Der rote Sündenbulle

Der Fußball ist eine kleine Welt geworden, in der sich die große Welt spiegelt. Im Laufe weniger Generationen wurde wie der Rest der Welt auch der Fußball durch den Kapitalismus auf den Kopf gestellt. Einst war der Spieler eines Vereins angestammter Sohn seiner Stadt. Mit rußschwarzem Gesicht radelte er nach der Schicht zum Training, jeden Samstag vertrat er für fünfzig Mark Prämie seine Heimat auf dem Rasen. Aus Amateuren, die ein Leben lang für einen Verein kickten, sind über die Jahre hochbezahlte Profis geworden, die bedenkenlos den Arbeitgeber wechseln, wenn ihnen woanders bessere Bezahlung winkt. Früher waren Spieler Leibeigene, die losgekauft werden mussten, heute sind sie freischaffende Fachkräfte, die wechseln dürfen, wohin sie wollen. Die Globalisierung erlaubt es ihnen, sogar in Japan oder Katar anzuheuern. Aus den Vereinen sind derweil Firmen geworden, die sich am Profit orientieren. Aus Spiel wurde Ernst. Und der Fußball vom Zweck zum Mittel, um Geld zu verdienen. Ein wenig seltsam ist es, dass Menschen sich immer noch als Fans dieser Fußballfirmen verstehen, obwohl sie ja längst eher deren Kunden sind. Aber es soll ja auch Fans von Apple und Opel geben.

Nicht alles an dieser Entwicklung war schlecht: Die Stadien wurden sauberer und friedlicher, weil man auch Familien als Zuschauer anlocken wollte. Und da selbst kleine Vereine ausländische Spieler einstellten, wurde auch der Rassismus zurückgedrängt. Schimpansen, die schwarze Spieler mit Affenlauten beleidigen, hört man im Stadion heute seltener als früher. Doch mit dem Kapitalismus hielt auch die Klassengesellschaft Einzug. Nicht nur sind die Spieler heute Großverdiener, die mit ihren Fans kaum noch etwas gemein haben. Auch das Publikum zerfällt in eine Oberklasse, die in der VIP-Lounge Champagner schlürft, eine Mittelschicht auf den Sitzplätzen und das Fußballproletariat in der Stehkurve. Ganz wie im Rest der Gesellschaft darf der kleine Mann noch zahlen und klatschen, allenfalls auch einmal Buh rufen, zu entscheiden hat er nichts.

Solche Ungleichheit weckt Neid und Zorn. In den Fans rumort das unbestimmte Gefühl, verarscht zu werden. Aber ganz wie im echten Leben solidarisieren sich die einfachen Leute nicht miteinander. Sie könnten durch gemeinsame Zuschauerstreiks gegen Kommerzialisierung und Korruption protestieren. Stattdessen lassen sie sich gegeneinander aufhetzen. Keinen anderen Zweck verfolgt ja auch die laufende Hasskampagne gegen RB Leipzig. Der Leipziger Verein mit Brausesponsor ist der rote Sündenbulle, auf den die anderen stellvertretend ihre eigene Schuld laden. Alle Vereine sind längst kommerzielle Unternehmen, aber allein dem Leipziger Klub wird vorgehalten, er sei nur ein Retortenprodukt und noch dazu aus dem Ausland finanziert. Da kocht die deutsche Volksseele.

Es waren passenderweise die Chefs der Aktiengesellschaft Borussia Dortmund, die bei der Heuchelei am lautesten brüllten. Erst nachdem ihre Hetze vorm Stadion zur Gewalt führte, traten sie mit scheinheiliger Zerknirschung vor die Kamera. Die Ähnlichkeiten zur politischen Wutbürgermalaise dieser Tage sind erstaunlich. Im Stadion hasst man den mit der falschen Trikotfarbe, auf der Straße den mit der falschen Hautfarbe. Zuerst fliegen Beschimpfungen, dann fliegen Flaschen und Fäuste. Es würde mich nicht wundern, wenn dieselben Leute, die RB Leipzig durch einen abgeschlagenen Bullenkopf bedrohten, auch Schweinsköpfe vor Moscheen werfen.

Hoffen wir, dass sich dieser Fußballkampf doch noch friedlich beilegen lässt. Sonst muss der Bürgerkrieg zwischen Rothemden und Gelbhemden vielleicht wie in Thailand durchs Militär beendet werden.

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Eine kürzere Fassung dieses Textes erschien zuerst als Kolumne der Reihe Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung. Ein Dresdner Leser reagierte mit den nachdenklichen Worten: „Wenn man vom Fußball keine Ahnung hat,einfach mal die fresse halten“.

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Kommentare
  1. Max Merker

    Man könnte es auch so sehen: Jahrzehntelang (ab 1990) hat der Fußball der etablierten bundesdeutschen Vereine den Neuankömmlingen beigebracht, dass Geld eben doch Tore schießt und eine der entscheidenden Stellgrößen ist. Alleine reicht es zwar nicht, aber es ist Voraussetzung.

    Jetzt hat das der Osten begriffen und setzt es konsequent um. Also nicht meckern :-). Ihr habt das System so gebaut, wir spielen eben jetzt nach seinen Regeln.

    Ich bin zwar kein Fan irgendeines Vereines, aber ich finde es gut, dass dadurch die Absurdität des Ligabetriebes deutlich vor Augen geführt wird.

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