Donnerstag, 8. Januar 2015: Die Dresdner Lesebühne Sax Royal feiert ihren 10. Geburtstag

Am Donnerstag, den 8. Januar, feiert meine literarische Heimat, die Dresdner Lesebühne Sax Royal, ihren 10. Geburtstag – wie immer lesen, singen und trinken wir in der scheune im Herzen der Dresdner Neustadt. Wie meine Freunde und Kollegen Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth reibe auch ich mir verwundert die Augen ob dieses epochalen Datums. Als wir vor einem Jahrzehnt, nach einer Idee des Verlegers Leif Greinus (Voland & Quist), unsere ersten gemeinsamen Auftritte mehr durchstanden als genossen, hätte keiner von uns geglaubt, einst ein solches Jubiläum zu erleben. Die ersten Zuschauer dürften das auch bezweifelt haben. Erfreulicherweise haben wir über die Jahre weder die Lust noch die Ideen eingebüßt, obwohl alle fünf Autoren inzwischen noch vierlerei anderen Beschäftigungen nachgehen. Und nicht nur Stammgäste der ersten Stunde blieben uns treu, Jahr für Jahr konnten wir auch neue Fans dazugewinnen. Das gilt es zu feiern! Zum Geburtstag gibt es nicht nur wie immer neue Geschichten, Gedichte und Lieder, sondern auch einige der schönsten Texte der letzten Dekade. Außerdem haben wir diverse Überraschungen vorbereitet, auch für unerwartete Stargäste ist gesorgt. Wir laden herzlich ein!

Der Spaß beginnt um 20 Uhr in der Dresdner scheune. Karten kosten 5 Euro zzgl. Gebühr im Vorverkauf oder 5 Euro ermäßigt und 7 Euro normal an der Abendkasse, die um 19:30 Uhr öffnet.

Dresden, wie es ist

Aus dem Buch eines anonymen Dresdners mit dem Titel Dresden wie es ist, und wie es seyn sollte (um 1800):

Es ist ganz natürlich, daß es an Fremden in einer Residenz, besonders in Dresden, wo so viele Merkwürdigkeiten zu sehen sind, nicht fehlen kann. Aber gerade diese Klasse bringt der Stadt eher Nachtheil als Vortheil.

Juden werden von Tage zu Tage mehr, und auf allen Straßen wird man von solchen Leuten angefallen.

Die Rückkehr der Döner-Nazis

In dem sächsischen Dörfchen, in dem ich aufwuchs, gab es keine Ausländer. Da meine Eltern den Urlaub auch nie in der Fremde verbrachten, begegnete mir in meiner ganzen Kindheit nie leibhaftig ein Mensch aus einem anderen Land. In dem Städtchen, in dem ich später das Gymnasium besuchte, gab es beinahe keine Ausländer. In all den Schuljahren bis zum Abitur hatten wir nie ausländische Mitschüler. Nur einmal bekamen wir zwei Spätaussiedler in unsere Klasse. Die trugen deutsche Namen, sprachen aber nur gebrochen Deutsch mit russischem Akzent. Wir belächelten die beiden wegen ihrer abgetragenen Klamotten. Unsere Lehrerin setzte einen der beiden neben mich. Ich half Andreas bei seinen Aufgaben, so gut es ging. Auf die Idee, ihn einmal zuhause zu besuchen, kam ich nicht. Hinter seinen Namen setzte er bei Unterschriften immer einen Punkt, so wie man es aus sehr alten Büchern kennt. Nach kurzer Zeit verließen die beiden unsere Klasse wieder.

Es gab an unserer Schule einige wenige Punks. Die meisten aber hielten sich politisch für „neutral“ oder bezeichneten sich als „national, aber kein Nazi“. Man hatte was gegen Ausländer, ohne wirklich welche zu kennen. Ich war in meiner Pubertät noch so infantil, dass ich mir kaum alleine die Schuhe zubinden konnte. Ich hatte von nichts eine Ahnung, geschweige denn eine eigene Meinung. Also quatschte auch ich abends beim Dosenbier an der Tanke über „die Ausländer“ mit, was alle quatschten. Ich war ein armes Würstchen und wollte den Anschluss nicht verpassen. Von den Nazis mit grüner Bomberjacke und weißen Schnürsenkeln in schwarzen Stiefeln hielt man sich aber auf jeden Fall fern. Aus Mangel an Fremden und Linken polierten die Nazis nämlich regelmäßig auch einwandfreien Deutschen die Fresse, falls die sich zur falschen Zeit am falschen Ort befanden. Ich selbst entsinne mich eines etwas brenzligen Moments: Eine besoffene Zweimeterglatze hatte mich beim Maifeuer (in unserer Gegend sinnigerweise „Hexenbrennen“ genannt) am Kragen gepackt und drohte, mich in die Flammen zu schmeißen. Ein befreundeter Punk rettete mich: Er beschimpfte die etwas schwerfällige Glatze lautstark, lenkte sie so ab und ich verkrümelte mich unauffällig.

Einmal lud der Direktor unserer Schule Menschen aus einem nahe gelegenen Asylbewerberheim zu uns in die Schule. Nach einer Diskussion in der Aula stand man zusammen im Hof und redete. Wir stellten überrascht fest: Das sind ja ganz normale Leute! Sonst trafen wir Ausländer nur noch, wenn wir beim örtlichen Döner-Imbiss einkehrten. Auch hier fühlte man sich überraschend schnell heimisch unter Fremden. Wahrscheinlich hat der Döner in Ostdeutschland mehr im Kampf gegen Rechts bewirkt als alle politischen Aufklärungskampagnen zusammen. Es gab sogar sogenannte „Döner-Nazis“, die trotz aller ideologischen Überzeugung einfach nicht davon lassen konnten, Fleischmasse im Fladenbrot zu naschen. Regelmäßig wurden die Döner-Nazis wegen ihrer Schwäche für volksfremde Ernährung von Kameraden zusammengeschissen, aber es nutzte nichts. Es schmeckte einfach zu gut! Und es war so billig!

In den Jahren vorm Abitur lernte ich dann Freundinnen und Freunde kennen, die mir vernünftige Musik vorspielten und mir zeigten, dass man nicht nur Cabinet Würzig rauchen kann. Mit ihnen fuhr ich in die alternativen Jugendklubs der Umgebung, wo Hippies und Punks, Metaller und Normalos sich zwanglos und friedlich miteinander vergnügten. Das Brett vor meinem Kopf wurde durchlässiger, bis ich irgendwann halbwegs klar sah. Und ich entdeckte, wie viel freier und freudvoller das Leben ohne Brett vorm Kopf ist. Vielen Freunden, die sich einst für „national“ gehalten hatten, erging es glücklicherweise ebenso. Ich beschloss, dem Provinzdasein bald zu entfliehen und in einer Großstadt zu studieren. Und als Ort für diesen Aufbruch wählte ich – es darf gelacht werden – die Stadt Dresden. Für ein völlig unbedarftes Landei wie mich war die Dresdner Neustadt allerdings erst einmal wirklich eine neue und aufregende Welt.

Als in Dresden nun die rechten „Abendspaziergänge“ zur Massenbewegung wurden, fotografierte sich der Anführer selbst beim Essen eines Döners, um zu beweisen, dass er kein Nazi sei. Hatte er keine Angst, die Kräutersauce könnte islamistisch kontaminiert sein? Und ein Demonstrant erzählte dem Journalisten Deniz Yücel: „Ich bin nicht gegen alle Ausländer. Wir kommen aus einem Dorf hier bei Dresden, da gibt es einen Dönermann, ein Türke. Der arbeitet hart und ist anständig. Der ist in Ordnung.“ Ich weiß nicht, ob es die geläuterten Döner-Nazis von einst sind, die sich jetzt unter die Montagsdemonstranten gemischt haben. Die Logik der Protestierer ist jedenfalls bemerkenswert: Ich kenne einen Ausländer, den ich mag, also bin ich kein Ausländerfeind, obwohl ich schon dafür bin, dass die anderen Ausländer verschwinden. Es gibt offenbar auch Menschenfeinde, die Ausnahmen machen. (Bekanntlich hatte sogar Hitler einen Juden, den er mochte.) Was stimmt mich eigentlich so traurig, wenn ich die Selbstaussagen der fremdenfeindlichen Dönerfreunde lese? Es ist wohl die Tatsache, dass diese Menschen einen ganz einfachen Gedanken nicht fassen können oder wollen: Wenn der Ausländer, den ich kenne, ganz in Ordnung ist, sind es dann nicht vielleicht auch die Ausländer, die ich nicht kenne?

Ich bin der Letzte, der leugnen würde, dass es unter den protestierenden Patrioten auch Menschen gibt, die noch zur Vernunft kommen könnten. Aber eines scheint mir sicher: Man sollte dem Hass nicht den Gefallen tun, ihm verständnisvoll auf die Schulter zu klopfen. Und absurde Ängste bekämpft man nicht, indem man sie „ernst nimmt“, sondern indem man sich über sie lustig macht.

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Eine überarbeitete und erweiterte Fassung dieses Textes ist inzwischen erschienen in dem Buch: Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen. Hg. von Heike Kleffner und Matthias Meisner. Berlin: Ch. Links Verlag, 2017

Zitat des Monats Dezember

Ich denke nicht, dass alle, die da mitlaufen, Nazis oder Rechte sind. Aber wir müssen genau hinsehen, ob nicht unter den Organisatoren Rattenfänger sind – und undemokratische Populisten, die eine Stimmung wie Wasser auf ihre Mühlen nutzen.

Markus Ulbig (CDU), Innenminister Sachsens über PEGIDA in einem Interview mit der MOPO24 am 24.11. 2014

Ich schätze mich glücklich, von so viel Ratten wie euch umgeben zu sein. Ja, ihr habt richtig gehört, Ratten. Ihr seid laut Innenminister Ulbig Ratten. Er betitelt alle Mitglieder des Orgateams von Pegida öffentlich als Rattenfänger, und somit sind die Leute, die heute hier unserem Aufruf gefolgt sind, Ratten.

Lutz Bachmann, Initiator von PEGIDA in seiner Rede* vom 1.12. 2014

Es ist rechtsstaatlich nicht zu vertreten, dass der sächsische Innenminister Ulbig die Anliegen der Bürger denunziert, indem er die Veranstalter der Großdemonstration als Rattenfänger verunglimpft.

Frauke Petry, sächsische AfD-Chefin am 3.12. 2014

Im Jahr 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. Er hatte einen Rock von vielfarbigem, buntem Tuch an, weshalben er Bundting soll geheißen haben, und gab sich für einen Rattenfänger aus, indem er versprach, gegen ein gewisses Geld die Stadt von allen Mäusen und Ratten zu befreien. Die Bürger wurden mit ihm einig und versicherten ihm einen bestimmten Lohn. Der Rattenfänger zog demnach ein Pfeifchen heraus und pfiff, da kamen alsobald die Ratten und Mäuse aus allen Häusern hervorgekrochen und sammelten sich um ihn herum. Als er nun meinte, es wäre keine zurück, ging er hinaus, und der ganze Haufen folgte ihm, und so führte er sie an die Weser; dort schürzte er seine Kleider und trat in das Wasser, worauf ihm alle die Tiere folgten und hineinstürzend ertranken.

Nachdem die Bürger aber von ihrer Plage befreit waren, reute sie der versprochene Lohn, und sie verweigerten ihn dem Manne unter allerlei Ausflüchten, so daß er zornig und erbittert wegging. Am 26. Juni auf Johannis- und Paulitag, morgens früh sieben Uhr, nach andern zu Mittag, erschien er wieder, jetzt in Gestalt eines Jägers, erschrecklichen Angesichts, mit einem roten, wunderlichen Hut, und ließ seine Pfeife in den Gassen hören. Alsbald kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern Kinder, Knaben und Mägdlein vom vierten Jahr an in großer Anzahl gelaufen, worunter auch die schon erwachsene Tochter des Bürgermeisters war. Der ganze Schwarm folgte ihm nach, und er führte sie hinaus in einen Berg, wo er mit ihnen verschwand. Dies hatte ein Kindermädchen gesehen, welches mit einem Kind auf dem Arm von fern nachgezogen war, darnach umkehrte und das Gerücht in die Stadt brachte. Die Eltern liefen haufenweis vor alle Tore und suchten mit betrübtem Herzen ihre Kinder; die Mütter erhoben ein jämmerliches Schreien und Weinen. Von Stund an wurden Boten zu Wasser und Land an alle Orte herumgeschickt, zu erkundigen, ob man die Kinder oder auch nur etliche gesehen, aber alles vergeblich.

aus: Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsche Sagen, Nr. 245: Die Kinder zu Hameln

* Dank für die Mitschrift an Robert Zapf

Der Sieg der PEGIDA

Dresden ist wohl der einzige Ort auf der Welt, wo 15000 Menschen der Einladung eines verlogenen Kriminellen zu einem Abendspaziergang folgen. Ich befürchte langsam, dass dieser Stadt nicht mehr zu helfen ist. Auch in anderen Städten gibt und gab es ähnliche Demonstrationen, doch bislang ohne großen Erfolg und gegen massiven Widerstand. In Dresden hingegen sind die Gegner in der Minderheit gegen Gleichgültige und Sympathisanten. In Dresden hat PEGIDA sich vorläufig durchgesetzt und kann sich nur noch selbst besiegen. Weder vernünftige Argumente noch aufklärerische Polemik haben es vermocht, den Zulauf zu dieser Bewegung zu vermindern. Jede Gegenrede hat ihn noch verstärkt. Vor diesem Eingeständnis der Niederlage sollte sich kein Kritiker drücken. Es kommt nun zunächst darauf an, die Gründe für den Erfolg der PEGIDA zu analysieren, der so nur in Dresden möglich war.

Die PEGIDA hat in taktischer Hinsicht aus dem Misserfolg der „Hooligans gegen Salafisten“ genau die richtigen Schlüsse gezogen. Zwar war es der Kölner Demonstration gelungen, eine beachtliche Menge von Menschen zu mobilisieren. Doch die Bilder von besoffenen, randalierenden Hooligans, die teils offen Naziparolen grölten, schreckten potenzielle bürgerliche Sympathisanten sofort ab. Obwohl sich unter den Initiatoren der PEGIDA Leute finden, die schon an HOGESA beteiligt waren, ist doch die Taktik nun eine völlig andere: keine Gewalt, keine offen rassistischen oder neonazistischen Parolen auf Bannern oder in Sprechchören, kein Alkohol. Die rechten Hooligans, die weiterhin den harten Kern der Bewegung bilden, haben sich in disziplinierte junge Männer verwandelt. Es sind nun „unsere Jungs“, denen sich auch die gesetzestreuen Väter und Mütter anschließen können.

Der PEGIDA ist es gelungen, eine Protestbewegung ohne klar formulierte Ziele und Inhalte zu formieren. Den Teilnehmern der Demonstrationen ist Schweigen anbefohlen – und sie gehorchen. Die Reden bei den Demonstrationen und die Positionspapiere sind – von wenigen entlarvenden Ausrutschern abgesehen – so nichtssagend und harmlos, dass Anhänger wie Gegner regelmäßig enttäuscht werden. Die Anhänger trösten sich: Da jeder seine persönlichen Wünsche hinter den offiziellen Floskeln verborgen glaubt, sind alle zufrieden. Der brave Spießbürger beruhigt sich damit, dass die PEGIDA ja offiziell nicht gegen alle Ausländer, nicht gegen alle Muslime agitiert, sondern nur gegen kriminelle und radikale. Lutz Bachmann isst sogar Döner! Der Neonazi hingegen ist sicher, dass all das brave Geschwätz nur Tarnung ist, um eine möglichst breite rechte Front zusammenzuschweißen. So spaziert schweigend einer neben dem andern und glaubt sich unter Gleichgesinnten. Die Gegner der PEGIDA sind hingegen frustriert: Sie bekommen den Gegner nicht zu fassen, denn offener Rassismus findet sich fast nur in Facebook-Kommentaren, nicht aber in den offiziösen Verlautbarungen.

Der PEGIDA ist es gelungen, ohne wirklichen inhaltlichen Kern doch ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen: eine Mischung aus Angst vor den Fremden, Hass gegen Diedaoben und Wut über – eingebildete und reale – soziale Missstände. PEGIDA profitiert von der aufgeheizten Kriegsstimmung, die den öffentlichen Diskurs seit Beginn der Ukraine-Krise auch in Deutschland beherrscht. Initiator Lutz Bachmann, Wurstverkäufer und Werbeprofi, hat in geschickter Weise den Demonstranten das Schema der Freund-Feind-Logik angedreht: „wir“ gegen „die“. Jede Kritik an der Bewegung von außen, gleichgültig ob sachlich oder polemisch, prallt nicht nur ab, sondern schließt die Reihen noch fester. Das haarsträubendste Beispiel für diese Mechanik ist gewiss die Reaktion der PEDIGA-Anhänger auf die Enthüllungen der Sächischen Zeitung zum kriminellen Vorleben ihres Anführers Lutz Bachmann. Den Leuten kamen nicht etwa Zweifel. Nein, die Sympathie für „unsern Lutz“ wuchs noch. Denn die Bild erfährt: „Bachmann steht zu seiner Vergangenheit.“ Er steht dazu! Was soll man da noch erwidern? Mehr noch: Seine Erfahrungen als Krimineller und Flüchtling vor der Polizei qualifizieren ihn sogar besonders zum Kritiker der Ausländerkriminalität und der deutschen Flüchtlingspolitik! Ein Einbrecher verlangt, zum Polizeipräsidenten befördert zu werden! Es gibt eine Dreistigkeit der Lüge, gegen die jede Kritik machtlos ist.

Warum nun aber gerade Dresden? Dresden ist sicherlich die konservativste und provinziellste aller deutschen Großstädte. Aber das allein reicht als Erklärung nicht. Das besondere geistige Klima dieser Stadt ist geprägt von einem Gefühl: Wir sind die Opfer. Das rituelle Gedenken an die Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg, wie es vor und nach der Wende von den Staatsparteien SED und CDU forciert wurde, hat zu diesem kollektiven Selbstmitleid beigetragen. Tatsächlich geht es den Dresdnern leidlich gut, verglichen mit anderen Städten in Deutschland – von den Flüchtlingen und Krisengebieten in aller Welt ganz zu schweigen. Wer aber den ebenso hochmütigen wie weinerlichen Kult um „Unserschönesdresden“ nicht bedingungslos mitmacht, der wird zum Außenseiter.

Eine weitere Einsicht lässt sich leider auch nicht ignorieren: Das Bündnis zwischen Bürgern und Radikalen wäre nicht denkbar ohne eine städtische Institution, nämlich den Fußballverein Dynamo Dresden. Zwar legen der Verein und die meisten Fangruppierungen Wert darauf, als „unbolidisch“ zu gelten. Doch gibt es neben unbescholtenen auch eine große Zahl rechter Fans. Sie sind der Kern der PEGIDA-Bewegung. Und im Stadion haben die Anständigen sich über Jahre daran gewöhnt, ein Auge zuzudrücken und in Jubel und Hass mit zweifelhaften Kameraden für einen Verein vereint zu sein. Natürlich nur spielerisch! Aber aus Spiel wird für einige gerade Ernst. [Nachtrag: Kommentatoren weisen zurecht darauf hin, dass sowohl der Verein Dynamo Dresden als auch Ultras sich seit geraumer Zeit gegen rechte Umtriebe wehren. Der vorige Absatz sei nicht als falsches Pauschalurteil über alle Fans gelesen, sondern als Hinweis auf die Gefahren einer vermeintlich „unpolitischen“ Verbrüderung.]

Der gekaufte Gegner

Bekommt ein Autor dieser Tage böse Post von Lesern, dann kann er sicher sein, ungefähr Folgendes zu finden: „Allein von der Wahrheit kann man schlecht leben, oder?! Sie schreiben das doch nur, weil sie sich finanzielle Einkünfte erhoffen! Überhaupt die Medien und Politiker, die sind doch alle gekauft!!!“ Ach, wär’s doch nur so! Wie lieb wäre mir ein bisschen mehr Geld! Aber ich bitte um Vorkasse! Seit Jahren warte ich auf Bestechungsversuche, aber Pustekuchen! Nichts, rein gar nichts! Kommt ein Brief bei mir an, reiße ich ihn jedes Mal auf in der Hoffnung auf ein Bündel Geldscheine direkt von der CIA, den Weisen von Zion oder der Homo-Lobby, aber was finde ich? Nur wieder einen schlecht gelaunten Leserbrief!

Wenn ein Autor mit seinen Schriften Geld verdient, und sei es noch so wenig, dann ist für den Wutbürger, den für seine Meinung niemand entlohnen will, die Bestechlichkeit schon erwiesen. Da er den Unterschied nicht begreifen kann, der in der Frage liegt, ob jemand fürs Schreiben bezahlt wird oder dafür, was er schreibt, ist für ihn sonnenklar: Alles Lügner! Aber längst nicht nur Leser, sondern auch Autoren werfen Kollegen im gegnerischen Lager vor, bezahlte Schwindler zu sein, und glauben, ihre Feinde damit erledigt zu haben.

Als dem politischen Schriftsteller Friedrich Gentz einmal von seinem Gegner Joseph Görres vorgeworfen wurde, er sei korrupt, erwiderte er öffentlich: „Den Vorwurf, gegen seine Überzeugung geschrieben zu haben, geben wir ihm nicht zurück. Dergleichen Anklagen sollten Schriftsteller von gewissem Gehalt, was auch die Verschiedenheit ihrer Ansichten sein mag, des gemeinschaftlichen Interesses der Aufrechterhaltung ihres Ansehens und ihrer Würde eingedenk, nie gegeneinander aussprechen.“ Nun war aber Friedrich Gentz tatsächlich einer der korruptesten Schriftsteller aller Zeiten. Riesige Summen bekam er von der englischen Regierung, die sich darüber freute, dass Gentz die Deutschen zum Kampf gegen Napoleon mobilisierte. Als engster Mitarbeiter des Fürsten Metternich wurde er vom österreichischen Kaiserreich auch fürstlich dafür bezahlt, gegen alle demokratischen Bestrebungen anzuschreiben. Und auch sonst ließ er sich keine Zuwendung entgehen, an einem Freund schrieb er offenherzig: „Ich liebe die Missbräuche bei den Finanzen.“ Der Vorwurf der Korruption gegen Gentz war also vollauf berechtigt. Und doch hat Friedrich Gentz mit seiner Kritik am Korruptionsvorwurf im Wesentlichen recht.

Der Vorwurf der Bestechlichkeit in der öffentlichen Debatte ist unnütz, selbst wenn er zutrifft. Dies hat einen ganz einfachen, logischen Grund: Die Tatsache, dass einer fürs Schreiben bezahlt wurde, sagt über den Wahrheitsgehalt des Geschriebenen gar nichts aus. Selbst ein korrupter Autor kann recht haben. Auch aus einem Misthaufen kann eine Blume erblühen. In der Philosophie spricht man von der Differenz von Genese und Geltung. Wer nur den Vorwurf der Korruption gegen einen Gegner erhebt, der will sich die Arbeit ersparen, dessen Argumente sachlich zu widerlegen. Der Korruptionsvorwurf ist darüber hinaus nicht nur unnütz, sondern auch schädlich. Mit einem Menschen, von dem ich annehme, er lüge prinzipiell, ist überhaupt keine sinnvolle Kommunikation mehr möglich. Der Rest ist Schweigen. Als Mittel einer Auseinandersetzung bleibt nur noch die Gewalt. Es ist also eine Maxime des gesunden Menschenverstandes, selbst einem Gegner, den man für einen Lügner hält, zunächst eine ehrliche Überzeugung zuzuschreiben. Erst unter dieser Voraussetzung wird es überhaupt möglich, ihm Widersprüche in seinen Äußerungen und Handlungen nachzuweisen und vorzuwerfen.

Ein geschulter Marxist wird vielleicht einwenden: „Diese Trennung von Genese und Geltung ist doch selbst bürgerliche Ideologie! Der geistige Überbau ist eben nicht unabhängig von der materiellen Basis, die Produktion von Gedanken und Worten spiegelt nur die Produktion von Waren und Dienstleistungen. Eine kritische Theorie entlarvt die Ideologie einer Gesellschaft als Abbild ihrer ökonomischen Verhältnisse.“ Aber selbst dies zugestanden, bleibt der Vorwurf der Käuflichkeit Ideologiekritik für Dummies. Denn Ideologie ist gerade nicht einfach Lüge, sondern das verkehrte Bild von verkehrten Verhältnissen. In gewisser Hinsicht sagt die Ideologie also die Wahrheit, indem sie die Unwahrheit sagt. Will man sie kritisieren, dann gilt es, nicht nur nach Lügen zu fahnden, sondern die Notwendigkeit des Irrtums nachzuweisen. Der Redakteur bei Business Punk schreibt vermutlich nicht so, wie er schreibt, weil er gegen Bezahlung lügt. Er ist vielmehr ehrlich von der Richtigkeit seiner Weltanschauung überzeugt. Und dies auch mit gewissem Recht, denn für ihn erscheint der Kapitalismus ja in bestem Licht. Erst eine Zeitungskrise, in deren Verlauf auch seine Stelle eingespart würde, könnte ihn vielleicht in Zweifel stürzen. Dass es daneben auch zynische Propagandisten gibt, versteht sich von selbst. Ihre Entlarvung ist verdienstvoll. Aber bei ihnen handelt es sich gewiss um die Ausnahme, nicht die Regel. Den meisten Menschen fehlen zum ausdauernden Lügen die Fantasie und das Geschick. Sie ersparen sich die Mühe, indem sie glauben, was sie glauben sollen.

Der Vorwurf der Korruption wird heute parteiübergreifend erhoben. Die Linken schmähen ihre Gegner in bewährter Weise als Propagandisten des Großkapitals. Aber auch die Rechten wittern geheime Geldströme, die aus mysteriösen Quellen ihren Feinden vermeintlich zufließen. Wüssten die Rechten nur, wie lausig bei den Linken bezahlt wird! Ihr Hass verwandelte sich augenblicklich in Mitleid! Dass inzwischen jeder jeden für käuflich hält, ist schließlich auch ein schöner Beleg für den endgültigen Sieg des alternativlosen Kapitalismus. Die Mehrheit der Deutschen kann es sich nicht einmal mehr vorstellen, dass einer eine Überzeugung äußert, ohne dafür bezahlt worden zu sein. Mit dem ewigen Vorwurf der Bestechlichkeit verrät der Wutbürger also, ganz ohne es zu ahnen, eine Menge über sich selbst.

Für diesen Beitrag bezahlt mich übrigens mal wieder kein Schwein.

Termine der Woche

Am Donnerstag (11. Dezember) lädt unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal wieder in die scheune ein. Trotz der Adventszeit ist traute Besinnlichkeit nicht zu erwarten. Stattdessen dürfen sich die Gäste wieder auf komische Geschichten zu den Tücken des Alltags, Versuche über den Sinn des Lebens und Lieder zur aktuellen Weltlage freuen. Mit mir lesen die Stammautoren Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth sowie als besonderer Gast der Poet Bleu Broode aus Leipzig. Los geht es um 20 Uhr.

Am Freitag (12. Dezember) lese ich wieder gemeinsam mit den Kollegen Max Rademann und Udo Tiffert als Lesebühne Grubenhund im schönen Görlitz. Als Gast begrüßen wir diesmal Mike Altmann von der musikalischen Lesebühne „Jazzhappen“ aus Görlitz. Los geht es um 20 Uhr im Kino Camillo.

 

Die besorgten Bürger

Jeden Montag demonstrieren seit Wochen in Dresden „Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Und allerorten protestieren Deutsche lautstark gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in ihrer Nachbarschaft. „Wir müssen die Sorgen dieser Bürger ernst nehmen!“, das sagen mir Politiker, Journalisten und Leser. „Wir dürfen sie nicht den Nazis überlassen!“ Ich würde ja gern! Ich würde so gern die Sorgen der Bürger ernst nehmen! Fiele es nur nicht so verdammt schwer! Fiele er nur nicht so schwer, sie ernst zu nehmen, und so leicht, sie komisch zu finden!

Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die sich in Gegenden vor der Islamisierung fürchten, in denen kaum Menschen wohnen, die sich zum Islam bekennen! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die sich schon überfremdet fühlen, wenn sie mal einem Menschen mit anderer Hautfarbe auf der Straße begegnen! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die gegen den Islamismus demonstrieren und gleichzeitig – weil man schon mal auf der Straße ist! – auch gleich noch gegen die Menschen, die auf der Flucht vor dem mörderischen Islamismus in unserem Land Schutz suchen! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die gegen Menschen protestieren, denen sie noch nie im Leben begegnet sind, was freilich ihrer Überzeugung, es werde sich wohl um Vergewaltiger und Diebe handeln, keinen Abbruch tut! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die sich als Retter des „christlichen Abendlandes“ ausgeben und zugleich jene, die von Nächstenliebe sprechen, als „Gutmenschen“ verlachen! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die an Demonstrationen für die Redefreiheit teilnehmen, wo ihnen ihre Führer allerdings verbieten, den Mund aufzumachen, weil sie fürchten, es könnten einige sagen, was sie denken! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die sich dagegen verwahren, mit Nazis in einem Atemzug genannt zu werden, aber nichts dagegen haben, mit Nazis in einem Demonstrationszug zu marschieren!

Das alles fällt so schwer! Aber wir müssen uns zwingen! Wir müssen Verständnis dafür aufbringen, dass besorgte Bürger in Dresden einem Führer namens Lutz Bachmann applaudieren. Einem aufrechten Patrioten, der versichert, kein Rassist zu sein, aber auch schon mal Xavier Naidoo einen „Kameltreiber“ nennt. Der sich gegen Gewalt ausspricht, wenn er nicht gerade im Internet fordert, „Claudia Fatima Roth“ solle „standrechtlich erschossen“ werden. Der die Arbeit der Polizei lobt, wenn sie seine Demonstration schützt, aber die „Bullen“ für „völlig dämlich“ hält, wenn sie Flüchtlinge schützen. Ja, wir müssen Verständnis dafür aufbringen, wenn tausende Sachsen einer solchen Spottgeburt aus Hass und Heuchelei zujubeln! Denn wir wollen ja die besorgten Bürger nicht den Nazis überlassen, denen sie sich längst in die Arme geworfen haben!

Die Furcht vor dem Fremden gehört zu den Neigungen, welche die Natur allen Menschen in die Eingeweide gepflanzt hat, dem Autor dieser Zeilen wie jedem anderen auch. Wer behauptet, keine Vorurteile zu haben, ist entweder ein Heuchler oder wurde in Freiburg im Breisgau gezeugt. Rassismus entsteht, wie der Schriftsteller Andreas Altmann sehr treffend sagt, von ganz allein „wie Dreck unter den Fingernägeln“. Denn jedes Vorurteil bestätigt sich laufend selbst, weil es immer nur Tatsachen entdeckt, die ihm recht geben. Man sieht sie ja wirklich, die Fälle von Terror und Verbrechen, man kann sie nicht leugnen. Gibt es unter Zuwanderern auch Arschlöcher? Gewiss! Warum sollten sie besser sein als die Einheimischen? Doch erscheint uns die fremde Übeltat immer barbarischer als die heimische. Wenn ein Deutscher eine Straftat begeht, war’s ein Krimineller. Wenn ein Ausländer eine Straftat begeht, war’s ein Ausländer. Es gibt Deutsche, die ihren Verstand nur dazu einsetzen, ihre Vorurteile zu kultivieren. Sie finden immer neue Begründungen für ihren Hass, aber der Hass war zuerst da, die Gründe kommen später. Wer nicht nur einen Verstand, sondern auch Vernunft besitzt, der weiß: Man kann seinen Kopf auch dazu benutzen, die Wut im Bauch zu kontrollieren, um nicht zum Bauchredner seiner Wut zu werden.

Bürger, ich will eure Sorgen ernst nehmen! Ich verspreche es! Aber bitte nehmt auch ihr meine Sorge ernst: Wenn das Abendland vor den Islamisten gerettet ist, wer wird es vor den Rettern retten?

Zitat des Monats November

…VOLLSPINNER! Gehören standrechtlich erschossen diese Öko-Terroristen!… allen voran Claudia Fatima Roth!

(Lutz Bachmann, der Führer der anti-rassistischen und pazifistischen PEGIDA-Demonstrationen in Dresden, auf Twitter am 6. September 2013)