Briefe aus Berlin (4): Hilfe, ich werde gentrifiziert!

Zum Thema Gentrifizierung ist schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem. Nun also ich: Vor einem Jahr bezogen wir unsere Wohnung im nördlichen Teil von Friedrichshain, hart an der Grenze zum Gelände des alten Zentralviehhofs. Der gehört schon zum Bezirk Prenzlauer Berg und wird seit Jahren eifrig mit Townhouses und Riesenmärkten für Dings und Bums bebaut. Im nördlichen Friedrichshain hingegen ging es noch ruhig zu, als wir ankamen. Doch neben unserem Haus klaffte schon ein Loch, ein Schild kündigte den Bau eines Komplexes mit Eigentumswohnungen an. Jetzt, ein Jahr später, steht das Ding da und wird bald bezugsfertig sein. Doch nicht genug damit: Unserer Mutter Erde wurden gleich nebenan viele neue Wunden beigebracht. Nicht weniger als ein volles Dutzend weitere Gebäude entstehen gerade gleichzeitig in den wenigen Straßen rund um die Samariterkirche. Der Gang durchs Viertel gleicht einem Hindernisparcours, denn ständig muss man die Straßenseite wechseln, weil Baunzäune und Container die Gehwege versperren. Riesige Lastwagen drücken ihre Spuren in den Asphalt, ein Kran neben dem andern ragt in den Himmel. Es gibt keine Baulücke mehr, die nicht gerade gefüllt würde. Wo keine Lücke ist, da wird eine geschaffen. Ein kleiner, wilder Park auf einer Brache wurde da zum Beispiel rabiat planiert. Da konnten auch selbstgemalte Plakate von den Kindern aus der Grundschule gegenüber nicht helfen: Bitte fällt unsere Bäume nicht! Wir brauchen frische Luft zum Atmen! Wir lieben unsere Pflanzen! – „Arschlecken!“, beschied die Baufirma und holzte. Und seltsam: Immer sind es Eigentumswohnungen der gehobenen Klasse, die errichtet werden. Als naiver Mensch könnte man ja annehmen, es gäbe eine Vorschrift, bei neuen Projekten auch Mietwohnungen einzuplanen – die gibt’s aber wohl nicht. Wie es nun auch immer kommen mag: Ich befinde mich inmitten eines Experimentalbaukastens und kann teilnehmend beobachten, wie sich ein Viertel, das unfreiwillig aufgewertet wird, so verhält. Bald werden hier hunderte neuer Menschen wohnen, was werden das für Gesellen sein? Die Biomärkte freuen sich schon, aber wird auch das Eisbein-Eck profitieren? Wird Friedrichshain prenzlauerbergisiert? Vor wenigen Wochen eröffnete sie schon, die Schwäbische Bäckerei.

Ich werde die Zeichen deuten und weiter berichten.

Termine der Woche

Am Donnerstag (13. Juni) lese ich – zum letzten Mal vor der Sommerpause – mit der Lesebühne Sax Royal in der scheune. Die Gäste erwartet wie immer ein unterhaltsamer und sinnreicher Abend mit Geschichten, Gedichten und Liedern. Mit mir am Mikrofon sind Roman Israel, der Meister der grostesken Geschichten, Max Rademann, der literarische Lebenskünstler und Orgelvirtuose, sowie Stefan Seyfarth, der poetische Erzieher. Als besonderen Gast erwarten wir zudem den Liedermacher Bruno Kolterer, der das Publikum von Sax Royal schon einmal mit so melodiösen wie komischen Songs entzückte. Er ist aber jetzt nicht mehr Leipziger, sondern Dresdner. Wir heißen ihn und seine aktuelle CD “Planet der Affen” willkommen! Los gehts um 20 Uhr.

Am Sonntag (16. Juni) begegnen sich im Görlitz die beiden Lesebühnen Jazzhappen und Grubenhund zu einer gemeinsamen Lesung mit Musik. Mike Altmann und Axel Krüger von Jazzhappen und die Grubenhunde Udo Tiffert, Max Rademann und Michael Bittner lesen eine Auswahl ihrer schönsten und komischsten Texte. Musikalisch unterstützt werden sie dabei vom wunderbaren Sänger Rany, der Gitarre, Piano und goldene Stimme einpackt, und von dem musikalischen Direktor der Jazzhappen Michael Mönnig am Saxofon. Ort des Geschehens ist die Landskron Kulturbrauerei. Los gehts um 19 Uhr, bei gutem Wetter lesen wir unter freiem Himmel.

Buchtipp: Last Exit Babyklappe

Die Autoren der Lesebühnewelt haben sich aufs Neue zusammengetan, um in einer Anthologie beim liebenswerten und unabhängigen Satryr Verlag von Volker Surmann ein Thema in komischer Kurzprosa zu behandeln. Wie der Titel “Last Exit Babyklappe” schon verrät, gehts diesmal um die Frage des Nachwuchses. Herausgegeben wurde das Buch von Björn Högsdal und Johanna Wack. Ich habe eine kleine Geschichte namens Einen Kopf kürzer beigesteuert. Außerdem findet man Texte von Christian Bartel, Daniela Böhle, Hazel Brugger, Kirsten Fuchs, Jakob Hein, André Herrmann, Björn Högsdal, Jess Jochimsen, Marc-Uwe Kling, Achim Leufker, Mieze Medusa, Jacinta Nandi, Anselm Neft, Jochen Reinecke, Matthias Reuter, Christian Ritter, Patrick Salmen, Sabrina Schauer, Dagmar Schönleber, Xóchil A. Schütz, Jörg Schwedler, Sebastian 23, Andy Strauß, Lea Streisand, Volker Surmann, Udo Tiffert, Johanna Wack, Ralph Weibel, Michael-André Werner, Heiko Werning, Torsten Wolff und Liefka Würdemann.

Das Buch hat 192 Seiten und kostet 12,90 Euro. Man kann es beim monopolistischen Moloch Amazon bestellen, über den Vertrieb des Verlags oder im Buchladen um die Ecke.

Auf geweihtem Boden

Wenn man über das Gelände der Filmstudios in Babelsberg läuft und gerade keine Dreharbeiten im Gange sind, dann fühlt man sich auf angenehme Weise an ein Großkombinat der Deutschen Demokratischen Republik erinnert. Auf den schmalen Straßen kreisen nur ein paar Lieferwagen. In einer der riesigen Hallen nageln drei Tischler Holzlatten zusammen, die irgendwann die Kulisse für den nächsten Film ergeben sollen. Im Atelier der Kunstmaler trägt man Farbeimer von A nach B und von B nach A. Auch im Kostüm- und Requisitenfundus herrscht keine Hektik: In aller Ruhe kann man bestaunen, wie geduldig da dutzende Nazi-Uniformen, dutzende Stasi-Uniformen, dutzende Kronleuchter und Einbauschränke, Schaufensterpuppen und Kuckucksuhren auf ihren nächsten Einsatz warten.

Frau Müller, die uns herumführt, erzählt: Als Quentin Tarantino zu den Dreharbeiten von Inglourious Basterds erschien und erstmals jene heilige Halle betrat, in der so viele legendäre UFA-Klassiker produziert wurden, da fiel er auf die Knie und küsste den Boden wie ein Papst im heiligen Land. Eine Szene, die wahrlich würdig gewesen wäre, selbst für die Ewigkeit auf Film festgehalten zu werden.

Freunden des Films sei empfohlen: Man kann eine Tour durch die Studios buchen.

Termine der Woche

Am Donnerstag (09. Mai) lese ich wieder neue Texte mit der Dresdner Lesebühne Sax Royal in der scheune. Mit dabei sind die Kollegen Roman Israel, Max Rademann, Stefan Seyfarth und als besonderer Gast André Herrmann von der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz aus Leipzig. Los gehts um 20 Uhr.

Am Freitag (10. Mai) lese ich wieder bei der Görlitzer Lesebühne Grubenhund. Mit dabei sind noch der Stammautor Udo Tiffert und gleich zwei Gäste: Ahne von der Reformbühne Heim & Welt aus Berlin sowie der Leipziger Liedermacher Jörn Hühnerbein! Der Ort des Geschehens ist das Kino Camillo, los gehts um 20 Uhr.

Zitat des Monats April

Die erste subjektive Bedingung alles echten Philosophierens ist – Philosophie im alten Sokratischen Sinne des Worts: Wissenschaftsliebe, uneigennütziges, reines Interesse an Erkenntnis und Wahrheit: man könnte es logischen Enthusiasmus nennen; der wesentlichste Bestandteil des philosophischen Genies. Nicht was sie meinen, unterscheidet den Philosophen, und den Sophisten: sondern wie sie’s meinen. Jeder Denker, für den Wissenschaft und Wahrheit keinen unbedingten Wert haben, der ihre Gesetze seinen Wünschen nachsetzt, sie zu seinen Zwecken eigennützig mißbraucht, ist ein Sophist; mögen diese Wünsche und Zwecke so erhaben sein, und so gut scheinen, als sie wollen.

Friedrich Schlegel

Termine der Woche

Am Donnerstag (11. April) lese ich wieder mit der Dresdner Lesebühne Sax Royal in der scheune. Neue Geschichten und Gedichte gibt es von den Kollegen Stefan Seyfarth, Roman Israel, Julius FischerMax Rademann und von mir. Max hat zudem als besondere Zugabe noch die Weltpremiere eines brandneuen Songs versprochen! Los geht es um 2o Uhr.

Am Freitag (12. April) geht es dann wieder nach Görlitz, wo ich mit den Kollegen Udo Tiffert und Max Rademann wieder als Lesebühne Grubenhund im Kino Camillo gastiere. Wie stets haben wir uns auch noch einen Gast eingeladen: Es ist diesmal der junge Autor Tobi Krone aus Jena. Los gehts es um 20 Uhr.

Büchner und das liebe Geld

2013 jährt sich der Geburtstag des Dichters, Naturwissenschaftlers und Sozialrevolutionärs Georg Büchner zum zweihundertsten Mal. Ein solches Jubeljahr bietet für Verlage stets auch die gute Gelegenheit, passende Bücher auf den Markt zu werfen, um von der medialen Aufmerksamkeit zu profitieren. So erscheint vom Autor Jan-Christoph Hauschild, der vor genau zwanzig Jahren eine wissenschaftlich fundierte, aber nicht unumstrittete Biografie Büchners veröffentlichte, ein neues Buch: Georg Büchner. Verschwörung für die Gleichheit. Sieht man genauer hin, stellt man nun aber leider fest, was auch im Anhang kleinlaut zugegeben wird: Es handelt sich gar nicht um eine neue Arbeit, nicht einmal um eine gründlich überarbeitete Fassung der alten Biografie, sondern bloß um eine gekürzte Version ohne Anmerkungen und Quellennachweise. Um das Buch nicht zu dick werden zu lassen, hat der Autor kurzerhand auch die Kapitel über Kindheit und Jugend Büchners weggelassen. Damit die Sache trotzdem rund aussieht, beginnt das Buch mit einem Kapitel über die Krankheit, die Büchner im Alter von dreiundzwanzig Jahren dahinraffte. Die ersten Seiten schildern auf höchst poetische Weise das Wetter in der Schweiz im Jahr 1836. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass Jan-Christoph Hauschild dem Protagonisten seiner Biografie mehrfach vorwirft, er habe Bücher nur des Geldes wegen geschrieben. Hauschild beklagt an einer Stelle, Büchner habe für sein Debütwerk, das Drama Danton’s Tod, umgerechnet nur „kümmerliche 1660 Euro“ erhalten. Wir wünschen dem Biografen, dass seine ökonomische Spekulation lohnender sein möge. Für den Leser lohnend ist sie aus genannten Gründen kaum.

Jan-Christoph Hauschild: Georg Büchner. Verschwörung für die Gleichheit. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2013. 352 Seiten. 22,99 €.