Gehört der Islam zu Deutschland? Eine sprachkritische Überlegung

„Der Islam gehört zu Deutschland“, so meinen der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff und die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mehrere Politiker aus dem rechten Lager haben dieser Einschätzung widersprochen, zuletzt äußerte der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich in einem Interview:

Ich teile diese Auffassung nicht. Muslime sind in Deutschland willkommen und können ihre Religion ausüben. Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört.

Die Versuchung ist groß, die ganze Angelegenheit als einen belanglosen Streit um Worte abzutun. Muslime sind willkommen, aber der Islam gehört nicht dazu? Hä? Verhindert hier wie so oft in der Mediendemokratie der Streit um Worte den Streit um die Sache? Doch auch Worte können Taten sein, wenn sie als öffentliche Äußerungen eine soziale Wirkung entfalten. Und hinter dem scheinbar haarspalterischen Streit um das Wörtchen „gehören“ verbirgt sich tatsächlich ein handfester Gegensatz in der Beurteilung der Gesellschaft.

Niemand kann leugnen, dass in Deutschland heute Millionen Menschen leben, die sich zu einer der verschiedenen Formen des muslimischen Glaubens bekennen. Versteht man das Wort „gehören“ in einem rein objektiven Sinn, dann gehört der Islam zweifelsohne zu Deutschland. Ein Streit um diese Frage setzt also voraus, dass das Wort „gehören“ in einem normativen Sinn gebraucht wird. Macht man diese schlichte Unterscheidung nicht, dreht sich die Debatte ergebnislos im Kreis. Wer in wertendem Sinne sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, der will damit ausdrücken: Auch wenn Muslime in Deutschland leben, soll ihre Religion möglichst keinen Einfluss auf die Gesellschaft als Ganze gewinnen, zumindest nicht in einem so großen Ausmaß wie etwa das Christentum. „Es darf nicht dazu kommen, dass in Deutschland eine islamische Partei entsteht“, sagte vor einer Weile Volker Kauder, der Fraktionschef einer christlichen Partei.

Wenn in solchen Sprechakten der Ausgrenzung von „Deutschland“ die Rede ist, dann wiederum nicht bloß in beschreibender, sondern ebenfalls in wertender Weise. „Deutschland“ ist hier kein geografischer Begriff, bezeichnet auch nicht nur die Summe aller Einwohner. Das Wort steht hier für das problematische Konzept einer deutschen „Leitkultur“ oder „Identität“, also für die Annahme, es gäbe so etwas wie einen genuin deutschen Wesenskern. Tatsächlich gibt es aber nur eine Gemeinschaft, die durch eine Vielfalt von Ähnlichkeiten und Unterschieden gekennzeichnet ist. Die Deutschen sind untereinander nicht identisch und waren es auch nie. Schon vor dreihundert Jahren lebten in den deutschen Staaten französisch parlierender Hofadel, analphabetische Bauern und Landadlige, sächsische und fränkische und hanseatische Bürgersleute, die sich nur mit ihren Kleinstaaten identifizierten, protestantische Flüchtlinge aus Frankreich, in Ghettos gepferchte Juden und viele weitere Bevölkerungsgruppen, die sich kaum miteinander verständigen konnten. Heute hat ein bayrischer Landwirt mit einem Berliner Punk oder einem Hamburger Grafikdesigner gewiss nicht mehr gemeinsam als mit einem islamischen Gemüsehändler. Deutschland war nie etwas anderes als eine multikulturelle Gesellschaft, denn jedes zivilisierte Land besteht aus einer Vielzahl von Kulturen. Das Christentum ist nicht allen Deutschen gemeinsam, ebensowenig bestimmte Sitten und Gebräuche. Die deutsche Sprache wiederum gehört nicht den Deutschen allein, während gerade die Deutschnationalen oft große Probleme mit der Beherrschung dieser Sprache haben. Den Wahn einer rassischen Einheit wird wohl kein vernünftiger Mensch mehr heranziehen wollen, zumal es mit der Abstammung immer eine heikle Sache ist. Zeugungen vollziehen sich meistens im Dunkeln. Was eine Gesellschaft wirklich zusammenhält, ist nicht eine herbeifantasierte „Identität“ des Volkes, übrigens auch nicht die so oft idealistisch beschworenen „Werte“, sondern: das Gesetz, das für alle gilt.

Wer behauptet: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland!“, der fordert unausgesprochen: Meine Partikularkultur ist wertvoller als die Kultur der Muslime, meine Identität sollte Leitbild der ganzen Gesellschaft sein. „Nein, so war es nicht gemeint!“, mag nun mancher einwenden. „Ich verwende den Satz gar nicht wertend, sondern nur historisch! Der Islam hat in der Geschichte einen weit geringeren Einfluss auf Deutschland ausgeübt als das Christentum!“ Das lässt sich nicht leugnen. Allerdings war auch das Christentum Europa einmal fremd, es musste den Sachsen sogar mit dem Schwert gepredigt werden! Und um 1850 sagte der – lange in Dresden beheimatete – Dichter Ludwig Tieck über die Juden:

Wie man die Emancipation der Juden fordern kann, ist mir unbegreiflich. Durch ihr Gesetz sind und bleiben sie mitten unter uns fremd; sie können sich nicht nationalisiren. Unmöglich kann man einem ganz fremden Volksstamme dieselben Rechte einräumen wie dem eigenen! Würde man es denn z.B. mit einer Negercolonie thun, wenn eine solche unter uns wäre? Was die Juden von moderner Bildung angenommen haben, ist nur äußerlich; und die meisten von ihnen, wenn sie aufrichtig sein wollten, würden bekennen müssen, daß sie sich für viel besser halten als die Christen. Ueberall drängen sie sich heute ein, überall führen sie das große Wort. Wenn das so weiter geht, werden wir am Ende nur noch eine geduldete Sekte sein.

Kommt uns diese deutsche Angst nicht irgendwie bekannt vor? Müssen wir Tiecks Befürchtungen auch „ernst nehmen“? Leider kann er einer Einladung in die Dresdner Landeszentrale für politische Bildung nicht mehr folgen.

Nicht einmal die abgeschwächte Behauptung, der Islam gehöre noch nicht zu Deutschland, stimmt mehr, da ja eingewanderte Muslime seit einigen Jahrzehnten offenkundig Einfluss auf die Gesellschaft ausüben. Es soll neuerdings sogar deutsche Konvertiten geben. Wer die falsche Behauptung „Der Islam gehört noch nicht zu Deutschland!“ dennoch aufstellt, verrät schon dadurch, dass er den Satz eben nicht historisch, sondern wertend meint. Aber daraus, dass der Islam erst seit kurzer Zeit zu Deutschland gehört, lässt sich politisch rein gar nichts schließen. Denn die Verfassung ist kein Gewohnheitsrecht, das dem Angestammten Privilegien einräumt, sie beruht auf dem Gedanken der Gleichheit.

Jene „christlich-germanischen Esel“ (Karl Marx), die ihre Weltanschauung der Gesellschaft aufdrängen wollen, sollten wenigstens ihre Haltung offen bekennen. Und nicht so feige sein, sie nur in sprachlicher Vollverschleierung öffentlich auftreten zu lassen.

6

Kommentare
  1. Stefan Semjank

    Sehr geehrter Herr Bittner,
    wiederholt habe ich nun Ihre Artikel weitergegeben, weil ich sie (wenn auch mitunter sehr polemisch) durch aus treffend fand.
    Doch mit diesem Artikel setzen sie dem, was ich bisher gelesen hab, die Krone auf.
    Vielen Dank dafür.

    Ich weiß nicht, ob Sie die Rede des Bundespräsidenten verfolgt haben, aber meines Erachtens passt sie hervorragend zu dem von Ihnen dargestellten Problem. Allein die Aussage „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz!“ müsste direkt nach dem Wort „Identität“ abgekürzt werden, weil sie, wie sie schreiben, aus „so etwas wie einen genuin deutschen Wesenskern“ referiert.

    Wahrscheinlich bedarf es dafür aber noch weiterer und tendenziell sogar viel mehr Menschen, die in Ihrem oder einem ähnlichen Stil schreiben und breiter veröffentlichenden Medien gelesen werden.

    Nochmals Bravo und weiter so.

    Stefan Semjank

    Antworten
  2. gastkommentar

    „Tatsächlich gibt es aber nur eine Gemeinschaft, die durch eine Vielfalt von Ähnlichkeiten und Unterschieden gekennzeichnet ist. Die Deutschen sind untereinander nicht identisch und waren es auch nie.“
    und genau das ist die deutsche identität. wissen sie warum? weil man sie von anderen gemeinschaften unterscheiden kann (natürlich wird diese identität auch durch migration geprägt). ich würde das ganze sogar als kulturgeist bezeichnen.

    man kann objektiv und ohne ihre unterstellte leitkulur zu dem ergebnis kommen:“der islam gehört nicht zu deutschland“ ebenso zu:“Es darf nicht dazu kommen, dass in Deutschland eine islamische Partei entsteht”.

    natürlich nicht, wenn man auf folgendes ergebnis kommen will:“Jene “christlich-germanischen Esel” (Karl Marx), die ihre Weltanschauung der Gesellschaft aufdrängen wollen“.

    Antworten
    • Michael Bittner

      Die Identität besteht in der Nicht-Identität? Das ist ja schon fast Fichte! Ihre objektive Herleitung müssten Sie aber noch näher ausführen. Insbesondere, wie Sie einen Satz, in dem das normative Verb „dürfen“ vorkommt, als Tatsachenbeschreibung lesen können. Aber vielleicht bewegen Sie sich sowieso jenseits der Grenzen der Rationalität. Bestimmt haben Sie ihn persönlich spuken sehen, den Kulturgeist!

      Antworten
      • gastkommentar

        „Die Identität besteht in der Nicht-Identität“
        – nein, schrieb ich auch nicht. sie geben den rahmen selbst an „das Gesetz, das für alle gilt“. in diesem rahmen gibt es eine gesellschaft und sie wird sich von anderen gesellschaften mit anderen rahmenbedingungen unterscheiden.

        „Ihre objektive Herleitung müssten Sie“
        – das ist nicht meine herleitung. es wäre ihre herleitung. mithilfe ihrer groben definition von gemeinschaft, könnten sie ein verhältnis von „Ähnlichkeiten und Unterschieden“ bestimmen, welches …
        (sie wissen schon, sokratischer dialog und so)

        „Insbesondere, wie Sie einen Satz, in dem das normative Verb “dürfen” vorkommt, als Tatsachenbeschreibung lesen können“
        – das können sie auch und das wissen sie auch

        „Aber vielleicht bewegen Sie sich sowieso jenseits der Grenzen der Rationalität. “
        – das ist möglich,; da muss ich mich auf die bewertung meiner umwelt verlassen
        – da ich möglichst rational sein will, bin ich auch nicht objektiv

        „Bestimmt haben Sie ihn persönlich spuken sehen, den Kulturgeist!“
        – auch das kann sein; als mensch kann ich die gesamtheit meiner denkprozesse weder kennen noch beeinflußen, zumal ich zum selbstbetrug neige

        Antworten
  3. gastkommentaro

    „Die frühere Grünen-Chefin (C. Roth) rief die etablierten politischen Kräfte dazu auf, die Gründung einer islamischen Partei zu verhindern. Dies wäre „ein Totalversagen der politischen Parteien“, sagte sie. „Dann wären wir es, die nicht integrationsfähig sind. Die Parteien müssen sich öffnen. Es kann nicht sein, dass eine Religion die Identität einer Partei bestimmt.““

    Antworten
  4. Franz

    „Der Islam gehört zu Deutschland“.

    Der Satz ist ähnlich mit „Die Selbstverstümmelung gehört zu Deutschland“.
    Denn: historisch gehört der Islam so wenig zu Deutschland wie die Selbsverstümmelung.
    Deutschland ist ein freies Land (Frei für Deutsche, und nicht „frei“ im Sinne… Frei für Illegale Einwanderung).

    Der in Deutschland rechtens lebende Bürger, geniesst Freiheit. Dies beinhält auch die Freiheit des Deutschen Bürgers „sich selbst zu verstümmeln“, oder „dem Islam beizutreten“.
    Aber zu behaupten, dass „der Islam zu Deutschland gehöre“, ist einfach ein Satz der nicht die richtige Balance hat.
    Was stark zu Deutschland gehört ist (unter anderem!) die Christliche Tradition und nicht der Islam.

    Ich schäme mich für Deutschland, wenn es den Bürgern in einer unverhältnismäßigen Weise verbreitet, dass der Islam zu Deutschland gehöre.
    Nein, in der Weise… gehört er nicht zu Deutschland. Statt dessen ist es die Freiheit (der Bürger), die zu Deutschland gehört. Das ist das höhere Gut.
    Es ist Blödheit, oder Unverantwortlichkeit, oder geziehlte Manipulation… wenn in einem selektiven Wahn von political correctness… nebensächliche Tatsachen hervorgehoben werden; und den Bürgern untergerieben werden.

    Antworten

Kommentar abgeben

XHTML: Du kannst folgende Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>