Der Sieg der PEGIDA

Dresden ist wohl der einzige Ort auf der Welt, wo 15000 Menschen der Einladung eines verlogenen Kriminellen zu einem Abendspaziergang folgen. Ich befürchte langsam, dass dieser Stadt nicht mehr zu helfen ist. Auch in anderen Städten gibt und gab es ähnliche Demonstrationen, doch bislang ohne großen Erfolg und gegen massiven Widerstand. In Dresden hingegen sind die Gegner in der Minderheit gegen Gleichgültige und Sympathisanten. In Dresden hat PEGIDA sich vorläufig durchgesetzt und kann sich nur noch selbst besiegen. Weder vernünftige Argumente noch aufklärerische Polemik haben es vermocht, den Zulauf zu dieser Bewegung zu vermindern. Jede Gegenrede hat ihn noch verstärkt. Vor diesem Eingeständnis der Niederlage sollte sich kein Kritiker drücken. Es kommt nun zunächst darauf an, die Gründe für den Erfolg der PEGIDA zu analysieren, der so nur in Dresden möglich war.

Die PEGIDA hat in taktischer Hinsicht aus dem Misserfolg der „Hooligans gegen Salafisten“ genau die richtigen Schlüsse gezogen. Zwar war es der Kölner Demonstration gelungen, eine beachtliche Menge von Menschen zu mobilisieren. Doch die Bilder von besoffenen, randalierenden Hooligans, die teils offen Naziparolen grölten, schreckten potenzielle bürgerliche Sympathisanten sofort ab. Obwohl sich unter den Initiatoren der PEGIDA Leute finden, die schon an HOGESA beteiligt waren, ist doch die Taktik nun eine völlig andere: keine Gewalt, keine offen rassistischen oder neonazistischen Parolen auf Bannern oder in Sprechchören, kein Alkohol. Die rechten Hooligans, die weiterhin den harten Kern der Bewegung bilden, haben sich in disziplinierte junge Männer verwandelt. Es sind nun „unsere Jungs“, denen sich auch die gesetzestreuen Väter und Mütter anschließen können.

Der PEGIDA ist es gelungen, eine Protestbewegung ohne klar formulierte Ziele und Inhalte zu formieren. Den Teilnehmern der Demonstrationen ist Schweigen anbefohlen – und sie gehorchen. Die Reden bei den Demonstrationen und die Positionspapiere sind – von wenigen entlarvenden Ausrutschern abgesehen – so nichtssagend und harmlos, dass Anhänger wie Gegner regelmäßig enttäuscht werden. Die Anhänger trösten sich: Da jeder seine persönlichen Wünsche hinter den offiziellen Floskeln verborgen glaubt, sind alle zufrieden. Der brave Spießbürger beruhigt sich damit, dass die PEGIDA ja offiziell nicht gegen alle Ausländer, nicht gegen alle Muslime agitiert, sondern nur gegen kriminelle und radikale. Lutz Bachmann isst sogar Döner! Der Neonazi hingegen ist sicher, dass all das brave Geschwätz nur Tarnung ist, um eine möglichst breite rechte Front zusammenzuschweißen. So spaziert schweigend einer neben dem andern und glaubt sich unter Gleichgesinnten. Die Gegner der PEGIDA sind hingegen frustriert: Sie bekommen den Gegner nicht zu fassen, denn offener Rassismus findet sich fast nur in Facebook-Kommentaren, nicht aber in den offiziösen Verlautbarungen.

Der PEGIDA ist es gelungen, ohne wirklichen inhaltlichen Kern doch ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen: eine Mischung aus Angst vor den Fremden, Hass gegen Diedaoben und Wut über – eingebildete und reale – soziale Missstände. PEGIDA profitiert von der aufgeheizten Kriegsstimmung, die den öffentlichen Diskurs seit Beginn der Ukraine-Krise auch in Deutschland beherrscht. Initiator Lutz Bachmann, Wurstverkäufer und Werbeprofi, hat in geschickter Weise den Demonstranten das Schema der Freund-Feind-Logik angedreht: „wir“ gegen „die“. Jede Kritik an der Bewegung von außen, gleichgültig ob sachlich oder polemisch, prallt nicht nur ab, sondern schließt die Reihen noch fester. Das haarsträubendste Beispiel für diese Mechanik ist gewiss die Reaktion der PEDIGA-Anhänger auf die Enthüllungen der Sächischen Zeitung zum kriminellen Vorleben ihres Anführers Lutz Bachmann. Den Leuten kamen nicht etwa Zweifel. Nein, die Sympathie für „unsern Lutz“ wuchs noch. Denn die Bild erfährt: „Bachmann steht zu seiner Vergangenheit.“ Er steht dazu! Was soll man da noch erwidern? Mehr noch: Seine Erfahrungen als Krimineller und Flüchtling vor der Polizei qualifizieren ihn sogar besonders zum Kritiker der Ausländerkriminalität und der deutschen Flüchtlingspolitik! Ein Einbrecher verlangt, zum Polizeipräsidenten befördert zu werden! Es gibt eine Dreistigkeit der Lüge, gegen die jede Kritik machtlos ist.

Warum nun aber gerade Dresden? Dresden ist sicherlich die konservativste und provinziellste aller deutschen Großstädte. Aber das allein reicht als Erklärung nicht. Das besondere geistige Klima dieser Stadt ist geprägt von einem Gefühl: Wir sind die Opfer. Das rituelle Gedenken an die Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg, wie es vor und nach der Wende von den Staatsparteien SED und CDU forciert wurde, hat zu diesem kollektiven Selbstmitleid beigetragen. Tatsächlich geht es den Dresdnern leidlich gut, verglichen mit anderen Städten in Deutschland – von den Flüchtlingen und Krisengebieten in aller Welt ganz zu schweigen. Wer aber den ebenso hochmütigen wie weinerlichen Kult um „Unserschönesdresden“ nicht bedingungslos mitmacht, der wird zum Außenseiter.

Eine weitere Einsicht lässt sich leider auch nicht ignorieren: Das Bündnis zwischen Bürgern und Radikalen wäre nicht denkbar ohne eine städtische Institution, nämlich den Fußballverein Dynamo Dresden. Zwar legen der Verein und die meisten Fangruppierungen Wert darauf, als „unbolidisch“ zu gelten. Doch gibt es neben unbescholtenen auch eine große Zahl rechter Fans. Sie sind der Kern der PEGIDA-Bewegung. Und im Stadion haben die Anständigen sich über Jahre daran gewöhnt, ein Auge zuzudrücken und in Jubel und Hass mit zweifelhaften Kameraden für einen Verein vereint zu sein. Natürlich nur spielerisch! Aber aus Spiel wird für einige gerade Ernst. [Nachtrag: Kommentatoren weisen zurecht darauf hin, dass sowohl der Verein Dynamo Dresden als auch Ultras sich seit geraumer Zeit gegen rechte Umtriebe wehren. Der vorige Absatz sei nicht als falsches Pauschalurteil über alle Fans gelesen, sondern als Hinweis auf die Gefahren einer vermeintlich „unpolitischen“ Verbrüderung.]

Der gekaufte Gegner

Bekommt ein Autor dieser Tage böse Post von Lesern, dann kann er sicher sein, ungefähr Folgendes zu finden: „Allein von der Wahrheit kann man schlecht leben, oder?! Sie schreiben das doch nur, weil sie sich finanzielle Einkünfte erhoffen! Überhaupt die Medien und Politiker, die sind doch alle gekauft!!!“ Ach, wär’s doch nur so! Wie lieb wäre mir ein bisschen mehr Geld! Aber ich bitte um Vorkasse! Seit Jahren warte ich auf Bestechungsversuche, aber Pustekuchen! Nichts, rein gar nichts! Kommt ein Brief bei mir an, reiße ich ihn jedes Mal auf in der Hoffnung auf ein Bündel Geldscheine direkt von der CIA, den Weisen von Zion oder der Homo-Lobby, aber was finde ich? Nur wieder einen schlecht gelaunten Leserbrief!

Wenn ein Autor mit seinen Schriften Geld verdient, und sei es noch so wenig, dann ist für den Wutbürger, den für seine Meinung niemand entlohnen will, die Bestechlichkeit schon erwiesen. Da er den Unterschied nicht begreifen kann, der in der Frage liegt, ob jemand fürs Schreiben bezahlt wird oder dafür, was er schreibt, ist für ihn sonnenklar: Alles Lügner! Aber längst nicht nur Leser, sondern auch Autoren werfen Kollegen im gegnerischen Lager vor, bezahlte Schwindler zu sein, und glauben, ihre Feinde damit erledigt zu haben.

Als dem politischen Schriftsteller Friedrich Gentz einmal von seinem Gegner Joseph Görres vorgeworfen wurde, er sei korrupt, erwiderte er öffentlich: „Den Vorwurf, gegen seine Überzeugung geschrieben zu haben, geben wir ihm nicht zurück. Dergleichen Anklagen sollten Schriftsteller von gewissem Gehalt, was auch die Verschiedenheit ihrer Ansichten sein mag, des gemeinschaftlichen Interesses der Aufrechterhaltung ihres Ansehens und ihrer Würde eingedenk, nie gegeneinander aussprechen.“ Nun war aber Friedrich Gentz tatsächlich einer der korruptesten Schriftsteller aller Zeiten. Riesige Summen bekam er von der englischen Regierung, die sich darüber freute, dass Gentz die Deutschen zum Kampf gegen Napoleon mobilisierte. Als engster Mitarbeiter des Fürsten Metternich wurde er vom österreichischen Kaiserreich auch fürstlich dafür bezahlt, gegen alle demokratischen Bestrebungen anzuschreiben. Und auch sonst ließ er sich keine Zuwendung entgehen, an einem Freund schrieb er offenherzig: „Ich liebe die Missbräuche bei den Finanzen.“ Der Vorwurf der Korruption gegen Gentz war also vollauf berechtigt. Und doch hat Friedrich Gentz mit seiner Kritik am Korruptionsvorwurf im Wesentlichen recht.

Der Vorwurf der Bestechlichkeit in der öffentlichen Debatte ist unnütz, selbst wenn er zutrifft. Dies hat einen ganz einfachen, logischen Grund: Die Tatsache, dass einer fürs Schreiben bezahlt wurde, sagt über den Wahrheitsgehalt des Geschriebenen gar nichts aus. Selbst ein korrupter Autor kann recht haben. Auch aus einem Misthaufen kann eine Blume erblühen. In der Philosophie spricht man von der Differenz von Genese und Geltung. Wer nur den Vorwurf der Korruption gegen einen Gegner erhebt, der will sich die Arbeit ersparen, dessen Argumente sachlich zu widerlegen. Der Korruptionsvorwurf ist darüber hinaus nicht nur unnütz, sondern auch schädlich. Mit einem Menschen, von dem ich annehme, er lüge prinzipiell, ist überhaupt keine sinnvolle Kommunikation mehr möglich. Der Rest ist Schweigen. Als Mittel einer Auseinandersetzung bleibt nur noch die Gewalt. Es ist also eine Maxime des gesunden Menschenverstandes, selbst einem Gegner, den man für einen Lügner hält, zunächst eine ehrliche Überzeugung zuzuschreiben. Erst unter dieser Voraussetzung wird es überhaupt möglich, ihm Widersprüche in seinen Äußerungen und Handlungen nachzuweisen und vorzuwerfen.

Ein geschulter Marxist wird vielleicht einwenden: „Diese Trennung von Genese und Geltung ist doch selbst bürgerliche Ideologie! Der geistige Überbau ist eben nicht unabhängig von der materiellen Basis, die Produktion von Gedanken und Worten spiegelt nur die Produktion von Waren und Dienstleistungen. Eine kritische Theorie entlarvt die Ideologie einer Gesellschaft als Abbild ihrer ökonomischen Verhältnisse.“ Aber selbst dies zugestanden, bleibt der Vorwurf der Käuflichkeit Ideologiekritik für Dummies. Denn Ideologie ist gerade nicht einfach Lüge, sondern das verkehrte Bild von verkehrten Verhältnissen. In gewisser Hinsicht sagt die Ideologie also die Wahrheit, indem sie die Unwahrheit sagt. Will man sie kritisieren, dann gilt es, nicht nur nach Lügen zu fahnden, sondern die Notwendigkeit des Irrtums nachzuweisen. Der Redakteur bei Business Punk schreibt vermutlich nicht so, wie er schreibt, weil er gegen Bezahlung lügt. Er ist vielmehr ehrlich von der Richtigkeit seiner Weltanschauung überzeugt. Und dies auch mit gewissem Recht, denn für ihn erscheint der Kapitalismus ja in bestem Licht. Erst eine Zeitungskrise, in deren Verlauf auch seine Stelle eingespart würde, könnte ihn vielleicht in Zweifel stürzen. Dass es daneben auch zynische Propagandisten gibt, versteht sich von selbst. Ihre Entlarvung ist verdienstvoll. Aber bei ihnen handelt es sich gewiss um die Ausnahme, nicht die Regel. Den meisten Menschen fehlen zum ausdauernden Lügen die Fantasie und das Geschick. Sie ersparen sich die Mühe, indem sie glauben, was sie glauben sollen.

Der Vorwurf der Korruption wird heute parteiübergreifend erhoben. Die Linken schmähen ihre Gegner in bewährter Weise als Propagandisten des Großkapitals. Aber auch die Rechten wittern geheime Geldströme, die aus mysteriösen Quellen ihren Feinden vermeintlich zufließen. Wüssten die Rechten nur, wie lausig bei den Linken bezahlt wird! Ihr Hass verwandelte sich augenblicklich in Mitleid! Dass inzwischen jeder jeden für käuflich hält, ist schließlich auch ein schöner Beleg für den endgültigen Sieg des alternativlosen Kapitalismus. Die Mehrheit der Deutschen kann es sich nicht einmal mehr vorstellen, dass einer eine Überzeugung äußert, ohne dafür bezahlt worden zu sein. Mit dem ewigen Vorwurf der Bestechlichkeit verrät der Wutbürger also, ganz ohne es zu ahnen, eine Menge über sich selbst.

Für diesen Beitrag bezahlt mich übrigens mal wieder kein Schwein.

Termine der Woche

Am Donnerstag (11. Dezember) lädt unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal wieder in die scheune ein. Trotz der Adventszeit ist traute Besinnlichkeit nicht zu erwarten. Stattdessen dürfen sich die Gäste wieder auf komische Geschichten zu den Tücken des Alltags, Versuche über den Sinn des Lebens und Lieder zur aktuellen Weltlage freuen. Mit mir lesen die Stammautoren Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth sowie als besonderer Gast der Poet Bleu Broode aus Leipzig. Los geht es um 20 Uhr.

Am Freitag (12. Dezember) lese ich wieder gemeinsam mit den Kollegen Max Rademann und Udo Tiffert als Lesebühne Grubenhund im schönen Görlitz. Als Gast begrüßen wir diesmal Mike Altmann von der musikalischen Lesebühne „Jazzhappen“ aus Görlitz. Los geht es um 20 Uhr im Kino Camillo.

 

Die besorgten Bürger

Jeden Montag demonstrieren seit Wochen in Dresden „Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Und allerorten protestieren Deutsche lautstark gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in ihrer Nachbarschaft. „Wir müssen die Sorgen dieser Bürger ernst nehmen!“, das sagen mir Politiker, Journalisten und Leser. „Wir dürfen sie nicht den Nazis überlassen!“ Ich würde ja gern! Ich würde so gern die Sorgen der Bürger ernst nehmen! Fiele es nur nicht so verdammt schwer! Fiele er nur nicht so schwer, sie ernst zu nehmen, und so leicht, sie komisch zu finden!

Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die sich in Gegenden vor der Islamisierung fürchten, in denen kaum Menschen wohnen, die sich zum Islam bekennen! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die sich schon überfremdet fühlen, wenn sie mal einem Menschen mit anderer Hautfarbe auf der Straße begegnen! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die gegen den Islamismus demonstrieren und gleichzeitig – weil man schon mal auf der Straße ist! – auch gleich noch gegen die Menschen, die auf der Flucht vor dem mörderischen Islamismus in unserem Land Schutz suchen! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die gegen Menschen protestieren, denen sie noch nie im Leben begegnet sind, was freilich ihrer Überzeugung, es werde sich wohl um Vergewaltiger und Diebe handeln, keinen Abbruch tut! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die sich als Retter des „christlichen Abendlandes“ ausgeben und zugleich jene, die von Nächstenliebe sprechen, als „Gutmenschen“ verlachen! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die an Demonstrationen für die Redefreiheit teilnehmen, wo ihnen ihre Führer allerdings verbieten, den Mund aufzumachen, weil sie fürchten, es könnten einige sagen, was sie denken! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die sich dagegen verwahren, mit Nazis in einem Atemzug genannt zu werden, aber nichts dagegen haben, mit Nazis in einem Demonstrationszug zu marschieren!

Das alles fällt so schwer! Aber wir müssen uns zwingen! Wir müssen Verständnis dafür aufbringen, dass besorgte Bürger in Dresden einem Führer namens Lutz Bachmann applaudieren. Einem aufrechten Patrioten, der versichert, kein Rassist zu sein, aber auch schon mal Xavier Naidoo einen „Kameltreiber“ nennt. Der sich gegen Gewalt ausspricht, wenn er nicht gerade im Internet fordert, „Claudia Fatima Roth“ solle „standrechtlich erschossen“ werden. Der die Arbeit der Polizei lobt, wenn sie seine Demonstration schützt, aber die „Bullen“ für „völlig dämlich“ hält, wenn sie Flüchtlinge schützen. Ja, wir müssen Verständnis dafür aufbringen, wenn tausende Sachsen einer solchen Spottgeburt aus Hass und Heuchelei zujubeln! Denn wir wollen ja die besorgten Bürger nicht den Nazis überlassen, denen sie sich längst in die Arme geworfen haben!

Die Furcht vor dem Fremden gehört zu den Neigungen, welche die Natur allen Menschen in die Eingeweide gepflanzt hat, dem Autor dieser Zeilen wie jedem anderen auch. Wer behauptet, keine Vorurteile zu haben, ist entweder ein Heuchler oder wurde in Freiburg im Breisgau gezeugt. Rassismus entsteht, wie der Schriftsteller Andreas Altmann sehr treffend sagt, von ganz allein „wie Dreck unter den Fingernägeln“. Denn jedes Vorurteil bestätigt sich laufend selbst, weil es immer nur Tatsachen entdeckt, die ihm recht geben. Man sieht sie ja wirklich, die Fälle von Terror und Verbrechen, man kann sie nicht leugnen. Gibt es unter Zuwanderern auch Arschlöcher? Gewiss! Warum sollten sie besser sein als die Einheimischen? Doch erscheint uns die fremde Übeltat immer barbarischer als die heimische. Wenn ein Deutscher eine Straftat begeht, war’s ein Krimineller. Wenn ein Ausländer eine Straftat begeht, war’s ein Ausländer. Es gibt Deutsche, die ihren Verstand nur dazu einsetzen, ihre Vorurteile zu kultivieren. Sie finden immer neue Begründungen für ihren Hass, aber der Hass war zuerst da, die Gründe kommen später. Wer nicht nur einen Verstand, sondern auch Vernunft besitzt, der weiß: Man kann seinen Kopf auch dazu benutzen, die Wut im Bauch zu kontrollieren, um nicht zum Bauchredner seiner Wut zu werden.

Bürger, ich will eure Sorgen ernst nehmen! Ich verspreche es! Aber bitte nehmt auch ihr meine Sorge ernst: Wenn das Abendland vor den Islamisten gerettet ist, wer wird es vor den Rettern retten?

Zitat des Monats November

…VOLLSPINNER! Gehören standrechtlich erschossen diese Öko-Terroristen!… allen voran Claudia Fatima Roth!

(Lutz Bachmann, der Führer der anti-rassistischen und pazifistischen PEGIDA-Demonstrationen in Dresden, auf Twitter am 6. September 2013)

Aus meiner Fanpost (7): Im Gespräch mit PEGIDA

Sehr geehrter Herr Bittner,
Sie stempeln alle Teilnehmer der “PEGIDA”-Veranstaltung als ungebildet und als “Neue Rechte” ab. Verlassen Sie doch einfach mal Ihre intellektuelle Schreibstube und sehen Sie sich die Menschen vor Ort an. Stellen Sie sich dann auf die Seite, wo die Gegendemonstranten grölen, die man bisher immer leicht manipulieren konnte. Aber passen Sie auf, dass Sie nicht eine von den Gegendemonstranten geworfene Flasche, die Sie mit Ihrem Geschreibe aufgeputscht haben, aufs Hirn bekommen.
Übrigens: Auch für die Menschen muss es Meinungsfreiheit geben, die nicht Ihre intellektuellen Fähigkeiten besitzen. Viele dieser Menschen, die Sie verunglimpfen, haben trotz ihrer “sprachlichen und intellektuellen Schlichtheit” Ihr Studium finanzieren dürfen.
Kein Teilnehmer wird nach seiner Staatsangehörigkeit oder nach seinem Glauben gefragt. Hier kann jeder mitgehen – und auch Ausländer gehen schon mit und das ist auch gut so. Es geht hier nicht um Rassismus – und ich meine, dass Sie das auch wissen. Nicht umsonst unterschlagen Sie in Ihrem Artikel alle Forderungen der PEGIDA, mit denen sich Ihre Leser sofort identifizieren könnten.
Was noch interessant ist: Sie befassen sich nicht mit den Ursachen der Sorgen der Menschen, auch nicht damit, dass die Zahl derer wächst, die auf die Straße gehen. Bei der letzten Veranstaltung der PEGIDA am 24.11.2014 waren es nach meiner eigenen Feststellung mehr als 8.000 Menschen.
Wem sollte man denn zugestehen, die negativen Erscheinungen der Ausübung des Islam (nicht den ISLAM) zu kritisieren? Es gibt Leute in der Politik und der Presse, die sich nicht mehr öffentlich zum Islam äußern, weil Sie Angst haben, als Rassist bezeichnet zu werden (siehe Innenministerinterview).
Wissen Sie welche Lehren in den Koranschulen verbreitet werden? Dazu gibt es erschütternde Meldungen in den Medien. Die sollten Sie kennen.
Wir sollten doch auch darüber sprechen dürfen, dass in Europa Frauen und Männer die gleichen Rechte haben und dass das auch für Menschen islamischen Glaubens, die nach Europa kommen, gilt. Es geht doch hier nicht darum, ob ich Muslim/Muslima oder Christ/Christin bin oder ob ich Schweinefleisch esse oder nicht – es geht um Grundwerte und Grundrechte. Die Rechte der Frauen sind seit der Aufklärung gegen den Widerstand der Männer erkämpft worden und es bedurfte dazu vieler mutiger Frauen (und Männer). Diese Rechte darf man unter keinen Umständen wieder aufgeben. Es wird ein langer und steiniger Weg sein – aber es wird einen “aufgeklärten” Islam geben müssen, in dem es keine Beschneidungen und Zwangsehen mehr gibt und ein muslimisches Mädchen sich mit einem Jungen ihrer Wahl allein in einem Raum aufhalten darf, ohne gesteinigt zu werden.
Viele Muslime/Muslima behaupten, der Islam sei eine friedliche Religion, der Koran verlange keine Gewalt. Woher kommt dann die Gewalt? Warum bringen Brüder dann ihre Schwester um? IN DEUTSCHLAND! Auch die Gefahr des Extremismus wächst! Polizei und Verfassungsschutz sind gerade dabei aufzugeben.
Wir als Europäer dürfen uns jetzt nicht mehr gleichgültig verhalten.
Dresden kann ein Funke sein! Jeder kann etwas tun, das der Funke überspringt! Der einfache Mensch auf der Straße, der Politiker, der Journalist – alle. Wären das dann alles Rassisten?
Von den Kirchenvertretern würde ich mir wünschen, dass sie die vielen Möglichkeiten der Unterbringung, die sie ohne Zweifel haben, den Flüchtlingen öffnen.

Vielen Dank für Ihre sachliche Kritik! Sie geht aber von falschen Voraussetzungen aus und ist damit weithin gegenstandslos. Ich habe in meinem Beitrag keineswegs alle Demonstranten als ungebildet oder rassistisch verunglimpft, sondern mich ausdrücklich nur mit einer Rede eines Redners befasst, die allerdings den Anspruch erhebt, repräsentativ zu sein. Ich habe auch keine Flasche aufgeputscht, was schon aus sachlichen Gründen schwer möglich ist. Desweiteren habe ich niemandem das Recht abgesprochen, seine Meinung zu äußern. Ich bin im Gegenteil dafür, dass jeder seine Meinung frei äußert – leider scheinen die Organisatoren der Schweigemärsche „Abendspaziergänge“ dieser Auffassung nicht zu sein, sonst würden sie ihren Anhängern ja nicht den Mund verbieten. Liest man so manche Kommentare von PEGIDA-Fans im Netz, versteht man, warum die Organisatoren Angst vor offenen Worten haben. Sie scheinen diese Stimmen nicht zu kennen, sonst müssten Ihnen auch Bedenken gekommen sein, in welch gemischter Gesellschaft Sie sich da befinden. Aber vielleicht hoffen Sie, der anständige Teil der Bewegung werde sich durchsetzen – ich wünsche Glück dazu. Auf meine Kritik der Rede gehen Sie in Ihrer Antwort leider gar nicht ein. Ich werte dieses Ausweichen als Beleg dafür, dass ich einige wunde Punkte ganz gut getroffen habe.

Würden Sie noch andere Texte von mir außer diesem einen kennen, dann wüssten Sie, dass ich keinerlei Sympathie für den Islamismus hege. Den Ausführungen im zweiten Teil Ihrer Kritik zur säkularen Gesellschaft stimme ich also weitgehend zu. Nur ist eben leider für zahlreiche Ihrer Mitdemonstranten der Kampf gegen den Islamismus nur ein Vorwand zum Ausleben ihres Fremdenhasses. Nicht nur in den Pöbeleien im Netz, sondern eben auch in der offiziösen Rede finden sich Belege dafür. Und den Extremismus des Deutschtums fürchte ich persönlich immer noch mehr als den der Islamisten, die im Übrigen von mir aus zur Hölle fahren dürfen.

Entschuldigen Sie bitte, wenn ich schließlich Ihrem Wunsch, der Funke möge überspringen, nicht beipflichten kann. Er sprang schon mehrmals über, in Solingen, Rostock, Hoyerswerda und anderswo. Und das Ergebnis war nicht sehr erwärmend.

[Nachtrag: Am 25. November schreibt die NPD Sachsen auf ihrer Facebook-Seite: „Überall muß nun der Protestfunke gegen Überfremdung und Asylmißbrauch entzündet und auf die Straße getragen werden!“ Es geht los!]

Termine der Woche

Am Montag (24. November) lese ich in Dresden gemeinsam mit den Kollegen Thomas Bärsch, Wolfgang Schaller, Jens-Uwe Sommerschuh und Peter Ufer von der Sächsischen Zeitung als “Satirisches Quintett“. Für musikalische Begleitung sorgt die Band 2Hot. Los geht es um 19:30 Uhr im Sarrasani Trocadero. Es gibt noch Tickets!

Am Freitag (30. November) bin ich erstmals Gastautor bei der musikalischen Lesebühne Jazzhappen in Görlitz. Mit dabei sind die Stammautoren Axel Krüger und Mike Altmann sowie der Saxophonist Michael Mönnig und der Pianist Philipp Bormann. Los geht es um 19:00 Uhr im Theater Apollo. Im Eintrittspreis sind Häppchen inbegriffen, der kulinarischen Rezeption steht also nichts im Wege.

Die patriotischen Europäer sprechen

In Dresden demonstriert seit einigen Wochen mit wachsendem Erfolg die Initiative „Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA). Da ich bislang nicht vor Ort war, bin ich, um mir ein Urteil zu bilden, auf den Text der Rede angewiesen, die ausweislich der Facebook-Seite der Gruppe am 17.11. gehalten wurde. Der ungenannte Redner kann Interesse beanspruchen, nicht wegen des Inhalts seines Textes, sondern wegen der sprachlichen und intellektuellen Schlichtheit, mit der er die gegenwärtig liebsten Steckenpferde der Neuen Rechten reitet.

Wir ALLE haben in der letzten Woche durch verschiedene Medienberichte erleben dürfen, WIE in unserem Land das Recht auf Meinungsfreiheit respektiert wird…

Nämlich GAR NICHT…!!!

In dem Moment, wo man von der vorgefertigten Meinung abweicht, ist diese Freiheit abgeschafft !!!

Wir haben erleben dürfen, dass WIR ALLE als RECHTE… als NAZIS… als RASSISTEN… beschimpft werden.

Der Redner versäumt es, darzulegen, wann und wo den Patrioten das Rede- oder Demonstrationsrecht verweigert wurde. Es wurde ihnen nämlich tatsächlich gewährt, ja sogar durch den Einsatz der Polizei verschafft. Als Ende der Meinungsfreiheit erscheint ihm vielmehr, dass Patrioten von Gegnern „beschimpft“ worden seien. Wie also sähe Meinungsfreiheit nach dem Geschmack der Dresdner Patrioten aus? Sie herrschte in einem Staat, in dem den Gegnern der Patrioten das Maul gestopft wäre. Gegen den Vorwurf, sie seien Rassisten, dürfen sich die angeblich mundtoten Patrioten noch öffentlich verteidigen:

Radikale Islamisten sind keine Rasse, ALSO SIND WIR KEINE RASSISTEN!

Eine Unterscheidung, die durchaus einleuchtet. Sie markiert den Unterschied zwischen völkischen und kulturalistischen Fremdenhassern. Ob allen Demonstranten dieser feine Unterschied beizubringen ist, scheint zweifelhaft. Die Kommentarspalte bei Facebook spricht eher dagegen. Aber ich möchte bewusst nicht auf die Pöbeleien der Fans eingehen, sondern auf die offizielle Verlautbarung.

Wir akzeptieren KEINE HETZE von irgendwelchen Hasspredigern gegen „Ungläubige“ oder Andersgläubige unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit!

Wir akzeptieren in Europa keinerlei „Tätigkeiten“ von IS, PKK, al Kaida oder wie sie alle heißen!

Die Patrioten, die sich dagegen verwahren, mit Nazis und Rassisten in einen Topf geworfen zu werden, werfen verschiedenste, ja miteinander verfeindete Gruppen in einen Topf. Warum? Weil alle dem Islamismus huldigten? Keineswegs, denn die PKK ist ja eine sozialistische, säkulare Bewegung. Offenbar gehören alle in einen Topf, weil sie alle irgendwie arabisch sind. (Oder kurdisch, aber wen kümmern solche Details.) Und schon ist er wieder da, der gerade erst verabschiedete Rassismus. Er ist eben hartnäckiger als man denkt, besonders wenn er im Kopf viel Platz hat, um sich häuslich einzurichten.

Wir möchten. dass alle Kinder in einem friedlichem und weltoffenem Deutschland und Europa aufwachsen können!

Ich möchte, dass die Deutschfühlenden erst mal Deutsch lernen, bevor sie den Mund aufmachen. Aber das dürfen wir nicht erwarten. Die Patrioten stellen stattdessen acht dringliche Forderungen, so etwa:

6. Bewahrung und Schutz unserer Identität und unserer christlich-jüdischen Abendlandkultur

Was genau an der jahrhundertelangen Unterdrückung und Verfolgung der Juden durch die Christen in Europa sie bewahrenswert finden, verraten die Patrioten leider nicht. Aber bringen wir einfach ein Hoch auf die „Abendlandkultur“ aus, deren Religionskriege mehr christliche Brüder unter die Erde gebracht haben, als es der islamistischste Islam je könnte.

8. Es muss für uns wieder normal sein, öffentlich die Liebe zu seinem Vaterland zum Ausdruck zu bringen! Gegen Antipatriotismus!

Man muss auf die Feinheiten achten, auf die der Redner selbst nicht geachtet hat. So kann man die Rede zum Sprechen bringen. Es soll nicht etwa nur erlaubt sein, patriotische Gefühle zu zeigen. (Ist es denn verboten? Aber gut, Schwamm drüber.) Nein, es muss „normal“ werden. Sodass jeder, der sich weigert, im patriotischen Schwindel mitzutaumeln, als Anormaler aussortiert werden kann. So richtig neu ist dieser Nationalismus nicht, er sieht sogar ziemlich alt aus.

Liebe Freunde, abermals bitte ich Euch, lasst uns Anknüpfen an die vergangenen Montage und FRIEDLICH, SCHWEIGEND und ANDÄCHTIG durch unsere wundervolle Stadt Dresden ziehen. Wir bitten Euch inständig: Bitte ruft KEINE PAROLEN!! Mahnende Ruhe ist das Gebot der Stunde!

Es ist zu schade: Die Rede ist fast zuende, da entlarvt sich der Redner mit rührender Naivität doch noch selbst. Er, der Vorkämpfer der Meinungsfreiheit, verbietet seinen eigenen Anhängern das Wort! Verpasst ihnen einen Maulkorb! Warum? Weil er Angst vor dem hat, was sie brüllen könnten. Das wäre – im Gegensatz zu seiner Rede – nämlich vermutlich wirklich die Wahrheit.

WIR SIND STARK, WIR SIND DAS VOLK!!

Das mag sein. Dann habe ich mir nur mal erlaubt, dem Volk aufs Maul zu schauen.

Link zum Text (6): Jung und naiv im Islamischen Staat

Tilo Jung ist die Zukunft des deutschen Journalismus. Für seinen Video-Blog „Jung & Naiv“ wurde er mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Das Erfolgsrezept: Tilo Jung interviewt prominente Politiker und stellt sich dabei noch dümmer, als er in Wirklichkeit schon ist. Auf diese Weise gelingt es ihm, auch Menschen für das politische Geschehen zu interessieren, bei denen man bislang froh war, dass sie sich mit Politik nicht befassten. Tilo Jung zeigt bei seinen Interviews auch großen Mut. Er wagt sich in schlimmste Krisengebiete wie die SPD, den Vatikan oder jüngst den Nahen Osten. Nachdem er dort schon den Israelis und den Palästinensern auf den Zahn fühlte, gelang ihm nun ein Exklusivinterview mit dem Kalifen des Islamischen Staates. WEITERLESEN BEI TAZ.DE

Termine der Woche

Am Donnerstag (13. November) bin ich mal wieder in der literarischen Heimat bei meiner heiß geliebten Dresdner Lesebühne Sax Royal. Ich lese neue Geschichten gemeinsam mit den wunderbaren Kollegen Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth. Wie immer darf sich das Publikum auch noch auf allerlei Überraschungen und unverlangte Zugaben freuen. Los geht es um 20 Uhr in der scheune.

Am Freitag (14. November) lese ich wieder mit Max Rademann und Udo Tiffert als Lesebühne Grubenhund im schönen Görlitz. Neue Geschichten und allerlei Späße gibt es ab 20 Uhr im Kino Camillo. Als besonderen musikalischen Gast begrüßen wir einmal mehr den Dresdner Liedermacher Thomas Lautenknecht.