Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Es gibt ein Foto, das Adolf Hitler in seinem ersten Lebensjahr zeigt. Ein Säugling, in weißem Strampelanzug und mit auffällig schwarzem Haar, blickt in die Kamera, mehr ängstlich und verwirrt als neugierig. Wer dieses Bild anschaut, wird von zwei Gefühlen beschlichen, die nicht zueinander passen wollen. Man sieht ein Kleinkind, so rührend wie jedes andere, und glaubt doch zugleich in den Zügen dieses Säuglings schon das spätere Monstrum zu entdecken. Unwillkürlich gelangt man zur Frage: Steckte im Kind schon der Verbrecher? Aber wer dies annähme, übernähme den Schicksalsglauben Hitlers, nur ins Negative gekehrt. Auch er sah sich ja auf einem von der Vorsehung bestimmten Weg zum Ziel. Aber solche geraden Wege existieren in der Wirklichkeit nicht. Im Kind steckte kein Führer, sondern eine unendliche Vielfalt von Möglichkeiten. Was beschädigte das Leben dieses Kindes so fürchterlich, dass es später nicht nur sich selbst, sondern noch die halbe Welt mit sich in den Untergang riss?

In dem Kapitel Im Elternhaus über seine Kindheit und Jugend verrät Adolf Hitler nicht viel. Für Auserwählte gehört sich das so, auch über die Jugend Jesu ist ja wenig bekannt. Was der Autor erzählt, entspricht weniger der Wahrheit als dem Wunsch, sich selbst zum geborenen Führer zu stilisieren.

Ich glaube, daß schon damals mein rednerisches Talent sich in Form mehr oder minder eindringlicher Auseinandersetzungen mit meinen Kameraden schulte.

Als „jungen Revolutionär“ sehen wir den Helden, als Anführer im Kreis seiner Freunde und als aufmüpfigen Kritiker seiner Lehrer in der Schule:

Daß ich damals schon nicht zu den Lauen gehört habe, versteht sich von selbst.

Zum „völkischen Nationalismus“ will der Autor als Schüler schon gelangt sein, durch ein eifriges Studium der Geschichte. Das allerdings war wohl nicht sehr intensiv, sondern extensiv und selektiv:

Die Kunst des Lesens wie des Lernens ist auch hier: Wesentliches behalten, Unwesentliches vergessen.

Der Schüler Hitler vernachlässigte angeblich bewusst all jene Fächer, die ihn nicht interessierten, obwohl er sie kraft seiner Genialität natürlich auch leicht hätte bewältigen können. Die Kunst, nur solche Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, die das eigene Weltbild bestätigten, beherrschte Hitler tatächlich auch später noch wie kein anderer. Völlige Kenntnislosigkeit konnte dem immerhin Halbwissenden wirklich nie jemand vorwerfen. Aber einem im Wahn gefangenen Menschen nützt alles Wissen der Welt nichts.

Schon jetzt erscheint mir die Kritik, wie sie etwa der Historiker Götz Aly an der neuen kommentierten Ausgabe von Mein Kampf geübt hat, kleinkariert. Der – nur auf den ersten Blick abschreckend umfangreiche – Kommentar macht den Leser mit der Welt vertraut, in der Hitler lebte. Erst durch den Blick auf diese Welt gewinnt der Text seinen ganzen Sinn zurück. So kommen auch Zeugen zu Wort, die Hitlers Jugendlegende korrigieren. In ihren Erzählungen erscheint ein Außenseiter und Schulversager, der vor allem unter seinem gefühlskalten, tyrannischen und cholerischen Vater litt. Beinahe täglich soll der kleine Adolf geschlagen worden sein. Es ist schwer, ein solches Schicksal nachzufühlen, wenn man selbst liebenden Eltern eine glückliche Kindheit verdankt. Aber offenkundig prügelten die Fäuste des Vaters dem kindlichen Körper einen unauslöschlichen Hass ein. Kann man deutlicher als mit den folgenden Worten sagen, dass man den eigenen Vater abgrundtief gehasst und ihm den Tod gewünscht hat?

Mit dem 13. Lebensjahre verlor ich urplötzlich den Vater. Ein Schlaganfall traf den sonst noch so rüstigen Herrn und beendete auf schmerzloseste Weise seine irdische Wanderung, uns alle in tiefstes Leid versenkend.

Aus Adolf Hitler wurde aber kein anarchistischer Rebell. Er begehrte gegen den Vater auf, wollte „Kunstmaler“ und nicht Beamter werden. Aber er rebellierte nicht gegen die Autorität. Er wurde zugleich zum Gegenbild und zum Abbild seines Vaters, zu einem widerspenstigen Tyrannen. Ein Lehrer erzählt:

Belehrungen und Mahnungen seiner Lehrer wurden nicht selten mit schlecht verhülltem Widerwillen entgegengenommen, wohl aber verlangte er von seinen Mitschülern unbedingte Unterordnung […].

Ein junger Mann, der nicht gehorchen kann, aber befehlen will, muss sich wie geschaffen vorkommen für den Beruf des Führers und Weltherrschers. In dem autoritären Revolutionär und Kunstdiktator Richard Wagner fand Hitler früh ein passendes Rollenmodell. Und in Hitlers Charakter personifizierte sich schon der Faschismus, jene Bewegung, welche die staatliche Macht angriff, nicht um sie abzuschaffen, sondern um sie zu übernehmen.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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