Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Die Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg war für Hitler bloß Symptom eines allgemeinen Niedergangs des deutschen Volkes in der Zeit der Moderne. Seine Aufzählung der „Verfallserscheinungen einer langsam abfaulenden Welt“ ist nicht originell. Er hakt nur all jene Phänomene der „Entartung“ noch einmal ab, die von kulturpessimistischen Konservativen der Jahrhundertwende schon vielfach attackiert worden waren. So beklagt er die „schädliche Industriealisierung“ [sic], die zusammen mit der Verstädterung zu einer „Schwächung des Bauernstandes“ und einem Verlust des Heimatgefühls geführt habe. Die nationale Souveränität leide unter der „Verinternationalisierung der deutschen Wirtschaft“ durch das globale Finanzkapital. Im „Geflunker einer sogenannten »Pressefreiheit«“ sieht er nur „straflose[] Volksbelügung und Volksvergiftung“. Ihr entspricht auf dem ästhetischen Feld der avantgardistische „Bolschewismus der Kunst“, auf dem politischen Feld das Elend des Parlamentarismus.

Eigentümlich an Hitlers Thesen ist einerseits – wie immer – die rasende Übertreibung, andererseits der Biologismus. Dass es in der Moderne einen ganz förchterlichen Verfall der Kultur gebe, behauptet ja noch immer jeder zweite pensionierte Studienrat; Hitler aber sah eine ganz körperliche Degeneration am Werk. „Verweichlichung und Verweibung“ zersetzten die männliche Wehrtüchtigkeit. Und die Massenmedien machten die Menschen nicht einfach nur dümmer, vielmehr finde gar eine „Rückentwicklung des menschlichen Gehirns“ statt. Es sind denn auch die „blutsmäßigen Faktoren“, welche für die Katastrophe der allgemeinen Entartung verantwortlich sein sollen, letztlich natürlich wieder einmal „der Jude“.

Mit auffälliger Akribie widmet sich Hitler der „Verpestung unseres Sexuallebens“, die sich in der „Prostituierung der Liebe“ zeige. Es ist besonders eine Sorge, die Hitler umtreibt und die ihn wohl schon nachts im Bett des Männerwohnheims nicht schlafen ließ, die Angst vor der Syphilis. Diese Krankheit erscheint besonders schrecklich, weil sie nicht nur die Gesundheit des Einzelnen, sondern durch Vererbung den ganzen Volkskörper bedroht. Erreger dieser Lustseuche ist nach der Diagnose Hitlers kein Bakterium, sondern der Jude:

Die Verjudung unseres Seelenlebens und Mammonisierung unseres Paarungstriebes versauen früher oder später unseren gesamten Nachwuchs, indem statt kraftvoller Kinder eines natürlichen Gefühls, nur mehr die Jammererscheinungen finanzieller Zweckmäßigkeit treten.

Vordringlich ist für Hitler die Abschaffung der Prostitution. Im Ziel ist Hitler also mit Alice Schwarzer einig, nur in der Wahl der Mittel stimmen die beiden nicht ganz überein:

Die Prostitution ist eine Schmach der Menschheit, allein man kann sie nicht beseitigen durch moralische Vorlesungen, frommes Wollen usw., sondern ihre Einschränkung und ihr endlicher Abbau setzen die Beseitigung einer ganzen Unzahl von Vorbedingungen voraus. Die erste aber ist und bleibt die Schaffung der Möglichkeit einer der menschlichen Natur entsprechenden frühzeitigen Heirat vor allem des Mannes; denn die Frau ist ja hier ohnehin nur der passive Teil.

Als weitere Maßnahme empfiehlt Hitler besonders der Jugend den Sport. Denn wer turnt, der sündigt nicht:

Die übermäßige Betonung des rein geistigen Unterrichtes und die Vernachlässigung der körperlichen Ausbildung fördern aber auch in viel zu früher Jugend die Entstehung sexueller Vorstellungen. Der Junge, der in Sport und Turnen zu einer eisernen Abhärtung gebracht wird, unterliegt dem Bedürfnis sinnlicher Befriedigungen weniger als der ausschließlich mit geistiger Kost gefütterte Stubenhocker.

Kurz gesagt: Die deutschen Buben sollen nicht zu so schlaffen, untätigen Zwangsonanisten heranwachsen, wie der junge Adolf Hitler einer war.

Wie für alle Rassisten, so sind auch für Hitler das Individuum und die Menschheit keine leitenden Begriffe, allein Volk und Rasse bestimmen als Höchstwerte das Denken. Auch die Liebe wird dementsprechend vom Zweck zum Mittel, die Sexualität zur Menschenzucht:

Auch die Ehe kann nicht Selbstzweck sein, sondern muß dem einen größeren Ziele, der Vermehrung und Erhaltung der Art und Rasse, dienen. Nur das ist ihr Sinn und ihre Aufgabe.

Das heißt aber auch: Die Gesundheitspolitik wird zur Bevölkerungspolitik. Nicht mehr der Körper des Kranken soll geheilt werden, sondern der Volkskörper. Der Kranke wird so selbst zur Krankheit, die es zu beseitigen gilt. Und Ärzte müssen zu Mördern werden. Diese fatale Logik ist in Mein Kampf bereits nahezu vollständig offengelegt:

Es ist eine Halbheit, unheilbar kranken Menschen die dauernde Möglichkeit einer Verseuchung der übrigen gesunden zu gewähren. […] Die Forderung, daß defekten Menschen die Zeugung anderer ebenso defekter Nachkommen unmöglich gemacht wird, ist eine Forderung klarster Vernunft und bedeutet in ihrer planmäßigen Durchführung die humanste Tat der Menschheit. […] Denn hier wird man, wenn nötig, zur unbarmherzigen Absonderung einmal unheilbar Erkrankter schreiten müssen; eine barbarische Maßnahme für den unglücklich davon Betroffenen, aber ein Segen für die Mit- und Nachwelt.

Denn der Einzelne zählt nichts, das Volk ist alles. Nicht einmal der eigene Körper gehört mehr dem Individuum in jenem totalen Staat, von dem Hitler träumte, bis er Wirklichkeit wurde.

Das Recht der persönlichen Freiheit tritt zurück gegenüber der Pflicht der Erhaltung der Rasse.

Auf diese Weise aber bemächtigte sich Hitler schließlich doch noch der fremden Körper, die sich ihm in seinem erbärmlichen Leben so lange entzogen hatten.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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