Eins und Eins

Guten Abend, Andreas Schmidt vom 1&1 Kundenservice, wie kann ich Ihnen helfen?

Hoffentlich besser als Ihre zwölf Kollegen, mit denen ich schon telefoniert habe. Mein Anschluss funktioniert nicht mehr, seit zwei Monaten bin ich jetzt schon ohne Internet. Ich rufe fast jeden Tag bei Ihnen an.

Es freut mich, dass Sie so gerne mit uns quatschen. Worum soll es diesmal gehen? Die Flüchtlingskrise? Vegane Ernährung? Spaß beiseite: Ich bräuchte bitte erst einmal Ihr Geburtsdatum zur Verifikation Ihrer Identität.

25. Dezember 1980

Oh, da sind Sie ja ein richtiges Weihnachtskind! Beinahe wären Sie am Heiligen Abend zur Welt gekommen!

Ja, wäre ich einen Tag eher geboren, könnte ich die Welt jetzt vielleicht von 1&1 erlösen.

Ihr Problem ist bei uns registriert. Ich habe Ihren Anschluss jetzt auf meinem Bildschirm, der ist wirklich tot, mausetot, da geht gar nichts.

Warum können Sie die Leitung nicht einfach reparieren?

Wir? Reparieren? Die Leitung gehört uns ja nicht einmal! Die gehört der Telekom. Und diese Arschgeigen haben natürlich überhaupt kein Interesse daran, für unsere Kunden irgendwas zu reparieren.

Wenn 1&1 nicht einmal die Kabel gehören, wozu gibt es dann bitte Ihre elende Firma?

Na, irgendwer muss doch das Geld regelmäßig von Ihrem Konto abbuchen, oder?

Machen Sie sich über mich lustig?

Ja. Das ist unsere neue, offensive Kommunikationsstrategie: Kundenzufriedenheit durch Galgenhumor. Wir haben das von der Deutschen Bahn übernommen. Die macht sich ja schon seit einer Weile mit diesem komischen Baustellenmaulwurf über ihre wütenden Kunden lustig. Seien Sie doch bitte einmal ehrlich: Wenn Sie wieder Internet hätten, was würden Sie denn damit anstellen?

Ich brauche das Netz für meine Arbeit als Schriftsteller, ich muss recherchieren!

Na, das sieht aber hier auf meinem Bildschirm ganz anders aus bei Ihnen: Facebook, Spiegel Online, Facebook, blutjungenymphomaninnen.com, Facebook…

Soll das heißen, Sie können meine Internetchronik einsehen?

Nein, aber ich hab’s wohl trotzdem ganz gut getroffen, was? Hören Sie: Wir von 1&1 wollten Ihnen mit der Abschaltung Ihres Anschlusses einen Gefallen tun: Sie haben jetzt endlich mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben! Gehen Sie morgens ausgiebig joggen, lesen Sie endlich mal George Orwell, besuchen Sie Ihre Großmutter im Altersheim!

Sie wollen mir also Gutes tun.

Nicht nur Ihnen! Unter uns: Das Bundesgesundheitsministerium bezahlt 1&1 dafür, dass wir die Internetsucht der Deutschen durch Zwangsabschaltungen bekämpfen. Das ist inzwischen unser eigentliches Geschäftsmodell.

Sagen Sie, haben Sie nichts Vernünftiges gelernt, dass Sie im Call-Center arbeiten müssen?

Ich hab über Adorno promoviert. Ob das vernünftig war, will ich selbst nicht beurteilen. Aber erzählen Sie das bitte nicht weiter, sonst fliege ich noch wegen Überqualifikation.

Haben Sie keine Angst, dass ein Vorgesetzter unser Gespräch mithört?

Das ist sehr unwahrscheinlich. Haben Sie eine Ahnung, wie viele Kunden mit Problemen wir hier täglich abwimmeln? Und außerdem: Demnächst werden wir wahrscheinlich sowieso alle durch Sprechroboter ersetzt. Die können dasselbe wie wir noch billiger machen. Im Grunde reicht ja ein Tonband, das immer im Wechsel die Sätze abspielt: „Es tut uns außerordentlich leid!“ und „Wir arbeiten mit Hochdruck an der Lösung Ihres Problems!“

Warum in Gottes Namen tun Sie sich diesen Job an?

Irgendwoher muss das Geld doch kommen. Jeder muss seinen Esel satteln und das hier ist meiner. Als ich Adorno las, da ist mir ein Licht aufgegangen. Ich dachte mir: Wenn es kein richtiges Leben im falschen gibt, dann kann ich auch gleich das falscheste im falschen führen. Ich dachte zuerst noch an Public Relations oder die Bundeswehr, aber dann schien mir doch das Call Center noch passender für eine komplette Selbstaufgabe.

Wissen Sie, was ich mich frage? Wieso brauchen wir ein Dutzend Telefonanbieter, einer unfähiger und krimineller als der andere, die doch alle auf denselben Kabeln reiten? Die alle Profit nur machen können, indem sie ihre Mitarbeiter ausbeuten und ihre Kunden verarschen? Warum gehört das ganze Netz nicht einfach der Gesellschaft und steht jedem frei zur Verfügung?

Auweia, Sie sind wirklich rührend. Passen Sie auf, wenn uns hier wirklich jemand zuhört, dann werden Sie bald abgeholt, aber nicht von der Polizei.

Gibt es denn nun noch eine Chance, dass mein Anschluss irgendwann wieder funktioniert?

Ich glaub’s nicht. Schaffen Sie sich lieber Brieftauben an! Haben Sie denn noch nie darüber nachgedacht, warum 1&1 eigentlich 1&1 heißt?

Nein.

Weil hier niemand arbeitet, der eins und eins zusammenzählen kann.

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