keinen messbaren Einfluss.“

Dieses Argument ist nicht nur unvernünftig, sondern sogar anmaßend. Deine Stimme hat genau den Einfluss, der dir zusteht. Du bist einer von Millionen und eben deswegen auch nur als Millionstel an der Entscheidung beteiligt. Wem das zuwenig ist, der fordert gleichsam: Ich mache in der Politik mit, aber erst, wenn meine Stimme mehr zählt als die der anderen! Wer sich für schlauer als die anderen hält, der kann ja für ein politisches Amt kandidieren und den eigenen Machtanspruch dem Urteil der Mitbürger vorlegen.

„Ich würde ja gerne wählen, aber ich kenne mich mit der Politik echt zu wenig aus. Das ist mir alles zu kompliziert!“

Das politische Geschehen ist durchaus komplex, aber doch auch nicht so undurchsichtig, als dass nicht jemand mit Allgemeinwissen und gesundem Menschenverstand sich eine begründete Meinung bilden könnte. Es mag sein, dass es ein paar Leute gibt, die selbst dafür zu dumm sind. Wer aber einen Satz wie den obigen äußert, der kann nicht ganz dumm sein, denn Einsicht in die eigene Unwissenheit erfordert schon ein gewisses Maß an Klugheit. Die Dummen wissen nichts von ihrer Dummheit (und gehen vielleicht ganz unbeschwert wählen). Menschen, die sich selbst für zu unwissend halten, fehlt es also nicht an Hirn, sondern an Fleiß. Ihr Problem ist nicht die Dummheit, sondern die Faulheit. Sie haben keine Lust, ein bisschen Kraft in die eigene politische Bildung zu investieren, mal eine Zeitung durchzulesen oder beim Wahl-O-Mat ein paar Knöpfchen zu drücken. Bei einigen Menschen ist diese Faulheit wohl wirklich unüberwindlich, ein Argument gegen das Wählen ist sie aber nicht.

„Wählen ist mir zu anstrengend. Da hab ich am Sonntag gar keine Zeit für.“

Dieses Argument ist auch nicht überzeugend. Gewöhnlich nimmt der Wahlakt kaum mehr Zeit in Anspruch als der Erwerb einer Schachtel Zigaretten. Wählen ist dazu noch gesünder als Rauchen. Und es kann sogar Spaß machen, wenn man die bürgerliche Pflichterfüllung mit einem gediegenen Umtrunk mit Freunden verbindet.