Sächsische Protestkultur

Ich warte auf die Straßenbahn. Auf dem Dresdner Theaterplatz (vormals Adolf-Hitler-Platz) steht am Straßenrand ein Häuflein bläulicher Demonstranten. Still halten sie Pappschilder in die Höhe und verteilen Handzettel an Passanten. Vor der Semperoper gegenüber sind Absperrungen, Stände und Scheinwerfer aufgebaut, in wenigen Stunden beginnt der Semperopernball. Auf den Schildern der Demonstranten steht „Liebe Dresdner, viel Freude beim Semperopernball!“ und „Kein Orden für Barroso!“ und „Alternative für Deutschland“. Ein älterer Herr spricht die Wartenden an der Haltestelle der Straßenbahn an: „Kennen Sie den Barroso? Den von der EU? Der soll hier heute einen Orden verliehen bekommen! Was hat denn dieser Barroso für Sachsen getan?!“ Einige Menschen lassen sich Zettel in die Hand drücken, andere nicht. Der ältere Herr redet drei Polizisten an, die nebenan postiert sind: „Kennen Sie den Barroso? Was hat denn dieser Barroso für Sachsen getan? Wollen Sie auch ein Flugblatt?“ – „Nee, danke!“, antwortet lächelnd einer der Polizisten und schüttelt den Kopf. „Bei so einer Demonstration, da müssen wir ein bissel politisch neutral bleiben.“ – „Ja, klar, ganz neutral, was?“, sagt der Alte. Alle lachen. Die Straßenbahn hält.

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