Ein Brandbrief

Seit Émile Zola dem Präsidenten der französischen Republik eine feurige Anklage auf der Titelseite einer Zeitung sandte, haben sich immer wieder mutige Intellektuelle der Form des „Offenen Briefes“ bedient, um Mächtigen die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern. Nun hat sich die Hamburger Schriftstellerin Simone Buchholz, die normalerweise in Kiezkrimis die Staatsanwältin „Chastity Riley“ ermitteln lässt, mit einem eindrucksvollen Schreiben an Olaf Scholz, den Bürgermeister der Hansestadt, in diese große Traditionslinie eingereiht.

Sehr geehrter Herr Scholz,

ich wohne in der Wohlwillstraße auf Sankt Pauli. Mit meinem Mann und unserem fünfjährigen Sohn. Wenn ich aus dem Fenster sehe, sehe ich

Wortwiederholung!

normalerweise buntes, manchmal wildes, aber immer liebenswertes Leben auf der Straße.

So ist der Alltag im Szeneviertel! Eine nette Wohngegend mit ein bisschen linker Folklore, bunt und wild. Nur zu bunt sollte es nicht getrieben werden, zu wild darf es nicht zugehen – sonst wär’s ja nicht mehr liebenswert!

Wenn ich zurzeit aus dem Fenster sehe, sehe ich,

Wortwiederholungswiederholung!

wie mein Viertel zu Klump gehauen wird. Wie unsere Straße jeden Abend von Leuten als Kulisse für ihre Katz-und-Maus-Spielchen missbraucht wird, sobald unsere Kinder im Bett liegen – falsch, manchmal warten sie nicht mal so lange: Ein Freund meines Sohnes bekam vor ein paar Tagen einen Böller vor die Füße geschmissen, einfach, weil er gerade da war. Der Junge ist fünf.

Was fünfjährige Jungs wissen, offensichtlich ganz im Gegensatz zu denen, die hier im Moment aufeinanderprallen: Wenn keiner nachgibt, hört der Streit nicht auf.

Das wissen fünfjährige Jungs? Glaub ich nicht.

Das ist eine essentielle Erkenntnis, daraus entsteht Zivilisation. Bei jungen Männern mit erhöhtem Testosteronstand kommt das aber oft schwer an.

Gestern Abend habe ich versucht, mit ein paar von denen zu reden. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass das Gelächter groß war. Auf beiden Seiten. Ich glaube, sowohl die martialisch verpackten Polizisten auf unseren Straßen als auch manche der allabendlichen Demonstranten haben gerade – pardon – verdammt dicke Eier in der Hose. Da wird keiner freiwillig nachgeben.

Ging’s da nicht um irgendwas Politisches? Zwangsräumung? Gentrifizierung? Verdrängung oder so? Nee, klar, es ist alles viel einfacher: Männer sind Schweine.

Aber: Was soll das dann werden? Wo soll das hinführen? Soll das jetzt so weitergehen? Und wie lange noch?

Das fragt sich der Leser dieses Briefes auch.

Bis einer heult? Soll es das sein, wofür Hamburg steht: Wuchermieten, Helmpflicht für alle und enttäuschte Gesichter?

Diese Stadt hat eine Menge Probleme. Es ist kompliziert. Ich habe keine Lösungsvorschläge, es ist auch nicht mein Job, die zu haben (es ist Ihrer).

Das wäre ja noch schöner, wenn man von Schriftstellern Ideen verlangte! Von Intellektuellen Vorschläge! Nein, selbstverständlich ist es die Aufgabe von Autoren, Politiker um Hilfe anzuflehen!

Ich weiß nur: Gewalt ist ein ganz mieser Trick, der nicht funktioniert.

Gewalt ist gewiss kein Trick, denn Tricks erfordern Intelligenz. Dafür funktioniert Gewalt oft sehr gut – man mag das mies finden oder nicht. Aber ja, Gewalt ist böse, das lernten wir ja schon im Kindergarten.

Herr Scholz, Sie sind mein Bürgermeister. Sie sind der, dem ich glauben und vertrauen möchte.

Hier steigen der Autorin Tränen in die Augen, dem Leser auch, aber aus anderen Gründen. Komm, mein lieber Bürgermeister und mach mir die Welt wieder heile! Ich will dir doch so gern glauben und vertrauen! Verarsch mich! Bitte!

Sie sind der, der mir eine Stimme geben sollte.

Warum sollte Olaf Scholz das tun? Es reicht doch, meine Beste, wenn Sie ihm bei der Wahl eine Stimme gegeben haben.

Warum sind Sie so still? Warum ducken Sie sich auf so merkwürdige Art weg? Verstecken Sie sich etwa hinter Herrn Neumann?

Olaf Scholz duckt sich gewiss nicht. Das ist doch gar nicht nötig, er verschwindet ja schon hinter einem Hydranten!

Finden Sie, dass das ein gutes Versteck ist? Falls Sie nur nicht wissen, was Sie sagen sollen, kann ja mal passieren, habe ich einen heißen Tipp für Sie: Es ist gerade nicht die Zeit für Gesetze. Es ist Zeit für Größe.

Zu dumm: Es ist Zeit für Größe und Olaf Scholz ist schon ausgewachsen.

Für politisches Gefühl. Für drei bis fünf Fingerspitzen.

Soll er sich Finger amputieren?

Geschichtsbuch aufschlagen und mehr Willy wagen, Herr Scholz!

Was hat denn jetzt der Willy mit Sankt Pauli zu tun? Soll Olaf Scholz sich auf einen erotischen Wettkampf einlassen? Da würde er doch verlieren.

Bitte verzichten Sie darauf, meinen Brief von einem Ihrer Pressesprecher beantworten zu lassen. Ich brauche keine Antwort von Ihnen. Ich erwarte, dass Sie Format zeigen.

Mit verstörten Grüßen aus der Gefahreninsel
Simone Buchholz

Welch Trauer umfängt den Leser nach der Lektüre dieses Briefes! Dass man sich über Möchtegernrevolutionäre, die einen Stadtteil zerlegen, den sie zu schützen vorgeben, ärgern kann, versteht sich. Aber wenn einem nicht mehr als privates Gejammer dazu einfällt, muss man die Öffentlichkeit damit belästigen? Wenn man Olaf Scholz bloß seine enttäuschte Liebe offenbaren will, muss man den Brief gleich in der Zeitung abdrucken lassen? Wer nichts zu sagen hat, der schweige, auch wenn er „betroffen“ ist. Wer einen Bittbrief schreibt, der werfe sich nicht in die Pose des Anklägers. Das hier ist nicht „J’accuse!“, sondern bloß „Je me lamente!“

Donnerstag: Die Lesebühne Sax Royal feiert 9. Geburtstag

Unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal feiert am 9. Januar ihren neunten Geburtstag! Mit diesem biblischen Alter dürfte sie inzwischen wohl die langlebigste Lesereihe der Stadt sein. Dass wir uns Frische und Zorn bewahrt haben, beweisen wir auch zum Jubiläum mit neuen Geschichten, Gedichten und Liedern. Zur Feier des Tages wird es aber auch einige der schönsten Texte aus den letzten Jahren zu hören geben. Mit mir dabei sind die Kollegen Julius Fischer, Roman Israel, Stefan Seyfarth sowie als besonderer literarischer Gast die Leipziger Autorin Franziska Wilhelm von unserer Schwesterlesebühne Schkeuditzer Kreuz.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 09.01. | Donnerstag | 20 Uhr | scheune | Vorverkauf: 5 Euro (zzgl. Gebühr), Abendkasse: 5 Euro ermäßigt / 7 Euro

Zitat des Monats Dezember

„Ich freue mich darauf, aber ich muss auch sagen, ich habe einen Mordsrespekt auch davor, was da jetzt auf mich zukommt.“

Ursula von der Leyen über ihre neue Aufgabe
als zukünftige Bundesministerin der Verteidigung

Termine der Woche

Am Montag (09. Dezember) bin ich einer von drei Autoren der literarischen Reihe “Love, Peace & Poetry” in Berlin. Los gehts um 21 Uhr im Kaffee Burger.

Am Dienstag (10. Dezember) lese ich bei “Wort und Spiele. Der Prenzlberg Slam” in Berlin. Los gehts um 20:30 Uhr im Frannz Club in der Kulturbrauerei.

Am Mittwoch (11. Dezember) bin ich zu Gast im schönen Franken, genauer: beim Poetry Slam in Bayreuth. Los gehts um 19:30 Uhr, Ort des Geschehens ist das Kommunale Jugendzentrum.

Am Donnerstag (12. Dezember) bin ich einer der Autoren beim Poetry Slam in Nürnberg. Los gehts um 20 Uhr im K4 (Festsaal).

Am Sonnabend (14. Dezember) lese ich in Berlin beim Kantinenlesen, dem von Dan Richter moderierten Gipfeltreffen der Lesebühnen. Los gehts um 20 Uhr in der Alten Kantine (Kulturbrauerei).

Micha’s Lebenshilfe (34)

Wenn man hinter der Supermarktkasse seine bezahlten Waren in Tüten und Taschen stopft, sollte man bei aller Eile doch darauf achten, nicht versehentlich Güter des nachfolgenden Kunden einzustecken, da man sonst möglicherweise zu Hause beschämt feststellen muss, dass man einem kleinen Jungen unabsichtlich ein Stück irische Butter gestohlen hat.

Termine der Woche

Am Donnerstag (5. Dezember) moderiere ich wieder gemeinsam mit Stefan Seyfarth den Dresdner livelyriX Poetry Slam in der scheune. Der vielseitige Dichterwettstreit von Poeten aus Nah und Fern beginnt um 20 Uhr.

Am Freitag (6. Dezember) lese ich selbst beim livelyriX Poetry Slam in Leipzig, der wie immer in der Distillery stattfindet. Los gehts um 21 Uhr, aber zeitiges Erscheinen ist ratsam, da der Laden regelmäßig aus allen Nähten platzt.

Am Sonnabend (7. Dezember) reise ich dann weiter nach Halle an der Saale – eine Stadt, in der ich noch nie las! Wettmachen werde ich dieses Versäumnis bei der Reihe Wörterspeise, die sich diesmal thematisch dem Osten der Republik widmet. Der Spaß beginnt um 19:30 Uhr in der Goldenen Rose.

Aus meiner Fanpost (4)

Hallo Herr Bittner ,              (Willy übertreibt mal wieder ein bisschen)

auch ich finde Ihre Seitenfüllung im SZ-Magazin als „Geschreibsel“! Bin aber mit der Leserin, die Sie zu kritisieren wagte und dadurch so in Rage versetzte,

nicht verwandt oder verschwägert.

Ich wollte mit einigen SZ-Abonnenten über das Magazin sprechen, doch das hatte keinen Erfolg. Die meisten werfen es gleich in den Abfall, oder lösen nur das Kreuzworträtsel, was ich sehr schade finde.

Denn alle Beiträge in dem Magazin sind für mich interessanter als Ihre ,,Satire“, oder wie sie das bezeichnen.

Früher, als man die Zeitung noch als Toilettenpapier benutzte, würde ich die Seite mit „Ihrer Satire“ als erstes benutzen, um … na Sie wissen schon.

Warum ausgerechnet Sie regelmäßig so ein „Geschreibsel“ als Unterhaltungsbeitrag leisten dürfen ist mir nur so zu erklären, dass auch Zeitungen sparen müssen und Sie vielleicht die billigste Variante waren oder einen einflussreichen Mäzen haben.

– Das Sie auch noch Lesungen veranstalten ….. aber bestimmt nicht mit solchem Unsinn. –  Na die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden.

So ich denke nun habe ich Ihnen für die nächste „Satire“ (das man das so bezeichnen kann?) genug Stoff geliefert und wenn ich Sie als Autor auch nicht schätze, grüße ich Sie in der Hoffnung bald einen anderen „Satire – Schreiber“ in der SZ erleben zu dürfen.

W. S******* ******dorf

 

Ältere Dokumente aus dieser Reihe finden sich im Blog der Lesebühne Sax Royal.

Termine der Woche

Am Sonnabend (23.11.) lese ich in Berlin aus meinem neuen Buch Wir trainieren für den Kapitalismus. Aber nicht nur eine Lesung erwartet die Gäste, sondern auch ein Konzert: Die Berliner Liedermacherin Jana Berwig wird einige ihrer Lieder spielen. Los gehts um 20 Uhr im Theater am Schlachthof in Friedrichshain (Hausburgstraße 22).

Am Sonntag (24.11.) bin ich als Gastautor in München bei der wunderbaren Lesebühne Schwabinger Schaumschläger. Die beginnt um 19:30 Uhr in der göttlichen Kneipe Vereinsheim in Schwabing (Occamstraße 8). Mit dabei sind neben den Stammautoren Moses Wolff und Michael Sailer auch Michael Feindler, Michi Dietmayr und Sepp Mü.

Zitat des Monats November

Sympathisch – das wagt man einem Mann von Ehre ins Gesicht zu sagen? Daß ich’s nur gestehe: diese Sympathien habe ich nie verdient! Endlich muß es heraus. Diese Sympathien, sie waren eine böse Absicht oder ein Irrtum. Denn da ich bestimmt weiß, daß ich mich nicht verändert habe, so scheinen die Leute, denen ich bisher sympathisch war, nicht bemerkt zu haben, wie unsympathisch ich bin.

Karl Kraus