Aus meiner Fanpost (14): Der Turnvater

Hallo Herr Bittner,
ich möchte auf Ihren Text in der SZ vom 8. 12. nicht weiter eingehen; dazu ist mir die Zeit zu schade. Nur eine Frage: Warum erfüllt es Sie mit Genugtuung, dass unsere Schulkinder wegen der „Zweckentfremdung“ durch Unterbringung der Flüchtlinge in den Turnhallen keinen Sport mehr treiben können? Wegen Turnvater Jahn im 19. Jahrhundert??? Verstehen Sie nicht, dass Sie durch derartiges Geschreibsel Ihrem Anliegen einen Bärendienst erweisen? Übrigens: Ich bin kein „seltsam übellauniger Bruder drüben in der Zone“ (was für eine gnadenlose Arroganz!), sondern (weitgereister) Fotograf aus München.
****** K*****

Sehr geehrter Herr K*****,

gerne gehe ich auf Ihre kritische Nachricht ein, dazu ist mir meine Zeit nicht zu schade. Dass meine Genugtuung über die Zweckentfremdung von Turnhallen ein Witz auf Kosten des Turnvaters Jahn ist, haben Sie richtig erkannt. Wenn Sie nun auch noch über Sinn für Humor verfügten, könnten Sie darüber lachen statt sich aufzuregen. Mit Sinn für Humor hätten Sie auch erkannt, dass die Rede über die „übellaunigen Brüder drüben in der Zone“ nicht meine Arroganz gegenüber Ostdeutschen widerspiegelt, was bei einem Ostdeutschen auch merkwürdig wäre, sondern die Sichtweise vieler Westdeutscher auf die Ossis ironisch abbildet. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf Ihren weiten Reisen vielleicht irgendwann einmal dem Humor begegnen und ihn mit zurück nach München nehmen.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner.

Hallo Herr Bittner,
es gibt offensichtlich mehrere Arten von Humor. Ihren Humor bezeichne ich – gelinde gesagt – als schräg. Ich kenne keinen Westdeutschen, der die Bewohner der ehemaligen DDR derartig abschätzig aburteilt, auch nicht als „Scherz“. Noch ein „übrigens“: Ich kenne Dresden sehr gut; mein *** lebte dort und ich habe ihn jedes Jahr besucht. Können wir uns darauf einigen, dass endlich diese alberne Teilung in „Wessis“ und „Ossis“ aufhört – 25 Jahre nach der Wiedervereinigung? Wenn Sie „Deutschland“ nicht mögen, ist das Ihre Sache. Aber: Polemische Texte wie „Überfordert uns!“ tragen nicht zur Versachlichung der Diskussion bei. Die Schriften von Fichte, Arndt, Jahn etc. muss man im historischen Kontext der Befreiungskriege gegen die napoleonische Unterdrückung sehen – das war vor 200 Jahren! Wenn es jetzt nur noch „Gutmenschen“ und „Rechtspopulisten“ (bzw. Neonazis) gibt und nichts dazwischen, haben wir ein Problem – siehe Pegida. In ganz Europa gewinnen Rechtsparteien. Warum wohl???
Trotzdem Grüße ins schöne Dresden.
****** K*****

Sehr geehrter Herr K*****,

die Geschmäcker in Sachen Humor sind verschieden und natürlich steht es Ihnen frei, meinen nicht zu mögen, das ist kein Problem. Dass eine polemische Schrift nicht zur Versachlichung beiträgt, ist richtig. Ich finde meinen Beitrag allerdings gar nicht sehr polemisch. Aber selbst wenn er es wäre, halte ich das für kein Problem, denn eine Polemik hat gar nicht die Aufgabe zu versachlichen, sondern will zu Widerspruch reizen, um eine Diskussion zu eröffnen. Ich kann deswegen Ihre Mahnung, doch bitte nicht über die speziellen Probleme von Ostdeutschland zu sprechen, auch nicht akzeptieren. Ginge es nicht um Ostdeutschland, sondern um den Islam, würden Sie gewiss gegen Redeverbote und für offene Kritik plädieren, oder?

Der Nationalismus in den Schriften von Fichte, Arndt und Jahn steht in einem historischen Kontext, das ist wahr. Aber auch in diesem Kontext war er schon falsch und gefährlich und wurde von Zeitgenossen wie Goethe, Jean Paul, Heine und Saul Ascher bereits kritisiert. Warum sollte man das in der Gegenwart nicht tun dürfen? Und ganz in diesem Sinne stoppt man den Vormarsch der Rechtsradikalen in Europa nicht, indem man schweigt, sondern indem man offen redet. Dass es nichts anderes als „Gutmenschen“ (was immer das sein mag) und Neonazis gäbe – einen solchen Blödsinn habe ich nie behauptet.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner.

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