Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Es fällt schwer, bei einem Buch wie Mein Kampf die Qualität verschiedener Kapitel abzuwägen. Das gleicht dem Versuch, Töne von Schwarz zu bestimmen. Aber das Kapitel Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A. zählt doch zu den deprimierendsten des Buches. Es erzählt die Erfolgsgeschichte des Nationalsozialismus in Kurzform, am Beispiel der Eroberung des Städtchens Coburg. Dort erprobte Hitler zum ersten Mal seine – sicherlich von den italienischen Faschisten inspirierte – Strategie, mit Hilfe von Gewalt die öffentliche Meinung zu gewinnen und zuletzt die Macht zu erobern.

Wie stets bekennt Hitler seine eigenen Pläne, indem er sie dem politischen Gegner unterschiebt:

Was dem Marxismus einst den Erfolg gegeben hatte, war das vollendete Zusammenspiel von politischem Wollen und aktivistischer Brutalität. Was das nationale Deutschland von jeder praktischen Gestaltung der deutschen Entwicklung ausschaltete, war das Fehlen einer geschlossenen Zusammenarbeit brutaler Macht mit genialem politischem Wollen.

Die „Sturmabteilung“ wurde gegründet, um Hitlers Pläne praktisch umzusetzen. Wie gewöhnlich versucht Hitler, die eigene Gewalt durch Projektion auf den Gegner als reine Notwehr auszugeben:

Die junge Bewegung stand dabei vom ersten Tage an auf dem Standpunkt, daß ihre Idee geistig zu vertreten ist, daß aber der Schutz dieser Vertretung, wenn notwendig, auch durch brachiale Mittel gesichert werden muß. Getreu ihrer Überzeugung von der ungeheueren Bedeutung der neuen Lehre erscheint es ihr selbstverständlich, daß für die Erreichung des Zieles kein Opfer zu groß sein darf.

Das Wort „Opfer“ ist hier wohl nicht versehentlich zweideutig. Denn noch weniger als Opfer in den eigenen Reihen scheute Hitler Opfer unter den Feinden. Die SA diente selbstverständlich nicht nur dem Schutz, sondern ging unmittelbar zum Angriff über. Gewalt war für Hitler nicht nur eine Möglichkeit, unliebsame Konkurrenten und Gegner auszuschalten. Wichtiger noch war ihm die Gewalt als politisches Mittel der symbolischen Machtdemonstration. Er ging von der Annahme aus, die Masse des Volkes sei träge und feige; sie werde sich also bereitwillig der Partei unterwerfen, die durch Terror die größte Stärke zeige.

Was wir brauchten und brauchen, waren und sind nicht hundert oder zweihundert verwegene Verschwörer, sondern hunderttausend und aber hunderttausend fanatische Kämpfer für unsere Weltanschauung. Nicht in geheimen Koventikeln soll gearbeitet werden, sondern in gewaltigen Massenaufzügen, und nicht durch Dolch und Gift oder Pistole kann der Bewegung die Bahn freigemacht werden, sondern durch die Eroberung der Straße. Wir haben dem Marxismus beizubringen, daß der künftige Herr der Straße der Nationalsozialismus ist, genau so, wie er einst der Herr des Staates sein wird.

Um seine Strategie zu erproben, nutzte Hitler die Einladung zu einem Treffen völkischer Gruppen in Coburg unter dem Titel „Deutscher Tag“. Hitler beförderte Hunderte SA-Männer aus ganz Bayern im Sonderzug in die Stadt und ließ sie in militärischer Formation mit Musik und Fahnen durch die Straßen marschieren. In der Stadt protestierten linke Arbeiter lautstark gegen diese Provokation. Nach Aussage Hitlers waren es natürlich die Marxisten, die den ersten Stein warfen. Auf jeden Fall begann eine Straßenschlacht, bei der Hitler seine Sturmtruppen die Gegner mit äußerster Brutalität vertreiben ließ. In der Nacht setzte sich die Gewalt von beiden Seiten fort. Am nächsten Tag zeigte sich, dass die linken Gegner durch die Ereignisse eingeschüchtert waren. Wichtiger aber noch war für Hitler, dass diese rücksichtslose Demonstration der Stärke der NSDAP Sympathien beim Bürgertum der Stadt einbrachte:

Und nun konnte man sehen, wie die bisher ängstlich eingeschüchterte Bevölkerung langsam aufwachte, Mut bekam, durch Zurufe und Winken uns zu begrüßen wagte und abends bei unserem Abzug an vielen Stellen in spontanen Jubel ausbrach.

Dass Hitler hier nicht flunkerte, beweisen die Wahlergebnisse der folgenden Jahre. Die NSDAP errang 1929 im Stadtrat die absolute Mehrheit, 1931 wurde ein Nationalsozialist zum Bürgermeister gewählt, 1932 wurde Hitler zum Ehrenbürger ernannt. Coburg durfte im Dritten Reich den Unehrentitel „Erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands“ tragen. In Coburg funktionierte Hitlers Strategie also zum ersten Mal: Die Nationalsozialisten empfahlen sich durch ihre gewaltsame Demonstration der Stärke jenen mittelständischen Bürgern als Schutzmacht, die sich vor dem wachsenden Einfluss der Arbeiter und dem Sieg des Bolschewismus fürchteten. Zugleich öffneten die Nazis die Schleusen für den kleinbürgerlichen, provinziellen Antisemitismus; Neid und Hass konnten nun offen in Terror und Beraubung ausbrechen. Schon kurz nach dem „Deutschen Tag“ griffen SA-Männer in Coburg erstmals einen jüdischen Unternehmer an.

Wenn man aus dieser tristen Geschichte etwas lernen kann, dann vielleicht Folgendes: Man verhindert den Aufstieg einer faschistischen Partei nicht dadurch, dass man ihren Provokationen auf den Leim geht, gewaltsam ihre Anhänger angreift und Veranstaltungen sprengt, wie dies die KPD in der Weimarer Republik unternahm. Unabhängig davon, was man moralisch davon halten mag, ist es politisch unklug: Die Angst vor dem Chaos eines Bürgerkriegs treibt den Nazis nämlich nur noch zusätzlich jede Menge verängstigte Bürger in die Arme, besonders dann, wenn der Eindruck entsteht, die Gesellschaft zerfalle in genau zwei verfeindete Lager. Meiner bescheidenen Ansicht nach reagiert man auf rechte Provokationen wirkungsvoller mit Aufklärung, Spott und einem friedlichen Widerstand, der den Tätern jeden Vorwand nimmt, sich als Opfer auszugeben. Auch diese Strategie garantiert allerdings keinen Erfolg. Wenn sich, wie zum Ende der Weimarer Republik, die bürgerlichen Eliten samt Polizei, Armee und Justiz mit den Faschisten verbünden, dann ist jeder Widerstand vergeblich.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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Kommentare
  1. Achim

    Guten Tag, unangenehme, aber notwendige Lektüre am Sonntagmorgen… Lobenswert & wichtig, dass Sie sich die eigentliche Lektüre stellvertretend für die Leser Ihres Blogs antun.
    Zum Thema des heutigen Beitrags: Was halten Sie eigentlich von der Idee, die NPD zu bekämpfen, indem man ihr nach dem gescheiterten Versuch eines Verbots nun per Änderung des Parteiengesetzes den Geldhahn abdreht? Ich persönlich bin der Ansicht, dass man das lassen sollte. Man muss sie mit Argumenten und Beispielen guter Politik bekämpfen und nicht zu Märtyrern machen.
    Beste Grüße aus Berlin!

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    • Michael Bittner

      Ich halte das auch für einen halbherzigen und wenig überzeugenden Plan. Ich hätte es allerdings richtig gefunden, wenn die eindeutig neonazistische und verfassungsfeindliche NPD verboten worden wäre. Die Begründung, sie habe zu wenig Erfolg, um wirklich gefährlich zu sein, scheint mir unsinnig. Soll man warten, bis eine ernste Bedrohung entstanden ist? Dann könnte es nämlich zu spät sein. (Ich weiß aber, dass hier wohl die Vorgaben des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte entscheidend waren.) Ich akzeptiere aber auch die Einstellung von Bürgern, die generell gegen Parteienverbote sind, weil sie auf die Kraft der politischen Auseinandersetzung und die Mündigkeit der Bürger vertrauen. Mit fehlt bloß dieses Vertrauen.

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