Am Grab des Konservativen

Wer in Dresden den Alten Katholischen Friedhof besucht, der kann dort das Grab von Friedrich Schlegel entdecken. Dass dem Philosophen das Glück widerfuhr, in Sachsen seine letzte Ruhestätte zu finden, verdankt sich einem traurigen Zufall. Während er in Dresden im Jahr 1829 eine Vorlesung hielt, ereignete sich ein Unglück. Friedrichs alter Freund, der Dichter Ludwig Tieck, musste Schlegels Bruder August Wilhelm in einem Brief davon berichten: „In der Nacht nehmlich von Sonntag zu Montag, Montag nach 2 Uhr, den 12ten Januar ist Friedrich plötzlich, nach einem kurzen, aber harten Kampfe, der ihn ohngefähr eine Stunde geängstiget hat, am Schlage gestorben.“

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Termine der Woche

Am Donnerstag (15. März) gibt’s die monatliche Ausgabe unserer Dresdner Lesebühne Sax Royal in der Scheune. Neue Geschichten, Gedichte und Lieder präsentieren mit mir Roman Israel, der Erzähler abgründiger Geschichten aus der Lausitz und aller Welt, Max Rademann, der Chronist des Erzgebirges und Neustädter Tresenphilosoph, Stefan Seyfarth, der Dresdner Dichter und Gitarrenvirtuose, sowie ein besonderer Gast: Christian Kreis aus Halle an der Saale ist Absolvent des Deutschen Literaturinstitutes in Leipzig. Er hat mehrere Lyrikbände veröffentlicht, schreibt regelmäßig heitere Kolumnen für das Portal Fixpoetry, ist Mitglied der Hallenser Lesebühne Kreis mit Berg, gewinnt ab und zu Poetry Slams und arbeitet unermüdlich an seinem ersten Roman. Los geht es um 20 Uhr. Karten gibt es bis Mittwoch noch im Vorverkauf, aber auch am Donnerstag noch problemlos an der Abendkasse am Einlass ab 19:30 Uhr.

Am Freitag (16. März) folgt wie immer die Lesebühne Grubenhund in Görlitz. Ich lese neue Texte zusammen mit den wunderbaren Kollegen Udo Tiffert und Max Rademann. Und auch in Görlitz wird Christian Kreis unser Gast sein. Ein ebenso heiterer wie poetischer Abend ist gewiss. Los geht es um 19:30 Uhr im Camillo. Karten gibt’s am Einlass.

Am Sonnabend (17. März) endet meine Tournee durch Sachsen in Leipzig, wo gerade die Buchmesse stattfindet. Ich habe die Ehre, beim traditionellen Literarischen Frühschoppen gemeinsam mit Jürgen Roth und Thomas Kapielski lesen zu dürfen, das die Galerie Artae (Gohliser Straße 3) jedes Jahr im Rahmen des Buchmessen-Programms „Leipzig liest“ organisiert. Los geht es um 11 Uhr, im Eintritt ist Weißwurst und Bamberger Bier inbegriffen!

Die neue Redefreiheit

Noch nie wurde in Deutschland so viel geredet wie heute. Und noch nie wurde dabei von so vielen gesagt, man dürfe ja in Deutschland nichts mehr sagen. Ein Teil der Bevölkerung weiß genau, dass in Deutschland Zensur herrscht. Ich blauäugiger Mensch lebte hingegen bisher in der Überzeugung, die freie Rede habe einen recht weiten Spielraum. Stellte doch jüngst etwa eine sächsische Staatsanwaltschaft fest, die Redefreiheit umfasse sogar das Recht, sich die Hinrichtung von politischen Gegnern zu wünschen, ja diese Hinrichtung mit Hilfe von selbst gebastelten Galgen symbolisch vorwegzunehmen. Ich gehe davon aus, dass es dementsprechend auch nicht ungesetzlich ist, wenn ich mir wünsche, den zuständigen Staatsanwalt möge ein Blitz beim Scheißen erschlagen.

„Eine Zensur findet nicht statt“, behauptet das Grundgesetz. Aber viele Bürger behaupten anderes. Wer hat recht? Auf den Straßen, auf den Titelseiten, in den Fernsehstudios, ja mittlerweile sogar im Parlament dürfen Männer erklären, die linke Meinungsdiktatur lasse sie nichts mehr sagen. Wenn so viele das behaupten, muss es dann nicht stimmen? Ein gewisser Thilo Sarrazin, Mitglied der SPD, ist Millionär geworden, indem er sagte, was man nicht sagen darf. Er hat inzwischen unzählige Nachahmer inspiriert, die ebenfalls von der verbotenen Frucht naschen. In Deutschland kann einem Publizisten in finanzieller Hinsicht offenbar nichts Besseres passieren, als von der Zensur verboten zu werden. Wurde einem Mann erst einmal das Maul gestopft, hängen die Leute ihm an den Lippen. Aber man muss schon tüchtig rechts sein, wenn man in den Genuss dieses verkaufsfördernden Verbotes kommen will. Denn nur Rechte, die Linke kritisieren, sind Helden der Meinungsfreiheit. Linke, die Rechte kritisieren, sind hingegen Gegner der Meinungsfreiheit. Denn die Redefreiheit der Rechten umfasst bekanntlich auch das Recht, keine Gegenrede ertragen zu müssen. Völlig zurecht wird darum der Dresdner Turmschriftsteller Uwe Tellkamp trotz einigen kleinen Lügen als mutiger Kritiker gefeiert, während die Kritiker des Kritikers ernstlich verwarnt werden, sie mögen doch den empfindlichen Mann nicht durch den Hinweis auf die Wahrheit stigmatisieren.

„Nein, nein!“, ermahnen mich die Kämpfer gegen die politische Korrektheit. „Die Zensur ist heute natürlich nicht mehr so altmodisch, mit Verboten vorzugehen, ihr gelingt es, tapfere Streiter für die Wahrheit mit der Nazi-Keule zur Strecke zu bringen!“ Wenn ich das Wort „Nazi-Keule“ höre, stellen sich bei mir leider immer noch die falschen Assoziationen ein. Vielleicht liegt’s daran, dass ich aus der ostdeutschen Provinz komme. Beim Wort „Nazi-Keule“ denke ich immer noch an einen Baseballschläger, von dem Blut tropft, weil gerade irgendein Nazi jemanden damit erschlagen hat. Aber wie albern! Die „Nazi-Keule“, von der unsere neuen Rechten sprechen, ist natürlich eine viel gefährlichere Waffe. Sie zerstört nicht bloß das Leben von Minderwertigen, sondern viel Kostbareres, den Ruf von Patrioten, die zu Unrecht beschuldigt werden, Nazis zu sein. Mein Mitleid mit diesen Männern kennt keine Grenzen und wird auch nicht im Mindesten durch den Eindruck gedämpft, als wirkte ein Volltreffer der „Nazi-Keule“ auf manche Rechte nicht niederschmetternd, sondern wie ein Ritterschlag. Ja, die „Nazi-Keule“ gleicht einem Zauberstab, durch den Rechte in Helden verwandelt werden. Kein Wunder, dass mancher sich selbst mit diesem Zauberstab bearbeitet, wenn es partout an Linken mangelt, die zur „Nazi-Keule“ greifen wollen. Wo kein Linker zur Stelle ist, um mit Hitler zu vergleichen, malt sich gewiss ein Rechter selber ein Hitlerbärtchen unter die Nase. Oder hat jemand Björn Höcke einen Revolver an den Kopf gehalten, um ihn dazu zu bringen, freundliche Worte über den Nationalsozialismus zu sagen? Wer hat in Pirna beim „Politischen Aschermittwoch“ der AfD die Meute angesoffener Frührentner dazu gezwungen, vor den Augen der Welt einen geselligen Abend im Sportpalast nachzustellen?

Wir dürfen bei alledem nicht vergessen, dass schon Adolf Hitler ein Opfer der Zensur gewesen ist. Immer wieder hatte er Schläge mit der Nazi-Keule zu erdulden. Man erhob die absurde Anschuldigung, er sei kein Demokrat, man warf ihn ins Gefängnis, erteilte ihm Redeverbote. Kein Wunder, dass Hitler immer wieder klagte, er werde vom Weimarer Schandsystem „geknebelt“ und von der verräterischen „Judenpresse“ diffamiert. Hätte man doch nur das konstruktive Gespräch mit Hitler gesucht! Hätte man seine Sorgen angesichts der grassierenden Verjudung Deutschlands ernstgenommen! Hätte man ihn nur freiwillig an der Regierung beteiligt, um ihn zu mäßigen und zu entzaubern! Welches Leid wäre Deutschland erspart geblieben! Wer dem gerechten Volkszorn nicht die Gesetze anpasst, der muss sich nicht wundern, wenn der gerechte Volkszorn sich jenseits der Gesetze austobt. Seien wir doch vernünftig! Kapitulieren wir in vorauseilendem Gehorsam vor dem Faschismus, um unsere Demokratie zu bewahren!

„Diffamiert“ – das Wort ist auch heute noch die liebste Vokabel des Rechten, der es mit vollem Recht unerträglich findet, dass Linke ihn öffentlich kritisieren dürfen. Wer so wie ich das unerhörte Glück hat, regelmäßig Post von besorgten Bürgern zu bekommen, der weiß, dass jeder zweite Brief mit folgender Klage beginnt: „Sie haben wieder was gegen die PEGIDAFD geschrieben! Das ist eine unerhörte Diffamierung! Sie haben keinen Respekt vor Andersdenkenden! Sie wollen die Meinungsfreiheit abschaffen!“ Wir müssen neidlos den Propagandisten der politischen Inkorrektheit gratulieren. Es ist ihnen in jahrelanger Arbeit gelungen, dieses Argument so fest in die Hirne von Millionen zu meißeln, dass es dort niemand je wieder herausbefördern wird. Es besticht aber auch ganz enorm durch seine Logik: Wenn die Rechten Kritik üben, nutzen sie die Redefreiheit. Wenn an den Rechten Kritik geübt wird, dann ist das Zensur. Wahrhafte Meinungsfreiheit herrscht nach dieser Logik erst, wenn niemand mehr die Freiheit hat, den Rechten zu widersprechen. Einige Länder im Osten Mitteleuropas sind schon auf dem besten Wege, einen solchen Triumph der Redefreiheit zu bewerkstelligen. Aber wenn schon nicht gleich ganz Deutschland, so kann doch zumindest Sachsen nachziehen! Schon bald gibt es hier Wahlen, die den richtigen Weg weisen können!

Da ich nun die Rechten schon mit so viel Lob bedacht habe, möchte ich auch die Linken nicht vergessen. Das gebietet schon die Fairness. Ich finde es wirklich formidabel, wie viele Linke gerade jetzt ihre Hypersensibilität entdecken, da die Rechten mit dem Vorschlaghammer anrücken. Einen besseren Zeitpunkt hätten sie sich für ihre Entdeckungsreise zu den äußersten Grenzen der Empfindsamkeit nicht aussuchen können. Ich kann ihnen deswegen auch nicht verübeln, dass sie sich inzwischen schon die Ohren zuhalten und über „unerträgliche Hassrede“ klagen, wenn ein Rechter auch nur den Mund aufmacht, um seine Meinung zu sagen. Dass die Linken mit den Rechten in einen Wettbewerb eingetreten sind, wer leberwurstiger ist, wer schneller beleidigt und wer das größere Opfer, das versetzt mich wahrlich in Hochstimmung und macht mir große Hoffnung für die Zukunft. Wie schlau sind jene Linken, die den öffentlichen Streit mit den Rechten nach Möglichkeit vermeiden, um sich die Finger nicht schmutzig zu machen! Wie souverän und mutig wirkt das! Wie überzeugend ist es auch, dass die Linken beständig über böse Wörter, kaum noch aber über die Sachen selbst reden! Es spart ja auch jede Menge Arbeit, wenn man darauf verzichtet, zu überprüfen, ob die Rechten Recht oder Unrecht haben, und sich stattdessen damit begnügt, den Rechten vorzuwerfen, dass sie rechts sind. Kurzum: Bei den linken Parteien läuft alles kolossal gut und ihre Wahlergebnisse bestätigen das ja auch blendend.

Ich komme zum Schluss: Es steht um die Redefreiheit ganz hervorragend in Deutschland, geradezu optimal. Es wird ja unerhört viel geredet bei uns, vor allem aneinander vorbei und übereinander hinweg, aber immerhin. Das Selbstgespräch ist doch die angenehmste Form der Kommunikation; im Spiel mit sich selbst geht man immer als Gewinner vom Platz. Hauptsache ist, es wird stets so laut geredet, dass niemand in die Versuchung gerät, nachzudenken. Zweifel ist nur hinderlich dabei, auf jede Frage auf Anhieb die richtige Antwort geben zu können. Wir haben vielleicht keine Streitkultur, aber unsere Kultur der Zerredung ist unvergleichlich. Aber das alles soll uns keine Sorgen bereiten, im Grundgesetz steht ja nur etwas vom Recht, sich zu äußern, aber nichts von der Pflicht, auch einmal zuzuhören. Hoffentlich kommt nie jemand auf die Idee, die Redefreiheit könnte auch darin bestehen, sich – wenigstens für ein Weilchen ab und an – vom Zwang zum unablässigen Reden zu befreien. Denn das würde ja dazu führen, dass Demokraten, statt auf das Gekläff von Rechtsradikalen routiniert mit verletztem Gejaule zu antworten, einmal in Ruhe darüber nachdächten, mit welchen eigenen Ideen es gelingen könnte, die Leute wieder zu überzeugen und zu begeistern.

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Dieser Text wurde am 11. März 2018 im Kabarett Breschke & Schuch bei der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die nationalsozialistische Bücherverbrennung in Dresden vorgetragen. Die Gedenkveranstaltung findet jedes Jahr auf Initiative der Dresdner SPD statt. Informationen zur Vorreiterrolle Dresdens im Kampf „wider den undeutschen Geist“ findet man zum Beispiel in diesem Beitrag der FAZ.

Kampf um den Westen

Als 1990 die DDR der BRD beitrat, waren die meisten Beobachter überzeugt davon, die deutsche Frage sei nun beantwortet. Das wiedervereinigte Deutschland habe seinen historischen Sonderweg verlassen und sei endgültig im Westen angekommen, der überhaupt bald die ganze Welt nach seinem Bilde umgestalten werde. Das Ende der Geschichte schien nah. Diese frohgemuten Prophezeiungen erscheinen uns heute blauäugig. Nicht nur trotzen autoritäre Staaten auf der ganzen Welt der bröckelnden Macht des Westens. Es zeigt sich gerade auch deutlich, was eigentlich schon immer galt: Der Westen selbst ist nicht nur der Westen, er ist auch sein Gegenteil.

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Krieg dem Handelskrieg!

Der Krieg, fröhliches Stelldichein für abenteuerliche Herzen, Hygiene der Menschheit, Motor der natürlichen Auslese – was wären wir ohne ihn? Mit Recht gilt er unter den Weisen als Vater aller Dinge. Den schlaffen Weichling erzieht er zum kernigen Kerl, den zweifelnden Intellektuellen zum Herold des Heeres, den feigen Pazifisten zum beherzten Mörder mit gutem Gewissen. Eine Uniform schmückt jeden Mann, keine Frau verweigert einem feschen Krieger einen Kuss – besonders dann nicht, wenn er ihr den Gewehrlauf an den Schädel hält. Aber leider sind nicht alle Kriege so schön. Es gibt Kriege, die den ehrenvollen Namen zu Unrecht tragen, in denen kein Schuss abgefeuert, kein Orden verliehen, keine Feldtoilette ausgehoben wird, sogenannte Handelskriege.

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Termine der Woche

Am Dienstag (6. März) lese ich als Gastautor bei einer der traditionsreichsten Lesebühnen von Berlin. Sie heißt LSD – Liebe statt Drogen und vereinigt die Stammautoren Andreas „Spider“ Krenzke, Tobias „Tube“ Herre, Uli Hannemann und Ivo Lotion. Als Gäste sind an diesem Dienstag auch noch die Kollegen Andreas Kampa und Meikel Neid mit dabei. Los geht es um 21:30 Uhr im zauberhaften Schokoladen.

Am Donnerstag (8. März) findet in Görlitz die erste Veranstaltung der von der Friedrich-Ebert-Stiftung organisierten Reihe „Zukunft Görlitz“ statt, eine Diskussion unter dem Titel „Wie werden wir reden?“ Moderator des Abends ist Cornelius Pollmer, weitere Gäste sind Prof. Dr. Raj Kollmorgen (Hochschule Görlitz/Zittau) und Ulf Großmann (Präsident der Kulturstiftung Sachsen). Das Gespräch beginnt um 18 Uhr im Schlesischen Museum.

Am Sonnabend (10. März) bin ich Gastautor bei der Lesershow, der Lesebühne von Frank Sorge, Martin Goldenbaum, Thilo Bock und Robert Rescue in Berlin-Mitte. Los geht es um 21 Uhr in der Z-Bar.

Am Sonntag (11. März) spreche ich – sofern ich es irgendwie schaffe, nach einer Nacht in der Z-Bar aus dem Bett und in einen Zug zu finden – bei der jährlichen Gedenkveranstaltung der Dresdner SPD zum Jahrestag der nationalsozialistischen Bücherverbrennung im Dresdner Kabarett Breschke & Schuch. Los geht es um 11:00 Uhr.

Aus meiner Fanpost (30): Die diffamierte AfD

Sehr geehrter Herr Bittner,

beim Lesen Ihrer Kolumnen beschleicht mich das Gefühl, dass Sie das demokratische Prinzip nicht ganz verstanden haben. Um es einfach zu machen: Jede Wählerstimme hat gleiches Gewicht. Jede Partei hat gleichen Wert. Das Grundgesetz unterscheidet nicht zwischen guten und schlechten Parteien, zwischen guten und schlechten Voten. Die politischen Zielvorstellungen und Geschmäcker sind verschieden, aber allesamt haben aus sich selbst heraus ihre Berechtigung. Wenn ich mir eine blaue Jacke zulege, möchte ich vom Verkäufer nicht beschimpft werden, weil es keine rote, grüne oder schwarze ist. Denn Sinn jeder Auswahl ist es, auswählen zu können – frei und ohne jede Bevormundung.

So gibt es auch keine guten oder schlechten Wahlergebnisse, sondern einfach nur Wahlergebnisse. Sie sind respektvoll zur Kenntnis zu nehmen, wobei es den Parteien natürlich frei steht, sich zu freuen oder sich zu ärgern. Maßen sich hingegen „unabhängige“ und „neutrale“ Journalisten an, die Entscheidung des Souveräns extrem abschätzig zu kommentieren, dann zählt das zwar zur Meinungsfreiheit, kollidiert jedoch mit dem Grundgedanken jeder freiheitlichen Demokratie, der da lautet, die Stimme des Volkes zu achten. Jemand wählt links – na und? Jemand wählt rechts – nochmals na und! Jemand wählt mittig – warum nicht? Gegenüber der AfD machen sich aber üble Praktiken breit. Der Partei wird die Existenzberechtigung abgesprochen, ihre Wähler werden wechselweise als dumm, bösartig, ahnungslos, verführt, „abgehängt“, rassistisch, neonazistisch, rechtsradikal etc. diffamiert. Und im Unterschied zu den anderen Parteien werden Wahlerfolge der AfD stets so behandelt, als seien sie Vorboten des Weltuntergangs. Wenn dem wirklich so wäre, müssten Wahlen ja verboten werden – wegen Gemeingefährlichkeit. Richtig aber ist: Der Bürger hat jedes Recht, jede Partei zu wählen. Er braucht sich dafür weder zu rechtfertigen noch beschimpfen zu lassen. Gleiches gilt für die Parteien, sie zählen in ihrer Unterschiedlichkeit zum Wesenskern unserer Demokratie.

Vielleicht werden Sie das irgendwann einmal zur Gänze verstehen. Ich wünsche es Ihnen – in Respekt vor Ihrer persönlichen Wahlentscheidung.

Mit freundlichen Grüßen
Harald N***

 

Sehr geehrter Herr N***,

danke für Ihre kritische Nachricht! Ihre Argumentation ist erfreulich sachlich, weshalb ich mir gerne die Zeit nehmen möchte, um Ihnen zu erklären, warum ich sie dennoch für falsch halte.

Sie schreiben, zum „demokratischen Prinzip“ gehöre die Vielfalt der Parteien sowie das „Recht“ jedes Bürgers, „jede Partei zu wählen“. Das ist völlig richtig. Sie schreiben: „Jede Wählerstimme hat gleiches Gewicht.“ Auch das ist richtig: Auch die Stimmen, die für die AfD abgegeben werden, sind zu respektieren. Die für die AfD gewählten Abgeordneten sind vom Staat streng nach dem Gesetz so zu behandeln wie alle anderen auch. Ihr Denkfehler schleicht sich in die Argumentation ein, wenn Sie das doppeldeutige Wort „Wert“ gebrauchen: „Jede Partei hat gleichen Wert.“ Wenn auch dieser Satz nur auf das Prinzip der Gleichbehandlung durch den Staat zielen soll, ist auch er richtig. Aber mir scheint, er soll mehr besagen: Der AfD soll auch der gleiche politische und moralische Wert zugesprochen werden wie den anderen Parteien. Die demokratische Wahl der AfD beweise schon, dass es sich auch inhaltlich um eine demokratische Partei handeln müsse. Das ist offenkundig falsch: Auch die NSDAP wurde von vielen Bürgern gewählt. War diese Partei deswegen demokratisch? Hatte die Entscheidung jener Deutschen, die 1932 die NSDAP wählten, genauso viel „Wert“ im politischen oder moralischen Sinne, wie die derjenigen, die andere Parteien wählten? Ich benutze dieses Beispiel nicht, um die AfD mit der NSDAP gleichzusetzen, sondern um Ihnen klarzumachen, dass Ihnen hier ein Denkfehler unterlaufen ist.

Ich weiß nicht, ob Sie ein Wähler der AfD sind. Nehmen wir an, es wäre so: Dann sind Sie offenkundig davon überzeugt, die politischen Vorstellungen der AfD seien richtig und ethisch wertvoll. Andere Bürger, die – wie etwa ich – die politischen Vorstellungen der AfD für falsch und gefährlich halten, sollte es nun aber verboten sein, Sie zu kritisieren? Weil man doch die Wahlentscheidung „respektieren“ müsse? Hier entspringt Ihr Denkfehler aus der Doppeldeutigkeit des Wortes „Respekt“. Die Wahlentscheidung für die AfD ist in dem Sinne zu „respektieren“, dass man nicht versucht, das Ergebnis zu fälschen oder AfD-Abgeordneten den Einzug ins Parlament gesetzeswidrig zu verwehren. Etwas ganz anderes ist aber der „Respekt“, den man Politikern erweist, weil sie gute Arbeit leisten oder Überzeugungen vertreten, die man teilt. Jenen ersten „Respekt“ darf auch die AfD verlangen, den zweiten „Respekt“ darf niemand verlangen – den muss jede Partei sich bei den Wählern erarbeiten. Wenn 87% der Deutschen diesen Respekt der AfD verweigern, dann werden sie wohl ihre Gründe dafür haben.

Zu dem von Ihnen angeführten „demokratischen Prinzip“ gehört die Redefreiheit und mit ihr das Recht zur Kritik, sofern die Kritik nicht in Beleidigung, Verleumdung, Volksverhetzung etc. umschlägt. Dieses Recht gilt für alle Bürger und selbstverständlich auch für Journalisten, die nicht „neutral“ sein müssen, sondern bloß dazu verpflichtet sind, nicht bewusst die Unwahrheit zu verbreiten, ansonsten aber eine Haltung haben dürfen wie jeder andere auch. (Ich hoffe, Sie wollen sich nicht durch die Behauptung lächerlich machen, die Journalisten der AfD-nahen Medien berichteten „neutral“ über die gegnerischen Parteien.) Jeder Wähler oder Politiker der AfD hat das Recht, Kritiker zu verklagen, von denen er sich „diffamiert“ fühlt. Die Gerichte werden dann entscheiden, ob es sich um legitime Kritik oder um eine Straftat gehandelt hat. Mir scheint es aber, als bestünde Ihr Anliegen darin, die AfD und deren Wähler auch vor legitimer Kritik zu schützen. Sie behaupten, die AfD werde schlechter als andere Parteien behandelt. In Wirklichkeit sind Sie es, der eine Vorzugsbehandlung für die AfD verlangt: Sie soll offenbar mit Samthandschuhen angefasst werden, weil ihre Wähler und Funktionäre so zarte, empfindliche Wesen sind. Darf ich Ihnen in Erinnerung rufen, mit welchen Worten führende Politiker der AfD unliebsame Menschen bezeichnen – „Schweine“, „linksextreme Lumpen“, „Volksverräter“, „Merkelnutte“, „Justizhuren“, „Halbneger“, „Kameltreiber“? Diese Leute sind gewiss die Letzten, die von ihren Gegnern eine respektvolle Behandlung verlangen dürften.

Ich hoffe, ich konnte die Verwirrung, die in Ihrem Kopf über das „demokratische Prinzip“ herrscht, ein wenig verringern. Wenn Sie sich übrigens in Ihrer Mail darauf beschränkt hätten, zu sagen „Es wäre politisch klüger, die Gegner der AfD würden sich darauf konzentrieren, die Politiker der AfD zu kritisieren, statt dauernd den Wählern der AfD moralische Vorwürfe zu machen!“, dann hätte ich Ihnen durchaus zugestimmt. Aber Ihre Mail scheint leider eher die Aussage zu enthalten: „Die AfD ist demokratisch gewählt, deswegen darf man sie und ihre Wähler nicht kritisieren!“ Und diese Aussage ist einfach nur unsinnig und unhaltbar.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner

 

Sehr geehrter Herr Dr. Bittner,

vielen Dank, dass Sie so ausführlich und ebenfalls sachlich geantwortet haben. In den meisten Punkten mag ich Ihnen gar nicht widersprechen. Ich finde nur, dass die Kritik an der AfD oft mit Boxhandschuhen erfolgt, während die Altparteien mit journalistischen Samthandschuhen angefasst werden. Und noch eines ist mir wichtig, weil Sie die NSDAP anführen: Im Unterschied zu damals können undemokratische Parteien verboten werden (sofern sie, laut Karlsruher Rechtsprechung, eine gewisse Relevanz haben). Bislang hat kein ernstzunehmender Mensch behauptet, dass die AfD auch nur in der Nähe eines möglichen Verbots operiert. Kurzum: Sie ist eine Partei wie andere auch, wird aber oft so behandelt, als wäre sie – und damit letztlich auch ihre Wählerschaft – ein Supergau für die bundesdeutsche Demokratie.

Kritik an der AfD stört mich nicht. Das zählt zur üblichen politischen Auseinandersetzung. Was mich stört, ist die kampagnenartige Übertreibung, die krampfhafte Suche nach dem Haar in der Suppe, der totale Verständnisverlust. Und das wird auch nicht dadurch erträglicher, dass die eine oder andere Wortmeldung aus AfD-Kreisen ebenfalls besser unterblieben wäre.

Aber ich will Sie nicht nochmals zu einer Antwort „nötigen“. Wir haben uns zivilisiert ausgetauscht – und nicht die Köpfe eingeschlagen. Das kann man, meine ich, so stehen lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Harald N***

 

Sehr geehrter Herr N***,

wenn Sie auch der Meinung sind, dass Kritik an der AfD nicht nur legitim ist, sondern auch teilweise berechtigt, da es aus den Reihen dieser Partei zahlreiche nicht hinnehmbare Äußerungen gegeben hat, dann sehe ich eigentlich keinen prinzipiellen Meinungsunterschied zwischen uns, allenfalls einen graduellen in der Bewertung, welche Art und Menge von Kritik angemessen und welche übertrieben ist. Die Angst mancher, das Vierte Reich stehe vor der Tür, bloß weil ein Zehntel der deutschen Wähler für die AfD stimmt, ist gewiss übertrieben. Das können wir in der Tat so stehen lassen.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner.

Aus meiner Fanpost (29): Bequeme Feuilleton-Ecke

Lieber Michael Bittner,

Sie ereifern sich aus der bequemen Feuilleton-Ecke heraus über die politischen Auseinandersetzungen über den Gebrauch bestimmter Worte vonseiten der AfD, welche sie leicht als Anhänger national(sozial)istischen Gedankenguts entlarven. Sie nennen dies bloße Provokation und fordern, etwas uneindeutig, dass die Demokraten darauf nicht reflexartig reagieren sollten, der „Kampf (werde) andernorts entschieden“. Das Schauspiel sei zur bloßen Farce geworden.
Der politische Kampf findet aber – und glücklicherweise – „nur“ mit Worten statt. Worte und Argumente sind die Waffen der Politik. Die Wahl der „Waffen“/ Worte entlarven den Sprecher.
Angesichts des bevorstehenden Gedenktages in Dresden möchte ich Sie an den Ihnen gut bekannten Dresdner Victor Klemperer und seine Analyse der Sprache des dritten Reiches -LTI- erinnern, deren Fazit er selbst so zusammenfasste: „Worte sind wie kleine Arsendosen“. Das Volk werde durch ihren steten Gebrauch infiziert und vergiftet.
Wenn wir den Neu-Anfängen wehren wollen, dann ist es die Pflicht der Demokraten, auf den Ursprung und den Zusammenhang solcher Worte hinzuweisen. Es ist eben KEIN Zufall, dass AfD und sonstige Rechte solche Begriffe verwenden. Nur das entlarvt die Sprecher.
Sie haben aber recht, wenn Ihnen das Kolportieren dieser Vorgänge wie eine Farce vorkommt. Dieser Eindruck entsteht aber durch den medialen Widerhall wie eben in Ihrem Kommentar oder in der ziemlich ignoranten Verharmlosung dieser Begriffe durch Prof. Patzelt.

Beste Grüße
Felix ***

Lieber Felix ***,

danke für Ihre Nachricht! Als ich Ihren ersten Satz las, dachte ich schon, ich bekäme es wieder einmal mit einer der PEGIDA-Mails zu tun, wie sie mir so oft ins Haus flattern. Die „Feuilleton-Ecke“ ist gar nicht so bequem, wie Sie glauben, das kann ich Ihnen versichern.

Was Ihre Einwände angeht, so haben Sie nicht ganz verstanden, worum es mir ging. Selbstverständlich ist die Auseinandersetzung um Sprache ein wichtiger Teil der politischen Auseinandersetzung. Dazu gehört auch die Kritik an Wörtern des politischen Gegners, die geeignet sind, Sachverhalte zu verzerren oder Menschen herabzusetzen. Aber: Die Jagd auf historisch vorbelastete Wörter läuft Gefahr, allzu vereinfachend zu verfahren und wird dadurch angreifbar und wirkungslos, bisweilen lächerlich. Wörter erhalten ihre Bedeutung erst aus dem Kontext ihres Gebrauchs. Um einen Gegner zu widerlegen, reicht es nicht, vermeintlich böse Wörter aufzuspüren, man muss das Ganze seines Gedankensystems rekonstruieren, nicht, um herauszufinden, ob es „rechts“ ist, sondern um nachzuweisen, dass es irrig ist. Wer glaubt, er habe einen Rechten schon „entlarvt“, wenn er zeigen kann, dass der Rechte ein Wort benutzt hat, das schon die Faschisten benutzt hatten, der macht sich selbst etwas vor. Denn der Rechte wird einfach grinsend erwidern, bei ihm habe das Wort eine andere Bedeutung als früher.

Nehmen wir ein Beispiel, damit die Sache klarer wird: Es gibt einige Linke, die allen, die das Wort „Volk“ benutzen, vorwerfen, dies zeige schon eine völkische, nationalistische Gesinnung. Wie erwidern die Rechten? Sie zeigen ein Buch von Karl Marx vor, in dem dieser zweifellos wenig völkische Denker ganz positiv vom „Volk“ spricht. Wer wirkt nun bei einer solchen Auseinandersetzung souveräner auf das Publikum? Was wäre besser gewesen? Dem rechten Protagonisten anhand der Gesamtheit von dessen Äußerungen und Taten nachzuweisen, dass er von einer völkischen Ideologie angetrieben wird. Das macht allerdings mehr Mühe als die sprachpolizeiliche Fahndung nach einem bösen Wort.

Ein anderer Aspekt ist vielleicht noch wichtiger: Um den politischen Kampf zu gewinnen, reicht es nicht, den Gegner womöglich treffend zu kritisieren, man muss selbst bessere Ideen überzeugend vertreten. Die Sprachkritik, auf die sich so viele Gegner der Rechten wie besessen konzentrieren, scheint mir auch ein Ausdruck der Ratlosigkeit, was die Artikulation einer eigenen Vision angeht.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner

Böse Wörter

Wenn man ein Schauspiel wieder und wieder mit denselben Akteuren vor denselben Zuschauern aufführt, dann wird selbst eine Tragödie unweigerlich irgendwann zur Farce. Jüngst war es wieder so weit: Ein Rechter hat „entartet“ gesagt! Diesmal war’s ein Abgeordneter der AfD im Bundestag. Die anderen Parlamentarier waren pflichtschuldig empört, der Toni Hofreiter von den Grünen sogar ehrlich entrüstet.

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Die unerwünschten Fremden

Das portugiesische Coimbra beherbergt eine der ältesten Universitäten Europas. Vor einer Weile schaute ich sie mir während einer Frühlingsreise durch Portugal aus der Nähe an. Dabei kam ich ziemlich ins Schwitzen. Die Gebäude der Hochschule liegen auf einem Hügel, man muss klettern, um auf den Gipfel der Weisheit zu gelangen. Hat man das geschafft, sieht man in den schmalen Gassen nicht nur viele junge Studenten, sondern auch jede Menge Touristen, die um die historischen Universitätsbauten schwärmen und von ihnen auch.

Auf den ersten Blick scheint alles harmonisch, doch einige Graffiti zeugen von einem gewissen Unbehagen unter den Einheimischen. „Lieber Tourist“, las ich da zum Beispiel an einer Hauswand, „wir fühlen uns wie Tiere im Zoo!“ Ich dachte: Nun ja, mein Bester, wenn man in einem gewaltigen Freilichtmuseum lebt, muss man eben damit rechnen, dass man auch selbst wie ein Ausstellungsstück betrachtet wird. Eine prachtvolle historische Stadt, die sich vor Touristen kaum noch retten kann, gleicht wohl einer sehr anziehend aussehenden Frau, die sich von den unablässigen Komplimenten und Annäherungsversuchen der Männer nicht mehr geschmeichelt, sondern belästigt fühlt. In beiden Fällen ist die Lösung schwierig. Die schöne Frau wird sich trotzdem nicht absichtlich entstellen, die schöne Stadt kann sich kaum bewusst in Hoyerswerda umbauen. Während ich weiter durch die Gassen spazierte, entdeckte ich noch eine weitere Botschaft in der grünen Handschrift desselben Sprühers: „Lieber Tourist, mein Vermieter will mich rausschmeißen, weil du mehr zahlst!“ Und noch ein Stückchen weiter stand an der Außenwand eines Hauses, das gerade von Handwerkern umgebaut wurde: „Hier wohnte einmal jemand!“ Mir leuchtete ein: Es gab noch handfestere, materielle Ursachen für die Abneigung gegenüber Fremden. Offenbar wurden hier gerade die armen Studenten aus ihren Wohnungen geworfen, weil die Vermieter mit Ferienappartments für reiche Touristen aus dem Ausland mehr Geld verdienen konnten. Den Zorn darob verstand ich natürlich. Andererseits: Brachten die Touristen denn nicht auch einiges Geld ins klamme Portugal?

Abends saß ich in Coimbra oft am Platz der Republik vor einer der Studentenkneipen. Die Luft war mild und das Bier war günstig. Abneigung gegen Touristen zeigten weder die jungen Kellner noch die jungen Gäste, die ringsum an den Tischen saßen, aus kleinen Gläsern tranken und lebhaft quatschten. Am Ende des Abends wusste ich stets nicht recht: Soll ich die Freundlichkeit durch reichliches Trinkgeld belohnen? Wirke ich nicht, wenn mir das Geld allzu locker sitzt, wie der arrogante reiche Schnösel aus dem Norden? Oder würden sich die Portugiesen über meine Großzügigkeit freuen, gleichsam als Wiedergutmachung für die Knauserigkeit von Wolfgang Schäuble? Konnte ich mit einem Euro mehr vielleicht die europäische Idee retten?

Wieder zuhause in Berlin musste ich mir solche Fragen nicht mehr stellen, da war ich ja selber arm. Da durfte ich nun wieder über die Zugereiste meckern, die den Bierpreis im guten alten Friedrichshain in astronomische Höhen schnellen ließen. Auch Berlin muss ja mit einem Ansturm von Fremden zurechtkommen. Die werden allerdings eher selten von der historischen Schönheit Berlins angezogen. Berlin gleicht weniger einer besonders schönen Frau als einer, von der weltweit bekannt ist, dass man mit ihr ziemlich unkompliziert Spaß haben kann. Einigen Berlinern ist angesichts der Touristenmassen der Spaß inzwischen vergangen. Auch in Berlin sieht man Graffiti, die mit subtilen Botschaften wie „Berlin hates you!“ wohlhabende Touristen und Zugezogene dazu auffordern, die Stadt umgehend wieder zu verlassen. Gelegentlich werden auch Scheiben eingeworfen oder Autos angezündet.

Bricht sich hier wirklich Zorn von Einheimischen Bahn? Nach meinem Eindruck zeichnen sich ja gerade die autochthonen Urberliner durch eine große Duldsamkeit gegenüber Hinzukömmlingen aus. Im Fernsehen sah ich eine Reportage zum Thema, in der ein alteingesessener Neuköllner Biertrinker gefragt wurde, ob er sich an den vielen zugezogenen Hipstern in seinem Kiez störe, worauf dieser erwiderte: „Wer jetze? Wie heißen die Kollejen? Hipster? Wer is det? Is mir hier noch jar ni so uffjefallen, ehrlich. Nö. Also muss ick sagen, jetz in der Richtung hier, hab ick hier nüscht jesehen weiter, von den Kollejen.“ Mir scheint es sich bei denen, die Stress machen, eher selbst um Zugezogene zu handeln, die es bloß schon etwas früher nach Berlin verschlagen hatte. Diese Leute sind fest davon überzeugt, sie hätten in den Siebzigern, Achtzigern oder Neunzigern Berlin durch ihre Ankunft erst interessant gemacht. Deshalb sehen sie sich nun um die Früchte ihrer harten Arbeit betrogen. Die neuen Zuzügler setzen sich ja einfach ins gemachte Nest und fühlen sich auserwählt, dabei haben sie weder Kohlen geschleppt noch sich mit Bullen geprügelt. Auf mich wirkt diese ganze Sache weniger wie ein Krieg zwischen echten und falschen Berlinern als wie ein Generationskampf unter Exilschwaben.

In der Zeitung las ich derweil davon, dass auch in Spanien Menschen immer militanter gegen Touristen protestieren. In Palma de Mallorca treibt der Anblick von besoffenen Deutschen die Einheimischen dazu, schwarze Fahnen aus dem Fenster zu hängen und „Tourist go home!“ an die Hauswände zu sprühen. Auch in Barcelona fühlen sich Einheimische vom fremden Partyvolk überrollt. Es haben sich paramilitärische Aktionsgruppen gebildet, die sich nicht davor scheuen, Leihfahrräder in ihre Einzelteile zu zerlegen. Maskierte stoppten jüngst einen Touristenbus und versetzten die Fahrgäste in Angst und Schrecken, indem sie die Reifen zerstachen und auf die Windschutzscheibe die Parole sprühten: „Der Tourismus tötet die Stadtviertel“.

Unwillkürlich fiel mir da ein, dass auch in Deutschland vor einer Weile ein Bus mit Fremden von Einheimischen gestoppt und belagert wurde. War das nicht irgendwo in Sachsen? Die Insassen des Busses waren dort allerdings keine Touristen, obwohl sie in einem Bus saßen, der Reisegenuss versprach. Obwohl: In den Augen der Belagerer handelte es sich wohl durchaus um Touristen, um Wohlstandstouristen, die es sich auf Kosten des deutschen Steuerzahlers in Sachsen gemütlich machen wollten. Bei dieser Vorstellung werden einige Sachsen aber immer ungemütlich. Sie werfen dann schon mal Scheiben ein oder zünden Häuser an.

Wir leben wahrlich in merkwürdigen Zeiten: Im Süden werden die Fremden angefeindet, weil sie reich sind, im Norden werden die Fremden angefeindet, weil sie arm sind. Die einen Fremden werden gehasst, weil sie zu viel saufen, die anderen Fremden werden gehasst, weil sie gar nichts saufen und deswegen nicht zur abendländischen Kultur passen. Es ist dieser Tage wohl einfach keine gute Idee, fremd zu sein. Fremde sind bei den Einheimischen gerade überhaupt nicht angesagt, ganz gleichgültig an welchem Ort. Damit ist aber auch die Lösung für das Problem ziemlich klar: Es bleiben ab jetzt einfach alle zuhause! Keiner rührt sich mehr vom Fleck, dann gibt es auch keinen Ärger mehr. Dumm sieht es so bloß noch für Leute aus, die kein Zuhause mehr haben und die deswegen, wo immer sie auch hinkommen, unvermeidlich Fremde sind.