Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

„Marxismus und Judentum“ hielt Hitler für die Hauptübel seiner Zeit. Da ihm aber der Marxismus als jüdische Verführung und Vergiftung der Arbeiterschaft galt, nachdem er „den Juden als Führer der Sozialdemokratie“ erkannt hatte, gab es für ihn letztlich doch nur einen „Teufel“. Dessen Name lautete, im antisemitischen Kollektivsingular: „der Jude“. Am Ende des dritten Kapitels seines Buches schildert Hitler ausführlich, wie er in Wien „vom schwächlichen Weltbürger zum fanatischen Antisemiten“ geworden sei. Einiges deutet darauf hin, dass Hitler in Wirklichkeit erst nach dem Ersten Weltkrieg zum totalen Judenhasser wurde. Dennoch ist seine Erzählung aufschlussreich. Wir erleben aus subjektiver Perspektive, wie ein menschlicher Geist in ein Wahnsystem abgleitet – ein Prozess, der sich auch in unseren Tagen und wahrscheinlich zu allen Zeiten in unzähligen Köpfen wiederholt. Dass man die Rolle der Sinne und des Leibes dabei nicht unterschätzen sollte, zeigen Hitlers Bekenntnisse auch.

Hitler will in seinem Elternhaus von Juden noch gar nichts gehört haben. In Schulzeiten in Linz, wo es nur wenige, assimilierte Juden gab, habe er sich über „konfessionelle Stänkereien“ sogar geärgert. Erst in Wien vollzieht sich unter Seelenqualen die „schwerste Wandlung“ seines Lebens überhaupt: Hitler lernt, die Juden zu hassen. Wie ging das zu? Er berichtet von einem Schlüsselerlebnis:

Als ich einmal so durch die innere Stadt strich, stieß ich plötzlich auf eine Erscheinung in langem Kaftan mit schwarzen Locken.
Ist dies auch ein Jude? war mein erster Gedanke.
So sahen sie freilich in Linz nicht aus. Ich beobachtete den Mann verstohlen und vorsichtig, allein je länger ich in dieses fremde Gesicht starrte und forschend Zug um Zug prüfte, um so mehr verdrehte sich in meinem Gehirn die erste Frage zu einer anderen Fassung:
Ist dies auch ein Deutscher?

Der arbeitslose Stadtstreicher Hitler begegnet auf einem seiner ziellosen Spaziergänge einem Juden aus dem Osten in traditioneller Tracht. Der eben erst nach Wien gezogene Hinterwäldler, ohnehin überfordert von dem „Völkerbrei“ und „Sprachentohuwabohu“ einer echten Weltstadt, ist durch die Fremdheit in Kleidung und Antlitz verängstigt. Ein neugieriger und mutiger Mensch hätte vielleicht ein Gespräch begonnen. Der „Sonderling“ Hitler schweigt, beobachtet und fängt an zu fantasieren. Um seiner Angst Herr zu werden, sucht er nicht die persönliche Begegnung, sondern kauft sich Bücher, „die ersten antisemitischen Broschüren“ seines Lebens.

Der antisemitische Wahn ist nun in die Seele gepflanzt und beginnt zu keimen. Die ganze Wahrnehmung wird mit einem Mal verrückt, die Welt erscheint in einer völlig neuen Perspektive:

[…] seit ich mich mit dieser Frage zu beschäftigen begonnen hatte, auf den Juden erst einmal aufmerksam wurde, erschien mir Wien in einem anderen Lichte als vorher.

Tausend Dinge, die ich früher kaum gesehen, fielen mir nun als bemerkenswert auf, andere wieder, die mir schon einst zu denken gaben, lernte ich nun begreifen und verstehen.

Wie jedes Vorurteil, so bestätigt auch das antisemitische sich beständig selbst. Weil der Filter nur solche Wahrnehmungen passieren lässt, die zum schon eingeprägten Schema passen, findet der Geist im Wahn in der Außenwelt immerzu nur Bestätigung:

Wo immer ich ging, sah ich nun Juden und je mehr ich sah, um so schärfer sonderten sie sich für das Auge von den anderen Menschen ab.

Hitlers Erzählung ist ein bemerkenswerter Beleg dafür, dass der Rassismus in seinem Kern wirklich eine „visuelle Ideologie“ (George L. Mosse) ist. Vor der vermeintlich optisch erkennbaren Einheit des Judentums verschwinden alle persönlichen Unterschiede, alle politischen Differenzen wie der „scheinbare Kampf zwischen zionistischen und liberalen Juden“. Die Juden sind für Hitler keine Individuen, sondern nur Gestalten des einen dämonischen Prinzips. Sie alle stehen miteinander in offener oder verdeckter Verbindung, sind Teile einer gewaltigen Verschwörung.

Der nach seinen eigenen, bürgerlichen Maßstäben kläglich gescheiterte Hitler muss in Wien anfangs enormen Selbsthass und Selbstekel gefühlt haben. Nun kann er all den aufgestauten Hass und Ekel auf „den Juden“ projizieren. Er entdeckt ihn hinter jeder widerwärtigen Erscheinung des Lebens, „der Jude“ wird zur „Inkarnation aller nur denkbaren Laster und Ängste“ (Joachim Fest):

Gab es denn da einen Unrat, eine Schamlosigkeit in irgendeiner Form, vor allem des kulturellen Lebens, an der nicht wenigstens ein Jude beteiligt gewesen wäre?
Sowie man nur vorsichtig in eine solche Geschwulst hineinschnitt, fand man, wie eine Made im faulenden Leibe, oft ganz geblendet vom plötzlichen Lichte, ein Jüdlein.

Es ist auffällig, wie sich der Stil des Buches in solchen Passagen wandelt. Mein Kampf ist in einer mit Versatzstücken von Halbbildung aufgeputzten Umgangssprache geschrieben, grammatisch fehlerhaft und stilistisch unbeholfen. Gelegentlich schraubt der Text sich hoch in einen biblischen Ton, wenn er pathetisch, oder in Bürokratendeutsch, wenn er seriös wirken möchte. Solche Stellen wirken aber durch schiefe Bilder und schwerfällige Formulierungen eher unfreiwillig komisch. Ganz anders wird es, wenn „der Jude“ ins Spiel kommt. Dann bricht sich ein pathologischer Hass in vulgären Ausdrücken Bahn, die nicht selten im Gedächtnis haften bleiben, weil sie tiefste menschliche Gefühle der Angst und des Ekels ansprechen.

Hitler war ein Mann ohne Gott. Darum stieß ihn der traditionelle katholische Antijudaismus ab, während der rassistische Antisemitismus ihn anzog. Ideologen wie Eugen Dühring hatten schon Ende des 19. Jahrhunderts den rassistischen Antisemitismus als Fortschritt propagiert, weil er religiöse Vorurteile hinter sich lasse. Im Grunde zeigt sich aber nur: Wer die Juden hassen will, der findet immer einen Grund und einen Weg, sie zu hassen. Auch der moderne Antisemitismus ist nur die verwandelte Gestalt des ältesten. So kann auch die Brunnenvergifterlegende des Mittelalters problemlos wiederbelebt, ja überboten werden:

Das war Pestilenz, geistige Pestilenz, schlimmer als der schwarze Tod von einst, mit der man da das Volk infizierte. Und in welcher Menge dabei dieses Gift erzeugt und verbreitet wurde!

Wie „der Jude“ im Rückgriff auf das Mittelalter zur „Weltpest“ erklärt wird, so in der Tradition des christlichen Antijudaismus auch zur teuflischen Macht, deren Ziel nichts Geringeres als die Vernichtung der Menschheit sei:

Siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totenkranz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrtausenden menschenleer durch den Äther ziehen.

In diesem unausweichlichen Kampf zwischen Licht und Finsternis sieht sich Hitler auf der richtigen Seite:

So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.

So wird Hitler zum Streiter für einen Gott, an den er nicht mehr glaubt, führt einen Kreuzzug im Namen des Nichts. Es ist ein negativer Glaube, der sich nur noch aus Hass speisen kann. Hitler kennt keinen Gott mehr, aber noch einen Teufel, den Juden. Erlösung ist für den Fanatiker eines solchen Glaubens nicht mehr durch göttliche Liebe und Gnade, nur noch durch die Vernichtung des Feindes möglich.

Soll ich jetzt zum Schluss noch auf Gruppen in unserer Gegenwart hinweisen, die sich aus Angst vor dem Fremden in geistige Wahnsysteme geflüchtet haben? Oder auf andere Gruppen, die sich mit religiösem Fanatismus nur ihre nihilistischen Vernichtungswünsche erfüllen? Das hieße doch wohl, den selbst denkenden Leser auf beleidigende Weise unterfordern.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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