Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE deutsche ARBEITERPARTEI…

Mit dieser historisch extravaganten These machte Erika Steinbach auf sich aufmerksam, als sie noch Politikerin der CDU war. In rechtsradikalen Kreisen ist die These inzwischen modisch geworden, belegt meist mit einem Zitat des jungen Dr. Goebbels, der einmal davon sprach, die NSDAP verkörpere „die deutsche Linke“ gegen die rechten Besitzbürger. Man muss schon arg verblendet sein, um die Haltlosigkeit dieser Argumentation nicht zu durchschauen. Wäre jeder, der sich „sozialistisch“ nennt, auch tatsächlich Sozialist, müsste man wohl auch die DDR für demokratisch halten, da sie sich ja selbst „demokratisch“ nannte. Und wer, um sich die Linksthese einreden zu können, dem abgefeimtesten Lügner der deutschen Geschichte aufs Wort glaubt, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen. Die NSDAP als linke Partei – das ist nichts als der plumpe Versuch der Rechten, die Verantwortung für ihre Diktatur durch eine Geschichtsfälschung auf den politischen Gegner abzuwälzen.

Unzweifelhaft wahr ist es allerdings, dass sich die NSDAP um die Stimmen der Arbeiter bemühte, indem sie nicht nur gegen den „Marxismus“, sondern auch gegen den „Kapitalismus“ agitierte. Wie der italienische Faschismus beanspruchte auch der deutsche Nationalsozialismus, einen dritten Weg zwischen den beiden Erzübeln zu weisen. Und es finden sich unter den Anhängern und Wählern der NSDAP auch tatsächlich Arbeiter, wiewohl die organisierte Arbeiterschaft und die Masse der gläubigen Katholiken jene beiden Gruppen waren, bei denen die Nazis die geringsten Erfolge hatten. Die NSDAP wurde zur ersten deutschen „Volkspartei“ (ein von Hitler gern verwendeter Begriff), indem sie autoritär und nationalistisch eingestellte Menschen aller Klassen ansprach. Vor allem aber versammelte sie Angehörige des Mittelstandes, die sich vor den Proleten fürchteten und die Juden beneideten.

Es ist aber einzuräumen: Es gab in der NSDAP anfangs auch einen Flügel um die Gebrüder Strasser, der tatsächlich sozialistische Ziele wie die Sozialisierung von Großbetrieben und Banken verfolgte. Dieser Flügel aber wurde von Hitler noch vor der Machtergreifung gespalten und entmachtet. Den Rebellen Joseph Goebbels etwa machte sich Hitler durch persönliche Gunstbeweise gefügig. Als Otto Strasser enttäuscht mit dem Schlachtruf „Die Sozialisten verlassen die NSDAP!“ aus der Partei austrat, folgte ihm kaum jemand. Offenbar gab es die Sozialisten in der Partei gar nicht, nach denen er rief. Hitler jedenfalls lag nichts ferner als eine Umwälzung von Vermögens- und Produktionsverhältnissen. Wenn er von „Sozialismus“ sprach, meinte er nichts weiter als den sozialen Zusammenhalt des Volkes, also eigentlich den Nationalismus. Der konservative Publizist Joachim Fest resümierte in seiner Hitler-Biografie: „Das linke Etikett trug diese Ideologie vor allem aus machttaktischen Erwägungen.“

Das Kapitel Die Gewerkschaftsfrage zeigt Hitlers ökonomische Einstellungen – oder besser: Es belegt seine ängstliche Scheu, über ökonomische Fragen auch nur zu sprechen. In keinem anderen Kapitel des Buches zeigt sich der Autor Hitler so vorsichtig, unsicher und widerspruchsvoll. Der parteiinterne Streit um die Frage, ob es eine eigene nationalsozialistische Gewerkschaft geben sollte, war für Hitler äußerst unangenehm. Der Klassenkampf war seiner Ansicht nach ja nur eine Erfindung der jüdischen Marxisten, um die Völker zu spalten:

Nicht die Gewerkschaft ist „klassenkämpferisch“, sondern der Marxismus hat aus ihr ein Instrument für seinen Klassenkampf gemacht. Er schuf die wirtschaftliche Waffe, die der internationale Weltjude anwendet zur Zertrümmerung der wirtschaftlichen Basis der freien, unabhängigen Nationalstaaten, zur Vernichtung ihrer nationalen Industrie und ihres nationalen Handels und damit endlich zur Versklavung freier Völker im Dienste des überstaatlichen Weltfinanz-Judentums.

Die Möglichkeit einer nicht-marxistischen, nationalsozialistischen Gewerkschaft schloss er nicht aus:

Die nationalsozialistische Gewerkschaft hat demgegenüber durch die organisatorische Zusammenfassung bestimmter Gruppen von Teilnehmern am nationalen Wirtschaftsprozeß die Sicherheit der nationalen Wirtschaft selbst zu erhöhen und deren Kraft zu stärken durch korrigierende Beseitigung all jener Mißstände, die in ihren letzten Folgeerscheinungen auf den nationalen Volkskörper destruktiv einwirken, die lebendige Kraft der Volksgemeinschaft, damit aber auch die des Staates schädigen und nicht zuletzt der Wirtschaft selbst zum Unheil und Verderben geraten.

„Bestimmte Gruppen“, „jene Mißstände“ – kann man sich klarer ausdrücken? Der Leser spürt förmlich das Unbehagen des Führers, sich mit solchen Fragen überhaupt beschäftigen zu müssen. Die Ökonomie war Hitler wurscht, ihn interessierte einzig die militärische Schlagkraft des deutschen Volkes im Daseinskampf. Dummerweise zeigte sich im parteiinternen Streit um Notwendigkeit und Aufgabe einer braunen Gewerkschaft, dass der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit auch die NSDAP durchzog. Hitler wusste, dass eine Entscheidung der Frage die Partei entzweien konnte. Denn es gab eben auch mittelständische Mitglieder und industrielle Sponsoren der NSDAP, die von Gewerkschaften generell gar nichts hielten. Darum vermied er in höchst untypischer Weise ein Machtwort, das Kapitel endet halbherzig: Die Idee einer nationalsozialistischen Gewerkschaft sei zwar an sich nicht übel, doch fehle es im Moment noch an geeigneten Leuten und Erfolgsaussichten, darum lasse man die Sache besser erst einmal bleiben.

Wie kam Hitler mit solchen Halbheiten durch? Er appellierte an die urdeutsche Sehnsucht nach Harmonie, nach dem glücklichen Aufgehen des Teils im Ganzen:

Der nationalsozialistische Arbeitnehmer muß wissen, daß die Blüte der nationalen Wirtschaft sein eigenes materielles Glück bedeutet.
Der nationalsozialistische Arbeitgeber muß wissen, daß das Glück und die Zufriedenheit seiner Arbeitnehmer die Voraussetzung für die Existenz und Entwicklung seiner eigenen wirtschaftlichen Größe ist.
Nationalsozialistische Arbeitnehmer und nationalsozialistische Arbeitgeber sind beide Beauftragte und Sachwalter der gesamten Volksgemeinschaft.

„Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“, die sich zusammenraufen, um gemeinsam den nationalen Wohlstand zu mehren? Hier nahm Hitler schon die Ideologie der sozialen Marktwirtschaft der BRD vorweg. Doch folgte bei ihm auf den Ruf nach Versöhnung im Inneren immer sogleich der aggressive Schlachtruf nach draußen. Die völkische Einheit sollte nur die Kraft verleihen für den Angriff auf den fremden Feind: Rassenkampf statt Klassenkampf.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

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