Termine der Woche

Am Montag (5. September) gibt’s wieder das Zentralkomitee Deluxe, Berlins mutmaßlich jüngste Lesebühne. Wir präsentieren wie stets neue Texte, Lieder und fortschrittliche Komik zur Erheiterung und Belehrung der Massen, auf dass die Weltrevolution nicht mehr länger auf sich warten lasse. Mit dabei sind neben mir die wunderbaren Kollegen Tilman Birr, Noah Klaus, Christian Ritter und Piet Weber. Los geht es um 20 Uhr im Monarch am schönen Kottbusser Tor. Der Eintritt kostet proletarierfreundliche 5 Euro und wird am Einlass erhoben.

Am Donnerstag (8. September) kehrt unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal endlich zurück in die scheune und beendet die Sommerpause. In den Ferien haben wir fleißig an neuen Geschichten, Gedichten und Liedern gebastelt, die wir nun stolz präsentieren. Wie immer wird es an heiteren Episoden ebenso wenig fehlen wie an politischem Zündstoff. Mit dabei sind neben mir: Stefan Seyfarth, der dichtende und singende Erzieher, Max Rademann, der erzgebirgische Naturbursche und professionelle Nachtschwärmer, Roman Israel, der energische Erzähler und Lyriker, Julius Fischer, der Alltagsphilosoph und Fernsehstar. Wie stets dürfen sich die Fans der Lesebühne außerdem noch auf Überraschungen und Zugaben freuen. Los geht es um 20 Uhr, Karten gibt es an der Abendkasse oder im Vorverkauf.

Am Freitag (9. September) kreucht sodann auch die Görlitzer Lesebühne Grubenhund wieder aus dem Sommerloch hervor. Mit mir dabei mit neuen Geschichten sind wie stets die Stammautoren Udo Tiffert und Max Rademann, außerdem begrüßen wir als besondere Gäste die beiden Musiker Klaus Meier & Somar Hazeem. Los geht es um 19:30 Uhr im Kino Camillo. Tickets am Einlass.

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Denken nach dieser Maxime ist wohl keinem Menschen ganz fremd. Verblendete, die völlig in ein Wahnsystem versunken sind, finden aber überhaupt keinen Ausweg mehr aus solch selektiver Wahrnehmung, weil ihnen die Fähigkeit zu selbstkritischer Reflexion abhanden gekommen ist. Sicherstes Kennzeichen solcher Verblendung ist die Abwesenheit von Selbstironie, die stets die Fähigkeit zum Selbstzweifel voraussetzt. Von bitterstem Ernst ist denn auch das Kapitel Die Revolution, in dem Hitler die Ursachen der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg bekanntgibt.

Für Hitler war jeder Krieg ein Kampf ums Dasein zwischen Völkern und Rassen. Wer einen solchen Kampf verlor, der hatte nach Hitlers Logik seine eigene Minderwertigkeit unter Beweis gestellt und verdiente die Vernichtung. Wollte Hitler vermeiden, die Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg so zu deuten, musste er nach fremden Schuldigen suchen, um die besiegten deutschen Soldaten zu entschuldigen. Zugleich musste er die Niederlage psychologisieren und idealisieren. Nicht die materielle, technische und personelle Überlegenheit der Westalliierten machte er für die Niederlage verantwortlich. Nein, die von der Propaganda äußerer und innerer Feinde zersetzte Psyche der Deutschen habe kapituliert, obgleich ein Sieg noch möglich gewesen wäre. Schon deutlich vorausahnen lässt sich hier der Wahnwitz, mit dem Hitler im Zweiten Weltkrieg unter allen Umständen an der Überzeugung festhielt, fanatischer Glaube an den Endsieg werde diesen Sieg endlich auch herbeizwingen.

Wer aber zersetzte die Tapferkeit der deutschen Soldaten, abgesehen von den effektiven Propagandisten des feindlichen Auslandes? Hitler beschuldigt zuerst – die deutschen Frauen. Diese hätten nämlich durch „Jammerbriefe“ die Helden demoralisiert, zumal solche Briefe auch dem Feind in die Hände fielen:

Die Front wurde nach wie vor mit diesem Gift überschwemmt, das gedankenlose Weiber zu Hause zusammenfabrizierten, ohne natürlich zu ahnen, daß dies das Mittel war, dem Gegner die Siegeszuversicht auf das äußerste zu stärken, also mithin die Leiden ihrer Angehörigen an der Kampffront zu verlängern und zu verschärfen. Die sinnlosen Briefe der deutschen Frauen kosteten in der Folgezeit Hunderttausenden von Männern das Leben.

Liebesbriefe als kriegsentscheidender Verrat des dummen Weibes? Hier spricht wohl noch der nachtragende Neid eines Mannes, der an der Front keine Liebesbriefe bekam, weil niemand ihn liebte. Mehr noch als die Weiber waren es aber natürlich die weibischen Juden, die dem deutschen Heer den Todesstoß mit dem „Dolche“ versetzten. Alle Proteste und Streiks für einen Verständigungsfrieden erscheinen als marxistische Verschwörung zur Begünstigung des Gegners. Da kann einem Frontkämpfer schon einmal der Kragen platzen:

Ich haßte das ganze Pack dieser elenden volksbetrügerischen Parteilumpen auf das äußerste. Ich war mir längst darüber im klaren, daß es sich bei diesem Gelichter wahrlich nicht um das Wohl der Nation handelte, als vielmehr um die Füllung leerer Taschen. Daß sie aber jetzt schon bereit waren, dafür das ganze Volk zu opfern und wenn nötig Deutschland zugrunde gehen zu lassen, machte sie in meinen Augen nur reif zum Strick.

Die Marxisten waren dann natürlich auch verantwortlich für „die größte Schandtat des Jahrhunderts“, es „organisierte der Jude die Revolution“. Folgendermaßen will der durch Giftgas fast Erblindete im Lazarett die Novemberrevolution gesehen haben:

Matrosen kamen auf Lastkraftwagen und riefen zur Revolution auf, ein paar Judenjungen aber waren die »Führer« in diesem nun auch hier einsetzenden Kampfe um die »Freiheit«, »Schönheit« und »Würde« des Daseins unseres Volkes. Keiner von ihnen war an der Front gewesen. Über dem Umweg eines sogenannten »Tripperlazaretts« waren die drei Orientalen aus der Etappe der Heimat zurückgegeben worden. Nun zogen sie in ihr den roten Fetzen auf.

Der Kommunist als drückebergerischer, geschlechtskranker Jude – da tanzen die Ressentiments Ringelreigen. Sexualneid gehört stets zum Antisemitismus, bei einem sexuell Frustrierten wie Hitler verständlicherweise in besonderem Maße. Interessanter ist der Vorwurf der Feigheit, denn ihn erhob Hitler in einem subjektiven Gefühl der Stärke. Nach den vorliegenden Berichten war er nämlich im Felde durchaus tapfer. Aber er war eben tapfer auf deutsche Art: „Man befahl uns den Patriotismus, und wir wurden Patrioten; denn wir thun alles, was uns unsere Fürsten befehlen“ (Heine). Mutig nur auf Befehl und gegen den Feind, nicht aber mutig gegenüber der eigenen Obrigkeit, angetrieben vom eigenen Gewissen. Hitler kamen während des Krieges durchaus auch Zweifel an der Politik der eigenen Regierung, nicht anders als den Protestierenden in der Heimat. Was aber tat er?

So war es besser, den Mund zu halten und so gut als möglich seine Pflicht zu tun.

Das Fronterlebnis wurde für Hitler zum Leitbild einer gelungenen Gemeinschaft: der Feind klar erkennbar, die Reihen fest geschlossen, die Befehle eindeutig. Wie viel besser war das als der „verfluchte[] Hader“ in der Heimat: „Die Front kannte das ganze politische Parteipack nicht.“ Und so kam es angeblich schon zur Entscheidung:

Ich aber beschloß nun, Politiker zu werden.

Das aber hieß: Hitler beschloss, den Krieg in die Politik zu tragen.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Zitat des Monats August

Misstrauen Sie demjenigen, der Ordnung schaffen will. Ordnung schaffen heißt immer, sich zum Herrn der anderen machen, indem man ihnen Schranken setzt.

Denis Diderot: Nachtrag zu „Bougainvilles Reise“

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

So borniert Hitler auch war, Talent auf dem Gebiet der Propaganda wird ihm wohl niemand absprechen. Vielleicht ist sein Erfolg in der Menschenwerbebranche aber auch nicht gar so überraschend. Um Reklame zu machen, braucht man weder große Intelligenz noch eine intakte Moral, es genügen Gerissenheit und Rücksichtslosigkeit. Im Kapitel Kriegspropaganda plauderte er in Mein Kampf sogar seine Betriebsgeheimnisse aus – ohne dass dies seinen Gegnern irgendwie genutzt hätte. Er kritisiert die seiner Meinung nach inkompetente und unwirksame deutsche Propaganda während des Weltkrieges und stellt sein eigenes Gegenkonzept vor. Ausgangspunkt ist eine einfache Frage:

Ist die Propaganda Mittel oder Zweck?
Sie ist ein Mittel und muß demgemäß beurteilt werden vom Gesichtspunkte des Zweckes aus. Ihre Form wird aber mithin eine zweckmäßige sein müssen zur Unterstützung des Zieles, dem sie eben dient.

Das klingt banal, hat aber radikale Konsequenzen: Allein die Wirkung rechtfertigt die Propaganda, Form und Inhalt sind der Wirkung untergeordnet, Schönheit oder Wahrheit oder Moral spielen also keine Rolle.

Wenn aber Völker um ihre Existenz auf diesem Planeten kämpfen, mithin die Schicksalsfrage von Sein oder Nichtsein an sie herantritt, fallen alle Erwägungen von Humanität oder Ästhetik in ein Nichts zusammen und scheiden aus; denn alle diese Vorstellungen schweben nicht im Weltäther, sondern stammen aus der Phantasie des Menschen und sind an ihn gebunden. Sein Scheiden von dieser Welt löst auch diese Begriffe wieder in ein wesenloses Nichtdasein auf; denn die Natur kennt sie nicht.

Erinnert man sich daran, dass auch Politik für Hitler letztlich kriegerischer Kampf ums Dasein war, hieß das aber: Auch in der politischen Propaganda waren für ihn Lüge und Verbrechen erlaubt. Das scheint nun aber der Tatsache zu widersprechen, dass Hitler seine Ziele in Mein Kampf mit krasser Offenheit bekannt machte, sie also keineswegs verschleierte oder leugnete. Es gilt zu unterscheiden: Seine zwei Hauptziele, die Vernichtung der Juden und die Eroberung von Lebensraum im Osten, sprach Hitler immer offen aus. In allen Detailfragen log er jedoch hemmungslos, wenn es ihm erforderlich schien, um seine Hauptziele zu erreichen.

Wie sollte nun aber Propaganda beschaffen sein, um erfolgreich zu wirken? „Sie hat sich ewig nur an die Masse zu richten!“ Und angesichts der „Primitivität der Empfindung der breiten Masse“ hieß das zunächst:

[…] so muß ihr Wirken auch immer mehr auf das Gefühl gerichtet sein und nur sehr bedingt auf den sogenannten Verstand.
Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau zu richten nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt.

Da die Masse nicht nur dumm sei, sondern auch vergesslich, sei jede Botschaft „schlagwortartig“ zu formulieren und „ewig zu wiederholen“. Sie habe außerdem „grundsätzlich subjektiv einseitig[]“ zu sein, denn Differenzierung verwirre die Menschen und säe Zweifel. Leider sei es gerade bei den Deutschen schwer, eine so einfache Methode durchzusetzen, denn dieses Volk leide an einem „Objektivitätsfimmel“ und wolle auch seinen Feinden kein Unrecht tun. In dieser Hinsicht enttäuschten Hitler die Deutschen später wohl angenehm.

Geistige Originalität konnte Hitler für all diese Thesen zur Propaganda gewiss nicht beanspruchen, denn er sagte ja nichts, was nicht in jeder zweitklassigen Reklameschmiede längst bekannt war und heute noch bekannt ist. Neu war allerdings – wenigstens in Deutschland – die unbedenkliche und konsequente Übertragung bekannter Reklametricks aufs Politische. Ein merkwürdiges Paradox: Hitler pries den Krieg als Gegensatz zum feigen Krämerdasein und übernahm doch zugleich die Verkaufsstrategien der Marktschreier für seinen politischen Kampf. Der Nationalsozialist steckte wohl doch tiefer im Kapitalismus, als ihm selbst bewusst war.

Was ist so niederschlagend an der Lektüre dieses Kapitels, ja an der Lektüre des ganzen Buches? Wahrscheinlich dies: Hier hatte ein Mann seine Weltanschauung aus der Menschenverachtung gewonnen – und der spätere Erfolg bei den Menschen scheint dem Mann in dieser Verachtung auch noch recht zu geben.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Termine der Woche

Am Sonntag (21. August) lese ich wieder bei der Berliner Reformbühne Heim & Welt, wo ich als Sommergast noch bis Ende August jede Woche mitwirken werde. Die Stammautoren sind Ahne, Jakob Hein, Falko Hennig, Heiko Werning und Jürgen Witte. Als Gäste sind diesmal außerdem noch Roman Israel, Stephan Serin, Claudia Tothfalussy sowie als musikalischer Part Larissa & Sven van Thom mit dabei. Los geht es in der Jägerklause in Friedrichshain um 20 Uhr.

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Menschen wollen, wenn sie nicht krank oder sehr unglücklich sind, gewöhnlich nicht sterben. Schon eher kommen sie in Versuchung, andere zu töten, wenn nicht die Angst vor Rache oder Strafe sie davon abhält. Trotzdem ist der Mord selbst in unzivilisierten Gemeinschaften kein alltägliches und geduldetes Verhalten, sonst wäre ein Zusammenleben von Menschen gar nicht möglich. Bedenkt man dies, stellt sich die Frage: Wieso begeistern sich Menschen, richtiger gesagt: Männer, für den Krieg? Ist man doch im Krieg nicht nur zum Morden gezwungen, sondern muss auch mit dem eigenen Tod rechnen.

Über Jahrhunderte war in Europa der Krieg eine professionalisierte und recht exklusive Angelegenheit. Über Krieg und Frieden entschieden zumeist die Könige und Fürsten nach eigenem Belieben. Für die Adligen war der Kampf als Offizier ihr eigentlicher Beruf. Die Truppen bestanden aus bezahlten Söldnern und Bauern, die man zum Militärdienst presste. Im eigentlichen Sinne aber hatten die Menschen, insbesondere die städtischen Bürger, mit dem Krieg nichts zu tun. Sie erlebten ihn nur als Opfer von Besatzung und Plünderung. Eroberte irgendein fremder Herrscher die eigene Stadt oder gleich das ganze Land, unterwarf man sich zügig dem neuen Souverän, um das Leben möglichst schnell wie gewohnt fortsetzen zu können. Erst der Nationalismus der modernen Staaten verbreitete die Idee, der Staat gehöre nicht einem Fürsten, sondern allen Bürgern, die das Land darum im Kriegsfall auch gemeinsam verteidigen müssten. In Deutschland gelten die Befreiungskriege gegen Napoleon, in denen erstmals Freiwilligenverbände neben regulären Truppen kämpften, als Geburtsstunde nationaler Begeisterung. Als hundert Jahre später der Erste Weltkrieg ausgebrochen wurde, propagierten die Herrschenden in Deutschland wieder eine nationale Erhebung. Das Ausmaß der Kriegsbegeisterung wurde allerdings stets übertrieben. Die meisten Soldaten meldeten sich auch im Ersten Weltkrieg nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen zum Kampf. Dennoch gab es auch viele Begeisterte. Und es waren besonders die jungen, gebildeten Bürgersöhne, die von der Aussicht auf den süßen Heldentod verlockt wurden. Zu ihnen gehörte auch der junge Kunstmaler Adolf Hitler.

Das Kapitel Der Weltkrieg enthält wenige Details zum eigentlichen Kampfgeschehen und zum persönlichen Schicksal unseres Helden. Hitler bemühte sich, sein eigenes Erleben möglichst abstrakt zu schildern, um sich selbst zur Identifikationsfigur aller deutschen Weltkriegskämpfer zu modellieren. Dadurch aber sind die Erinnerungen Hitlers in einiger Hinsicht wohl auch wirklich typisch.

Als jungen Wildfang hatte mich in meinen ausgelassenen Jahren nichts so sehr betrübt, als gerade in einer Zeit geboren zu sein, die ersichtlich ihre Ruhmestempel nurmehr Krämern oder Staatsbeamten errichten würde. Die Wogen der geschichtlichen Ereignisse schienen sich schon so gelegt zu haben, daß wirklich nur dem »friedlichen Wettbewerb der Völker«, das heißt also einer geruhsamen gegenseitigen Begaunerung unter Ausschaltung gewaltsamer Methoden der Abwehr, die Zukunft zu gehören schien. Die einzelnen Staaten begannen immer mehr Unternehmen zu gleichen, die sich gegenseitig den Boden abgraben, die Kunden und Aufträge wegfangen, und einander auf jede Weise zu übervorteilen versuchen, und dies alles unter einem ebenso harmlosen, wie aber dennoch riesigen Geschrei in Szene setzen. Diese Entwicklung aber schien nicht nur anzuhalten, sondern sollte dereinst (nach allgemeiner Empfehlung) die ganze Welt zu einem einzigen großen Warenhaus ummodeln, in dessen Vorhallen dann die Büsten der geriebensten Schieber und harmlosesten Verwaltungsbeamten der Unsterblichkeit aufgespeichert würden. […]
Warum konnte man denn nicht hundert Jahre früher geboren sein? Etwa zu den Befreiungskriegen, da der Mann wirklich, auch ohne »Geschäft«, noch etwas wert war?!

So mancher Globalisierungskritiker dürfte bei solchen Worten hellhörig werden. Es ist in der Tat erstaunlich, wie klarsichtig Hitler den ökonomischen Konkurrenzkampf als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln begriff. Bloß störte ihn eben das Kämpferische am Kapitalismus gar nicht, im Gegenteil: Der Kampf war ihm nicht blutig und brutal genug. Der ökonomische Wettbewerb drohte den existenziellen Kampf ums Dasein zwischen Völkern und Rassen zu ersetzen, wie ihn Hitler sich wünschte.

Ein anderer, wahrscheinlich ursprünglicherer Grund für Hitlers Kriegsbereitschaft spricht aber auch aus diesen Zeilen. Es ist die pubertäre Freude am Kriegsspiel, die von der militaristischen Erziehung der Epoche nach Kräften gefördert wurde. Der Krieg ist ja tatsächlich nichts anderes als ein Kinderspiel, bei dem allerdings mit scharfer Munition geschossen und wirklich gestorben wird. Die Freund-Feind-Logik des Krieges entspricht dabei jedoch ganz der von zankenden Kindern, wie Karl Kraus in einer besonders schönen Szene von Die letzten Tage der Menschheit gezeigt hat. Der Krieg ist eine Möglichkeit, nicht erwachsen zu werden und zugleich doch zum anerkannten Helden zu reifen. Für einen mutmaßlich jungfräulichen Mann wie Hitler, der bei Frauen als ärmlicher Stadtstreicher wenig Chancen hatte, war der Krieg eine Möglichkeit, die eigene Männlichkeit durch Gewalt unter Beweis zu stellen: „Aus dem jungen Kriegsfreiwilligen war ein alter Soldat geworden.“ Das Leben unter Kameraden befreite dabei aus der beängstigenden Gegenwart von Frauen. Zugleich wurde der „Sonderling“ Hitler, der sich aus eigenem Antrieb in keine Gruppe finden konnte, zum ersten Mal im Leben zu einem Gemeinschaftsleben gezwungen. Und wider Erwarten gefiel es ihm, in einer Masse aufzugehen, die allerdings nicht chaotisch vermischt, sondern streng geordnet war.

So, wie wohl für jeden Deutschen, begann nun auch für mich die unvergeßlichste und größte Zeit meines irdischen Lebens.

Ob die Millionen Gefallenen auch so positive Erinnerungen an den Krieg hatten? Es lässt sich nicht feststellen, da die Toten keine Möglichkeit mehr haben, ihre Meinung zu äußern. Selbst Hitler wird, wenn er vom Kampf erzählt, für einige Augenblicke menschlich, wenn er gesteht, „Todesangst“ empfunden zu haben. Doch er überwindet das menschliche Gefühl:

Immer, wenn der Tod auf Jagd war, versuchte ein unbestimmtes Etwas zu revoltieren, bemühte dann sich als Vernunft dem schwachen Körper vorzustellen und war aber doch nur die Feigheit, die unter solchen Verkleidungen den Einzelnen zu umstricken versuchte.

Man möchte Hitler zurufen: Nein, das war nicht die verkleidete Feigheit, das war wirklich die Vernunft, die gegen das sinnlose Töten und Sterben revoltierte! Aber Hitler erstickte diese Revolte im Keim und lernte, den Krieg zu lieben. Noch Jahre später wurde er wieder zum Kind, wenn er an den Krieg zurückdachte. So berichtet Rudolf Heß in einem Brief aus der Zeit, als Hitler Mein Kampf im Gefängnis niederschrieb:

Eben höre ich aus dem gemeinsamen Wohn- und Eßzimmer seine Stimme. Er scheint mitten im Auffrischen von Kriegserlebnissen zu sein, er ahmt Granaten und Maschinengewehre nach, springt wild im ganzen Zimmer herum, fortgerissen von seiner Phantasie.

Wie jeder Krieg verwüstete auch der Erste Weltkrieg nicht nur die Länder, sondern auch die Köpfe der Menschen. Die brutalisierten Soldaten machten aus den politischen Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit sofort Bürgerkriege. Es war gewöhnlich geworden, zu morden und zu sterben. Für Hitler war schon der Krieg nicht einfach Kampf um Sieg oder Niederlage, sondern um „Sein oder Nichtsein“ der Völker gewesen. Im Krieg hätte das deutsche Oberkommando seiner Ansicht nach auch im Inneren kriegerische Maßnahmen ergreifen und die marxistische Opposition ausschalten, oder, in der Terminologie Hitlers, „das Ungeziefer vertilgen“ sollen:

Was aber mußte man nun tun? Die Führer der ganzen Bewegung sofort hinter Schloß und Riegel setzen, ihnen den Prozeß machen und der Nation vom Halse schaffen. Man mußte rücksichtslos die gesamten militärischen Machtmittel einsetzen zur Ausrottung dieser Pestilenz. Die Parteien waren aufzulösen, der Reichstag wenn nötig mit Bajonetten zur Vernunft zu bringen, am besten aber sofort aufzuheben.

Für Hitler war die politische Auseinandersetzung immer Krieg, letztlich sogar Vernichtungskrieg. Sein ganzes Denken lässt sich eigentlich in seinem Lieblingswort zusammenfassen: „ausrotten“.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Link zum Text (18): Tödliche Versager

Nach jedem Terroranschlag hocken wir stundenlang vor den Bildschirmen, schauen uns dieselben Videos immer wieder an, hören Experten zu, die unablässig wiederholen, sie seien auch völlig ratlos. „Wer unterstützt die Terroristen?“, fragt man. „Was treibt sie an?“ Eine Antwort auf diese Fragen lautet leider: Wir selbst sind es. Die Amokläufer gieren nach unserer Aufmerksamkeit – und wir spendieren sie ihnen bereitwillig.

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Termine der Woche

Am Sonnabend (13. August) bin ich beim Kantinenlesen mit dabei, dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Neben Moderator Dan Richter lesen auch noch Sebastian Lehmann, Meikel Neid und Hans Duschke. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Am Sonntag (14. August) lese ich wieder bei der Berliner Reformbühne Heim & Welt, wo ich als Sommergast noch bis Ende August jede Woche mitwirken werde. Die Stammautoren sind Ahne, Jakob Hein, Falko Hennig, Heiko Werning und Jürgen Witte. Als Gäste sind diesmal außerdem noch Marco Tschirpke, Andreas Kampa und Juston Buße mit dabei. Los geht es in der Jägerklause in Friedrichshain um 20 Uhr.

Alternative für Hipster

Die Alternative für Deutschland möchte stärkste Partei in Deutschland werden, um das herrschende System umzustürzen. Will sie dieses Ziel erreichen, muss die Botschaft der Partei natürlich in alle deutschen Landstriche getragen werden. So macht die Alternative für Deutschland vor der anstehenden Wahl in Berlin Werbung auch in Friedrichshain-Kreuzberg. Das scheint durchaus sinnvoll, bedenkt man, dass in diesem Stadtviertel ja ohnehin traditionell die Alternativen zuhause sind. So heißt es denn auch auf der örtlichen Facebook-Seite der AfD:

Eine echte Alternative für einen alternativen Bezirk.

Hier im Szenekiez zeigt die AfD auf ihren Plakaten nicht ihre zerknitterten Funktionäre, sondern attraktive junge Menschen, wie sie auch in Friedrichshain-Kreuzberg zuhause sein könnten. Doch sind neben den hübschen Visagen auch noch Statements abgedruckt, die bekunden, dass diese jungen Menschen zugleich besorgte Bürger sind. So sagt etwa ein junger Mann mit schafsmäßigem Hipsterbart:

Mein marokkanischer Dealer kriegt sein Leben komplett vom Staat finanziert. Irgendwas ist in Deutschland oberfaul und deshalb wähle ich die Alternative.

Sehen wir einmal davon ab, dass ein Dealer, der vollständig von Sozialhilfe abhängig ist, weil er seine Drogen offenbar verschenkt, nicht allzu häufig vorkommen wird. Von diesem kleinen Mangel an Realitätssinn abgesehen, kann man der AfD nicht viel vorwerfen. Immerhin kämpft sie wirklich um alle Wähler, sogar um solche, die dem Parteiprogramm der AfD zufolge als Kriminelle verfolgt werden sollen. Ob sie bei den Menschen aber auch Erfolg mit ihrem Werben haben wird? Die AfD spekuliert, dass es in Friedrichshain-Kreuzberg wohl viele Konsumenten von Marihuana geben mag. Dies dürfte zutreffen. Aber wollen diese Menschen deswegen von fremden Politikern auch gleich als Kiffer angesprochen werden? Es wohnen gewiss auch viele Bürger in Berlin, die dem Hobby der Masturbation zugetan sind. Würden sich diese Leute für eine Partei begeistern, die sie etwa folgendermaßen anspräche: „Liebe Wichser! Nervt euch beim Wedeln das langsame Internet? Dann wählt AfD, wir verlegen kostenlos Breitband für euch! P.S.: Was ihr treibt, ist allerdings weiterhin Sünde wider den Fortbestand des deutschen Volkes.“ Aber wer weiß, das Volk ist seltsam dieser Tage! Es wäre der AfD vielleicht sogar dankbar für solch offene Worte.

Die AfD wirbt in Berlin auch nicht nur um Kiffer, sondern überhaupt um alle Gruppen, mit denen sie andernorts fremdelt. So äußert auf einem anderen Plakat ein schwules Paar:

Mein Partner und ich legen keinen Wert auf die Bekanntschaft mit muslimischen Einwanderern, für die unsere Liebe eine Todsünde ist.

Wahrscheinlich hat deswegen ein Abgeordneter der AfD in Sachsen-Anhalt vor einer Weile schon einmal vorgeschlagen, alle Schwulen nach der Machtübernahme in Schutzhaft zu nehmen.

Auch die Frauen, bekanntermaßen ebenfalls eine Minderheit, wenigstens unter den Mitgliedern der AfD, werden umworben. Eine dralle Blondine erklärt:

Damit es auf dem nächten Karneval der Kulturen nicht wieder zu Übergriffen auf Frauen kommt, wähle ich diesmal die AfD. Das mit der Armlänge Abstand haut einfach nicht hin!

Ganz sicher nie wieder zu Übergriffen beim Karneval der Kulturen käme es natürlich, wenn man den Karneval der Kulturen abschaffte, der ja ohnehin nur den gescheiterten Multi-Kulti-Wahnsinn feiert, mit dem die AfD endgültig Schluss machen wird.

Wer aber irrigerweise annimmt, die AfD stehe Zuwanderern feindlich gegenüber, den belehrt ein viertes Plakat eines Besseren. Da sagt uns eine anscheinend türkischstämmige Frau, die in vorbildlicher Weise auf das Kopftuch verzichtet:

Ich möchte, dass mein Sohn richtig deutsch sprechen lernt, weil das die Voraussetzung ist, zu einem guten Beruf. Die AfD nimmt das Schulwesen ernst und deshalb wähle ich sie.

Offenbar, um auf die Migranten zuzugehen, hat die AfD in diese zwei Sätze gleich mehrere Sprachfehler eingebaut. Dies jedenfalls ist die einzig schlüssige Erklärung für die Fehler, wenn man nicht annehmen will, dass die Werbetexter der AfD selbst Probleme mit der deutschen Sprache haben.

Wer diese Plakate gesehen hat, der wird kaum noch daran zweifeln, dass kiffende Hipster, ängstliche Homosexuelle, zornige Frauen und türkische Muttis die AfD in Berlin zum Sieg tragen werden. Nur eine Gefahr droht: Sollten auch die Stammwähler der AfD, also frustrierte Frührentner, seelisch verkrüppelte Wirtschaftsprofessoren und Burschenschaftler mit chronischem Samenstau, Wind von dieser Kampagne kriegen, dann bleiben die vielleicht aus Ärger am Wahltag zuhause. Und die nationale Revolution fällt erst einmal aus.