Messetagebuch

Mein Tagebuch der Leipziger Buchmesse ist diesmal ein Tagbuch, denn nur einen Tag, eigentlich nur einige Stunden, weilte ich vor Ort. Kurz nach Mittag bestiegen die Autoren der Lesebühne Sax Royal am Sonntag den Kleinbus des Künstlers Frank Z., der auch ein Virtuose der Fahrkunst ist. Eine kleine Rast an der Autobahnraststätte frischte uns und unsere Getränkevorräte auf. Schneller als gedacht erreichten wir das Messegelände. Unser Verleger schleuste uns durch den Hintereingang in die Messehalle 5 – wo sich auch die inzwischen als Oase der (relativen) Ruhe bekannte Leseinsel der jungen Verlage befindet. Bevor ich mit den Kollegen daselbst las, stromerte ich noch eine Weile durch die Gänge. Gedrängel und Lärm sind mir freilich nicht lieb. Und ist man weder zwecks Geschäftemacherei noch Bücherklau da, ist so ein Besuch auf der Messe eigentlich herzlich langweilig. Die womöglich einzige Art, auf der Buchmesse Spaß zu haben, ist es, Verleger an ihren Ständen mit dem Satz „Guten Tag, ich schreibe auch!“ zu erschrecken. Schön war es, dass sich zu unserer Lesung allerlei Zuhörer sammelten, denen unsere Texte auch ganz wohl behagten. Noch ein Fläschchen Astra aus den verborgenen Vorräten unseres Verlages Voland & Quist – und wir machten uns mit dem Taxi auf den Weg in die Stadt. Freund und Kollege André Herrmann hatte uns die Gaststätte Stadt Borna zur Einkehr empfohlen, war dabei aber nicht eingedenk, dass besagter Gasthof die Eigenheit hat, am Sonntag um 15 Uhr zu schließen. So latschten wir Beladenen zum Hipsterlokal Hotel Seeblick. Es war überfüllt, wie in Messetagen ja „das bessere Berlin“ an der Pleiße überhaupt etwas überfordert scheint. Der sonst ganz angenehme Ort wurde durch die Liveübertragung eines Fußballspiels zur akustischen Hölle. Rezitationen von Rilke-Gedichten, wie sie sonst in unserem Kreis Usus sind, mussten diesmal also unterbleiben. Nach Verzehr von einiger Nahrung bewegten wir uns in das UT Connewitz, das Verrottung und Charme auf einmalige Weise miteinander vereinigt. Wir kletterten in die Loge und betrachteten von dort aus, wie sich der Saal beinahe restlos füllte. Eine gewisse Müdigkeit machte sich bei allen bemerkbar. Doch kaum auf der Bühne empfing uns eine Wärme des Wohlwollens, die uns sogleich auftaute. Es ward ein ausgesprochen schöner Abend. Unser Verleger brachte sogar einige von den wenigen verbliebenen Restexemplaren unseres Buches Eine Lesebühne rechnet ab an die Frau und den Mann. Alle Anwesenden entschuldigten sich als übermüdet („vier Tage Messe, ich kann nicht mehr …“) oder stellten sich als spaßbremsend („ich muss das Fasten durchziehen“, „ich kann doch morgen nicht besoffen in den Kindergarten“) heraus. Also beschloss auch ich, noch in selbiger Nacht mit dem letzten Zug nach Berlin zurückzukehren. Meine Hoffnung auf eine letzte S-Bahn wurde enttäuscht und kostete mich arg viel Geld. Dafür erlebte ich Berliner Taxifahrerlieblichkeit der echtesten Sorte: „Wennse sich jetz noch anschnallen, kömmer ooch ma losfahrn!“ Leipzig, du verlotterte Schönheit, im nächsten Jahr gerne wieder!

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