Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

„Filterblase“ und „Echokammer“ sind neue Worte für alte Phänomene. Jedes politische Milieu ist eine Gemeinschaft von Menschen, die sich beständig wechselseitig in ihren Anschauungen bestätigen. Solche Milieus verfügen auch immer über ihre eigenen Medien. Stimmen von außen dringen daher nur selten ein, und wenn doch, dann weltanschaulich gefiltert und eingefärbt. Schon der Kopf jedes Einzelnen funktioniert ja ebenso: Das Gehirn wählt aus den Informationen der Außenwelt jene, die zum schon vorhandenen Weltbild passen. Äußerungen, die uns bestätigen, finden wir spontan glaubhafter als Äußerungen, die uns ärgern. Ein Politiker, der nicht nur die Überzeugten überzeugen, sondern die Anhänger des politischen Gegners abwerben will, muss nach Wegen suchen, diese Barrieren zu überwinden.

Im Kapitel Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede kehrt Hitler nach einigen programmatischen Kapiteln wieder zu seiner Biografie zurück. Er erzählt von den ersten Jahren der NSDAP – seltsam entrückt, so als läge diese Zeit schon in ferner Vergangenheit, so als blickte ein erfolgreicher Staatsmann auf seine Jugend. Die Autosuggestion, mit der Hitler seinen eigenen Erfolg vorwegnahm, erstaunt immer wieder aufs Neue. In seiner Erzählung verbreitet er eine Legende, an die er womöglich selber glaubte. Einzig die NSDAP habe es nach dem Krieg gewagt, gegen den Frieden von Versailles anzureden. Und er allein sei so mutig gewesen, vor Tausenden von feindlich eingestellten Zuhörern für die neue, nationalsozialistische Weltanschauung zu werben – natürlich mit Erfolg. Tatsächlich wurde der Friedensvertrag von allen politischen Parteien als ungerecht kritisiert. Und Hitler redete auch nicht vor feindlich eingestellten Arbeitern, sondern zumeist vor Gleichgesinnten, deren Applaus ihm sicher war. In seiner Erzählung nahm er aber nur vorweg, was ihm später tatsächlich teilweise gelingen sollte: „diejenigen Menschen durch Aufklärung und Propaganda zu gewinnen, die bisher ihrer Erziehung und Einsicht nach auf gegnerischem Boden standen.“

Hitler vertritt die These, nicht die Schriftsteller, sondern die genialen Redner verfügten über die Kunst der „Massenwirkung und Massenbeeinflussung“. Ein Motiv hinter dieser Behauptung war natürlich der Minderwertigkeitskomplex eines Mannes, der nicht schreiben, aber mitreißend reden konnte:

Es entspricht ganz der verbohrten Weltfremdheit unserer deutschen Intelligenz, zu glauben, daß zwangsläufig der Schriftsteller dem Redner an Geist überlegen sein müsse.

Allerdings kann auch eine These, die dem Ressentiment entsprungen ist, zutreffen. Das ist hier wohl der Fall. Zurecht merkt Hitler an, gewöhnliche Menschen läsen keine politische Bücher. Sie lesen vielleicht Zeitungen, aber kaum solche des politischen Gegners. Die Masse erreiche man also nur durch das gesprochene Wort. Wichtigstes Mittel war für Hitler dabei die „Massenversammlung“. Hier fand er ideale Bedingungen, um sein Ziel zu erreichen, das nicht darin bestand, Menschen argumentativ zu überzeugen, sondern ihren Geist zu vernebeln und ihren Willen zu brechen. Politische Massenversammlungen sollten deswegen auch möglichst immer abends stattfinden:

Morgens und selbst tagsüber scheinen die willensmäßigen Kräfte der Menschen sich noch in höchster Energie gegen den Versuch der Aufzwingung eines fremden Willens und einer fremden Meinung zu sträuben. Abends dagegen unterliegen sie leichter der beherrschenden Kraft eines stärkeren Wollens. Denn wahrlich stellt jede solche Versammlung einen Ringkampf zweier entgegengesetzter Kräfte dar. Der überragenden Redekunst einer beherrschenden Apostelnatur wird es nun leichter gelingen, Menschen dem neuen Wollen zu gewinnen, die selbst bereits eine Schwächung ihrer Widerstandskraft in natürlichster Weise erfahren haben, als solche, die noch im Vollbesitz ihrer geistigen und willensmäßigen Spannkraft sind.

Hitler verstand das ganze Leben als Krieg, darum natürlich auch die politische Rede. Sie war ein „Ringkampf des Redners mit den zu bekehrenden Gegnern“. Wenn sich der Möchtegern-Mabuse Hitler selbst den „zauberhaften Einfluß“ der „Massensuggestion“ zuschreibt, dann ist natürlich auch eitle Selbstinszenierung im Spiel. Aber suggestive Wirkung auf bestimmte Menschen wurde Hitler auch von kritischen Zeitgenossen bescheinigt. Entscheidend dafür war auch nach Hitlers eigener Einsicht die Umgebung, die uniformierende Wirkung, die von einer Massenversammlung ausgeht:

Die Massenversammlung ist auch schon deshalb notwendig, weil in ihr der einzelne, der sich zunächst als werdender Anhänger einer jungen Bewegung vereinsamt fühlt und leicht in Angst verfällt, allein zu sein, zum erstenmal das Bild einer größeren Gemeinschaft erhält, was bei den meisten Menschen kräftigend und ermutigend wirkt.

Auch heute noch ersetzen die sozialen Medien für politische Bewegungen nicht die Einheit stiftende Präsenz, die erst von der Massenversammlung geschaffen wird. Manch einer hat solch eine Angst vor der Vereinsamung, dass er sogar der Langeweile trotzt und sich montags mit Gleichgesinnten auf immer demselben Platz versammelt.

Hitler nennt noch einige andere geeignete Propagandamittel. So etwa das gleichsam „geredete“ Flugblatt, das ebenfalls noch heute durch die Straßen und durchs Internet flattert. Eine noch durchschlagendere Waffe kommt aber ganz ohne Worte aus:

Das Bild bringt in viel kürzerer Zeit, fast möchte ich sagen, auf einen Schlag, dem Menschen eine Aufklärung, die er aus Geschriebenem erst durch langwieriges Lesen empfängt.

Das Bild einer sich lindwurmartig vorwärtsschlängelnden Masse von dunkelhäutigen Einwanderern erzielt auch heute noch eine größere Wirkung als ein differenziert argumentierendes Buch zur Migrationspolitik. Es ist traurig, aber es ist so. Deshalb sollten kluge Leute sich nicht damit begnügen, in philosophischen Wälzern gegen die Gesellschaft recht zu behalten. Auch sie sollten sich mit Bild und Flugblatt und Rede ins Getümmel der Masse stürzen.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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