Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Denken nach dieser Maxime ist wohl keinem Menschen ganz fremd. Verblendete, die völlig in ein Wahnsystem versunken sind, finden aber überhaupt keinen Ausweg mehr aus solch selektiver Wahrnehmung, weil ihnen die Fähigkeit zu selbstkritischer Reflexion abhanden gekommen ist. Sicherstes Kennzeichen solcher Verblendung ist die Abwesenheit von Selbstironie, die stets die Fähigkeit zum Selbstzweifel voraussetzt. Von bitterstem Ernst ist denn auch das Kapitel Die Revolution, in dem Hitler die Ursachen der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg bekanntgibt.

Für Hitler war jeder Krieg ein Kampf ums Dasein zwischen Völkern und Rassen. Wer einen solchen Kampf verlor, der hatte nach Hitlers Logik seine eigene Minderwertigkeit unter Beweis gestellt und verdiente die Vernichtung. Wollte Hitler vermeiden, die Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg so zu deuten, musste er nach fremden Schuldigen suchen, um die besiegten deutschen Soldaten zu entschuldigen. Zugleich musste er die Niederlage psychologisieren und idealisieren. Nicht die materielle, technische und personelle Überlegenheit der Westalliierten machte er für die Niederlage verantwortlich. Nein, die von der Propaganda äußerer und innerer Feinde zersetzte Psyche der Deutschen habe kapituliert, obgleich ein Sieg noch möglich gewesen wäre. Schon deutlich vorausahnen lässt sich hier der Wahnwitz, mit dem Hitler im Zweiten Weltkrieg unter allen Umständen an der Überzeugung festhielt, fanatischer Glaube an den Endsieg werde diesen Sieg endlich auch herbeizwingen.

Wer aber zersetzte die Tapferkeit der deutschen Soldaten, abgesehen von den effektiven Propagandisten des feindlichen Auslandes? Hitler beschuldigt zuerst – die deutschen Frauen. Diese hätten nämlich durch „Jammerbriefe“ die Helden demoralisiert, zumal solche Briefe auch dem Feind in die Hände fielen:

Die Front wurde nach wie vor mit diesem Gift überschwemmt, das gedankenlose Weiber zu Hause zusammenfabrizierten, ohne natürlich zu ahnen, daß dies das Mittel war, dem Gegner die Siegeszuversicht auf das äußerste zu stärken, also mithin die Leiden ihrer Angehörigen an der Kampffront zu verlängern und zu verschärfen. Die sinnlosen Briefe der deutschen Frauen kosteten in der Folgezeit Hunderttausenden von Männern das Leben.

Liebesbriefe als kriegsentscheidender Verrat des dummen Weibes? Hier spricht wohl noch der nachtragende Neid eines Mannes, der an der Front keine Liebesbriefe bekam, weil niemand ihn liebte. Mehr noch als die Weiber waren es aber natürlich die weibischen Juden, die dem deutschen Heer den Todesstoß mit dem „Dolche“ versetzten. Alle Proteste und Streiks für einen Verständigungsfrieden erscheinen als marxistische Verschwörung zur Begünstigung des Gegners. Da kann einem Frontkämpfer schon einmal der Kragen platzen:

Ich haßte das ganze Pack dieser elenden volksbetrügerischen Parteilumpen auf das äußerste. Ich war mir längst darüber im klaren, daß es sich bei diesem Gelichter wahrlich nicht um das Wohl der Nation handelte, als vielmehr um die Füllung leerer Taschen. Daß sie aber jetzt schon bereit waren, dafür das ganze Volk zu opfern und wenn nötig Deutschland zugrunde gehen zu lassen, machte sie in meinen Augen nur reif zum Strick.

Die Marxisten waren dann natürlich auch verantwortlich für „die größte Schandtat des Jahrhunderts“, es „organisierte der Jude die Revolution“. Folgendermaßen will der durch Giftgas fast Erblindete im Lazarett die Novemberrevolution gesehen haben:

Matrosen kamen auf Lastkraftwagen und riefen zur Revolution auf, ein paar Judenjungen aber waren die »Führer« in diesem nun auch hier einsetzenden Kampfe um die »Freiheit«, »Schönheit« und »Würde« des Daseins unseres Volkes. Keiner von ihnen war an der Front gewesen. Über dem Umweg eines sogenannten »Tripperlazaretts« waren die drei Orientalen aus der Etappe der Heimat zurückgegeben worden. Nun zogen sie in ihr den roten Fetzen auf.

Der Kommunist als drückebergerischer, geschlechtskranker Jude – da tanzen die Ressentiments Ringelreigen. Sexualneid gehört stets zum Antisemitismus, bei einem sexuell Frustrierten wie Hitler verständlicherweise in besonderem Maße. Interessanter ist der Vorwurf der Feigheit, denn ihn erhob Hitler in einem subjektiven Gefühl der Stärke. Nach den vorliegenden Berichten war er nämlich im Felde durchaus tapfer. Aber er war eben tapfer auf deutsche Art: „Man befahl uns den Patriotismus, und wir wurden Patrioten; denn wir thun alles, was uns unsere Fürsten befehlen“ (Heine). Mutig nur auf Befehl und gegen den Feind, nicht aber mutig gegenüber der eigenen Obrigkeit, angetrieben vom eigenen Gewissen. Hitler kamen während des Krieges durchaus auch Zweifel an der Politik der eigenen Regierung, nicht anders als den Protestierenden in der Heimat. Was aber tat er?

So war es besser, den Mund zu halten und so gut als möglich seine Pflicht zu tun.

Das Fronterlebnis wurde für Hitler zum Leitbild einer gelungenen Gemeinschaft: der Feind klar erkennbar, die Reihen fest geschlossen, die Befehle eindeutig. Wie viel besser war das als der „verfluchte[] Hader“ in der Heimat: „Die Front kannte das ganze politische Parteipack nicht.“ Und so kam es angeblich schon zur Entscheidung:

Ich aber beschloß nun, Politiker zu werden.

Das aber hieß: Hitler beschloss, den Krieg in die Politik zu tragen.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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