Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Es gibt wohl nur wenige Übel, aus denen nicht auch ein bisschen Gutes entspränge. So verhält es sich auch mit dem Internetmoloch Amazon, bei dem man immerhin Adolf Hitlers poetisches Hauptwerk Mein Kampf erwerben kann, ohne persönlich eine Buchhandlung aufsuchen zu müssen.

Ich kaufe meine Bücher sonst immer in einem Laden, der von zwei Frauen mit sehr pazifistischer Aura geführt wird. Die Vorstellung, einer der beiden mit dem Satz „Guten Tag, ich möchte gerne Mein Kampf bestellen!“ entgegenzutreten, erfüllte mich mit Unbehagen. Die beiden hätten meine Order gewiss entgegengenommen, mich von diesem Tage an aber wahrscheinlich mit anderen Augen betrachtet. Zufällig im Buchladen anwesende Kunden hätten mich vielleicht gefilmt und als Personifikation des globalen Rechtsrucks bei YouTube hochgeladen. Natürlich hätte ich bei meinem Kauf mein streng sachliches Interesse betonen oder gleich auch noch Das Kapital mit kaufen können – aber hätte das nicht alles nach schlechter Tarnung ausgesehen? Wie hätte ich antworten sollen auf die sonst unverfängliche Frage: „Möchten Sie gerne eine Tüte?“ Etwa mit: „Nein, danke! Ist doch kein Problem, mit Mein Kampf unterm Arm durch Friedrichshain zu spazieren! Vielleicht sprechen mich ein paar Gäste der Antifa-Kneipe an der Ecke spontan an, um mit mir einen Lektürezirkel zu bilden!“

Nein, es war ohne Zweifel besser, in diesem Fall Zuflucht bei der Anonymität des digitalen Kapitalismus zu suchen. Immerhin verspricht Amazon ja, den Profit, den die Firma Adolf Hitler verdankt, für gemeinnützige Zwecke zu spenden. So stand dann eines Mittags ein Paketbote vor meiner Tür, überreichte mir die schwere Fracht und wünschte mir noch einen schönen Tag. „Was hast du denn schon wieder für Bücher bestellt?“, rief die Partnerin aus der Küche. „Ach, nichts Besonderes, Süße, bloß Mein Kampf!“ Schon nach dem Öffnen ereilte mich der erste Anfall von Reue: Welch monströse Schwarten! Die zwei Bände der neuen kommentierten Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte sind so riesig, dass sie nicht einmal ins Bücherregal passen. Hätte es nicht irgendeine antiquarische Ausgabe auch getan? Oder eine aus dem Netz gesaugte Textdatei? War überhaupt das ganze Vorhaben ein Unfug? Ein kalter Sturzbach des Zweifels strömte auf mich herab: Weißt du wirklich keine bessere Art, deine Zeit zu verbringen? Kennst du Hitlers Biografie und Weltanschauung nicht zur Genüge aus anderen Büchern? Wieso solltest du etwas über dieses Buch zu sagen wissen, was nicht schon längst von anderen besser gesagt worden ist? Am Ende beschloss ich aber, einfach anzufangen. Sollte die Lektüre mich anöden oder sich als Quatschidee herausstellen, höre ich einfach wieder auf. Im Gegensatz zu Hitler halte ich mich ja nicht für unfehlbar.

Und das geht ja gleich gut los:

Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, daß das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies. Liegt doch dieses Städtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint!
Deutschösterreich muß wieder zurück zum großen deutschen Mutterlande und zwar nicht aus Gründen irgendwelcher wirtschaftlichen Erwägungen heraus. Nein, nein: Auch wenn diese Vereinigung, wirtschaftlich gedacht, gleichgültig, ja selbst wenn sie schädlich wäre, sie müßte dennoch stattfinden. Gleiches Blut gehört in ein gemeinsames Reich.

Seit Goethe scheint so ziemlich jeder Deutsche sich berechtigt zu fühlen, am Anfang seiner Autobiografie über das schicksalsschwere Ereignis der eigenen Geburt zu sinnieren. Ich las irgendwann einmal von einer Umfrage, nach der ungefähr die Hälfte aller Deutschen wirklich glaubt, ihr Leben sei nicht vom Zufall, sondern von einem höheren Plan bestimmt. Es gehört schon ein ungesundes Maß an Selbstüberschätzung zu der Vorstellung, das Universum kümmere sich um irgendeinen Hosenscheißer, der in Braunau am Inn oder sonst wo geboren wird. Ich kam in Görlitz zur Welt, der geteilten Neißestadt an der Grenze zu Polen. Meine Lebensaufgabe wäre es demnach gewesen, die ehemals deutschen Ostgebiete heim ins Reich zu holen. Das wird nun wohl leider nichts mehr. Immerhin gab es aber vor einer Weile eine Wiedervereinigung zweier deutscher Staaten gegen alle wirtschaftlichen Bedenken – ob Hitler sich über diese Erfüllung seines Traums gefreut hätte? Wahrscheinlich nicht, denn er war ja ganz am Ende seines Lebens von den Deutschen enttäuscht und wünschte ihnen den Untergang.

In Hitlers Sehnsucht nach der Vereinigung des Blutes mit dem Mutterlande rumort aber wohl noch etwas anderes als nur Politik: Will sich da nicht auch ein einsamer, zur Liebe unfähiger Sohn mit seiner früh verstorbenen Mutter wiedervereinigen? In der ganzen rassistischen Literatur taucht immer wieder ein sehr auffälliges Lob der Inzucht auf, so etwa beim von Hitler geschätzten Grafen Gobineau, der „Heirathen unter Blutsverwandten“ für gesund und natürlich hielt. Erst die verlogenen Liberalen hätten die schöne Tradition des Inzests in Misskredit gebracht und dafür die schändliche Rassenmischung propagiert. Rassisten sind Männer, die am liebsten ihre Mutter geheiratet hätten, um das reine Blut der eigenen Familie nicht mit fremdem Blut zu verunreinigen. Hitler konnte seine Mutter nicht wieder zum Leben erwecken, aber führte später immerhin eine Beziehung mit seiner Nichte.

Überhaupt sollte man wohl nach der historischen Erfahrung immer misstrauisch werden, wenn einer viel vom „Blut“ spricht. Er wird irgendwann auch Blut sehen wollen, vorzugsweise aber das Blut der anderen. Die Vorsehung will es, dass eben dieser Tage der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, ein in seiner Mischung aus Größen- und Verfolgungswahn Hitler nicht unähnlicher Mann, über das verdorbene „Blut“ seiner Gegner redet. Hoffentlich wird dieser neue Despot früher gestoppt als sein Vorgänger.

***

Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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Kommentar
  1. Rüdiger Reisert

    Lieber Herr Bittner,
    ich danke Ihnen für die Mühe, die Sie auf sich genommen haben, um diese Edition zu erlangen und zu kommentieren. Ich bin ja sehr neugierig, was Amazon Ihnen nun unter dem Aspekt „Kunden, die dieses Buch gekauft haben, interessieren sich auch für. . .“ anzubieten hat.
    Mir hat ja vor einigen Jahren schon die bereits kommentierte Audio-Fassung von Serdar Somuncu ausgereicht um zu wissen, dass ich diesen und auch sonst manchen Unsinn nicht selber lesen muss.
    Liebe Grüße,
    R. Reisert

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