Über den Stil und Sibylle Berg

Ich verrate jetzt einfach mal das Geheimnis des Stils: Es ist sehr leicht, gut zu schreiben, wenn man recht hat. Nur Autoren, die irren oder lügen, müssen der Sprache Gewalt antun. Schlechter Stil sollte deswegen immer misstrauisch stimmen. Stilkritik ist keine klugscheißerische Pedanterie, wie getroffene Hunde oft bellen, sondern unverzichtbar für vernünftige Diskussionen.

Es gibt viele Menschen, die sich in dem Irrtum befinden, die Sprache wäre nur das äußerliche Gewand der Gedanken. Aber die Sprache ist das Denken selbst. Darum sagt Nietzsche: „Den Stil verbessern – das heisst den Gedanken verbessern, und gar Nichts weiter!“ Viele Leute glauben dagegen, sie hätten tiefe und wahre Ideen, könnten sie nur nicht richtig ausdrücken. Sie irren sich. Was man begriffen hat, kann man auch sagen. Was man nicht sagen kann, hat man noch nicht begriffen. Wer am Ausdruck verzweifelt, der sucht den Fehler an der falschen Stelle, nämlich in den Fingern und nicht im Kopf.

Ich möchte an einem prominenten Beispiel illustrieren, wie schlechter Stil und unzureichendes Nachdenken zusammenhängen. Um dem Vorwurf vorzubeugen, ich würfe kritische Blicke immer nur nach rechts, blicke ich heute mal woandershin. Einige meiner Freunde versichern mir, die Autorin Sibylle Berg habe tolle, lesenswerte Romane veröffentlicht. Umso unverständlicher ist es für mich, warum sie so schlechte, gedanklich wie sprachlich schlampige Kolumnen für Spiegel Online schreibt. Als ein Beispiel, das durch viele andere ersetzt werden könnte, diene die jüngste Kolumne über „Impfgegner“ vom 18.4. 2015:

In der „Welt“ diskutieren Mitarbeiter in Serie über den Feminismus, ein Wort, das ich auch nicht mehr lesen oder hören kann, ohne dass mir die Knie einschlafen.

Füße können einschlafen und auch ganze Beine – aber Knie? Ergibt das Sinn?

Als ob man seit 50 Jahren darüber redete, ob LehrerInnen Kinder schlagen dürfen oder nicht.

Das ist kein guter Vergleich, denn die körperliche Züchtigung war noch viel länger nicht nur diskutabel, sondern auch legal. Mancherorts wird heute noch mit gutem Gewissen geschlagen.

Irgendwann müssen gesellschaftliche Probleme in einer demokratischen Welt die Phase der Diskussion verlassen und politisch zu Gesetzen werden, anders scheint mitunter keine Entwicklung möglich.

Auch der dritte der drei ersten Sätze der Kolumne ist schief. Ein Problem muss zum Gesetz werden? Ganz sicher nicht. Was Sibylle Berg sagen wollte, aber nicht gesagt hat: In einer demokratischen Gesellschaft sollten Probleme nicht endlos diskutiert, sondern irgendwann durch eine gesetzliche Regelung endgültig gelöst werden.

Das Impfen, Sie erinnern sich? Rückkehr zu Masern, Mumps und Keuchhusten, es ist ja auch sonst nichts los. Ich wagte im Freundeskreis, den ich nicht besitze, jüngst die These, dass es westlichen Eltern bald gelingen würde, in eben den westlichen Ländern auch die Kinderlähmung wieder einzuführen. Zum Wohle aller. Ich komme noch aus einem Jahrhundert (zwei Kriege habe ich erlebt), als Kinder mit Geh-Schienen im öffentlichen Raum normal waren. Es lehrte uns Kinder Demut. Vielleicht scheint das Impf-KritikerInnen erstrebenswert.

Wir verstehen ungefähr, was Sibylle Berg sagen möchte und sind sogar einverstanden. Aber wir müssen den Sinn teilweise erraten. Der letzte Satz bedeutet eigentlich genau das Gegenteil dessen, was er sagen will: Impf-KritikerInnen hielten die beschriebene Demut für erstrebenswert. So ist das leider immer mit den Kolumnen von Sibylle Berg. Man muss beständig gegen Verwirrung und Verzerrung anlesen. Dies und nicht etwa die argumentative Schärfe macht die Kolumnen der Autorin so anstrengend.

These zwei: Es geht nicht um den Kampf gegen die Pharmalobby oder die Reptiloiden, sondern um ein wirksames Erziehungsmittel: Kindern Angst zu machen, indem man dem Kind schreckliche Schicksale zeigt, ist hilfreicher als Themen auszudiskutieren.

Sibylle Berg hält also das Angstmachen für hilfreicher als das Diskutieren? Das wäre eine selbst recht diskussionsbedürftige These. Oder muss man das Ganze ironisch lesen? Wirft sie stattdessen den Impfgegnern vor, Kindern Angst vorm Impfen zu machen? Man weiß es nicht. Die Ironie funktioniert in Sibylle Bergs Kolumnen selten, weil man der Autorin jeden Gedankensprung und jede argumentative Inkonsistenz wirklich zutraut.

Oder, These drei, zeigt sich am Impfbeispiel eine der Schwachstellen der Demokratie? Ist eine demokratische Gesellschaft nur so intelligent, wie ihre dümmsten Mitglieder? Zieht sich der Graben zwischen Mitbestimmung, Freiheit und Macht der gewählten Regierung da, wo es um die Gewinnmaximierung des kapitalistischen Systems geht?

Wer reißt nun diesen merkwürdigen Graben auf? Oder zieht er sich auf geheimnisvolle Weise selbst? Sibylle Bergs Kolumne weigert sich wie auch sonst oft, das verantwortliche Subjekt konkret beim Namen zu nennen. Stattdessen gibt’s diffuse Attacken gegen den Kapitalismus, die niemanden wirklich treffen. Es ist ein Weltekel, der sich selbst für Gesellschaftskritik hält. Ähnlich diffuse Vorwürfe erheben auch die Impfgegner, die eine Verschwörung der Pharmaindustrie mit Ärzten und Politikern wittern. Sibylle Berg ist also von der Unvernunft, gegen die sie anschreiben möchte, gar nicht so weit entfernt.

Oder genau dort, wo die Meinungsfreiheit in Hetze umschlägt, oder die persönliche Freiheit die geistige und körperliche Gesundheit der Anderen gefährdet, kurz: sich Einfalt gegen das Gemeinwohl wendet? Wie kann man sich gegen scheinbaren Unsinn wehren, ohne sich als Volldepp zu outen und mit Pappschildern Wilders Ausführungen beizuwohnen? Und wie kann man dafür sorgen, dass die Bevölkerung eines Landes einen ähnlichen Grad an Bildung und Verantwortungsbewusstsein erreicht um ihren demokratischen Pflichten in einer Weise nachzukommen, die nicht nur auf den eignen Vorteil bedacht ist? Muss jeder in eine Partei eintreten, um seine Idee, wie ein Land regiert werden sollte, durchzu-, sagen wir, sitzen? Vertraut man auf die Eigenverantwortung, und ignoriert so etwas wie Angst und Dummheit wegen Uninformiertheit?

Wer mir erklären kann, wie dieses Irgendwie-ist-irgendwas-mit-unserem-Land-nicht-in-Ordnung noch mit der Debatte ums Impfen zusammenhängt, dem gebe ich ein Bier aus. [Vgl. unten den Deutungsvorschlag des Kollegen Anselm Neft.] Ist PEGIDA eine Infektionskrankheit, gegen die Zwangsimpfungen helfen könnten? Der Vorwurf, unsere Gesellschaft leide unter dem Egoismus der Einzelnen, ist so idealistisch wie abgenutzt. Er geht an der konkreten Sache wieder ganz vorbei. Das Problem ist ja nicht, dass Bürger nur ihren eigenen Vorteil suchten, sondern dass sie durch Vorurteile sich selbst und der ganzen Gesellschaft schaden.

Wie sollte der Staat beschaffen sein, in dem sie gerne leben, möchte ich alle fragen, die die westlichen Staaten ablehnen, die gegen „die da oben“ wettern, die von Bullen reden und zugleich nach mehr Polizei rufen. Die ihre Kinder nicht impfen lassen, aber schreien, wenn sich das Kind in einer Kita ansteckt, und sei es mit Läusen. Was wollt ihr und wie soll das aussehen? Ihr Motzer da draußen.

Ein Impfgegner würde ruhig antworten: „Wir schreien gar nicht über Ansteckungen, wir veranstalten sogar Masern-Partys, weil wir glauben, dass diese Krankheiten nicht so gefährlich sind, wie man uns einreden möchte. Selbst die Laus gehört zu den natürlichen Kreaturen auf Gottes schöner Erde. Wir würden die Läuse durch homöopathische Kopfduschen gewaltfrei zur Umsiedlung bewegen.“ Und schon wäre Sibylle Berg argumentativ schachmatt gesetzt.

Die Autorin selbst schwankt ganz wie die angeklagten Wutbürger unentschieden zwischen Freiheitsverlangen und dem Wunsch nach staatlichem Zwang. Auch Sibylle Berg weiß nie, was sie eigentlich will. Deswegen sind ihre Kolumnen nicht mehr als manchmal halbwegs treffendes, manchmal bloß überflüssiges Gemotze.

***

„Ich hätte gerne ein Bier von dir. Der Zusammenhang in dem tatsächlich unsauberen, von dir aber teilweise nicht gründlich genug gelesenen Rumformuliere von Frau Berg ist der: Wenn Impfgegner aufgrund ihrer Sicht der Dinge das Wohl anderer Leute durch Ansteckung mit fiesen Krankheiten gefährden können, dann wendet sich in Bergs Augen „Einfalt gegen Gemeinwohl“ und es ergibt sich die Frage, wie man allgemein mit der Unbildung und Verwirrung der Mitmenschen umgeht, die einen ja auch immer selbst in Mitleidenschaft ziehen können.“ (Kommentar von Anselm Neft)

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Kommentare
  1. Tanna

    Hallo Herr Bittner,

    Ihren Blog lese ich schon eine Weile. Hinweise darauf bei twitter zu setzen, wird wohl in Ihrem Sinne sein, oder? Bemerken Sie das überhaupt?

    Viele Grüße und weiterhin viele interessante Gedanken,
    Tanna

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    • Michael Bittner

      Natürlich freue ich mich, wenn Beiträge geteilt werden. Ich bin selbst nicht bei Twitter, aber das macht ja nichts. Vielen Dank und beste Grüße!

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