Briefe aus Berlin (5): Ich habe die Wahl

Meine Briefwahlunterlagen werden mir von der PIN Mail AG als CO2-neutraler Versand zugestellt. Offenbar dürfen die Postzusteller jetzt nicht einmal mehr atmen. Im Umschlag ein karges, graues Faltblatt. Aber wenigstens die Auswahl ist bunt: 16 Kandidaten möchten meine Erststimme, um als Abgeordneter für den Wahlkreis 83 Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg – Prenzlauer Berg Ost in den Bundestag einziehen zu können. Gewinnen wird aber am Ende sowieso wieder Hans-Christian „Jopi“ Ströbele. Warum also nicht mal den Außenseitern, den Menschen am Rand des Wahlzettels, ihre verdiente Chance geben?

Markus Beckmann ist Student, 25 Jahre alt, parteilos, und wohnt in Berlin. Möchte er deshalb in den Bundestag? Nein, seine Homepage verrät sein Anliegen, das Grundübel unserer Gesellschaft ist der Zins: Aus den Vorteilen, die das Geld gegenüber den Waren besitzt, entspringt die eigentliche Ursache des Zinses. Waren verlieren mit der Zeit an Güte, Qualität, Wert. Geld jedoch nicht. Dies führt dazu, dass ein Geldverleiher sein Geld nur dann an einen Unternehmer weiter verleiht, wenn dieser ihm dafür eine Entlohnung zahlt. Den Zins. […] Der Zins führt zu einer Umverteilung in der Gesellschaft, da Leute mit hohen Geldguthaben automatisch und ohne zu arbeiten ihr Vermögen vergrößern. Die Lösung: Geld soll mit der Zeit seinen Wert verlieren, damit es schneller ausgegeben wird. Dann sinkt der Zins irgendwann auf 0% und niemand verdient mehr Geld, ohne zu arbeiten. Oder so ähnlich. Geld mit Verfallsdatum – ein interessanter Ansatz.

Frank Di Leo arbeitet als Hundetrainer und kandidiert folgerichtig für die Hundefreunde Kreuzberg. Die Hundefreunde kämpfen gegen die fortschreitende Diskrimienierung von Menschen mit Hunden. Aktuelles Hauptanliegen der Hundefreunde ist es ausweislich ihrer Homepage, einen selbstverwalteten Hundeplatz an der Schillingbrücke durchzusetzen. Vielleicht wäre es strategisch klüger, zunächst einmal die Einführung des Hundewahlrechts zu propagieren? Meine Stimme kann ich ihnen nicht schenken, denn ich habe gar keinen Hund.

Jutta Zedlitz kämpft als Religionslehrerin und mit ihrer Partei Die Violetten für spirituelle Politik. Auf den ersten Blick sympathisch ist ihr Eintreten für das bedingungslose Grundeinkommen, basisdemokratische Mitbestimmung und die Kulturpflanze Hanf. Aber was hat es denn nun mit der Spiritualität auf sich? Ein Faltblatt belehrt mich: Die Schöpfung entspringt einer geistigen Quelle, die unter verschiedenen Namen wie zum Beispiel Gott, Göttin, Vater-Mutter-Gott, Allah, JHWH, Brahma, Schöpfergeist, Universelle Intelligenz, Tao oder Es bekannt ist. Da ist ja nun wirklich fast für jeden was dabei – nur für mich gerade nicht! Denn ich glaube, dass die Schöpfung dem Nichts aus dem Arsch gekrochen ist. Auch mit Meditation, Lichtarbeit etc. kann ich mich nicht anfreunden. Nein, die Farbe lila konnte ich noch nie ausstehen.

Benjamin Richter kandidiert für die Bergpartei. Das ist doch mal was! Ein frecher junger Jakobiner, der die Montagnards wieder beleben will! Die Aristokraten an die Laterne! Ackermann, halt deinen Kopf fest! Auch die Parolen der Öko-Anarchisten und Real-Dadaisten passen: ja zum bankrott, keine angst vor mangel, zahnersatz für alle. Benjamin Richter hat den Spitzenplatz in meiner Gunst erobert.

Dr. Helena Barbas – die einzige Kandidatin mit Doktortitel tritt für Die PARTEI an. In den Medien nennt man die immer „Spaßpartei“, obwohl es Martin Sonneborn ja bitterer Ernst ist. Dr. Helena Barbas möchte ein atomares Endlager in Prenzlauer Berg einrichten. Das mag noch hingehen. Aber leider kann ich ihr meine Stimme nicht geben, denn Die PARTEI möchte die Mauer wieder aufbauen. Dann könnte ich aber nicht mehr in den Wedding fahren und auch nicht mehr nach Neukölln. Das wäre doof.

Joachim Hennig tritt für die Partei Freie Wähler an. Freie Wähler sind immer super: eine Ansammlung von unbekannten Menschen, über deren politische Meinung man nichts weiß. Ich forsche im Netz. Meine wichtigsten politischen Ziele: Keine Angaben. Warum Sie mich wählen sollten: Keine Angaben. Welche Werte und Ziele sind mir wie wichtig: Keine Angaben. Eine Katze im Sack, ein politisches Blind Date, ein Überraschungsei. Für mich zuviel Aufregung.

Ismet Misirlioğlu kandidiert für BIG – Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit. Innovation und Gerechtigkeit gut und schön, aber irgendwie scheint die Partei doch nur Menschen mit Migrationshintergrund anzusprechen: Die Eingliederung ausländischer Mitbürger und deren Kinder in das deutsche System ist unabdingbare Voraussetzung für ein gutes Miteinander. Die Beibehaltung der kulturellen Identität ist Voraussetzung für das Entstehen starker Partner, die mit ihrem Beitrag dem Wohle aller dienen können. Ach du Scheiße, Eingliederung ins deutsche Schweinesystem! Und dann sind das auch noch Leute, die anderen Leuten vorschreiben wollen, sie müssten „identisch“ sein. Nee, da kann man ja gleich CSU wählen.

Andreas Dahl ist im Wahlbezirk die Alternative für Deutschland. Andreas Dahl ist geboren 1970, nicht verheiratet, 2 Kinder. Nach seinem Realschulabschluss im Jahre 1988 hat Dahl eine Lehre als Schlosser erfolgreich abgeschlossen und in den Bereichen Kraftfahrzeugmechanik und –instandsetzung und Metallverarbeitung gearbeitet. Dahl ist außerdem seit 1999 Berufskraftfahrer.  Seit der Jahrtausendwende ist Dahl Wahlberliner. Klingt alles sympathisch. Aber mein Tipp: Die Partei wechseln! Die ist nämlich kacke.

Alina Popeangă gehört zur BüSo Bürgerrechtsbewegung Solidarität. Ach ja, die Partei, die immer plakatiert: Wir haben das Patentrezept! Das europäische Wirtschaftswunder durch eine neue Seidenstraße in den Orient! Aber beim Googlen dann leichter Grusel: Die gute Frau scheint nirgendwo auf der Welt zu existieren als auf dem Wahlzettel von Wahlkreis 83 Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg – Prenzlauer Berg Ost. Ein Phantom wählen? Nein, danke!

So. Die etablierten Volksparteien (NPD, Piraten, FDP etc.) kommen sowieso nicht in Frage. Also steht der Sieger fest. Meine Stimme geht an Benjamin Richter von der Bergpartei! Herzlichen Glückwunsch bzw. Ça ira!

 

Termine der Woche

Am Donnerstag (12. September) lese ich – zum ersten Mal nach der Sommerpause – wieder mit der Lesebühne Sax Royal in der scheune. Neue Geschichten und Gedichte gibts von Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann, Stefan Seyfarth und mir. Wie stets dürfen sich die Freunde unserer Lesebühne auf heitere Anekdoten aus dem Leben der analogen Bohème freuen, aber auch lyrische Eruptionen aus den Abgründen des menschlichen Daseins erwarten. Wie immer nach den Ferien verarbeiten wir auch unsere schönsten Erlebnisse des Sommers. Musikalische oder multimediale Überraschungen sind ebenfalls nicht unwahrscheinlich. Sinnreiche literarische Ergötzung für Jung und Alt! Los gehts um 20 Uhr.

Am Freitag (13. September) kehrt auch die Görlitzer Lesebühne Grubenhund aus der Sommerpause zurück. Mit dabei ist wie immer auch Stammautor Udo Tiffert und diesmal als besonderer Stargast noch der fabelhafte Andreas „Spider“ Krenzke von der Berliner Lesebühne LSD. Los gehts um 20 Uhr im Kino Camillo.

Vorfreude: Das Festival „Literatur Jetzt!“ in Dresden

Mit Vorfreude sehe ich dem Monat September entgegen: Zum fünften Mal gibt es Literatur Jetzt!, das Festival zeitgenössischer Literatur in Dresden. Gemeinsam mit Leif Greinus, Helge Pfannenschmidt und Volker Sielaff bilde ich wieder das Organisationsteam. Wie immer versuchen wir mit unserem Programm, Hoch- und Subkultur miteinander in Kontakt zu bringen, um zu beweisen, dass Populäres gehaltvoll und Gehaltvolles populär präsentiert werden kann. Zum ersten Mal haben wir uns auch einem besonderen Thema gewidmet: Unter dem Motto „Leben im Überfluss“ gehts um die aktuelle Diskussion um Wachstum und Nachhaltigkeit.

Ich habe mich wieder besonders um die jungen Veranstaltungen gekümmert: Bei der „Nacht der Lesebühnen“ treffen am 18.09. wieder vier Autoren von verschiedenen Lesebühnen aufeinander, diesmal Anke Fuchs, Sebastian Lehmann, Dan Richter und Konrad Endler. Konrads Mutter, die Dichterin Elke Erb, liest übrigens auch auf unserem Festival als eine von drei lyrischen Stimmen beim poetischen Abend am 19.09. im Stadtmuseum. Am Tag drauf, dem 20. September, gibts dann in der scheune einen weiteren Höhepunkt: Der livelyriX Poetry Slam feiert seinen zehnten Geburtstag! Ich überprüfte selbst mehrmals meinen Kalender, bis ich es glauben konnte: Es ist wirklich schon ein Jahrzehnt her, seit der monatliche Dresdner Poetry Slam im Herbst 2003 erstmals über die niedrige Bühne des Studentenklubs Bärenzwinger ging. Haarsträubende Auftritte von ernsthaft gestörten Menschen erlebten wir in jenen Anfangstagen, aber auch wundervolle Abende mit großartigen Poeten, die wir noch immer mögen und von denen so mancher inzwischen große Erfolge als Autor, Musiker oder Kabarettist errungen hat. Zum Jubliäum habe ich wenigstens einige dieser Kollegen noch einmal eingeladen, um literarisch zu feiern. Mit dabei sind Micha Ebeling, Julius Fischer, Wehwalt Koslovsky, Max Rademann, Felix Römer, Mareike Schneider, Xochil A. Schütz, Stefan Seyfarth und ich. Die Fans dürfen sich auf einen Old-School-Poetry-Slam der feinsten Sorte mit einigen Überraschungen freuen.

Ich selbst freue mich außerordentlich auch auf das literarische Frühschoppen mit Thomas Kapielski und Jürgen Roth am 22. September im Bautzner Tor, bei dem man sich ab 11 Uhr die Bundestagswahl schönsaufen kann, auf die Lesung aus den Tagebüchern des Anarchisten und Dichters Erich Mühsam am 21.09. in der Schauburg und auf die Eröffnung des Festivals mit einer Diskussion zwischen dem Wachstumskritiker Niko Paech und dem Liberalen Sascha Tamm am 17. September ebenfalls in der Schauburg. Zum Abschluss läuft abends am 22.09. im Kino Thalia noch ein Film über den Dichter, Übersetzer und leidenschaftliche Gärtner Michael Hamburger in Anwesenheit von Regisseur Frank Wierke.

Alle Informationen zum Programm, zu den Autoren und zum Ticketkauf findet man auf der Homepage unseres Festivals oder auch auf der Facebook-Seite. Man sieht sich!

Donnerstag, 8. August: Die Lesebühne Sax Royal zu Gast im Deutschen Hygiene-Museum

Sax Royal

Die Dresdner Lesebühne Sax Royal unterbricht die öde Sommerpause: Zum inzwischen vierten Mal gastieren wir mit einem besonderen literarischen Programm im Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Wir präsentieren zum Thema der aktuellen Ausstellung “Reichtum – mehr als genug” ein literarisches Programm unter dem Titel “Die Ware Reichtum”.

Zwar ist uns der Reichtum als materieller Überfluss unbekannt, mit umso größerer Lust werden wir aber die reichen Schatzkammern unserer Fantasie plündern, um dem Thema poetisch gerecht zu werden: Das Publikum darf sich auf Geschichten und Gedichte freuen, die den oberen Zehntausend satirisch auf den Leib rücken, den Reichtum philosophischer Lebensweisheit entfalten und der Macht des Mammons poetisch nachspüren. Tiefsinn und Hochkomik treffen wie immer bei Sax Royal zusammen wie Faust und Auge.

Mit dabei sind die fünf Stammautoren: Michael Bittner, Kolumnist der Sächsischen Zeitung und inzwischen in Berlin wohnender Satiriker, Julius Fischer aus Leipzig, der Autor und komödiantische Liedermacher, Roman Israel, der Leipziger Erzähler und Lyriker mit Verve und Sinn fürs Groteske, Max Rademann aus Dresden, der Chronist des Erzgebirges und philosophische Lebenskünstler, und schließlich Stefan Seyfarth aus Dresden, ein Lyriker zwischen Rap und sächsischer Dichterschule.

Sax Royal zu Gast im Deutschen Hygiene-Museum Dresden – “Die Ware Reichtum” | 8. August | Donnerstag | 20 Uhr | Lingnerplatz 1 | Eintritt: 7 Euro / 3 Euro ermäßigt

Briefe aus Berlin (4): Hilfe, ich werde gentrifiziert!

Zum Thema Gentrifizierung ist schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem. Nun also ich: Vor einem Jahr bezogen wir unsere Wohnung im nördlichen Teil von Friedrichshain, hart an der Grenze zum Gelände des alten Zentralviehhofs. Der gehört schon zum Bezirk Prenzlauer Berg und wird seit Jahren eifrig mit Townhouses und Riesenmärkten für Dings und Bums bebaut. Im nördlichen Friedrichshain hingegen ging es noch ruhig zu, als wir ankamen. Doch neben unserem Haus klaffte schon ein Loch, ein Schild kündigte den Bau eines Komplexes mit Eigentumswohnungen an. Jetzt, ein Jahr später, steht das Ding da und wird bald bezugsfertig sein. Doch nicht genug damit: Unserer Mutter Erde wurden gleich nebenan viele neue Wunden beigebracht. Nicht weniger als ein volles Dutzend weitere Gebäude entstehen gerade gleichzeitig in den wenigen Straßen rund um die Samariterkirche. Der Gang durchs Viertel gleicht einem Hindernisparcours, denn ständig muss man die Straßenseite wechseln, weil Baunzäune und Container die Gehwege versperren. Riesige Lastwagen drücken ihre Spuren in den Asphalt, ein Kran neben dem andern ragt in den Himmel. Es gibt keine Baulücke mehr, die nicht gerade gefüllt würde. Wo keine Lücke ist, da wird eine geschaffen. Ein kleiner, wilder Park auf einer Brache wurde da zum Beispiel rabiat planiert. Da konnten auch selbstgemalte Plakate von den Kindern aus der Grundschule gegenüber nicht helfen: Bitte fällt unsere Bäume nicht! Wir brauchen frische Luft zum Atmen! Wir lieben unsere Pflanzen! – „Arschlecken!“, beschied die Baufirma und holzte. Und seltsam: Immer sind es Eigentumswohnungen der gehobenen Klasse, die errichtet werden. Als naiver Mensch könnte man ja annehmen, es gäbe eine Vorschrift, bei neuen Projekten auch Mietwohnungen einzuplanen – die gibt’s aber wohl nicht. Wie es nun auch immer kommen mag: Ich befinde mich inmitten eines Experimentalbaukastens und kann teilnehmend beobachten, wie sich ein Viertel, das unfreiwillig aufgewertet wird, so verhält. Bald werden hier hunderte neuer Menschen wohnen, was werden das für Gesellen sein? Die Biomärkte freuen sich schon, aber wird auch das Eisbein-Eck profitieren? Wird Friedrichshain prenzlauerbergisiert? Vor wenigen Wochen eröffnete sie schon, die Schwäbische Bäckerei.

Ich werde die Zeichen deuten und weiter berichten.

Termine der Woche

Am Donnerstag (13. Juni) lese ich – zum letzten Mal vor der Sommerpause – mit der Lesebühne Sax Royal in der scheune. Die Gäste erwartet wie immer ein unterhaltsamer und sinnreicher Abend mit Geschichten, Gedichten und Liedern. Mit mir am Mikrofon sind Roman Israel, der Meister der grostesken Geschichten, Max Rademann, der literarische Lebenskünstler und Orgelvirtuose, sowie Stefan Seyfarth, der poetische Erzieher. Als besonderen Gast erwarten wir zudem den Liedermacher Bruno Kolterer, der das Publikum von Sax Royal schon einmal mit so melodiösen wie komischen Songs entzückte. Er ist aber jetzt nicht mehr Leipziger, sondern Dresdner. Wir heißen ihn und seine aktuelle CD “Planet der Affen” willkommen! Los gehts um 20 Uhr.

Am Sonntag (16. Juni) begegnen sich im Görlitz die beiden Lesebühnen Jazzhappen und Grubenhund zu einer gemeinsamen Lesung mit Musik. Mike Altmann und Axel Krüger von Jazzhappen und die Grubenhunde Udo Tiffert, Max Rademann und Michael Bittner lesen eine Auswahl ihrer schönsten und komischsten Texte. Musikalisch unterstützt werden sie dabei vom wunderbaren Sänger Rany, der Gitarre, Piano und goldene Stimme einpackt, und von dem musikalischen Direktor der Jazzhappen Michael Mönnig am Saxofon. Ort des Geschehens ist die Landskron Kulturbrauerei. Los gehts um 19 Uhr, bei gutem Wetter lesen wir unter freiem Himmel.