Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Das Kapitel mit dem Titel München zeichnet sich dadurch aus, dass in ihm von München fast nicht die Rede ist. Auf einer einzigen Seite preist der Autor das „Hofbräuhaus“ und einige andere Sehenswürdigkeiten der bayrischen Hauptstadt. Und er versichert, in dieser echt deutschen Stadt habe er sich wohler gefühlt als im österreichischen „Rassenbabylon“. Hitlers neues Leben in München vor dem Ersten Weltkrieg dürfte tatsächlich ebenso einsam, ziellos und öde gewesen sein wie sein altes in Wien. Jedenfalls weiß Hitler nichts zu berichten. Auf den restlichen Seiten des Kapitels geißelt der – wie immer permanent rechthabende – Autor stattdessen eine verfehlte deutsche Politik, die an der Niederlage im Ersten Weltkrieg schuld gewesen sei.

Für Hitler wie für alle radikalen Rechten ist die Außenpolitik die eigentliche Politik. Das Verhältnis von Freund und Feind macht für sie den Begriff des Politischen aus, nicht etwa die gemeinschaftliche Regelung des Zusammenlebens in einer Gesellschaft. Nicht der Frieden ist für sie das Ziel der Politik, sondern der siegreiche Krieg. Nicht das Individuum, sondern das „Volk“ ist der entscheidende Akteur der Geschichte. Aus dieser Sicht muss dann als politische Tugend schlechthin „Aufopferungsfähigkeit und Aufopferungswille des einzelnen für die Gesamtheit“ erscheinen. Die Logik einer solchen Weltsicht ist zwingend, wenn man einmal ihre Prämissen akzeptiert hat. Was dann noch zur Katastrophe fehlt, ist nur eine „Kraft, die Männer in den Tod zu führen vermag aus freiem Willen und Entschluß“. Bekanntlich war es Hitler, der später eine solche Kraft wirklich entwickelte.

Meine Feder sträubt sich, Hitlers Weltanschauung „sozialdarwinistisch“ zu nennen, denn dem armen Darwin geschähe damit Unrecht. Schlagworte wie „Kampf um das Dasein“ und „Trieb der Arterhaltung“ haben in Mein Kampf einen anderen Sinn als bei Darwin, weil hier biologische Begriffe zu politischen Kampfphrasen umfunktioniert werden. Und auch die „Natur“ wird nicht naturwissenschaftlich verstanden, sondern als Person vergöttlicht wie in der Religion. Doch ist die Natur bei Hitler kein liebender Gott, sondern ein mitleidloser, der sich am Kampf der Menschen auf der Erde ergötzt:

Die Natur kennt keine politischen Grenzen. Sie setzt die Lebewesen zunächst auf diesen Erdball und sieht dem freien Spiel der Kräfte zu. Der Stärkste an Mut und Fleiß erhält dann als ihr liebstes Kind das Herrenrecht des Daseins zugesprochen.

Es ist auch heute noch durchaus üblich, etwa in esoterisch-ökologischen Kreisen, die eigene Weltanschauung der lieben Mutter Natur unterzuschieben. Man verleiht so den eigenen Argumenten einigen Nachdruck, denn wer zu widersprechen wagt, versündigt sich vorgeblich auf schlimme Weise an der Natur. Was aber ist eigentlich der Denkfehler in dieser Art von Weltanschauung? Er liegt in dem naturalistischen Fehlschluss, aus Tatsachen in der Natur moralische Anweisungen folgern zu wollen. Dass die Kreaturen sich in einem Kampf ums Dasein befinden, wie Hitler schreibt, lässt sich nicht leugnen, selbst wenn man einwenden kann, dass die meisten Lebewesen problemlos koexistieren, ja einander sogar oft helfen. Aber aus den natürlichen Verhältnissen folgt nicht, dass die Menschen sich den Naturgesetzen unterwerfen müssten wie göttlichen Geboten. Ebenso schlecht könnte man behaupten: Wenn in einem Haus ein Blitz einschlägt, dürfen wir nicht löschen, denn die Natur wollte alle Bewohner in den Flammen verbrennen sehen. Hitler aber argumentiert genau so. Kaum verblümt fordert er auch schon die Vernichtung der Kranken und Behinderten, indem er über die „Sucht, auch das Schwächlichste, ja Krankhafteste um jeden Preis doch ja zu »retten«“, spottet:

Das Ende aber wird sein, daß so einem Volke eines Tages das Dasein auf dieser Welt genommen werden wird; denn der Mensch kann wohl eine gewisse Zeit den ewigen Gesetzen des Forterhaltungswillens trotzen, allein die Rache kommt früher oder später doch. Ein stärkeres Geschlecht wird die Schwachen verjagen, da der Drang zum Leben in seiner letzten Form alle lächerlichen Fesseln einer sogenannten Humanität der einzelnen immer wieder zerbrechen wird, um an seine Stelle die Humanität der Natur treten zu lassen, die die Schwäche vernichtet, um der Stärke den Platz zu schenken.

Unwillkürlich denkt man hier an die kaum verhohlene Freude, mit der Hitler im ersten Kapitel vom schnellen Tod seines Vaters berichtet hatte, durch dessen Abgang ihm erst die Bahn zu seiner ungewöhnlichen Karriere frei gemacht worden war.

Hitler erkennt nicht nur einen Kampf ums Dasein, er begrüßt ihn auch und fordert uns auf, diesen Kampf nicht nur zu führen, sondern ihn womöglich noch zu verschärfen:

Daß aber diese Welt dereinst noch schwersten Kämpfen um das Dasein der Menschheit ausgesetzt sein wird, kann jeder glauben. Am Ende siegt ewig nur die Sucht der Selbsterhaltung. Unter ihr schmilzt die sogenannte Humanität als Ausdruck einer Mischung von Dummheit, Feigheit und eingebildetem Besserwissen, wie Schnee in der Märzensonne. Im ewigen Kampfe ist die Menschheit groß geworden und nur im ewigen Frieden geht sie zugrunde.

„Humanität“ und „ewiger Frieden“ (Kant) waren die höchsten Ideale der deutschen Aufklärung. Man übertreibt also nicht, wenn man Hitlers Weltanschauung als radikalste Ideologie der Gegenaufklärung in der deutschen Geschichte bezeichnet. Die Quelle für diese Ideologie sprudelte allerdings auch schon auf der Schattenseite der Aufklärung. Es ist der Rassismus. Fatal wird Hitlers Biologismus erst dadurch, dass er die Gesetze des Kampfes zwischen Arten auf die Konkurrenz von Völkern und Rassen überträgt. Für Hitler, wie für alle Rassisten, gibt es überhaupt keine Menschheit, sondern nur Rassen, die einander feindlich gegenüberstehen wie Jäger und Beute. Die menschliche Geschichte ist ein Rassenkampf, ein ewiges Fressen und Gefressenwerden. Wenn Hitler später Menschen wie Vieh schlachten ließ, dann war das aus seiner Sicht nur natürlich.

All diese Wahnideen blieben keine Fantastereien, sondern dienten als Leitlinien praktischer Politik. Ausgangspunkt von Hitlers außenpolitischer Konzeption war wieder einmal die Angst vor der Masse. Deutschland drohe wegen seines Bevölkerungswachstums bei begrenztem Raum Enge, Hunger und Verelendung. Weder Geburtenbegrenzung, noch innere Kolonisation, noch der friedliche Ausbau von Handel und Industrie könnten dieses Problem lösen. Die Deutschen brauchten unbedingt mehr „Lebensraum“, der nur durch einen neuen „Germanenzug“ gen Osten gegen Russland zu gewinnen sei. An der kriegerischen Art der Eroberung lässt der Autor keinen Zweifel: „was der Güte verweigert wird, hat eben die Faust sich zu nehmen.“

Aber nicht nur der Russlandfeldzug wird schon angekündigt, sondern auch der Krieg gegen die Juden. Diese seien ein Volk ganz eigener Art, das nicht wie andere Völker heldisch um Lebensraum kämpfe, sondern sich als „Schmarotzer“ in fremden Nationen einniste. Juden seien es, die „pazifistischen Unsinn“ verbreiteten, um Völker in ihrem ehrlichen Lebenskampf zu lähmen. Natürlich waren es für Hitler die jüdisch-marxistischen Völkervergifter, die auch die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg letztlich verursachten. Die Deutschen könnten also in kommenden Kriegen nur siegen, wenn sie sich zuvor von den Juden befreiten. Die Logik meldet sich da allerdings mit einem Einwand zu Wort: Behauptet Hitler nicht andernorts ganz im Gegenteil, der Jude befeuere den Krieg, um Profit aus ihm zu schlagen? Aber ein solcher Einwand kann einen Antisemiten nicht erschüttern, denn für ihn sind die Juden ja an allem schuld, am Krieg wie am Frieden, am Kapitalismus wie am Bolschewismus, am Hochwasser wie an der Dürre. Was immer die Juden auch tun, es ist für Hitler von Übel, ihre Vernichtung daher die einzig konsequente Lösung.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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Kommentar
  1. Deprifrei-Blog

    Es ist erschreckend wie solche Wahnideen selbst psychisch Gesunde befiehlen. Leider wird immer noch so getan, dass mordende Nazis wie z. B. Breivik o. Hitler psychisch krank sein müssen, um solche Taten zu begehen. Nach meiner Meinung haben die Normalos mehr Wahnsinn in sich als viele an der Seele erkrankte.

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