Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Die „breite Masse“, „Pöbel“ und „Pack“ – Hitler hielt, wie man in Mein Kampf immer wieder lesen kann, vom deutschen Volk gar nicht besonders viel. Im Kapitel Der Staat erkennt man auch, warum das so war. Hitler hielt auch viele Deutsche für minderwertige Kreaturen, weil sie Produkte einer fatalen „Blutsvermischung“ seien:

Unser deutsches Volkstum beruht leider nicht mehr auf einem einheitlichen rassischen Kern. Der Prozeß der Verschmelzung der verschiedenen Urbestandteile ist auch noch nicht so weit fortgeschritten, daß man von einer dadurch neugebildeten Rasse sprechen könnte. Im Gegenteil: die blutsmäßigen Vergiftungen, die unseren Volkskörper, besonders seit dem Dreißigjährigen Kriege trafen, führten nicht nur zu einer Zersetzung unseres Blutes, sondern auch zu einer solchen unserer Seele.

Schuld an dieser Verseuchung war nach Hitler eine verfehlte Einwanderungs- und Integrationspolitik:

Die offenen Grenzen unseres Vaterlandes, das Anlehnen an ungermanische Fremdkörper längs dieser Grenzgebiete, vor allem aber der starke laufende Zufluß fremden Blutes ins Innere des Reiches selbst, läßt infolge seiner dauernden Erneuerung keine Zeit übrig für eine absolute Verschmelzung. Es wird keine neue Rasse mehr herausgekocht, sondern die Rassenbestandteile bleiben nebeneinander, mit dem Ergebnis, daß besonders in kritischen Augenblicken, in denen sich sonst eine Herde zu sammeln pflegt, das deutsche Volk nach allen Windrichtungen auseinanderläuft.

Das Volk als Viehherde, in der alle Tiere in die Richtung trotten, die ein Leithammel vorgibt – das war das Volksideal Hitlers. Für die Voraussetzung gleichen Denkens und Handelns aber hielt er gleichartiges Blut. Konsequenterweise stand er einer Einbürgerung von Zuwanderern daher eher skeptisch gegenüber:

Es ist aber ein kaum faßlicher Denkfehler, zu glauben, daß, sagen wir, aus einem Neger oder einem Chinesen ein Germane wird, weil er Deutsch lernt und bereit ist, künftighin die deutsche Sprache zu sprechen und etwa einer deutschen politischen Partei seine Stimme zu geben. Daß jede solche Germanisation in Wirklichkeit eine Entgermanisation ist, wurde unserer bürgerlichen nationalen Welt niemals klar.

Eine Vermischung der Völker und Rassen ergebe allenfalls einen „Einheitsbrei“, „wie er den Idioten von Weltverbesserern unserer Tage ja als Ideal vorschwebt“. Ich bin mir nicht sicher, ob Hitler sich in unserer Zeit in der Flüchtlingshilfe engagiert hätte.

Hitler setzte seine Hoffnungen auf „große unvermischt gebliebene Bestände an nordisch-germanischen Menschen“ innerhalb des deutschen Volkes:

Das Deutsche Reich soll als Staat alle Deutschen umschließen mit der Aufgabe, aus diesem Volke die wertvollsten Bestände an rassischen Urelementen nicht nur zu sammeln und zu erhalten, sondern langsam und sicher zur beherrschenden Stellung emporzuführen.

In der Hierarchie der Werte stand die Rasse für Hitler über dem Volk wie über dem Staat. Nur reinrassige Arier waren für ihn vollwertige Mitglieder des Volkes. Und der Staat war für ihn „kein Zweck, sondern ein Mittel“, insbesondere der Rassenpolitik. Der Staat war Werkzeug zur Züchtung des Ariers und „Waffe“ im weltweiten Kampf der Rassen ums Dasein.

Weil Hitler der Staat als politisches Gemeinwesen im Grunde gleichgültig war, steht im Kapitel Der Staat auch kaum ein Satz über politische Institutionen, Verfassung, Recht oder Verwaltung. Das alles interessierte Hitler nicht. Ausführlich hingegen äußert er sich zur Erziehung der Jugend. Die langen Ausführungen laufen letztlich auf ein Plädoyer für die Dummheit hinaus. Das Turnen wird zum wichtigsten Schulfach erklärt. Neben der körperlichen Ertüchtigung soll die Erziehung die „Förderung des Nationalstolzes“ im Auge haben, außerdem zu Opfersinn und Gehorsam leiten. Die Vermittlung von Wissen steht an letzter Stelle als notwendiges Übel, das sich nicht ganz vermeiden lässt, aber mit äußerster Vorsicht zu handhaben ist.

Das Lob der Dummheit und die Schmähung der Gebildeten sind zwei der wirkungsvollsten Waffen des Demagogen. Denn es gibt in jeder Gesellschaft viele Menschen, die nicht besonders helle sind, und noch mehr, die glauben, sie verdienten auf Grund ihrer Begabung eigentlich jene Spitzenpositionen, die tatsächlich aber andere innehaben. Ein erfolgreicher Demagoge muss in der Lage sein, diese Unzufriedenen als „kleine Leute“ anzusprechen und gegen die Elite auszuspielen:

Unsere geistigen Schichten sind besonders in Deutschland so in sich abgeschlossen und verkalkt, daß ihnen die lebendige Verbindung nach unten fehlt. […] Sie sind zu lange schon aus diesem Zusammenhang herausgerissen, als daß sie noch das nötige psychologische Verständnis für das Volk besitzen könnten. Sie sind volksfremd geworden.

Wie jede erfolgreiche Ideologie ist auch diese nicht einfach eine Lüge, sondern eine Halbwahrheit. Eine Entfremdung zwischen Gebildeten und Ungebildeten, zwischen Regierenden und Regierten existiert ja tatsächlich. Durchaus attraktiv konnte auf kleine Leute daher das später allerdings kaum eingelöste Versprechen Hitlers wirken, der „völkische Staat“ habe

nicht die Aufgabe, einer bestehenden Gesellschaftsklasse den maßgebenden Einfluß zu wahren, sondern die Aufgabe, aus der Summe aller Volksgenossen die fähigsten Köpfe herauszuholen und zu Amt und Würden zu bringen.

Dieses vermeintlich egalitäre Versprechen erweist sich jedoch als radikal antiegalitär. Denn der versprochenen Gleichbehandlung der Volksgenossen entspricht die Ungleichbehandlung der Menschen, ja die Abschaffung des Begriffs der Menschheit.

Von Zeit zu Zeit wird in illustrierten Blättern dem deutschen Spießer vor Augen geführt, daß da oder dort zum erstenmal ein Neger Advokat, Lehrer, gar Pastor, ja Heldentenor oder dergleichen geworden ist. Während das blödselige Bürgertum eine solche Wunderdressur staunend zur Kenntnis nimmt, voll von Respekt für dieses fabelhafte Resultat heutiger Erziehungskunst, versteht der Jude sehr schlau, daraus einen neuen Beweis für die Richtigkeit seiner den Völkern einzutrichternden Theorie von der Gleichheit der Menschen zu konstruieren. Es dämmert dieser verkommenen bürgerlichen Welt nicht auf, daß es sich hier wahrhaftig um eine Sünde an jeder Vernunft handelt; daß es ein verbrecherischer Wahnwitz ist, einen geborenen Halbaffen so lange zu dressieren, bis man glaubt, aus ihm einen Advokaten gemacht zu haben, während Millionen Angehörige der höchsten Kulturrasse in vollkommen unwürdigen Stellungen verbleiben müssen; daß es eine Versündigung am Willen des ewigen Schöpfers ist, wenn man Hunderttausende und Hunderttausende seiner begabtesten Wesen im heutigen proletarischen Sumpf verkommen läßt, während man Hottentotten und Zulukaffern zu geistigen Berufen hinaufdressiert.

Ist es nicht wirklich ein Skandal, dass gebildete Schwarze Positionen besetzen, die doch naturgemäß dummen Weißen zustünden? Wirklich, ich glaube, ein so erfrischend politisch inkorrekter Fürsprecher der „white working class“ wie Adolf Hitler könnte auch heutzutage wieder Massen begeistern.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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