Link zum Text (35): Von der Hassliebe der Nationalisten zum Islam

Kaum hatte der Historiker Volker Weiß zur Leipziger Buchmesse sein Buch Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes vorgestellt, wurde er vom rechtsradikalen Aktivisten Götz Kubitschek schon bestürmt und angepöbelt. Kubitschek, der vor den Kameras der Mainstream-Medien gerne als melancholischer Rechtsintellektueller posiert, entlarvte sich einmal mehr als wildgewordener Spießbürger. Und weckte mit seinem bizarren Auftritt nur noch mehr Neugier auf das ohnehin schon erfolgreiche Buch bei all jenen, die der Volksweisheit Glauben schenken, dass lautes Gekläff gewöhnlich einen Treffer anzeigt.

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Termine der Woche

Am Mittwoch (10. Mai) beginnt diesmal meine monatliche Lesereise nach Sachsen. Ich bin zu Gast in der Bibliothek Laubegast (Österreicher Straße 61) in Dresden. Ich lese eine Geschichte aus meinem aktuellen Buch Das Lachen im Hals, aber auch Kolumnen und Satiren aus der jüngsten Zeit. Los geht es um 19 Uhr.

Am Donnerstag (11. Mai) präsentiert sodann meine Dresdner Lesebühne Sax Royal wieder ein frisches Programm in der Scheune. Wir treten in kompletter Bestbesetzung an, neue Geschichten lesen mit mir gemeinsam Julius Fischer, die Nachwuchshoffnung des MDR, Roman Israel, der Neu-Neuköllner Erzähler, Max Rademann, der weise Mann vom Erzberge, und Stefan Seyfarth, der dichtende Erzieher. Karten gibt es bis Mittwoch im Vorverkauf, am Donnerstag dann aber auch noch unbegrenzt an der Abendkasse. Die Tür öffnet sich um 19:30 Uhr, um 20 Uhr geht es los.

Am Freitag (12. Mai) folgt sodann die Lesebühne Grubenhund im schönen Görlitz. Mit mir lesen die Stammautoren Max Rademann und Udo Tiffert. Wie immer begrüßen wir außerdem einen besonderen Gast, diesmal die junge Poetin Pia Tomat aus Rothenburg in der Oberlausitz. Los geht es um 19:30 Uhr, wie immer im Kino Camillo. Karten gibt’s am Einlass.

Am Sonnabend (13. Mai) bin ich zurück in Berlin und am Abend prompt Gast bei der Lesershow Wedding. Die Stammautoren der Problembezirkslesebühne sind Thilo Bock, Martin Goldenbaum, Robert Rescue und Frank Sorge. Los geht es um 21 Uhr im zauberhaften Mastul.

Link zum Text (34): Vergessliche Besserdeutsche

Nun mache es mal einer den deutschen Rechten recht! Da bekommen sie, was sie wollen, und sind doch wieder nicht zufrieden, zetern sogar noch lauter als gewöhnlich. Es war schon erheiternd zu sehen, wer da alles nach dem Verfassungsreferendum in der Türkei plötzlich Liebe zum Parlamentarismus und zum Pluralismus heucheln musste, um über „die Türken“ herziehen zu können, die zur Demokratie unfähig seien.

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Termine der Woche

Am Sonnabend (29. April) bin ich zum wiederholten Male Gast beim traditionsreichen Grend Slam im schönen Essen. Die von Frank Klötgen organisierte Veranstaltung versammelt jedes Mal andere Autorinnen und Autoren, diesmal sind es neben mir Micha Ebeling (Berlin), Markim Pause (Düsseldorf) und Marvin Suckut (Konstanz). Die Show im Kulturzentrum Grend ist meist sehr gut besucht; es empfiehlt sich, Karten im Vorverkauf zu erwerben oder sehr zeitig da zu sein. Um 20 Uhr geht’s los.

Zitat des Monats April

Aber, was vielleicht noch bedeutsamer ist, auch innerhalb der marxistischen Arbeiterschicht sind seit einiger Zeit Arbeiterführer aufgetaucht, die an den nationalistischen Fragestellungen Geschmack gewonnen haben, und deren Sprache schon jetzt oft kaum noch von der der Nationalisten in den Bünden zu unterscheiden ist. Hier sind die gegebenen Einfallspforten in die Arbeiterschaft.

Ernst Jünger, Rede zur Reichsgründungsfeier des Tannenbergbundes, wiedergegeben im Völkischen Beobachter vom 23./24. Januar 1927

Termine der Woche

Am Mittwoch (18. April) gibt’s eine neue Ausgabe meiner noch jungen Berliner Lesebühne Zentralkomitee Deluxe. Mit mir lesen die äußerst hörenswerten Kollegen Tilman Birr, Noah Klaus, Piet Weber und Christian Ritter. Als besonderen Gast haben wir diesmal außerdem noch Felix Römer mit dabei, den Iggy Pop des Poetry Slam. Los geht es mit dem Fest fortschrittlicher Komik um 20 Uhr in der Baumhaus Bar an der Oberbaumbrücke in Kreuzberg. Tickets sind am Einlass erhältlich.

Am Sonnabend (22. April) lese ich beim Kantinenlesen, dem traditionsreichen Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Am Mikrofon mit dabei sind neben Moderator Dan Richter auch die Autoren Andreas Scheffler und Clint Lukas sowie der großartige Liedermacher Manfred Maurenbrecher. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Link zum Text (33): Nur Freund oder Feind

Krieg macht nicht nur grausam, er macht auch dumm. Wer nur noch Freund und Feind sieht, der erkennt im Gegner keinen Menschen mehr und wird unfähig, das eigene Handeln zu hinterfragen. So ergeht es auch den Leuten, die sich in unseren Tagen nach einem Bürgerkrieg sehnen. Einige versuchen, diesen Krieg mit eigener Faust herbeizukämpfen. Daneben gibt’s viele Tröpfe, die zwar selbst zum Kampf zu feige sind, aber Gewalttäter bestärken, indem sie deren Taten leugnen, verharmlosen oder gutheißen.

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Link zum Text (32): Bezahlte Journalisten

Nicht weit von meiner Wohnung entfernt steht ein kleines Büdchen, das einen Kiosk beherbergt. Über Jahre kaufte ich mir dort meine Zeitungen und Zeitschriften. Da ich, was das Lesen angeht, ein ziemlicher Vielfraß bin, ließ ich eine Menge Geld in dem Kiosk. Doch offenbar nicht genug, denn vor einigen Monaten gab der langjährige Besitzer auf. Die Bude stand eine Weile leer. Dann wurde sie wiedereröffnet, nun allerdings ohne alle Presseerzeugnisse. Es gibt in dem Kiosk mehrere Sorten Wodka, Zigaretten und Kaugummis. Es gibt sogar Rasierklingen, Tampons und Zubehör fürs Mobiltelefon. Aber es gibt keine einzige Zeitung mehr.

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Termine der Woche

Am Dienstag (11. April) darf ich wieder einmal als Gastautor bei einer der ältesten und besten Lesebühnen Berlins mitwirken: LSD – Liebe statt Drogen. Die Stammautoren sind Micha Ebeling, Andreas „Spider“ Krenzke, Tobias „Tube“ Herre, Uli Hannemann und Ivo Lotion. Los geht der Spaß um 21:30 Uhr im Schokoladen, einer der letzten Kulturbastionen in der Mitte Berlins.

Ausnahmsweise schon am Mittwoch (12. April) findet in diesem Monat, um Jesus nicht am Karfreitag noch ärger zu quälen, die Görlitzer Lesebühne Grubenhund statt. Ich lese neue Geschichten gemeinsam mit Udo Tiffert und Max Rademann, als Gast erwarten wir außerdem noch die wunderbare Dresdner Autorin Marie Sanders. Los geht es wie immer um 19:30 Uhr im Kino Camillo.

Wieder am zweiten Donnerstag des Monats (13. April) gibt’s eine neue Ausgabe der Dresdner Lesebühne Sax Royal in der Scheune. Mit mir dabei sind die Stammautoren Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth. Zu hören gibt’s heitere Geschichten und Lieder übers menschliche Dasein ebenso wie satirische Attacken gegen die Weltordnung. Gut möglich ist es freilich auch, dass der keimende Frühling in einem der Poetenhirne ein Liebesgedicht aufsprießen lässt. An fragwürdigen Späßen werden wir es im Scherzmonat April auf jeden Fall nicht mangeln lassen. Karten gibt es bis Mittwoch im Vorverkauf, am Donnerstag ab 19:30 Uhr auch noch am Einlass. Los geht es um 20 Uhr.

Soll man mit Rechten reden?

Soll man mit Rechten reden? Diese Frage wird zurzeit hitzig besprochen und von vielen Leuten auf unterschiedlichste Weise beantwortet. Vielleicht wär’s gut, wenn man die Frage erst einmal richtig stellte. Ein Versuch sei hier gemacht.

Zuerst wäre zu klären, um welches „Reden“ es eigentlich gehen soll. Manch eine, manch einer traut es sich zu, im privaten Gespräch Rechtsradikale, wenn nicht zu bekehren, so doch wenigstens von Gewalt abzuhalten und zurück in die menschliche Gemeinschaft zu locken. Man mag solche Versuche für tollkühn oder für blauäugig halten – jemanden deswegen zu verurteilen, scheint mir in jedem Fall ungehörig. Leider aber geschieht dies gelegentlich. Gesinnungsschnüffler trompeten: „X hat sich mehrmals mit Y getroffen und besprochen! Ein klarer Beweis für heimliche Sympathie, Verbrüderung, Verschwörung gar!“ Solch einer verkehrten Logik können nur autoritäre Charaktere folgen, die ausschließlich mit Gleichgesinnten verkehren.

Schwieriger wird die Sache, wenn es nicht um privates, sondern um öffentliches Reden geht. Eine öffentliche Debatte findet nicht nur zwischen zwei Leuten, sondern vor Publikum statt. Sie ist immer ein politischer Akt. Die Klagen darüber, dass in öffentlichen Diskussionen selten ein trauliches, verständnisvolles Gespräch zustande kommt, sind albern. Sobald irgendwo mitgeschrieben wird, eine Kamera läuft oder ein Publikum zuhört, findet kein Gespräch mehr statt, sondern eine politische Auseinandersetzung, bei der es nicht zuerst darum geht, den andern zu verstehen, sondern die Öffentlichkeit zu überzeugen. Aus dem Gesprächspartner wird ein Diskussionsgegner. Man kann das bedauern, aber es ist nun einmal so.

Soll man sich nun auf eine öffentliche Debatte mit rechten Politikern und Wortführern einlassen? Bevor diese Frage beantwortet werden kann, wäre zunächst zu klären, was denn „Rechte“ eigentlich sein sollen. Für manche gehören zur Rechten so ziemlich alle, die sich nicht entschieden zum Kommunismus bekennen. Andererseits gibt’s Nazis, die keinesfalls als Rechte, die vielmehr als besorgte Bürger der Mitte gelten wollen. Solche Begriffsverwirrung macht die Sache schwierig. Ich würde, auch wenn’s nicht jeden überzeugen wird, zunächst vorschlagen, demokratische Rechte von undemokratischen zu unterscheiden, also von solchen, die rassistische und faschistische Überzeugungen vertreten. Mit demokratischen Rechten sollte man schon diskutieren, auch wenn’s keinen Spaß macht. Mit Nazis, die ihre Feinde knebeln, wegsperren und umbringen würden, wenn sie die Macht dazu hätten, gepflegt zu debattieren, das scheint mir sinnlos. Doch sollte man auch folgenden Gedanken berücksichtigen: Es gibt Fälle, in denen ich gar nicht wissen kann, ob jemand ein Nazi ist oder nicht, bevor ich nicht mit ihm geredet habe.

Eines der größten Übel für die Gesprächskultur im Lande ist die Feigheit der Faschisten. Weil sie sich davor fürchten, wegen Volksverhetzung verknackt oder zumindest öffentlich geächtet zu werden, sprechen sie ihre Überzeugungen nicht offen aus. Sie reden beständig in Andeutungen und bewusst zweideutig, um jede Provokation auch wieder zurücknehmen, jede Aussage wieder leugnen zu können. Die Kameraden verstehen es trotzdem, der Staatsanwalt kann aber nichts nachweisen. Das öffentliche Reden der Faschisten ist ein stetes Raunen und Flüstern, selbst da, wo laut gebrüllt wird. Diese Feigheit der Faschisten hat aber auch einen schlechten Einfluss auf ihre linken und liberalen Gegner. Die haben es sich nämlich angewöhnt, bei rechten Rednern auf unterschwellige Signale zu horchen und zwischen den Zeilen zu lesen, um die wahre Gesinnung hinter den Worten zu enttarnen. Das klappt auch oft. Aber manchmal sehen die überempfindlich gewordenen Augen auch etwas, das gar nicht da ist, und demokratischen Rechten werden fälschlich faschistische und rassistische Überzeugungen unterstellt. Man muss sich wohl damit abfinden: Es gibt einen Übergangsbereich zwischen Konservatismus und Faschismus, zwischen Schwarz und Braun, in dem sich Leute bewegen, deren Gesinnung man nie eindeutig bestimmen wird. Womöglich wissen viele dieser Grenzgänger selbst nicht so genau, wohin sie eigentlich gehören.

Es bleibt also die Frage: Soll man mit Leuten öffentlich diskutieren, die im Verdacht stehen, faschistische Überzeugungen zu hegen? Hier gibt’s zwei entgegengesetzte Standpunkte, die ich etwas vereinfachend als den linken und den liberalen bezeichnen will. Die Linken lehnen Diskussionen mit Leuten am rechten Rand rundweg ab, mit dem Argument, man solle solchen Gestalten „kein Podium bieten“ und sie „nicht salonfähig machen“. Denn schon indem man sie zum demokratischen Gespräch zulasse, werte man sie unnötig auf und sorge dafür, dass ihr Gedankengut in die Bevölkerung einsickere. Dem entgegnen die Liberalen: Es ist Feigheit vor dem Feind, einer Debatte mit den Rechtsradikalen auszuweichen. Man müsse sie vielmehr „im Gespräch stellen“, „in der Sache bekämpfen“ und dadurch letztlich „entzaubern“.

Es lässt sich, wie mir scheint, vieles für und gegen beide Standpunkte sagen. Eine gewisse Kleinmütigkeit muss man der linken Haltung vorwerfen. Die Angst, durch öffentliche Debatten könnte rechtsradikales Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft gelangen, ist jedenfalls unbegründet: Das Gedankengut ist längst da. Allenfalls können publikumswirksame Auftritte dazu beitragen, vorhandene Überzeugungen in Stimmen für rechte Parteien umzuwandeln. Und selbst wenn dies der Fall wäre: Es mag gut gemeint sein, gefährliches Gedankengut von den Menschen fernzuhalten, besonders demokratisch ist so eine Vormundschaft nicht. Linke, die so argumentieren, setzen sich dem Verdacht aus, sie wären nicht der Lage, Rechte im Gespräch zu widerlegen. Dem liberalen Standpunkt muss man wiederum einige Arglosigkeit bescheinigen. Es ist zwar durchaus so, dass alle Diktatoren mit gutem Grund die freie Diskussion fürchten, meiden und unterbinden. Solange sich Faschisten in der Opposition befinden, sind sie aber sehr redefreudig. Dass einer für sich selbst keck die Meinungsfreiheit einfordert, beweist keineswegs seine demokratische Gesinnung. Trügerisch ist auch der liberale Glaube, in jedem Redewettbewerb sorge gleichsam eine unsichtbare Hand dafür, dass sich die vernünftigste Position am Ende durchsetzt. Im öffentlichen Streit siegen tatsächlich stattdessen häufig die Lüge und die Bosheit. Im Publikum sitzen eben nicht nur urteilsfähige, unvoreingenommene Leute. Und die rechtsradikalen Redner kümmern sich nicht um die Regeln des rationalen Diskurses, stattdessen greifen sie bedenkenlos zu den manipulativen Tricks der Demagogie. Es sind oft gerade die Vernünftigen, die in Diskussionen unterliegen, weil sie nicht skrupellos genug sind. Erfolg und Recht sind zwei verschiedene Dinge, nicht immer ist die Wahrheit überzeugend.

Wie beantworte ich nun abschließend die Ausgangsfrage? Gar nicht. Dieses ständige Meinen ist so anstrengend, ich habe heute mal keine Meinung. Vielleicht ist auch einfach die eine Antwort auf die Frage genauso unbefriedigend wie die andere. Ich möchte zum Schluss nur vorschlagen, dass die Leute, die aus jeweils guten Gründen mit Rechten reden oder nicht reden wollen, einander nicht als Nazi-Unterstützer oder Meinungsdiktatoren beschimpfen.