Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Im Laufe der Revolutionswirren der Jahre 1918 und 1919 gerät der Gefreite Adolf Hitler in recht undurchsichtiger Weise in die Politik, zuerst als Spitzel und Propagandist innerhalb der Reichswehr in Bayern. Über die genauen Abläufe erzählt der Autor Hitler wenig und mancherlei Zweifelhaftes. Ungewöhnlicherweise namentlich würdigt er einen frühen Mentor: Gottfried Feder. Der Bauingenieur und Hobbyökonom war kurz nach dem Ersten Weltkrieg mit Schriften und Vorträgen aufgetreten, in denen er behauptete, „das Ei des Kolumbus“ gefunden zu haben. Schlüssel zur Lösung aller ökonomischen Probleme sei die Abschaffung des Zinses. Man muss kein Wirtschaftswissenschaftler sein, um zu erkennen, dass Feder ein faules Ei ausgebrütet hatte. Hitler hingegen war begeistert, denn Feder lieferte ihm eine theoretische Grundlage für seinen Wunsch, eine nationalistische Antwort auf die soziale Frage zu finden:

Der Kampf gegen das internationale Finanz- und Leihkapital ist zum wichtigsten Programmpunkt des Kampfes der deutschen Nation um ihre Unabhängigkeit und Freiheit geworden.

So ein Satz Hitlers dürfte auch heute noch so manchem Bürger wohlklingend im Ohr tönen. Und liest man Gottfried Feders Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes (1919), dann glaubt man, eine aktuelle Ausgabe des Magazins Compact vor sich zu haben. Ich möchte gerne kurz zu dieser Schrift abschweifen, denn die Verführungskraft dieses nationalen Sozialismus scheint mir auch heute noch beträchtlich.

Nicht der Kapitalismus ist nach Gottfried Feder das Übel, sondern nur der raffende Finanzkapitalismus, der fundamental vom schaffenden Industriekapitalismus unterschieden wird:

Wir erkennen klar, daß nicht die kapitalistische Wirtschaftsordnung, an sich nicht das Kapital als solches die Geißel der Menschheit ist. Das unersättliche Zinsbedürfnis des Groß-Leihkapitals ist der Fluch der gesamten arbeitenden Menschheit!

Gottfried Feder meint denn auch, mit der Abschaffung eines einzelnen Elementes des kapitalistischen Systems, nämlich des Zinses, wäre dieses System von allen Gebrechen zu heilen:

Der Zins ist es, der mühe- und endlose Güterzufluß aus reinem Geldbesitz ohne Hinzutun jeglicher Arbeit hat die großen Geldmächte wachsen lassen. Der Leihzins ist das teuflische Prinzip, aus dem die goldene Internationale geboren ist. All überall hat sich das Leihkapital festgesaugt. Wie mit Polypenarmen hat das Großleihkapital alle Staaten, alle Völker der Welt umstrickt.

Spekulanten sind den meisten Menschen unsympathischer als Fabrikanten und das ist wohl nur natürlich. Dass Finanzkapital eine ganz eigene Dynamik entwickeln kann, die einer Selbstvermehrung des Geldes ähnlich sieht, wird auch niemand bestreiten. Dennoch bleibt eine theoretische Entgegensetzung von Finanz- und Industriekapital, die in der Praxis keineswegs getrennt sind, Unsinn. Der Finanzunternehmer strebt nach dem, worauf auch der Industrieunternehmer angewiesen ist: Profit. Einer kann ohne den anderen auch keinen Profit machen, weshalb beide nicht selten identisch sind. Wären Finanzkapitalisten nur Schmarotzer, gäbe es sie nicht mehr, denn der Kapitalismus duldet keine Nutzlosigkeit. Um „die unheimliche, unsichtbare, geheimnisvolle Herrschaft der großen internationalen Geldmächte“ zu erklären, die doch eigentlich überflüssig sein sollen, muss Feder eine Verschwörung am Werke sehen. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass die Zinslobby vor allem aus Juden besteht.

Was unterscheidet diesen nationalen Sozialismus von einer vernünftigen Kapitalismuskritik?

Es ist erstens die Simplifizierung der ökonomischen Fragen. Alle wirtschaftlichen Probleme werden auf ein einziges Hauptübel reduziert, dessen Beseitigung nicht weniger als die „Erlösung“ der Menschheit garantieren soll. So verspricht etwa die „Brechung der Zinsknechtschaft“ die Wiederherstellung nationaler Souveränitität, die Abschaffung aller Steuern, niedrigere Mieten, mehr Einkommen und noch viele andere schöne Dinge. Der nationale Sozialist glaubt, der Kapitalismus könnte reibungslos funktionieren, hätte sich nur der verteufelte Zins nicht eingeschlichen. Nur ein Willensakt sei nötig, um ihn abzuschaffen. Ebenso könnte man allerdings vorschlagen: Die Marktwirtschaft wäre vollkommen, gäbe es nur diese ärgerlichen Preise nicht! Schaffen wir sie ab, dann bekommen wir alles umsonst!

Zweitens bringt der nationale Sozialismus eine Moralisierung und Personalisierung. Probleme werden mit Menschen identifiziert. Die Kritik gilt weniger den Produktionsverhältnissen als vielmehr Charakteren, Weltanschauungen und Verhaltensweisen. Die kapitalistische Ordnung wird ausdrücklich als natürlicher „Erwerbstrieb“ gebilligt, lediglich Auswüchse einer bei bestimmten Personen „zum Wahnsinn gewordenen Geldgier“ werden gegeißelt. Aus dem systematischen Konflikt von Arbeit und Kapital werden Meinungsverschiedenheiten von Arbeitern und Arbeitnehmern, die sich beilegen lassen, wenn sich beide Gruppen nur im nationalen Interesse zusammenraufen.

Auf diese Weise gelingt schließlich drittens eine Nationalisierung des ökonomischen Programms. Es sind nicht die einheimischen Kapitalisten, sondern immer nur die fremden, die der Glückseligkeit im Wege stehen. Verständlicherweise sind es die ökonomisch erfolgreichen Nationen, die als Schuldige ausgemacht werden, zu Feders und Hitlers Zeiten also die Engländer und Amerikaner. Vor allem aber von den Juden geht in den Augen der nationalen Sozialisten die Gefahr aus. Eine versöhnliche Verständigung mit ihnen ist unmöglich, denn sie sind ja Feinde der nationalen Idee. Die Entmachtung, Enteignung, Vertreibung und Vernichtung bestimmter Menschengruppen kann damit zur Lösungsstrategie werden. Letztlich wird also über den Umweg pseudoökonomischer Argumentation in ganz klassisch antisemitischer Weise das Judentum für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht. Das Böse = die „Zinsknechtschaft“ = das „internationale Finanzkapital“ = die „goldene Internationale“ = der „Mammonismus“ = „Rothschild“ = der Jude. Der Nationalsozialismus sieht die Lösung der sozialen Frage am Ende darin, die Juden totzuschlagen.

Verräterischerweise lobt Hitler Gottfried Feder dafür, dass er dem Nationalsozialismus „eine gewaltige Parole“ verschafft habe. In der Tat wurde das Programm Feders nur propagandistisch beim Kampf um die Stimmen der Arbeiter genutzt. Es hatte keine Substanz, bot aber die Möglichkeit, fremde Schuldige für die wirtschaftliche Not zu benennen, ohne zuhause am Kapitalismus wirklich etwas zu ändern. Hitler sagt es klar:

Die scharfe Scheidung des Börsenkapitals von der nationalen Wirtschaft bot die Möglichkeit, der Verinternationalisierung der deutschen Wirtschaft entgegenzutreten, ohne mit dem Kampf gegen das Kapital überhaupt auch die Grundlage einer unabhängigen völkischen Selbsterhaltung zu bedrohen.

Nach der Machtübernahme landeten die ökonomischen Pläne Feders im Papierkorb, Feder selbst wurde auf einflusslose Posten abgeschoben. Um seine Macht zu sichern, schloss Hitler Frieden mit den Kapitalisten und natürlich auch mit den Bankiers. Zustimmung bei den Arbeitern erkaufte er sich mit sozialen Wohltaten, die er unter anderem mit dem Geld bezahlte, das er den vertriebenen und ermordeten Juden stahl.

Und die Moral von der Geschichte: Es gibt keinen nationalen Sozialismus. Sozialismus ist entweder übernational oder er ist gar nicht.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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