Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Für Hitler war die Politik nicht nur eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, sie war sogar eine Fortsetzung mit denselben Mitteln. Er verachtete als das, was eine liberale Demokratie ausmacht: den Gewaltverzicht, die Diskussion, den Kompromiss, die Toleranz. Für ihn gab es keine politischen Gegner, sondern nur existenzielle Feinde. Seine Freude am Kampf war aber auch eine ganz persönliche Lust an der Gewalt, wie er sie im Krieg erlebt hatte. Im Kapitel Das Ringen mit der roten Front erzählt er von einer Saalschlacht bei einer der Massenversammlungen in der Frühzeit der NSDAP:

Der Tanz hatte noch nicht begonnen, als auch schon meine Sturmtruppler, denn so hießen sie von diesem Tage an, angriffen. Wie Wölfe stürzten sie in Rudeln von acht oder zehn immer wieder auf ihre Gegner los und begannen sie nach und nach tatsächlich aus dem Saale zu dreschen. Schon nach fünf Minuten sah ich kaum mehr einen von ihnen, der nicht schon blutüberströmt gewesen wäre. […] Nur in der linken rückwärtigen Saalecke hielt sich noch ein großer Haufen und leistete erbitterten Widerstand. Da fielen plötzlich vom Saaleingang zum Podium her zwei Pistolenschüsse, und nun ging eine wilde Knallerei los. Fast jubelte einem doch wieder das Herz angesichts solcher Auffrischung alter Kriegserlebnisse.

Solche Schilderungen in Mein Kampf hatten natürlich auch den Zweck, alte Frontkämpfer und abenteuerlustige junge Männer anzusprechen, die sich nicht in die bürgerliche Spießerwelt finden wollten:

Und wie hatte sich diese Jugend nicht nach einer solchen Parole gesehnt!
Wie ist diese Feldzugsgeneration enttäuscht und entrüstet gewesen, voll Ekel und Abscheu über die bürgerliche Schlappschwänzigkeit.

Der Plan ging auf, Offiziere und Studenten zählten bald zu den glühendsten Vorkämpfern des Nationalsozialismus. Wie Hitler mit einem Seitenblick auf den italienischen Bürgerkrieg rasch erkannte, wirkt Gewalt im politischen Kampf durchaus nicht nur abschreckend, sondern auf viele einschüchternd oder sogar anziehend. Zum Beweis der Stärke forcierte er die Gründung paramilitärischer Einheiten:

So wie ein mutiger Mann Frauenherzen leichter erobern wird als ein Feigling, so gewinnt eine heldenhafte Bewegung auch eher das Herz eines Volkes als eine feige, die nur durch polizeilichen Schutz am Leben erhalten wird.

Auf jeden Fall sorgte die Gewalt für Aufmerksamkeit, Überfälle auf feindliche Politiker und deren Versammlungen wurden zur Routine. Beachtung hatte die NSDAP als unbedeutende Splitterpartei am rechten Rand anfangs auch besonders nötig. Die Art der Aufmerksamkeit war dabei nebensächlich, auch negative Publizität erschien Hitler zweckmäßig:

Ganz gleich, ob sie über uns lachen oder schimpfen, ob sie uns als Hanswürste oder als Verbrecher hinstellen; die Hauptsache ist, daß sie uns erwähnen, daß sie sich immer wieder mit uns beschäftigen und daß wir allmählich in den Augen der Arbeiter selber wirklich als die Macht erscheinen, mit der zur Zeit allein noch eine Auseinandersetzung stattfindet.

Die NSDAP sollte nach Hitler nicht einfach nur ein Teil des Ganzen sein, also „Partei“ im eigentlichen Sinne. Vielmehr verkörperte sie für ihn eine „Weltanschauung“, die nicht weniger als die absolute Macht im Staat beanspruchte. Die Partei brauchte daher eine eigene „Parteiflagge“, die sich vom Schwarz-Rot-Gold der Republik, aber auch vom Schwarz-Weiß-Rot der reaktionären Monarchisten unterschied. Gewohnt bescheiden behauptete Hitler, er allein habe schließlich die Lösung gefunden:

Ich selbst hatte unterdes nach unzähligen Versuchen eine endgültige Form niedergelegt: eine Fahne aus rotem Grundtuch mit einer weißen Scheibe und in deren Mitte ein schwarzes Hakenkreuz.

Diese Flagge war in der Tat eine geschickte Versinnbildlichung der Idee von der „konservativen Revolution“, wie sie u.a. Arthur Moeller van den Bruck in seinem Buch Das dritte Reich vorgetragen hatte. Die Flagge nimmt die traditionellen Reichsfarben auf, was der Demokratie der Weimarer Republik eine Absage erteilt. Aber auch von den rückwärtsgewandten Konservativen unterscheidet sich die Flagge durch eine revolutionäre Umordnung der Farben. Grundfarbe wird das Rot, die traditionelle Farbe der Revolution und der Arbeiterbewegung. Das zentrale Hakenkreuz deutet diese Anspielung auf die Bildtradition des Sozialismus jedoch völlig um. Hitler selbst interpretiert:

Als nationale Sozialisten sehen wir in unserer Flagge unser Programm. Im Rot sehen wir den sozialen Gedanken der Bewegung, im Weiß den nationalistischen, im Hakenkreuz die Mission des Kampfes für den Sieg des arischen Menschen und zugleich mit ihm auch den Sieg des Gedankens der schaffenden Arbeit, die selbst ewig antisemitisch war und antisemitisch sein wird.

Heben wir den Blick aus dem Buch und schauen auf die Gegenwart, erkennen wir ohne große Mühe politische Bewegungen, die sich heute wieder an den Ratschlägen Hitlers orientieren. Muss man deswegen befürchten, dass die neue Rechte demnächst nach der totalen Herrschaft greift? Ich glaub’s nicht. Es ist offenkundig, welche Zutat in den Ländern des Westens – anders als etwa in der arabischen Welt – fehlt: eine große, beschäftigungslose, opferbereite Jugend. Es gibt einfach zu wenige junge Männer, die bereit wären, ihr Leben für eine Weltanschauung hinzugeben, denn es lebt sich doch insgesamt noch recht angenehm in der befriedeten Konsumgesellschaft. Der Kollege Götz Kubitschek spricht deswegen verächtlich von der „Verhausschweinung“ der Deutschen. Es gibt zwar das Häuflein der „Identitären“ mit ihren Lambda-Ersatzhakenkreuzen, ihren uniformen Scheiteln und ihren billigen, aber wirkungsvollen Provokationen. Doch selbst von diesen rechten Poseuren will sich doch in Wirklichkeit keiner totschießen lassen. Derweil ist der gewöhnliche Wähler der neuen Rechten ohnehin ein frustrierter Frührentner, der ganz sicher keine Barrikaden mehr baut. Mit einer nationalen Revolution wird es also nichts. Durchaus nicht unrealistisch ist aber eine andere Variante: Die neuen Rechten könnten durch Wahlen an die Macht kommen und die Gesellschaft nicht gewaltsam, sondern schleichend umbauen, nicht in einen totalitären, aber in einen autoritären Staat. In Ungarn scheint es schon zu funktionieren. Ob dies auch in einem Land des Westens gelingen kann, wird wohl das Trump-Experiment in den USA zeigen – sofern nicht im Laufe des Versuchs vorher schon die ganze Welt in die Luft fliegt.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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