Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Liest man Mein Kampf, gerät man oft in die Gefahr zu vergessen, dass hier noch kein triumphierender Diktator schreibt, sondern der von Feinden belächelte, unter Gleichgesinnten umstrittene Führer einer rechtsextremen Splitterpartei. Hitler stellt eine Siegesgewissheit zur Schau, die mehr ist als bloße Großsprecherei. Besser wird man sie wohl als Autosuggestion verstehen. Liest man Hitlers – natürlich stilisierten – Bericht über seine erste Rede vor Massen, dann spürt man etwas von der ekstatischen Verblendung, in die er verfiel und in die er manche Zuhörer versetzte:

Von Viertelstunde zu Viertelstunde wurden die Zwischenrufe mehr und mehr zurückgedrängt von steigenden Zurufen. Und als ich endlich die fünfundzwanzig Thesen Punkt für Punkt der Masse vorlegte und sie bat, selber das Urteil über sie zu sprechen, da wurden sie nun eine nach der anderen unter immer mehr sich erhebendem Jubel angenommen, einstimmig und immer wieder einstimmig, und als die letzte These so den Weg zum Herzen der Masse gefunden hatte, da stand ein Saal von Menschen vor mir, zusammengeschlossen von einer neuen Überzeugung, einem neuen Glauben, von einem neuen Willen.

Man könnte von Größenwahn sprechen, wäre Hitler nicht leider tatsächlich zu einer historischen Größe geworden. Seine Selbststilisierung zum nationalen Heiland wäre bloß lächerlich, hätte nicht später wenigstens die Hälfte der Deutschen in ihm wirklich einen Messias gesehen, dem sie eine „Wiederaufrichtung eines Deutschen Reiches erhöhter Macht und Herrlichkeit“ zutraute.

Denn es ist das Bemerkenswerte aller großen Reformen, daß sie als Verfechter zunächst oft nur einen einzigen besitzen, als Träger jedoch viele Millionen. Ihr Ziel ist oft schon seit Jahrtausenden der innere, sehnsuchtsvolle Wunsch von Hunderttausenden, bis einer sich zum Verkünder eines solchen allgemeinen Wollens aufwirft und als Bannerträger der alten Sehnsucht als einer neuen Idee zum Siege verhilft.

Und Hitler erfüllte ja offenkundig tatsächlich die Sehnsüchte von Millionen Deutschen. Allerdings erreichte er nicht unbedingt die „breite Masse“, die er selbst anvisierte. Unter Arbeitern verfing seine Botschaft weniger als unter Bürgern des Mittelstandes oder unter Studenten. Wie soll man das erklären? Gerade die Gebildeteren erlagen besonders leicht der Dummheit. Allen Entschuldigungen der Art, Hitler habe die Deutschen „verführt“ oder „betrogen“, steht die schlichte Tatsache entgegen, dass der Führer sowohl seine Methoden als auch seine Ziele von Anfang an ganz offen aussprach:

Der Glaube ist schwerer zu erschüttern als das Wissen, Liebe unterliegt weniger dem Wechsel als Achtung, Haß ist dauerhafter als Abneigung, und die Triebkraft zu den gewaltigsten Umwälzungen auf dieser Erde lag zu allen Zeiten weniger in einer die Masse beseelenden wissenschaftlichen Erkenntnis als in einem sie beherrschenden Fanatismus und einer sie manchmal vorwärtsjagenden Hysterie.
Wer die breite Masse gewinnen will, muß den Schlüssel kennen, der das Tor zu ihrem Herzen öffnet. Er heißt nicht Objektivität, also Schwäche, sondern Wille und Kraft.
Die Gewinnung der Seele des Volkes kann nur gelingen, wenn man außer dem positiven eigenen Kampf für die eigenen Ziele zugleich den Träger des Gegenteils vernichtet.
Das Volk sieht zu allen Zeiten im rücksichtslosen Angriff gegen einen Widersacher einen Beweis des eigenen Rechtes, und es empfindet den Verzicht auf dessen Vernichtung als Unsicherheit in bezug auf das eigene Recht, wenn nicht als Zeichen des eigenen Unrechtes.
Die breite Masse ist nur ein Stück der Natur, und ihr Empfinden versteht nicht den gegenseitigen Händedruck von Menschen, die behaupten, Verschiedenes zu wollen. Was sie wünscht, ist der Sieg des Stärkeren und die Vernichtung des Schwachen oder seine bedingungslose Unterwerfung.
Die Nationalisierung unserer Masse wird nur gelingen, wenn bei allem positiven Kampf um die Seele unseres Volkes ihre internationalen Vergifter ausgerottet werden.

Noch Fragen? Wer die „internationalen Vergifter“ sind, versteht sich von selbst:

Wer das deutsche Volk aus seinen ihm ursprünglich wesensfremden Eigenschaften und Untugenden erlösen will, wird es erst erlösen müssen vom fremden Erreger dieser Äußerungen.
Ohne klarste Erkenntnis des Rasseproblems, und damit der Judenfrage, wird ein Wiederaufstieg der deutschen Nation nicht mehr erfolgen.

Der Krieg, den Hitler sich wünschte, wäre aber auch mit dem vollständigen Sieg des Nationalsozialismus nicht beendet gewesen:

Die Größe einer Bewegung wird ausschließlich gewährleistet durch die ungebundene Entwicklung ihrer inneren Kraft und durch deren dauernde Steigerung bis zum endgültigen Siege über alle Konkurrenten.
Ja, man kann sagen, daß ihre Stärke und damit ihre Lebensberechtigung überhaupt nur solange in Zunahme begriffen ist, solange sie den Grundsatz des Kampfes als die Voraussetzung ihres Werdens anerkennt, und daß sie in demselben Augenblick den Höhepunkt ihrer Kraft überschritten hat, in dem der vollkommene Sieg auf ihre Seite neigt.
Es ist mithin einer Bewegung nur nützlich, diesem Siege in einer Form nachzustreben, die zeitlich nicht zum augenblicklichen Erfolge führt, sondern die in der durch die unbedingte Unduldsamkeit herbeigeführten langen Kampfdauer auch ein langes Wachstum schenkt.

Ein Nationalsozialismus ohne Feind wäre in der Tat in sich zusammengefallen. Und für die Zeit nach dem fest eingeplanten Endsieg lagen ja auch schon Pläne in der Schublade, das Ende doch noch ein bisschen hinauszuschieben: durch einen Ertüchtigungskrieg gegen slawische Untermenschen im Osten etwa oder einen Vernichtungsfeldzug gegen Kranke im eigenen Land.

Der Sieg über den ersten Band von Mein Kampf wäre mit diesem Kapitel nun errungen. Ich kann mit der kleinen Schar treuer Leser dieser Reihe also Bergfest feiern. Prost! Soll ich ein Zwischenfazit ziehen? Das Lesen ist wahrlich eine Qual. Wem die zitierten Hitler-Worte schon unerträglich scheinen, der überlege sich bitte mal, was ich durchmache! Hitlers Deutsch ist schauerlich schlecht, der Text eine Ansammlung ständig wiederholter Phrasen. Dennoch kann man nicht behaupten, das Buch wäre unverständlich oder gar unlesbar. Es ist auch keineswegs durchweg irre. Abgesehen vom pathologischen Antisemitismus entspricht Hitlers Denken und Fühlen eigentlich dem eines Durchschnittsspießers.

Warum wurde Mein Kampf zu allen Zeiten so selten und so oberflächlich zur Kenntnis genommen? Darüber wunderte sich schon Eberhard Jäckel, der in seinem Buch Hitlers Weltanschauung als einer der ersten Historiker die Legende widerlegte, Hitler wäre nur ein machthungriger Irrer ohne konsistente Ideologie gewesen. Noch heute begeistert der Dämon oder die Witzfigur Hitler die Massen, für seine wirklichen Worte und Ideen interessieren sich nur wenige. Vielleicht ist die Lektüre auch deswegen frustrierend, weil man im Text vergeblich nach dem Erfolgsgeheimnis Hitlers sucht. Gewiss beweist er Gespür für die Schwächen seiner Feinde und für die Schwächen des Menschen überhaupt. Aber wie konnte ein so beschränkter, vulgärer und brutaler Kleinbürger die Liebe von Millionen gewinnen? „Aber ausgerechnet den?“ (Erich Weinert) Hatten die Deutschen gar keinen Geschmack oder einfach fürchterlich einen an der Klatsche? Der Leser von Mein Kampf muss aufpassen, dass er vom Menschenhass des Autors nicht angesteckt wird.

To be continued.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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