Link zum Text (34): Vergessliche Besserdeutsche

Nun mache es mal einer den deutschen Rechten recht! Da bekommen sie, was sie wollen, und sind doch wieder nicht zufrieden, zetern sogar noch lauter als gewöhnlich. Es war schon erheiternd zu sehen, wer da alles nach dem Verfassungsreferendum in der Türkei plötzlich Liebe zum Parlamentarismus und zum Pluralismus heucheln musste, um über „die Türken“ herziehen zu können, die zur Demokratie unfähig seien.

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Termine der Woche

Am Sonnabend (29. April) bin ich zum wiederholten Male Gast beim traditionsreichen Grend Slam im schönen Essen. Die von Frank Klötgen organisierte Veranstaltung versammelt jedes Mal andere Autorinnen und Autoren, diesmal sind es neben mir Micha Ebeling (Berlin), Markim Pause (Düsseldorf) und Marvin Suckut (Konstanz). Die Show im Kulturzentrum Grend ist meist sehr gut besucht; es empfiehlt sich, Karten im Vorverkauf zu erwerben oder sehr zeitig da zu sein. Um 20 Uhr geht’s los.

Zitat des Monats April

Aber, was vielleicht noch bedeutsamer ist, auch innerhalb der marxistischen Arbeiterschicht sind seit einiger Zeit Arbeiterführer aufgetaucht, die an den nationalistischen Fragestellungen Geschmack gewonnen haben, und deren Sprache schon jetzt oft kaum noch von der der Nationalisten in den Bünden zu unterscheiden ist. Hier sind die gegebenen Einfallspforten in die Arbeiterschaft.

Ernst Jünger, Rede zur Reichsgründungsfeier des Tannenbergbundes, wiedergegeben im Völkischen Beobachter vom 23./24. Januar 1927

Termine der Woche

Am Mittwoch (18. April) gibt’s eine neue Ausgabe meiner noch jungen Berliner Lesebühne Zentralkomitee Deluxe. Mit mir lesen die äußerst hörenswerten Kollegen Tilman Birr, Noah Klaus, Piet Weber und Christian Ritter. Als besonderen Gast haben wir diesmal außerdem noch Felix Römer mit dabei, den Iggy Pop des Poetry Slam. Los geht es mit dem Fest fortschrittlicher Komik um 20 Uhr in der Baumhaus Bar an der Oberbaumbrücke in Kreuzberg. Tickets sind am Einlass erhältlich.

Am Sonnabend (22. April) lese ich beim Kantinenlesen, dem traditionsreichen Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Am Mikrofon mit dabei sind neben Moderator Dan Richter auch die Autoren Andreas Scheffler und Clint Lukas sowie der großartige Liedermacher Manfred Maurenbrecher. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Link zum Text (33): Nur Freund oder Feind

Krieg macht nicht nur grausam, er macht auch dumm. Wer nur noch Freund und Feind sieht, der erkennt im Gegner keinen Menschen mehr und wird unfähig, das eigene Handeln zu hinterfragen. So ergeht es auch den Leuten, die sich in unseren Tagen nach einem Bürgerkrieg sehnen. Einige versuchen, diesen Krieg mit eigener Faust herbeizukämpfen. Daneben gibt’s viele Tröpfe, die zwar selbst zum Kampf zu feige sind, aber Gewalttäter bestärken, indem sie deren Taten leugnen, verharmlosen oder gutheißen.

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Link zum Text (32): Bezahlte Journalisten

Nicht weit von meiner Wohnung entfernt steht ein kleines Büdchen, das einen Kiosk beherbergt. Über Jahre kaufte ich mir dort meine Zeitungen und Zeitschriften. Da ich, was das Lesen angeht, ein ziemlicher Vielfraß bin, ließ ich eine Menge Geld in dem Kiosk. Doch offenbar nicht genug, denn vor einigen Monaten gab der langjährige Besitzer auf. Die Bude stand eine Weile leer. Dann wurde sie wiedereröffnet, nun allerdings ohne alle Presseerzeugnisse. Es gibt in dem Kiosk mehrere Sorten Wodka, Zigaretten und Kaugummis. Es gibt sogar Rasierklingen, Tampons und Zubehör fürs Mobiltelefon. Aber es gibt keine einzige Zeitung mehr.

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Termine der Woche

Am Dienstag (11. April) darf ich wieder einmal als Gastautor bei einer der ältesten und besten Lesebühnen Berlins mitwirken: LSD – Liebe statt Drogen. Die Stammautoren sind Micha Ebeling, Andreas „Spider“ Krenzke, Tobias „Tube“ Herre, Uli Hannemann und Ivo Lotion. Los geht der Spaß um 21:30 Uhr im Schokoladen, einer der letzten Kulturbastionen in der Mitte Berlins.

Ausnahmsweise schon am Mittwoch (12. April) findet in diesem Monat, um Jesus nicht am Karfreitag noch ärger zu quälen, die Görlitzer Lesebühne Grubenhund statt. Ich lese neue Geschichten gemeinsam mit Udo Tiffert und Max Rademann, als Gast erwarten wir außerdem noch die wunderbare Dresdner Autorin Marie Sanders. Los geht es wie immer um 19:30 Uhr im Kino Camillo.

Wieder am zweiten Donnerstag des Monats (13. April) gibt’s eine neue Ausgabe der Dresdner Lesebühne Sax Royal in der Scheune. Mit mir dabei sind die Stammautoren Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth. Zu hören gibt’s heitere Geschichten und Lieder übers menschliche Dasein ebenso wie satirische Attacken gegen die Weltordnung. Gut möglich ist es freilich auch, dass der keimende Frühling in einem der Poetenhirne ein Liebesgedicht aufsprießen lässt. An fragwürdigen Späßen werden wir es im Scherzmonat April auf jeden Fall nicht mangeln lassen. Karten gibt es bis Mittwoch im Vorverkauf, am Donnerstag ab 19:30 Uhr auch noch am Einlass. Los geht es um 20 Uhr.

Soll man mit Rechten reden?

Soll man mit Rechten reden? Diese Frage wird zurzeit hitzig besprochen und von vielen Leuten auf unterschiedlichste Weise beantwortet. Vielleicht wär’s gut, wenn man die Frage erst einmal richtig stellte. Ein Versuch sei hier gemacht.

Zuerst wäre zu klären, um welches „Reden“ es eigentlich gehen soll. Manch eine, manch einer traut es sich zu, im privaten Gespräch Rechtsradikale, wenn nicht zu bekehren, so doch wenigstens von Gewalt abzuhalten und zurück in die menschliche Gemeinschaft zu locken. Man mag solche Versuche für tollkühn oder für blauäugig halten – jemanden deswegen zu verurteilen, scheint mir in jedem Fall ungehörig. Leider aber geschieht dies gelegentlich. Gesinnungsschnüffler trompeten: „X hat sich mehrmals mit Y getroffen und besprochen! Ein klarer Beweis für heimliche Sympathie, Verbrüderung, Verschwörung gar!“ Solch einer verkehrten Logik können nur autoritäre Charaktere folgen, die ausschließlich mit Gleichgesinnten verkehren.

Schwieriger wird die Sache, wenn es nicht um privates, sondern um öffentliches Reden geht. Eine öffentliche Debatte findet nicht nur zwischen zwei Leuten, sondern vor Publikum statt. Sie ist immer ein politischer Akt. Die Klagen darüber, dass in öffentlichen Diskussionen selten ein trauliches, verständnisvolles Gespräch zustande kommt, sind albern. Sobald irgendwo mitgeschrieben wird, eine Kamera läuft oder ein Publikum zuhört, findet kein Gespräch mehr statt, sondern eine politische Auseinandersetzung, bei der es nicht zuerst darum geht, den andern zu verstehen, sondern die Öffentlichkeit zu überzeugen. Aus dem Gesprächspartner wird ein Diskussionsgegner. Man kann das bedauern, aber es ist nun einmal so.

Soll man sich nun auf eine öffentliche Debatte mit rechten Politikern und Wortführern einlassen? Bevor diese Frage beantwortet werden kann, wäre zunächst zu klären, was denn „Rechte“ eigentlich sein sollen. Für manche gehören zur Rechten so ziemlich alle, die sich nicht entschieden zum Kommunismus bekennen. Andererseits gibt’s Nazis, die keinesfalls als Rechte, die vielmehr als besorgte Bürger der Mitte gelten wollen. Solche Begriffsverwirrung macht die Sache schwierig. Ich würde, auch wenn’s nicht jeden überzeugen wird, zunächst vorschlagen, demokratische Rechte von undemokratischen zu unterscheiden, also von solchen, die rassistische und faschistische Überzeugungen vertreten. Mit demokratischen Rechten sollte man schon diskutieren, auch wenn’s keinen Spaß macht. Mit Nazis, die ihre Feinde knebeln, wegsperren und umbringen würden, wenn sie die Macht dazu hätten, gepflegt zu debattieren, das scheint mir sinnlos. Doch sollte man auch folgenden Gedanken berücksichtigen: Es gibt Fälle, in denen ich gar nicht wissen kann, ob jemand ein Nazi ist oder nicht, bevor ich nicht mit ihm geredet habe.

Eines der größten Übel für die Gesprächskultur im Lande ist die Feigheit der Faschisten. Weil sie sich davor fürchten, wegen Volksverhetzung verknackt oder zumindest öffentlich geächtet zu werden, sprechen sie ihre Überzeugungen nicht offen aus. Sie reden beständig in Andeutungen und bewusst zweideutig, um jede Provokation auch wieder zurücknehmen, jede Aussage wieder leugnen zu können. Die Kameraden verstehen es trotzdem, der Staatsanwalt kann aber nichts nachweisen. Das öffentliche Reden der Faschisten ist ein stetes Raunen und Flüstern, selbst da, wo laut gebrüllt wird. Diese Feigheit der Faschisten hat aber auch einen schlechten Einfluss auf ihre linken und liberalen Gegner. Die haben es sich nämlich angewöhnt, bei rechten Rednern auf unterschwellige Signale zu horchen und zwischen den Zeilen zu lesen, um die wahre Gesinnung hinter den Worten zu enttarnen. Das klappt auch oft. Aber manchmal sehen die überempfindlich gewordenen Augen auch etwas, das gar nicht da ist, und demokratischen Rechten werden fälschlich faschistische und rassistische Überzeugungen unterstellt. Man muss sich wohl damit abfinden: Es gibt einen Übergangsbereich zwischen Konservatismus und Faschismus, zwischen Schwarz und Braun, in dem sich Leute bewegen, deren Gesinnung man nie eindeutig bestimmen wird. Womöglich wissen viele dieser Grenzgänger selbst nicht so genau, wohin sie eigentlich gehören.

Es bleibt also die Frage: Soll man mit Leuten öffentlich diskutieren, die im Verdacht stehen, faschistische Überzeugungen zu hegen? Hier gibt’s zwei entgegengesetzte Standpunkte, die ich etwas vereinfachend als den linken und den liberalen bezeichnen will. Die Linken lehnen Diskussionen mit Leuten am rechten Rand rundweg ab, mit dem Argument, man solle solchen Gestalten „kein Podium bieten“ und sie „nicht salonfähig machen“. Denn schon indem man sie zum demokratischen Gespräch zulasse, werte man sie unnötig auf und sorge dafür, dass ihr Gedankengut in die Bevölkerung einsickere. Dem entgegnen die Liberalen: Es ist Feigheit vor dem Feind, einer Debatte mit den Rechtsradikalen auszuweichen. Man müsse sie vielmehr „im Gespräch stellen“, „in der Sache bekämpfen“ und dadurch letztlich „entzaubern“.

Es lässt sich, wie mir scheint, vieles für und gegen beide Standpunkte sagen. Eine gewisse Kleinmütigkeit muss man der linken Haltung vorwerfen. Die Angst, durch öffentliche Debatten könnte rechtsradikales Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft gelangen, ist jedenfalls unbegründet: Das Gedankengut ist längst da. Allenfalls können publikumswirksame Auftritte dazu beitragen, vorhandene Überzeugungen in Stimmen für rechte Parteien umzuwandeln. Und selbst wenn dies der Fall wäre: Es mag gut gemeint sein, gefährliches Gedankengut von den Menschen fernzuhalten, besonders demokratisch ist so eine Vormundschaft nicht. Linke, die so argumentieren, setzen sich dem Verdacht aus, sie wären nicht der Lage, Rechte im Gespräch zu widerlegen. Dem liberalen Standpunkt muss man wiederum einige Arglosigkeit bescheinigen. Es ist zwar durchaus so, dass alle Diktatoren mit gutem Grund die freie Diskussion fürchten, meiden und unterbinden. Solange sich Faschisten in der Opposition befinden, sind sie aber sehr redefreudig. Dass einer für sich selbst keck die Meinungsfreiheit einfordert, beweist keineswegs seine demokratische Gesinnung. Trügerisch ist auch der liberale Glaube, in jedem Redewettbewerb sorge gleichsam eine unsichtbare Hand dafür, dass sich die vernünftigste Position am Ende durchsetzt. Im öffentlichen Streit siegen tatsächlich stattdessen häufig die Lüge und die Bosheit. Im Publikum sitzen eben nicht nur urteilsfähige, unvoreingenommene Leute. Und die rechtsradikalen Redner kümmern sich nicht um die Regeln des rationalen Diskurses, stattdessen greifen sie bedenkenlos zu den manipulativen Tricks der Demagogie. Es sind oft gerade die Vernünftigen, die in Diskussionen unterliegen, weil sie nicht skrupellos genug sind. Erfolg und Recht sind zwei verschiedene Dinge, nicht immer ist die Wahrheit überzeugend.

Wie beantworte ich nun abschließend die Ausgangsfrage? Gar nicht. Dieses ständige Meinen ist so anstrengend, ich habe heute mal keine Meinung. Vielleicht ist auch einfach die eine Antwort auf die Frage genauso unbefriedigend wie die andere. Ich möchte zum Schluss nur vorschlagen, dass die Leute, die aus jeweils guten Gründen mit Rechten reden oder nicht reden wollen, einander nicht als Nazi-Unterstützer oder Meinungsdiktatoren beschimpfen.

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

Der Wahn, der Hitler antrieb und zeitweise zum Erfolg führte, bereitete ihm schließlich auch sein Ende. Wie jeder totalitäre Denker lebte er in einer „fiktiven Welt“ (Hannah Arendt). Das ging so lange gut, wie er mit Gewalt die Wirklichkeit seiner Ideologie gefügig machen konnte. Als die Wirklichkeit aber widerspenstig wurde, war er längst unfähig geworden, den Tatsachen ins Auge zu blicken, und marschierte unverdrossen in die Katastrophe. Leider hatten die meisten Deutschen sich zu diesem Zeitpunkt seinem Wahn angeschlossen.

Hitler verlor am Ende, gerade weil er von der Unvermeidlichkeit seines Sieges überzeugt war. Diese Selbstgewissheit machte ihn unfähig, sich eigene Fehler einzugestehen. Im Glauben an die historische Notwendigkeit seiner Mission und die Sicherheit seines Sieges ähnelte er den frühen Marxisten:

Wenn [die nationalsozialistische Bewegung] in der Welt unserer heutigen parlamentarischen Korruption sich immer mehr auf das tiefste Wesen ihres Kampfes besinnt und als reine Verkörperung des Wertes von Rasse und Person sich fühlt und demgemäß ordnet, wird sie auf Grund einer fast mathematischen Gesetzmäßigkeit dereinst in ihrem Kampfe den Sieg davontragen. Genau so wie Deutschland notwendigerweise die ihm gebührende Stellung auf dieser Erde gewinnen muß, wenn es nach gleichen Grundsätzen geführt und organisiert wird.
Ein Staat, der im Zeitalter der Rassenvergiftung sich der Pflege seiner besten rassischen Elemente widmet, muß eines Tages zum Herrn der Erde werden.

Weil Hitler seine eigene Weltanschauung für die absolute Wahrheit hielt, glaubte er, ein nationalsozialistisches Deutschland sei vom Schicksal zur Weltherrschaft berufen. Der deutsche Sieg müsse notwendig eintreten, wenn nur der deutsche Wille einheitlich geformt wäre. Hitler war davon überzeugt, dass „die Stärke eines Volkes in erster Linie nicht in seinen Waffen, sondern in seinem Willen“ liege. Später konnte allerdings auch der stählernste Glaube an den gewissen Endsieg nichts gegen die überlegenen Waffen der alliierten Welt ausrichten.

Hitler war außerdem davon überzeugt, dass, „ehe man äußere Feinde besiegt, erst der Feind im eigenen Inneren vernichtet werden muß“. Die Deutschen seien potenziell ein unbesiegbares Volk. Alle deutschen Niederlagen der Vergangenheit hätten immer nur einige innere Versager und Verräter verursacht:

An dem Tage, da in Deutschland der Marxismus zerbrochen wird, brechen in Wahrheit für ewig seine Fesseln. Denn niemals sind wir in unserer Geschichte durch die Kraft unserer Gegner besiegt worden, sondern immer nur durch unsere eigenen Laster und durch die Feinde in unserem eigenen Lager.

Der Universaljudas war für Hitler natürlich „der Jude“, dessen zeitgenössische Erscheinungsform „der Marxist“:

So wenig eine Hyäne vom Aase läßt, so wenig ein Marxist vom Vaterlandsverrat.

Ein innerer „Vernichtungskrieg“, eine „prinzipielle Abrechnung mit den marxistischen Todfeinden unseres Volkes“, war für Hitler unabdingbare Voraussetzung für jeden siegreichen Feldzug nach außen. Als Marxisten betrachtete Hitler dabei nicht die deutschen Arbeiter, die in sozialistischen Parteien und Gewerkschaften organisiert waren – die brauchte er ja noch für seinen Krieg. Sie waren seiner Ansicht nach nur verführt von jüdischen Funktionären. Mit ihnen wäre man schon im Ersten Weltkrieg besser folgendermaßen verfahren:

Hätte man zu Kriegsbeginn und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten wie Hunderttausende unserer allerbesten deutschen Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Felde erdulden mußten, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen.

Im Zweiten Weltkrieg verwirklichte Hitler diese Mordfantasie in einem Ausmaß, das ihm in jenen frühen Tagen von Mein Kampf wohl selbst noch unvorstellbar war. Notwehr als Recht, so lautet der Titel des letzten Kapitels. Die Worte bezeichnen gut die wichtigste, im ganzen Buch ständig wiederkehrende Rechtfertigungslüge Hitlers: Der Mörder unterstellt seinem Opfer Mordabsicht, um es guten Gewissens ermorden zu können.

Schon zur Halbzeit meines Lektüreabenteuers, nach Vollendung des ersten Bandes, habe ich in einem Zwischenfazit darüber gesprochen, welch erbärmlichen Eindruck das Buch macht und wie ratlos es den Leser lässt, der sich fragt, wie eine Figur wie Hitler je die Deutschen begeistern konnte. Dem ist auch nach dem Lesen des ganzen Werkes nichts hinzuzufügen. Ich möchte mich zum Abschluss mit einer anderen Frage beschäftigen: Ist Hitler Geschichte? Oder könnte sein Denken und Handeln in einiger Hinsicht, wie gelegentlich befürchtet, für manche Leute noch immer anziehend sein?

Da wäre zunächst festzuhalten, dass Mein Kampf literarisch Schule gemacht hat. Das Buch ist zwar unförmig, langweilig und sprachlich jämmerlich schlecht, die Verknüpfung von politischem Bekenntnis und autobiografischer Schilderung aber doch gelegentlich wirkungsvoll. Kaum ein moderner Spitzenpolitiker verzichtet heute darauf, eine solche biografisch-politische Selbstdarstellung zu veröffentlichen. Man liest eben lieber das Leben eines Menschen als ein Parteiprogramm. Natürlich stehen solche persönlichen Bekenntnisbücher in einer alten Tradition, die von Paulus über Augustinus und Rousseau bis in die Gegenwart reicht. Doch der Erfolg von Mein Kampf dürfte so manchen Politiker mehr inspiriert haben als jene Klassiker – uneingestanden natürlich.

Wie sieht es aber mit dem Inhalt des Buches aus? Keine Zukunft mehr hat wohl der blutige, mörderische Antisemitismus und Rassismus Hitlers. Moderne Antisemiten und Rassisten vermeiden es heute, ihre Überzeugungen offen auszusprechen, denn seit dem Zweiten Weltkrieg ist eine solche Weltanschauung öffentlich geächtet und stößt auch die Mehrheit der Menschen ab. Moderne Rassismen sind gezwungenermaßen verklemmter, zielen auch nicht mehr auf Ausrottung minderwertiger „Rassen“, sondern nur noch auf Trennung von vermeintlich unvereinbaren „Kulturen“. Dies alles gilt allerdings nur für den Westen. In der muslimischen Welt blüht der Verschwörungswahn des modernen Antisemitismus erst so richtig auf, in den Staaten des ehemaligen Ostblocks ist der offene Rassismus noch immer weit verbreitet. In diesen Welten dürfte der tote Hitler noch viele treue Anhänger finden.

Unvermindert anziehend ist, wie sich gerade heute wieder eindrucksvoll zeigt, Hitlers Verknüpfung von Nationalismus und sozialer Rhetorik. Ich spreche von sozialer Rhetorik, nicht von Sozialismus, weil Hitlers ökonomische Vorstellungen nichts im eigentlichen Sinne Sozialistisches beinhalteten. Er wollte, abgesehen von der Beraubung der Juden, gar nichts an den Vermögens- und Produktionsverhältnissen ändern. Sein „Sozialismus“ beschränkte sich auf moralische Appelle an die deutschen Unternehmer, ihre Arbeiter doch bitte ordentlich zu behandeln, und an die Arbeiter, sich im Dienst und Kampf fürs Vaterland aufzuopfern. Der Nationalsozialismus wirkte anziehend auf so viele Bürger der Mittelschicht gerade dadurch, dass er den Klassengegensatz durch die Idee der „Volksgemeinschaft“ symbolisch überwand, tatsächlich aber unverändert bestehen ließ. Was die Arbeiter und Arbeitslosen anging, setzte Hitler darauf, dass auch sie sich mehr als Deutsche denn als Proletarier verstanden. Und er behielt mit seiner von den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs abgezogenen Spekulation immerhin teilweise recht. Der Nationalismus ist die erfolgreichste Ideologie der Geschichte und sie ist das auch heute noch. Erfolgreich wird auch in Zukunft jeder Demagoge sein, der die nationale Leidenschaft gegen Fremde erregt und dabei auch noch glaubhaft den Anschein erweckt, er ergreife für den „kleinen Mann“ Partei im Kampf gegen die korrupten Eliten.

So, das wär’s. Ich danke noch einmal dem treuen Häuflein, das mich geduldig über fast ein Jahr auf meiner Lesereise durch den Schädel Adolf Hitlers begleitet hat. Vielleicht fragt mancher nun: Micha, was wirst du jetzt, nach der Lektüre dieses schauerlichsten aller Bücher, denn tun? Ich überleg’s mir noch. Aber vielleicht bin ich jetzt reif, mal einen Regionalkrimi zu lesen.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Zitat des Monats März

Zum würdigen Leben gehört mehr als nur soziale Gerechtigkeit. Eine andere Bedingung ist die Identität. Die soziale Gerechtigkeit muss gegen Kapital und Konzerne errungen werden – aber die Identität gegen die Migration. Das Thema ist für die Linken gefährlich: In der Theorie soll doch der Ausländer ein Freund sein. Aber in der Wirklichkeit ist die Einwanderung ein Quell der Sorge. Wenn die Aufgabe einer linken Regierung die Solidarität mit der arbeitenden Bevölkerung ist, dann gehört dazu auch der Schutz der Heimat.

Jakob Augstein