Das ekelhafte Neukölln

In einem Buch mit dem Titel Spazieren in Berlin las ich jüngst: „Um seiner selbst willen Neukölln aufzusuchen, dazu kann man eigentlich niemandem raten.“ Eine „traurige Gegend“ sei dieses Viertel, man sehe nur „arbeitsmüdes Volk“ und „kümmerliche Kinder“. Der gutbürgerliche Autor räumt allerdings auch ein, er habe „nur geringe Kenntnisse von dieser Vorstadt“, denn: „Ich bin immer nur rasch mit der Tram durch Neukölln gefahren, um wo anders hinzukommen.“ Die Mischung aus Ignoranz und Verachtung, die aus diesem Text über Neukölln spricht, überrascht nicht, eher vielleicht schon die Tatsache, dass er aus dem Jahr 1929 stammt. Damals lebte vermutlich noch kein einziger Mensch türkischer oder arabischer Herkunft in Neukölln, sehr wohl aber viele arbeitende und arme Leute – der bürgerliche Ekel war schon der gleiche.

Vieles, was wir heute für Fremdenhass halten, ist nichts anderes als der uralte Hass der Besitzenden gegen die Armen, der sich bloß ein neues Kostüm zugelegt hat. Denn Proletariat und Prekariat der Bundesrepublik bestehen inzwischen, im Westen noch stärker als im Osten, zum großen Teil aus Zuwanderern. Auf unseren Baustellen wird Rumänisch und Portugiesisch gesprochen. Viele Imbissverkäufer stammen aus der Türkei, viele Gemüsehändler aus Vietnam. Polen ernten unseren Spargel, Ukrainerinnen pflegen unsere siechen Großeltern. In unseren Bordellen wälzen sich deutsche Familienvatis über mittellose Bulgarinnen. Und weil sich aus der Unterschicht seit jeher auch die Kleinkriminellen rekrutieren, finden sich auch unter diesen viele Migranten.

Ein schwerer Exzess wurde in der Nacht auf Sonntag in der Hermannstraße von einer Horde von 10 jungen Burschen verübt. Wir erfahren darüber folgendes: Kurz nach 1 Uhr kamen in der Hermannstraße etwa 10 mindestens im Alter von 18 bis 20 Jahren stehende Burschen aus einem Lokal, die auf der Straße sofort einen Heidenlärm zu vollführen begannen, indem sie johlten, schrien und mit Stöcken gegen Zäune und Hauswände schlugen. Der dort patrouillierende Schutzmann Matthe vom 10. Polizeirevier, ein äußerst ruhiger und besonnen auftretender Beamter, forderte die Lärmenden in angemessener Weise auf, sich ruhig zu verhalten, was die Rowdies damit beantworteten, daß sie ohne weiteres über den Schutzmann herfielen, ihn rücklings zu Boden rissen und ihn in der rohesten Weise mißhandelten. Der Säbel, dessen der Angegriffene sich zu seiner Verteidigung zu bedienen versuchte, wurde ihm sofort aus der Hand gerissen. Dem wehrlos am Boden liegenden Beamten wurde neben anderen Verletzungen ein schwerer Messerstich oberhalb des rechten Auges zugefügt. Es wäre ihm wohl noch übler ergangen, wenn nicht jetzt ein zweiter Schutzmann zur Hilfe herbeigeeilt wäre, bei dessen Erscheinen die Bande auseinanderstob, worauf die Burschen im Dunkel der Nacht verschwanden. Doch gelang es dem herbeieilenden Schutzmann, den Rädelsführer zu verhaften. Die sogleich von dem Überfall in Kenntnis gesetzte Kriminalpolizei ermittelte dann noch im Laufe der Nacht die übrigen an dem Exzeß Beteiligten und brachte sie nach dem hiesigen Polizeipräsidium, wo gestern Vormittag ihre Vernehmung stattfand.

Der Messerstecher hieß, wie uns das Neuköllner Tageblatt vom 7. Dezember 1915 glaubhaft versichert, nicht Ali oder Mohammed. Es handelte sich vielmehr um „den taubstummen 33jährigen Lederarbeiter Karl Schubert aus der Jägerstr. 67“. Heute werden solche Straftaten in Neukölln und anderswo allerdings auch von jungen Männern begangen, die das Pech haben, nicht viel mehr zu besitzen als einen Migrationshintergrund. Die großen Verbrechen, also jene, die gewöhnlich nicht bestraft werden, behalten sich die Deutschen allerdings doch noch immer selbst vor.

Schon vor Jahrhunderten galt die dunkle Haut als Erkennungszeichen der Armen, denn nur die Bauern wurden bei der Arbeit auf dem Feld von der Sonne verbrannt. Wer es sich leisten konnte, zeigte seinen Reichtum durch makellos bleiche Haut. Die Reichen ekeln sich, wenn sie Arme erblicken, denn arme Menschen sind schlecht angezogen, verstaubt und verschwitzt, sie haben raue Umgangsformen, sie riechen nach Zwiebeln, sie können sich nicht über Goethe unterhalten oder die Sonatenhauptsatzform erklären. Sie haben eine eigene Kultur, die den Reichen fremd und unheimlich ist. Die Sprache der Armen verstanden die Reichen auch nicht besser, als sie noch nicht Türkisch war.

Die neuen Rechten unserer Tage werfen Linken gerne Heuchelei vor, weil diese Multikulti zwar gutmenschelnd predigen, ihre eigenen Kinder tatsächlich aber auch nicht auf die Rütli-Schule im Ausländerviertel schicken. Diese Kritik ist gewiss berechtigt, doch könnte man die Rechten zurückfragen: Warum schicktet ihr denn eure noblen Sprösslinge nicht auf Schulen in Berlin-Hohenschönhausen, Rostock-Lichtenhagen oder Halle-Neustadt, wo die Schülerschaft doch weithin tadellos germanisch ist? Schreckt euch vielleicht die Aussicht, eure Kinder könnten mit bildungsfernen Bälgern von deutschen Arbeitern und Arbeitslosen in Kontakt kommen? Ist euch der Prolet vielleicht ebenso fremd wie der Kanake?

Rassisten hielten seit jeher nicht nur fremde Völker, sondern auch die Armen ihres eigenen Volkes für biologisch minderwertig, für Abkömmlinge einstmals unterjochter Rassen. Auch der Führer Adolf Hitler hielt die „breite Masse“ für dumm, feig und träge. Wer im Kampf ums Dasein unterliege, der habe sein Schicksal eben verdient. Aber die Arbeiter waren doch nicht so dumm, mehrheitlich Hitler zu wählen, das übernahmen jene braven Bürger des Mittelstandes, die Angst davor hatten, die rachsüchtigen Armen könnten ihnen eines Tages die Sparbücher wegnehmen. Wer eine solche Mentalität heute besichtigen möchte, der sollte Thilo Sarrazin ins Antlitz schauen – so schwer das auch fällt. Dieser Mann verachtet Deutsche aus dem Prekariat ja nicht weniger als ungebildete Zuwanderer. Als Senator in Berlin sparte er konsequent bei denen, die schon am wenigsten hatten. Das ganze Leben dieses Seelenkrüppels ist ein einziger Krieg gegen die Armen.

Und doch geben in fast allen westlichen Ländern immer mehr Arbeiter und Arbeitslose jenen neuen Rechten ihre Stimme, denen es gelungen ist, soziale und ökonomische Probleme in ethnische und religiöse Konflikte umzudeuten. Der Klassenkampf ist passé, der Krieg der Kulturen hingegen en vogue. Und so glaubt sich mancher weiße Arbeiter mit seinem kommandierenden Ausbeuter verbunden im Kampf gegen den fremden und farbigen Feind. Geheilt werden solche Arbeiter von ihrem Irrtum wohl erst, wenn sie von den neuen Faschisten so bitter enttäuscht werden, wie frühere Arbeiter von den alten Faschisten enttäuscht worden sind.

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