Bemerkungen zur zeitgenössischen deutschen Lyrik. In Knittelversen

Der junge deutsche Lyriker,
Er hat es wahrlich allzu schwer.
Hat er nicht fleißig promovieret,
So wird er nimmer etablieret.
Ganz ohne germanistisch’ Segen
Braucht er die Feder gar nicht regen.
Der neueste Gedankendichter
Schreibt nicht für Pöbel und Gelichter.
Er hat der Käufer ja gar keine,
Ihn schert’s nicht, was der Leser meine.
Er dichtet für Institutionen,
Denn die verteil’n die Subventionen.
Ohn’ Preise und Stipendien
Tät schnell sein Leben endigen.
Den Launen von Kulturamtstrinen
Muss jeder Dichter heute dienen.
Die Politik soll er drum meiden,
Kritik wirkt allzu unbescheiden.
Man frage nicht nach seiner Haltung,
Er freut sich an der Silbenspaltung.
Es schreibt sich unbedingt bequemer,
Ist’s Schreiben immer selbst das Thema.
Ihn kümmern nicht profane Ohren,
Er singt vorm Fenster der Lektoren.
Er möchte nicht die Muse daten,
Er dichtet für die Interpreten.
Ein Wort, das sich allein erkläret,
Das ist banausisch, ungelehret.
Nach den entlegensten Zitaten
Lässt er den Leser daher raten.
Ist’s Büchlein nur auch schön hermetisch,
Gilt er als unerhört prophetisch.
So schreibt er von Permutationen,
Vom Pleistozän und Klimazonen,
Stochastik und Signifikanten
Und Richard Wagners Patentanten.
Doch ach! Das Feuer will nicht zünden.
Warum? Er kann es nicht ergründen.
Wie er auch die Synapsen geigt:
Die Poesie – sie gähnt und schweigt.

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