Wie schreibe ich einen Hassbrief? Eine Anleitung

Sie wollen einen Autor wissen lassen, dass Sie ihn und seine Auffassungen hassen und verachten? Sie planen, dem Autor zu diesem Zweck einen Brief zu schicken oder eine Botschaft auf seiner Seite im Internet zu hinterlassen? Sie möchten aber keinesfalls in ein konstruktives Gespräch mit dem Feind eintreten, sondern ihm einfach nur Ihre Meinung geigen? Es ihm mal so richtig zeigen, ihm vielleicht sogar etwas Angst einjagen – natürlich ohne Konsequenzen für Sie selbst? Hier die passenden Tipps für den gekonnten Hassbrief:

1. Schreiben Sie anonym! Wer sich persönlich vorstellt, erweckt gleich zu Beginn einen falschen Anschein von Mitmenschlichkeit. Es fällt ohne Maske auch viel schwerer, zünftig verbal gegen den Feind zu keilen. Noch dazu könnte man Sie für Beleidigungen zur Rechenschaft ziehen – das wäre unangenehm. Verzichten Sie also darauf, Ihren Brief zu unterzeichnen. Legen Sie sich im Netz gegebenenfalls eine falsche Identität zu, Pseudonyme wie Ein normaler Bürger, Volkszorn 88 oder auch Dein Alptraum bieten sich an. Sie lehren den Gegner vielleicht sogar ein bisschen das Gruseln!

2. Verzichten Sie auf jede Form von Höflichkeit! Die üblichen Floskeln des Anstands gaukeln dem feindlichen Autor nur vor, Sie wollten ihm mit Respekt begegnen. Die Benimmregeln, die Ihnen vielleicht von Ihren Eltern beigebracht wurden, müssen Sie vergessen. Im Hassbrief wird natürlich immer geduzt, das „Sie“ allenfalls ironisch verwendet, um die Verachtung noch sichtbarer zu machen. Eröffnen Sie Ihren Brief also keinesfalls mit „Sehr geehrte/r Frau/Herr XYZ“, sondern knackig mit einem: „Hallo, Sie Arschloch!“ Oder gehen Sie gleich in die Vollen: „Du bist ja wohl bescheuert, oder was?!“ Es versteht sich von selbst, dass auch beim Abschied keine „freundlichen Grüße“ gefragt sind.

3. Gestehen Sie Ihrem Gegner keine Individualität zu! Das ist zugegebenermaßen eine schwer zu befolgende Regel. Aber auch wenn Sie einen ganz bestimmten Autor aus einem ganz bestimmten Grund hassen, sollten Sie immer versuchen, ihn als bedeutungslosen Teil einer verachtenswerten Gruppe anzusprechen. Die Formel „Leute wie Sie“ tut hier Wunder. Ihr Gegner muss als kleines Rädchen im Getriebe des Schweinesystems, als beliebiger Parteigänger, als ahnungsloser Teil einer großen Verschwörung erscheinen. Gehen Sie ruhig immer davon aus, dass Ihr Gegner nicht aus eigenem Antrieb handelt, sondern als „bezahlter Schreiberling“ feindlicher Mächte, die ihn kontrollieren.

4. Vermeiden Sie sachliche Argumente! Der Einsatz von Fakten, Quellen und Schlüssen ist außerordentlich gefährlich, denn leicht könnten Sie widerlegt werden. Oft überschätzt man hier seine eigene Stärke. Besser ist es, den Feind ausschließlich persönlich zu attackieren. Hier einige der vielfältigen Möglichkeiten: Hat er sich über einen Prominenten lustig gemacht? Die Antwort ist klar: „Du bist ja bloß neidisch!“ Schreibt er ein lesbares Deutsch, benutzt korrekte Zitate oder verweist auf glaubwürdige Quellen? Dann ist er reif für: „Du willst wohl was Besseres sein, du intellektueller Klugscheißer in deinem Elfenbeinturm! Geh erst mal arbeiten!“ Hat der feindliche Autor vielleicht durch irgendeinen dummen Zufall viele Leser gefunden? Holen Sie ihn von der Wolke wieder herunter: „Dich liest sowieso kein Schwein! Versteht doch keiner, dein Gelaber!“ Eine sehr einfache und doch effektive Form des Streitens ohne Argumente kennen wir zudem schon aus dem Kindergarten. Hat der Feind eine Ihnen liebe Person, Partei oder Weltanschauung angegriffen? Dann plärren Sie ihm einfach ein „Sälba!!!“ ins Gesicht. Schrieb er zum Beispiel etwas gegen Intoleranz, dann werfen Sie ihm einfach vor, er sei ja selber intolerant – gegen die Intoleranz!

5. Machen Sie eine Antwort Ihres Gegners unmöglich! Eine kontroverse, sogar eine polemische Diskussion kann trotz aller Widersprüche Spannungen abbauen, Missverständnisse auflösen und die Einsicht auf beiden Seiten vergrößern. Das gilt es zu verhindern! Ihr Hassbrief darf keinesfalls wie eine Einladung zum Gespräch wirken. Machen Sie zunächst Ihr Schreiben durch mangelhafte Rechtschreibung, wüste Grammatik und schlechten Stil nahezu unlesbar. Auf diese Weise zeigen Sie Ihrem Gegner, dass Sie nicht die geringste Mühe auf Ihren Text verschwendet haben. Warum auch? Damit Ihr Gegner Sie verstehen kann? Lächerlich. Auch wenn es schwer fällt: Auf Humor müssen Sie ebenfalls ganz verzichten. Gerade wenn Sie es mit einem witzigen Gegner zu tun haben, ist bitterster Ernst angebracht. Sie wollen sich doch nicht auf das Niveau Ihres Feindes herablassen, oder? Weiterhin ist es wichtig, nicht auf die Argumente der Gegenseite einzugehen. Schütten Sie einfach aus, was Sie schon immer einmal loswerden wollten, zu allen denkbaren Themen, am besten seitenlang, Fakten, Vermutungen und Fantasien bunt durcheinander gemischt. Wenn Ihr Feind auf einen solchen Wust blickt, dann wird ihm mit Sicherheit jede Lust vergehen, etwas zu erwidern. Sollte er sich aber doch erdreisten, Ihnen zu antworten, dann lassen Sie sich auf keinen Dialog ein. Hat er eine Ihrer Behauptungen widerlegt? Ignorieren Sie das einfach, reden Sie weiter, aber über etwas ganz Anderes. Hat er ein Ihnen unangenehmes Zitat präsentiert? Behaupten Sie einfach, es wäre „aus dem Zusammenhang gerissen“. Im allergrößten Notfall gibt es noch eine Geheimwaffe: Werfen Sie dem Feind vor, dass er ja sowieso immer lüge! Mit einem, der im Irrtum ist, kann man sich noch streiten. Mit einem Lügner ist aber jedes Gespräch sinnlos.

6. Die Krönung eines Hassbriefes ist selbstverständlich der Schluss. Hier zeigen echte Meisterhasser ihre Könnerschaft. Alle bisher genannten Maßregeln sollten noch einmal zusammen angewandt werden. Das Ende des Hassbriefes muss unpersönlich, unhöflich, unsachlich und dazu auch noch abschreckend sein. Nichts passt hier besser als eine schön bösartige Drohung. Nicht zu konkret natürlich, sonst gibt es am Ende noch Ärger mit der Polizei! Bewährt haben sich Formeln wie „Eines Tages werden wir Leute wie dich zur Verantwortung ziehen!“ Das lässt noch Spielraum für die Fantasie und ist doch deutlich genug.

7. Ein Brief ist kein Brief! Auch der beste Hassbrief gerät schnell in Vergessenheit. Soll aber der Feind zur Ruhe kommen, um sein schändliches Treiben ungehemmt fortzusetzen? Gewiss nicht. Darum bleiben Sie am Ball, auch und gerade, wenn Sie – wie erhofft – keine Antwort erhalten haben! Sie können gewiss sein: Jeder Autor ist eitel und liest alle Briefe, die ihn erreichen, auch wenn er vielleicht das Gegenteil behauptet. Sorgen Sie also mindestens wöchentlich für Nachschub! Der Feind muss Angst davor bekommen, sein Postfach zu öffnen! Besonders wirksam ist es, einmal ein Dutzend Mails im Laufe einer einzigen Nacht zu schicken, jede Nachricht wütender als die vorherige. Und zum Schluss vielleicht dann nur noch ein Satz: „Ich bin auf dem Weg!“

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Kommentare
  1. Berny

    Hallo Herr Bittner, ich verweise hier freundlichst auf die Hate Poetry Veranstaltungen. Ich glaube, das Ihr wunderbarer Blog und die daran anknüpfenden Posteingänge einiger Ewiggestriger sicherlich für viel Freude beim Publikum sorgen würden. Schön zu lesen, das sie die Anfeindungen der Pegitioten mit Humor nehmen. Weiter so und danke für die Arbeit!

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    • Michael Bittner

      Ja, die Kollegen von „Hate Poetry“ sind großartig. Ich hoffe, ich habe demnächst die Gelegenheit, den Spaß mal live zu sehen.

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  2. Michael Winkler

    Schöner Artikel … (so beginnen oft subtile Hassbriefe 😉 )

    Ich gebe gern zu, dass ich bisher wenig bis keine Hassbriefe bekommen habe – vermutlich bin ich nicht bedeutend genug 🙂
    Henryk M. Broder – auch wenn ich seine Artikel mit „äußerster“ Skepsis lese – veröffentlicht „seine“ Hassbriefe ja meistens auf achgut … also, die die er bekommt, meine ich mit „seine“. Vermutlich bekommt er so viele, dass er nicht immer auf eine Hate-Poetry-Slam-Veranstaltung warten kann …

    Eine Frage bleibt vermutlich dennoch offen – wie geht man damit um?
    Abgesehen von Hate-Poetry-Slams … gibt’s da noch andere Möglichkeiten?
    Wie mahcst du das? Bei Facebook reinsetzen? Auf deinem Blog veröffentlichen … wie viele beantwortest du eigentlich? 😉

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    • Michael Bittner

      Kommentare im Netz veröffentliche ich immer, wenn sie nicht völlig beleidigend oder irre sind. Briefe auch schon mal, wenn es sich lohnt. Briefe, die halbwegs anständig und irgendwie sachlich interessant sind, beantworte ich nach Möglichkeit, wobei es in den letzten Monaten einfach zu viele waren, um hinterher zu kommen.

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      • Michael Winkler

        @ „Kommentare im Netz veröffentliche ich immer, wenn sie nicht völlig beleidigend oder irre sind.“
        Hmm, das brachte mich zu der Frage, ob das nicht manchmal die „witzigsten“ sind.
        Die tun zwar am meisten weh, doch bringen mich persönlich – letztlich (!) – häufig am weitesten, weil ich gut über andere und über mich selbst lachen kann.
        Eigentlich regen solche Kommentare ja nur den Geist an, denn irgendetwas löst man ja beim Gegenüber aus … in 99% der Fälle ist es Selbstreflexion, sprich der Kommentator spricht über sich selbst und sieht die Sache bei dir.

        Mal zwei Beispiele … einer von der Büso sah bei mir mal „faschistisches Denken“ („leider“ nur mündlich artikuliert 😉 ), ein nicht ganz unbekannter Dresdner FDP-ler nennt mich gern einen „verwirrten Linken“, wahlweise auch „Troll“.
        Beim Büsoianer hatte ich bald das Gefühl, dass er über sich spricht, beim FDPler war’s eher so, dass ich mir so dachte ‚Okay, trollig bin ich, der allerdings mindestens so sehr wie ich. Und wenn ich ein verwirrter Linker bin – kann ja gut sein -, dann ist er vielleicht ein >stramm denkender Rechter<' 😉

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  3. Aduna

    Das ist genau so ein Text, wie ich ihn liebe. Bissig und humorvoll. Wenn ich groß bin, will ich auch mal über meinen Schatten springen und nicht immer so viel fiktiven Unsinnlarifari schreiben. Bis dahin muss ich noch mein Plüscheinhorn ordentlich füttern, sonst werde ich ja nie erwachsen.

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  4. Tilly Boesche-Zacharow

    Alles hätte ich erwartet, aber am allerwenigsten eine so blitzgescheite Aufarbeitung
    langer Kommentarlisten, wie sie einem mitunter vor die tränenden Augen kommen.Der ganze, zumeist dümmlich daher kommende Wust oft leider recht minderbemittelter Geister wird so richtig zum Tageslicht widergekäut und so lange über bearbeitet,bis man schnallt, worum es hier wirklich geht.Es ist kein eigener Antrieb und Aufputsch zu Haßkommentaren, sondern gegenteilig die sanfte bis ziemlich starke Wendung zur Herausfindung, wie einfach es wäre, mit einem einzigen Klick das Verschwinden derartiger Briefe einfach abzuschalten.

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