Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Menschen wollen, wenn sie nicht krank oder sehr unglücklich sind, gewöhnlich nicht sterben. Schon eher kommen sie in Versuchung, andere zu töten, wenn nicht die Angst vor Rache oder Strafe sie davon abhält. Trotzdem ist der Mord selbst in unzivilisierten Gemeinschaften kein alltägliches und geduldetes Verhalten, sonst wäre ein Zusammenleben von Menschen gar nicht möglich. Bedenkt man dies, stellt sich die Frage: Wieso begeistern sich Menschen, richtiger gesagt: Männer, für den Krieg? Ist man doch im Krieg nicht nur zum Morden gezwungen, sondern muss auch mit dem eigenen Tod rechnen.

Über Jahrhunderte war in Europa der Krieg eine professionalisierte und recht exklusive Angelegenheit. Über Krieg und Frieden entschieden zumeist die Könige und Fürsten nach eigenem Belieben. Für die Adligen war der Kampf als Offizier ihr eigentlicher Beruf. Die Truppen bestanden aus bezahlten Söldnern und Bauern, die man zum Militärdienst presste. Im eigentlichen Sinne aber hatten die Menschen, insbesondere die städtischen Bürger, mit dem Krieg nichts zu tun. Sie erlebten ihn nur als Opfer von Besatzung und Plünderung. Eroberte irgendein fremder Herrscher die eigene Stadt oder gleich das ganze Land, unterwarf man sich zügig dem neuen Souverän, um das Leben möglichst schnell wie gewohnt fortsetzen zu können. Erst der Nationalismus der modernen Staaten verbreitete die Idee, der Staat gehöre nicht einem Fürsten, sondern allen Bürgern, die das Land darum im Kriegsfall auch gemeinsam verteidigen müssten. In Deutschland gelten die Befreiungskriege gegen Napoleon, in denen erstmals Freiwilligenverbände neben regulären Truppen kämpften, als Geburtsstunde nationaler Begeisterung. Als hundert Jahre später der Erste Weltkrieg ausgebrochen wurde, propagierten die Herrschenden in Deutschland wieder eine nationale Erhebung. Das Ausmaß der Kriegsbegeisterung wurde allerdings stets übertrieben. Die meisten Soldaten meldeten sich auch im Ersten Weltkrieg nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen zum Kampf. Dennoch gab es auch viele Begeisterte. Und es waren besonders die jungen, gebildeten Bürgersöhne, die von der Aussicht auf den süßen Heldentod verlockt wurden. Zu ihnen gehörte auch der junge Kunstmaler Adolf Hitler.

Das Kapitel Der Weltkrieg enthält wenige Details zum eigentlichen Kampfgeschehen und zum persönlichen Schicksal unseres Helden. Hitler bemühte sich, sein eigenes Erleben möglichst abstrakt zu schildern, um sich selbst zur Identifikationsfigur aller deutschen Weltkriegskämpfer zu modellieren. Dadurch aber sind die Erinnerungen Hitlers in einiger Hinsicht wohl auch wirklich typisch.

Als jungen Wildfang hatte mich in meinen ausgelassenen Jahren nichts so sehr betrübt, als gerade in einer Zeit geboren zu sein, die ersichtlich ihre Ruhmestempel nurmehr Krämern oder Staatsbeamten errichten würde. Die Wogen der geschichtlichen Ereignisse schienen sich schon so gelegt zu haben, daß wirklich nur dem »friedlichen Wettbewerb der Völker«, das heißt also einer geruhsamen gegenseitigen Begaunerung unter Ausschaltung gewaltsamer Methoden der Abwehr, die Zukunft zu gehören schien. Die einzelnen Staaten begannen immer mehr Unternehmen zu gleichen, die sich gegenseitig den Boden abgraben, die Kunden und Aufträge wegfangen, und einander auf jede Weise zu übervorteilen versuchen, und dies alles unter einem ebenso harmlosen, wie aber dennoch riesigen Geschrei in Szene setzen. Diese Entwicklung aber schien nicht nur anzuhalten, sondern sollte dereinst (nach allgemeiner Empfehlung) die ganze Welt zu einem einzigen großen Warenhaus ummodeln, in dessen Vorhallen dann die Büsten der geriebensten Schieber und harmlosesten Verwaltungsbeamten der Unsterblichkeit aufgespeichert würden. […]
Warum konnte man denn nicht hundert Jahre früher geboren sein? Etwa zu den Befreiungskriegen, da der Mann wirklich, auch ohne »Geschäft«, noch etwas wert war?!

So mancher Globalisierungskritiker dürfte bei solchen Worten hellhörig werden. Es ist in der Tat erstaunlich, wie klarsichtig Hitler den ökonomischen Konkurrenzkampf als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln begriff. Bloß störte ihn eben das Kämpferische am Kapitalismus gar nicht, im Gegenteil: Der Kampf war ihm nicht blutig und brutal genug. Der ökonomische Wettbewerb drohte den existenziellen Kampf ums Dasein zwischen Völkern und Rassen zu ersetzen, wie ihn Hitler sich wünschte.

Ein anderer, wahrscheinlich ursprünglicherer Grund für Hitlers Kriegsbereitschaft spricht aber auch aus diesen Zeilen. Es ist die pubertäre Freude am Kriegsspiel, die von der militaristischen Erziehung der Epoche nach Kräften gefördert wurde. Der Krieg ist ja tatsächlich nichts anderes als ein Kinderspiel, bei dem allerdings mit scharfer Munition geschossen und wirklich gestorben wird. Die Freund-Feind-Logik des Krieges entspricht dabei jedoch ganz der von zankenden Kindern, wie Karl Kraus in einer besonders schönen Szene von Die letzten Tage der Menschheit gezeigt hat. Der Krieg ist eine Möglichkeit, nicht erwachsen zu werden und zugleich doch zum anerkannten Helden zu reifen. Für einen mutmaßlich jungfräulichen Mann wie Hitler, der bei Frauen als ärmlicher Stadtstreicher wenig Chancen hatte, war der Krieg eine Möglichkeit, die eigene Männlichkeit durch Gewalt unter Beweis zu stellen: „Aus dem jungen Kriegsfreiwilligen war ein alter Soldat geworden.“ Das Leben unter Kameraden befreite dabei aus der beängstigenden Gegenwart von Frauen. Zugleich wurde der „Sonderling“ Hitler, der sich aus eigenem Antrieb in keine Gruppe finden konnte, zum ersten Mal im Leben zu einem Gemeinschaftsleben gezwungen. Und wider Erwarten gefiel es ihm, in einer Masse aufzugehen, die allerdings nicht chaotisch vermischt, sondern streng geordnet war.

So, wie wohl für jeden Deutschen, begann nun auch für mich die unvergeßlichste und größte Zeit meines irdischen Lebens.

Ob die Millionen Gefallenen auch so positive Erinnerungen an den Krieg hatten? Es lässt sich nicht feststellen, da die Toten keine Möglichkeit mehr haben, ihre Meinung zu äußern. Selbst Hitler wird, wenn er vom Kampf erzählt, für einige Augenblicke menschlich, wenn er gesteht, „Todesangst“ empfunden zu haben. Doch er überwindet das menschliche Gefühl:

Immer, wenn der Tod auf Jagd war, versuchte ein unbestimmtes Etwas zu revoltieren, bemühte dann sich als Vernunft dem schwachen Körper vorzustellen und war aber doch nur die Feigheit, die unter solchen Verkleidungen den Einzelnen zu umstricken versuchte.

Man möchte Hitler zurufen: Nein, das war nicht die verkleidete Feigheit, das war wirklich die Vernunft, die gegen das sinnlose Töten und Sterben revoltierte! Aber Hitler erstickte diese Revolte im Keim und lernte, den Krieg zu lieben. Noch Jahre später wurde er wieder zum Kind, wenn er an den Krieg zurückdachte. So berichtet Rudolf Heß in einem Brief aus der Zeit, als Hitler Mein Kampf im Gefängnis niederschrieb:

Eben höre ich aus dem gemeinsamen Wohn- und Eßzimmer seine Stimme. Er scheint mitten im Auffrischen von Kriegserlebnissen zu sein, er ahmt Granaten und Maschinengewehre nach, springt wild im ganzen Zimmer herum, fortgerissen von seiner Phantasie.

Wie jeder Krieg verwüstete auch der Erste Weltkrieg nicht nur die Länder, sondern auch die Köpfe der Menschen. Die brutalisierten Soldaten machten aus den politischen Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit sofort Bürgerkriege. Es war gewöhnlich geworden, zu morden und zu sterben. Für Hitler war schon der Krieg nicht einfach Kampf um Sieg oder Niederlage, sondern um „Sein oder Nichtsein“ der Völker gewesen. Im Krieg hätte das deutsche Oberkommando seiner Ansicht nach auch im Inneren kriegerische Maßnahmen ergreifen und die marxistische Opposition ausschalten, oder, in der Terminologie Hitlers, „das Ungeziefer vertilgen“ sollen:

Was aber mußte man nun tun? Die Führer der ganzen Bewegung sofort hinter Schloß und Riegel setzen, ihnen den Prozeß machen und der Nation vom Halse schaffen. Man mußte rücksichtslos die gesamten militärischen Machtmittel einsetzen zur Ausrottung dieser Pestilenz. Die Parteien waren aufzulösen, der Reichstag wenn nötig mit Bajonetten zur Vernunft zu bringen, am besten aber sofort aufzuheben.

Für Hitler war die politische Auseinandersetzung immer Krieg, letztlich sogar Vernichtungskrieg. Sein ganzes Denken lässt sich eigentlich in seinem Lieblingswort zusammenfassen: „ausrotten“.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

 

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