Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Wenn man erfahren will, was Faschisten vorhaben, muss man nur darauf achten, was sie ihren Feinden vorwerfen. Eben die Verbrechen, die sie anderen unterstellen, planen sie selbst. Sie fühlen sich geknebelt, denn sie wollen ihre Gegner mundtot machen. Sie jammern über Brutalität und schicken nachts Schlägertrupps in die Straßen. Sie klagen über die Lügenpresse und lügen unablässig. Sie nennen ihre Feinde Volksverräter und schrecken vor keinem Verrat ihres Landes zurück, um an die Macht zu kommen. Ihr Ziel ist die totale Herrschaft, den Wunsch danach schreiben sie aber dem Gegner zu. Modell dieser Argumentation der radikalen Umkehrung waren die Protokolle der Weisen von Zion, mit denen die Antisemiten dem Juden das Streben nach jener absoluten Diktatur andichteten, die sie selbst begehrten.

Hitler machte nie einen Hehl daraus, dass er nicht weniger als die totale Herrschaft anstrebte:

Denn die Weltanschauung ist unduldsam und kann sich mit der Rolle einer »Partei neben anderen« nicht begnügen, sondern fordert gebieterisch ihre eigene, ausschließliche und restlose Anerkennung sowie die vollkommene Umstellung des gesamten öffentlichen Lebens nach ihren Anschauungen. Sie kann also das gleichzeitige Weiterbestehen einer Vertretung des früheren Zustandes nicht dulden.

Diese Intoleranz, die mit der Tradition der bürgerlichen Aufklärung radikal brach, musste begründet werden. So erklärte Hitler sein eigenes Machtstreben zur Notwehr im Kampf gegen eine Macht, die angeblich nach der Weltherrschaft strebte.

Man kann nun sehr wohl den Einwand bringen, daß es sich bei derartigen Erscheinungen in der Weltgeschichte meist um solche spezifisch jüdischer Denkart handelt; ja, daß diese Art von Unduldsamkeit und Fanatismus geradezu jüdische Wesensart verkörpere. Dies mag tausendmal richtig sein, und wohl kann man diese Tatsache tief bedauern und mit nur allzuberechtigtem Unbehagen ihr Erscheinen in der Geschichte der Menschheit als etwas feststellen, was dieser bis dahin fremd gewesen war, – so ändert dies doch nichts daran, daß dieser Zustand heute eben da ist. Die Männer, die unser deutsches Volk aus seinem jetzigen Zustand erlösen wollen, haben sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, wie schön es wäre, wenn dieses und jenes nicht wäre, sondern müssen versuchen festzustellen, wie man das Gegebene beseitigt. Eine von infernalischer Unduldsamkeit erfüllte Weltanschauung wird aber nur zerbrochen werden durch eine von gleichem Geist vorwärts getriebene, vom gleichen stärksten Willen verfochtene, dabei aber in sich reine und durchaus wahrhaftige neue Idee.

„Nur Barbaren können sich verteidigen.“ Dieses Zitat, vom nationalistischen Ideologen Götz Kubitschek ohne Quellenangabe Friedrich Nietzsche zugeschrieben, geistert durch die rechtsradikale Szene der Gegenwart. Ich finde bei Nietzsche zwar nicht diese Worte, aber ein nachgelassenes Fragment aus dem Herbst 1887:

Mit was für Mitteln man rohe Völker zu behandeln hat, und daß die „Barbarei“ der Mittel nichts Willkürliches und Beliebiges ist, das kann man in praxi mit Händen greifen, wenn man mit aller seiner europäischen Verzärtelung einmal in die Notwendigkeit versetzt wird, am Congo oder irgendwo Herr über Barbaren bleiben zu müssen.

Hier entschuldigt die blonde Bestie in der Tat ihre eigene Barbarei durch die Notwendigkeit, fremde Barbaren zu beherrschen. Die Brutalität des Faschismus beruhte, wie Hannah Arendt schon feststellte, auch darauf, dass er die Methoden der imperialistischen Kolonisatoren nach Europa verpflanzte. Hitler gab seine eigenen Verbrechen als Reaktion auf die Verbrechen der unzivilisierten „jüdischen Bolschewisten“ aus, was vielen Deutschen glaubhaft schien, auch dann noch, als der offensive und exterminatorische Charakter von Hitlers Krieg unübersehbar geworden war.

Bei unseren heutigen Programmatikern der „Alternative für Deutschland“ wird die Sache etwas milder ausgedrückt: Die Europäer litten unter einer „thymotischen Unterversorgung“, einer Armut an Zorn und Wut, die ihnen im Kampf der Kulturen womöglich eine Niederlage bescheren werde. Es ist bei den Neurechten auch nicht mehr der Bolschewismus, sondern der mit dem Islam identifizierte militante Islamismus, der als Entschuldigung für die eigene Verrohung herhalten darf. Die Gleichförmigkeit der Argumentation indes ist nur schwer zu verkennen. Wie irrig diese Vorstellungen sind, hat die Geschichte gezeigt. Man kann die Zivilisation nicht verteidigen, indem man sie im Kampf selbst aufgibt. Man besiegt die Barbarei nicht, indem man selbst zum Barbaren wird. Es ist die Barbarei, die dann siegt.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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