Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Das kernige Wort aus dem Munde von Schillers Wilhelm Tell scheint ein machtvolles Prachtkapitel anzukündigen. Tatsächlich setzt sich Hitler in diesem kurzen Abschnitt aber auf recht kleinkarierte Weise mit konkurrierenden Parteien im völkischen Lager auseinander. Die Formationen mit Namen wie Nationalsozialer Volksbund, Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund, Deutschvölkische Freiheitspartei und Deutschsozialistische Partei sind heute vergessen, weil sie sich noch vor 1933 auflösten oder in der NSDAP aufgingen. Zu ihrer Zeit aber waren sie zeitweise größer und einflussreicher als die NSDAP.

Hitler unterschied zwischen zwei Sorten von Konkurrenten, den ehrlichen und den diebischen. Jene hatten aus eigenem Antrieb eine der NSDAP verwandte Sendung, diese kopierten bloß nachträglich das Programm der Nationalsozialisten, um an ihrem Erfolg teilzuhaben. Hitlers Grenzziehung zwischen beiden Gruppen war allerdings willkürlich. Und in Wirklichkeit war es natürlich Hitler selbst gewesen, der seine Ideologie bedenkenlos bei Vorgängern zusammengestohlen hatte. Zumeist würdigte er die beklauten völkischen Vordenker in Mein Kampf nicht einmal namentlich. Lobend erwähnt er hingegen in diesem Kapitel Julius Streicher, den wohl widerlichsten aller Antisemiten, weil dieser ehemalige Konkurrent in beispielhafter Weise aus freien Stücken mit seinen fränkischen Anhängern zur NSDAP gekommen sei. (Tatsächlich wurde er auch gut bezahlt.)

Hitlers Taktik im Umgang mit politischen Konkurrenten war ein Kurs der Ausschließlichkeit:

Durch die Bildung einer Arbeitsgemeinschaft werden schwache Verbände niemals in kräftige verwandelt, wohl aber kann und wird ein kräftiger Verband durch sie nicht selten eine Schwächung erleiden. Die Meinung, daß aus der Zusammenfassung schwacher Gruppen sich ein Kraftfaktor ergeben müsse, ist unrichtig, da die Majorität in jeglicher Form und unter allen Voraussetzungen erfahrungsgemäß die Repräsentantin der Dummheit und Feigheit sein wird und mithin jede Vielheit von Verbänden, so wie sie durch eine selbstgewählte mehrköpfige Leitung dirigiert wird, der Feigheit und Schwäche ausgeliefert ist. Auch wird durch solchen Zusammenschluß das freie Spiel der Kräfte unterbunden, der Kampf zur Auslese des Besten abgestellt und somit der notwendige und endgültige Sieg des Gesünderen und Stärkeren für immer verhindert.

Um seinen totalen Führungsanspruch und die programmatische Uniformität der NSDAP nicht zu gefährden, lehnte Hitler jede dauerhafte Zusammenarbeit mit anderen Parteien ab. Zusammenschlüsse akzeptierte er nur in der Form einer bedingungslosen Unterordnung der anderen. Zugleich achtete er darauf, alle Konkurrenten an Radikalität immer zu überbieten. Alle innerparteilichen Gegner, die einen gemäßigteren Kurs verfolgten, zwang er nieder oder zum Austritt. Am Ende hatte diese Taktik Erfolg – allerdings auch, weil die katastrophale Wirtschafts- und Staatskrise Anfang der dreißiger Jahre eben der Partei die günstigste Position beim Publikum verschaffte, die am aggressivsten alles Bestehende verneinte. Und das war die NSDAP.

Gewohnt größenwahnsinnig erhob Hitler seine Strategie gleich zum Gesetz der Weltgeschichte:

Man vergesse niemals, daß alles wirklich Große auf dieser Welt nicht erkämpft wurde von Koalitionen, sondern daß es stets der Erfolg eines einzelnen Siegers war. Koalitionserfolge tragen schon durch die Art ihrer Herkunft den Keim zu künftigem Abbröckeln, ja zum Verlust des schon Erreichten. Große, wahrhaft weltumwälzende Revolutionen geistiger Art sind überhaupt nur denkbar und zu verwirklichen als Titanenkämpfe von Einzelgebilden, niemals aber als Unternehmen von Koalitionen.
So wird auch vor allem der völkische Staat niemals geschaffen werden durch das kompromißhafte Wollen einer völkischen Arbeitsgemeinschaft, sondern nur durch den stahlharten Willen einer einzigen Bewegung, die sich durchgerungen hat gegen alle.

1933 gelangte Hitler dann an die Macht – allerdings dank einer Koalition. Einige konservative Trottel glaubten allen Ernstes, sich Hitler „engagieren“ zu können. Offenbar zählten sie zu den vielen, die Mein Kampf nicht sehr aufmerksam gelesen hatten.

Ist es übertrieben, ja vielleicht gar hysterisch, wenn ich in Mein Kampf schon wieder etwas über Björn Höcke von der Alternative für Deutschland zu lesen glaube? Dessen im schönen Dresden ausgesprochene „Machtergreifungsphantasie“ (Achim Wesjohann) entspricht aber eben leider nur allzu deutlich der Strategie des Führers. Höcke tritt dafür ein, eine „Fundamentalopposition“ zum bestehenden „Regime“ zu betreiben, allerdings eine „inhaltliche“, keine „strukturelle“. Dies entspricht dem Vorgehen der NSDAP, die das Weimarer „System“ inhaltlich radikal ablehnte, sich aber dennoch an Wahlen beteiligte und in die Parlamente ging, um die Republik von innen zu zersetzen. Höcke verlangt auch, die AfD müsse eine „Bewegungspartei“ bleiben, engstens vernetzt mit den Protestformen der Straße. Welchen Wert die Nazis darauf legten, als „Bewegung“ zu gelten und die Parlamente wie die Straßen zu erobern, ist bekannt. Schließlich finden wir auch Hitlers Anspruch auf Ausschließlichkeit bei Höcke wieder:

Die AfD ist die letzte evolutionäre, sie ist die letzte friedliche Chance für unser Vaterland. Damit sie es sein kann, muss sie sich als inhaltliche – nicht als strukturelle, als inhaltliche! – Fundamentalopposition verstehen, denn sie ist die einzig relevante politische Kraft des Bewahrenden, die gegen die kollektiven Kräfte der Auflösung der One-World-Ideologen und ihrer Verbündeten steht.

Dementsprechend zählt für Höcke nichts außer einem „vollständigen Sieg der AfD“:

Wir werden das so lange durchhalten, bis wir in diesem Lande 51 Prozent erreicht haben, oder aber als Seniorpartner – als Seniorpartner! – in einer Koalition mit einer Altpartei sind, die durch ein kathetisches [gemeint wohl: kathartisches] Fegefeuer gegangen ist, die sich selbst wiedergefunden hat, und die abgeschworen hat von einer Politik gegen das Volk, um endlich wieder zu einer Politik für das eigene Volk […].

Nur ein totaler Sieg der AfD, die sich zuvor ganz dem kompromisslosen Höcke-Kurs angeschlossen hat, kann also Deutschland noch vor dem Untergang retten. Allenfalls um die Macht zu erringen, wäre eine Koalition mit einer anderen Partei denkbar, die zuvor allerdings ihren alten, eigenen Charakter völlig aufzugeben hätte. Mal sehen, ob die blauen Augen von Björn Höcke verführerisch genug sind, um eine andere Partei zu einer solchen Heirat zu bewegen.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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