Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Die Fans, die den neu gewählten amerikanischen Präsidenten Donald Trump mit dem Ruf „Hail Victory!“ begrüßten, mögen eine Minderheit unter seinen Anhängern sein. Dass aber ein Kandidat mit einem zumindest faschistoiden Wahlkampf in einer der ältesten Demokratien der Welt überhaupt siegen kann, stimmt doch nachdenklich. Die alte Weisheit, nach der immer möglich bleibt, was einmal wirklich war, ist heute so wahr wie früher. Darum scheint es mir auch nicht unnütz, mich jetzt in den zweiten Teil meines Leseabenteuers zu stürzen, indem ich den zweiten Band von Mein Kampf aufschlage. Das erste Kapitel mit dem Titel Weltanschauung und Partei ist kurz, aber macht doch bereits klar: Die Chance, dass dieses Buch noch gut ausgeht, ist eher gering.

Wie sehr Hitler den Marxismus verabscheut, haben wir im ersten Band des Buches schon zur Genüge erfahren. Aber was hält Hitler eigentlich von Karl Marx selbst? Im ersten Band behauptet Hitler einmal, er habe Das Kapital intensiv studiert und dabei durchschaut – eine Stelle, bei der auch der ernsteste Leser schmunzeln muss. Nun lesen wir:

Karl Marx war wirklich nur der eine unter den Millionen, der aus dem Sumpfe einer langsam verkommenden Welt mit dem sicheren Blick des Propheten die wesentlichen Giftstoffe erkannte, herausgriff, um sie nun, einem Schwarzkünstler gleich, in eine konzentrierte Lösung zu bringen zur schnelleren Vernichtung des unabhängigen Daseins freier Nationen dieser Erde. Dieses alles im Dienste seiner Rasse.
Seine marxistische Lehre ist der kurzgefaßte geistige Extrakt der heute allgemein gültigen Weltanschauung. Schon aus diesem Grunde ist auch jeder Kampf unserer sogenannten bürgerlichen Welt gegen sie unmöglich, ja lächerlich, da auch diese bürgerliche Welt im wesentlichen von all diesen Giftstoffen durchsetzt ist, und einer Weltanschauung huldigt, die sich von der marxistischen im allgemeinen nur mehr durch Grade und Personen unterscheidet. Die bürgerliche Welt ist marxistisch, glaubt aber an die Möglichkeit der Herrschaft bestimmter Menschengruppen (Bürgertum), während der Marxismus selbst die Welt planmäßig in die Hand des Judentums überzuführen trachtet.

Es gibt Schurken, die in ihrer Bosheit doch immerhin abgründig und faszinierend sind. Hitler zählt nicht dazu. Seine Bösartigkeit ist stumpf und langweilig. Deswegen überrascht es nicht, dass auch seine Worte zu Karl Marx enttäuschen. Der Gegner kommt weder als Person noch als Denker in den Blick. Marx ist jüdisch, damit ist klar: Er ist überhaupt kein Individuum, sondern nur ein weiteres Exemplar des Typus „der Jude“. Da Marxismus und Judentum für Hitler identisch sind, kommt er noch zu der bemerkenswerten Feststellung, Marx habe bereits den Marxismus gelehrt. Der alte Marx selbst sah das etwas anders: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin“, soll er nach dem Zeugnis von Friedrich Engels gesagt haben.

All die braven deutschen Bürger, die sich mit Hitler anfreundeten, weil er versprach, sie gegen den Bolschewismus zu verteidigen, hätte Mein Kampf auch schon eines Besseren belehren können. Die bürgerliche, liberale Demokratie war für Hitler ebenfalls marxistisch, also verjudet. Er verheimlichte auch keine Sekunde, dass er die Demokratie nur als Mittel zur Machtergreifung benutzen, dann aber umgehend zerstören wollte. Wie alle Faschisten verband er dieses Bekenntnis mit der Heuchelei, es handle sich um bloße Selbstverteidigung gegen den Feind. Wie alle Faschisten stellte er die Wahrheit auf den Kopf und unterstellte den marxistischen Juden und verjudeten Marxisten jene Pläne zur „Welteroberung“, die er selbst verfolgte:

In einer Zeit aber, in welcher die eine Seite, ausgerüstet mit allen Waffen einer, wenn auch tausendmal verbrecherischen Weltanschauung zum Sturm gegen eine bestehende Ordnung antritt, kann die andere ewig nur Widerstand leisten, wenn sich dieser selber in die Formen eines neuen, in unserem Falle politischen Glaubens kleidet und die Parole einer schwächlichen und feigen Verteidigung mit dem Schlachtruf mutigen und brutalen Angriffs vertauscht.

Als Hitler einige Jahre später wirklich angriff, tat er dies bekanntlich mit den Worten, von nun an werde zurückgeschossen.

Welche Bedeutung Hitler dem „politischen Glauben“ beimaß, tritt in diesem Kapitel besonders deutlich hervor. Unverhohlen erhebt er die katholische Kirche zum Modell für die Organisation der NSDAP. Die Mitglieder sollen mit „bedingungslosem Glauben“ für die „Parteidogmen“ kämpfen, in denen sich die „höchste Wahrhaftigkeit“ ausdrücke. Um dem „politischen Glaubensbekenntnis“ zum Sieg zu verhelfen, brauche es freilich noch einen ganz besonderen, auserwählten Mann, der hervortritt,

um mit apodiktischer Kraft aus der schwankenden Vorstellungswelt der breiten Masse granitene Grundsätze zu formen und so lange den Kampf aufzunehmen für ihre alleinige Richtigkeit, bis sich aus dem Wellenspiel einer freien Gedankenwelt ein eherner Fels einheitlicher glaubens- und willensmäßiger Verbundenheit erhebt.

Keine Frage, Hitler hielt sich nicht nur für den Messias, sondern auch für den Papst des Nationalsozialismus. Vielleicht verordnete er sich deswegen selbst ein Zölibat, das er erst aufgab, als es für seine Mission keinerlei Hoffnung mehr gab.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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