Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Gelegentlich hört man, der extreme Antisemitismus sei bloß eine persönliche Macke Hitlers gewesen, habe jedenfalls zum Erfolg des Nationalsozialismus nicht entscheidend beigetragen. Tatsächlich war der Antisemitismus aber das Zentrum von Hitlers Weltanschauung. Die propagandistisch so erfolgreiche Verknüpfung von nationalistischer und sozialistischer Rhetorik wurde erst möglich durch die ausgrenzende Verunglimpfung des marxistischen und anarchistischen Internationalismus als „jüdisch“. Auch hätte Hitler die Gunst des deutschen Mittelstandes nicht erringen können, wäre es ihm durch den Antisemitismus nicht möglich gewesen, zugleich gegen den „jüdischen“ Bolschewismus der Arbeiter und gegen den „jüdischen“ Kapitalismus der Eliten zu agitieren. Aber auch noch in den kleinsten Fragen diente „der Jude“ Hitler immer wieder dazu, Argumentationslücken zu stopfen, Widersprüche zu verkleistern und unsichtbare Ursachen dingfest zu machen. Stets war für Hitler der Jude „Schlüssel zur Lösung des ganzen Rätsels“.

Dies zeigt sich auch in seiner Stellungnahme zum Föderalismus. Diese urdeutsche Tradition musste Hitler in doppelter Hinsicht verdächtig sein: Zum einen widersprachen die traditionellen regionalen Identitäten seinem völkischen Nationalismus, der nur noch Deutsche kannte. Zum anderen konnte eine totale Herrschaft, wie sie Hitler plante, natürlich auch keine föderalistische Gewaltenteilung dulden. Nach 1933 wurden denn auch die Länder rasch entmachtet. Um seinen – historisch betrachtet sehr undeutschen – Zentralismus zu rechtfertigen, denunzierte er den Föderalismus als jüdische Taktik zur Zersetzung der deutschen Nation. So heißt es über die Abneigung der Bayern gegenüber dem preußisch dominierten Reich:

Mochte ruhig Bayern gegen Preußen und Preußen gegen Bayern streiten, je mehr desto besser! Der heißeste Kampf der beiden bedeutete für den Juden den sichersten Frieden. Die allgemeine Aufmerksamkeit war damit vollständig abgelenkt von der internationalen Völkermade, man schien sie vergessen zu haben.

Noch heute machen Faschisten, die im Volk stets eine Einheit sehen müssen, für Entzweiungen dieses Volkes gerne eine kleine, bösartige, fremde Minderheit verantwortlich. Auch bei vielen Bürgern, die den Parteienstreit verabscheuen und sich nach Harmonie sehnen, stoßen solche Erklärungen auf Zustimmung. Nicht ungeschickt setzte Hitler den jüdischen Popanz ein, um sich als Versöhner der zerstrittenen Deutschen zu präsentieren. Er wandte sich auf diese Weise nicht nur „gegen die wahnwitzige Verhetzung der deutschen Stämme untereinander“, sondern auch gegen den Streit der Konfessionen, der ebenfalls vom Juden angeheizt werde, um die Deutschen zu entzweien:

Der Jude hat jedenfalls das gewollte Ziel erreicht: Katholiken und Protestanten führen miteinander einen fröhlichen Krieg und der Todfeind der arischen Menschheit und des gesamten Christentums lacht sich ins Fäustchen.

Auf diese Weise stilisierte sich Hitler einmal mehr zum Erlöser in der Nachfolge Christi. Hitlers Mission beschränkte sich allerdings auf die Errettung des Ariers. Wer über gefestigte Nerven verfügt, gönne sich die volle Dröhnung:

Man halte sich die Verwüstungen vor Augen, welche die jüdische Bastardisierung jeden Tag an unserem Volke anrichtet, und man bedenke, daß diese Blutvergiftung nur nach Jahrhunderten oder überhaupt nicht mehr aus unserem Volkskörper entfernt werden kann; man bedenke weiter, wie diese rassische Zersetzung die letzten arischen Werte unseres deutschen Volkes herunterzieht, ja oft vernichtet, so daß unsere Kraft als kulturtragende Nation ersichtlich mehr und mehr im Rückgang begriffen ist und wir der Gefahr anheimfallen, wenigstens in unseren Großstädten dorthin zu kommen, wo Süditalien heute bereits ist. Diese Verpestung unseres Blutes, an der Hunderttausende unseres Volkes wie blind vorübergehen, wird aber vom Juden heute planmäßig betrieben. Planmäßig schänden diese schwarzen Völkerparasiten unsere unerfahrenen jungen blonden Mädchen und zerstören dadurch etwas, was auf dieser Welt nicht mehr ersetzt werden kann. Beide, jawohl, beide christliche Konfessionen sehen dieser Entweihung und Zerstörung eines durch Gottes Gnade der Erde gegebenen edlen und einzigartigen Lebewesens gleichgültig zu. Für die Zukunft der Erde liegt aber die Bedeutung nicht darin, ob die Protestanten die Katholiken oder die Katholiken die Protestanten besiegen, sondern darin, ob der arische Mensch ihr erhalten bleibt oder ausstirbt. Dennoch kämpfen die beiden Konfessionen heute nicht etwa gegen den Vernichter dieses Menschen, sondern suchen sich selbst gegenseitig zu vernichten. Gerade der völkisch Eingestellte hätte die heilige Verpflichtung, jeder in seiner eigenen Konfession dafür zu sorgen, daß man nicht nur immer äußerlich von Gottes Willen redet, sondern auch tatsächlich Gottes Willen erfülle und Gottes Werk nicht schänden lasse.

Eine recht eigentümliche Vision der Ökumene! In Taizé stießen diese Pläne heute wohl nicht auf ungeteilte Zustimmung. In den dreißiger Jahren begeisterten sie in Deutschland aber doch Millionen von Christen, insbesondere Protestanten, deren Glaube schon so hohl geworden war, dass er sich leicht mit völkischer Ideologie auffüllen ließ. Den Leuten, die nicht mehr so recht an Gott glauben konnten, präsentierte Hitler immerhin noch einen Satan, den Juden, und sich selbst als weltlichen Erlöser. Dabei konnte er an die judenfeindlichen Traditionen des Christentums anschließen und so den Eindruck eines fundamentalen Bruches ohne große Mühe vermeiden. Folgte er denn nicht, als er 1938 die Synagogen anzünden ließ, nur dem entsprechenden Vorschlag Martin Luthers?

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Du sollst nicht sollen. Gedanken in Eisenhüttenstadt

Wer nicht weiß, wie er in diesen trüben Zeiten seine Sonntage verbringen soll, dem empfehle ich eine Reise nach Eisenhüttenstadt. Es gibt vielleicht ein paar geringfügig schönere Orte auf der Welt. Aber Schönheit ist nicht alles. Schönheit kann sogar langweilen, wenn sie allzu gefällig nach unserer Gunst hascht. Dies tut Eisenhüttenstadt nicht. Nein, diese Stadt empfängt den Besucher eher herb. Dennoch lohnt sich eine Reise in die Stadt, die in den Fünfzigern aus dem Boden gestampft wurde. In ihr sollten Arbeiter Stahl produzieren, man taufte sie auch zunächst auf den Namen Stalinstadt. Eine gebaute Utopie war Eisenhüttenstadt, ein Experiment der jugendfrischen DDR. Wer heute durch das Zentrum schlendert, der kann erahnen, wie der real existierende Sozialismus ausgesehen hätte, wären ihm nicht schon frühzeitig Geld und Hoffnung ausgegangen. Durchaus anmutig und großzügig wirken die Häuser und Plätze, weit menschenfreundlicher als die späteren Neubausiedlungen mit ihren einförmigen Platten in Fertigbauweise.

Einen Besuch wert ist auch das Dokumentationszentrum zur Alltagskultur der DDR. Es handelt sich nicht, wie man befürchten könnte, um eine ostalgische Sammlung von Zonengerümpel. Nein, die Schau stellt mit allerhand Exponaten klug die verschiedenen Bereiche des Lebens in der DDR vor. In einem der Räume, der sich dem Schulwesen widmet, entdeckte ich etwas wieder, das ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen und längst vergessen hatte: die Zehn Gebote der Jungpioniere. Während ich sie las, fragte ich mich: Hat denn damals wirklich keiner der Genossen geahnt, dass man sich über diese Gebote einmal lustig machen würde? Dass man in ihnen geradezu überdeutlich den Beweis sehen muss, dass der Staatssozialismus bloß eine Ersatzreligion ist, die genauso auf die Gutgläubigkeit ihrer Anhänger vertraut wie das Christentum? Aber vielleicht waren die eifrigen Genossen wirklich überzeugt, man habe die Macht, die Religion zu ersetzen, und könne deren Formen benutzen wie ausgeleerte Gefäße.

Wir Jungpioniere lieben unsere Deutsche Demokratische Republik.

So lautet das erste Gebot. Auch der Gott des Alten Testaments fordert bekanntlich in seinem ersten Gebot Liebe, zeigt sich dabei auch noch außerordentlich eifersüchtig und droht religiösen Fremdgängern damit, ihr Vergehen noch an den Söhnen und Enkeln zu strafen. Man muss wohl sagen, dass auch in der DDR mancher Sohn darunter litt, wenn sein Vater sich mit dem Klassenfeind eingelassen hatte.

Wir Jungpioniere lieben unsere Eltern. Wir Jungpioniere lieben den Frieden.

Vielleicht sollte man grundsätzlich misstrauisch werden, wenn einem befohlen wird, irgendetwas zu lieben, sei es ein Gott, eine Partei oder ein Land. Was liebenswert ist, erweckt Liebe auch ohne Zwang. Aus Gehorsam lieben können wiederum nur passionierte Masochisten.

Wir Jungpioniere halten Freundschaft mit den Kindern der Sowjetunion und aller Länder.

So lautet das vierte Gebot, das aus logischer Sicht seinen Plan etwas übererfüllt. Schließen denn „alle Länder“ die Sowjetunion nicht schon mit ein? Aber es war wohl wichtig, die große Brudermacht noch einmal einzeln herauszustellen, um klar zu machen, dass dies eine Land gleicher als die anderen sei.

Wir Jungpioniere lernen fleißig, sind ordentlich und diszipliniert. Wir Jungpioniere achten alle arbeitenden Menschen und helfen überall tüchtig mit.

Aus solchen Maximen sollte eine Gemeinschaft freier Menschen erblühen? Das kommt wohl dabei heraus, wenn man die Anarchisten, Querdenker und Vagabunden in den Gulag schickt. Übrig bleiben nur die Jasager, Flachköpfe und Spaßbremsen. Wen wundert’s da, dass aus der DDR bloß eine Spießerdiktatur wurde? Immerhin wirken nicht alle Gebote so unsympathisch:

Wir Jungpioniere sind gute Freunde und helfen einander. Wir Jungpioniere singen und tanzen, spielen und basteln gern.

Solchen Geboten unterwirft man sich gerne. Nur das Trinken hätte ruhig auch noch Erwähnung finden können. Das neunte Gebot sorgt aber gleich wieder für Ernüchterung:

Wir Jungpioniere treiben Sport und halten unseren Körper sauber und gesund.

Nein, eine Religion, die uns den erzdummen Turnvater Jahn als Heiligen anbietet, kann einfach nicht der wahre Glaube sein.

Wir Jungpioniere tragen mit Stolz unser blaues Halstuch. Wir bereiten uns darauf vor, gute Thälmannpioniere zu werden.

Zum Thälmannpionier mit dem roten Halstuch habe ich es nicht gebracht, die Wende kam leider dazwischen. Und damit blieb mir auch die kommunistische Kommunion vorenthalten.

Vor einer Weile hörte ich von einem Interview mit Gregor Gysi. Der behauptete da im Gespräch überraschend, eine gottlose Gesellschaft, eine Gesellschaft ohne Kirchen und Religionsgemeinschaften, habe verheerende Folgen. Allein die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland sorgten noch für eine allgemein verbindliche Moral. Gysi glaubt also nicht mehr an Gott, aber immer noch an die Religion? Er kann sich offenbar partout nicht vorstellen, dass Leute auf ihr Gewissen hören, ohne es sich als zornigen Mann mit Bart vorzustellen, es sei Jehovah oder der selige Marx. Eine Moral, der man freiwillig folgt, wäre demnach gar keine, echte Moral müsste knechten. Man folgte ihr nicht aus Überzeugung, sondern weil sie höheren Ortes beschlossen wurde. Mir scheint, hier hat bloß einer ein bisschen autoritäre Hörigkeit aus der DDR in den Westen herübergerettet. Aber erschlagen sich die Leute nicht doch gegenseitig auf den Straßen, wenn es keine verbindliche Moral mehr gibt? Nun, ganz im Gegenteil erschlagen sich erfahrungsgemäß gegenseitig vor allem jene Leute, die der Meinung sind, es müsse eine allgemein verbindliche Moral, Religion oder Weltanschauung geben. (Jeweils ihre eigene natürlich.) Dafür, dass in einer Gesellschaft, in der Menschen verschieden denken, nicht das Chaos ausbricht, sorgt nicht die verbindliche Moral, sondern die Polizei. Das reicht völlig.

An der Wand einer kleinen baptistischen Freikirche in Eisenhüttenstadt sah ich ein großes Kreuz mit vier Worten eines Schriftzuges: „Jesus liebt auch dich“. Mir kam unwillkürlich ein leicht blasphemischer Gedanke. Mir fiel ein, wie Erich Mielke bei seinem letzten großen Auftritt in der Volkskammer der DDR ebenso versichert hatte: „Ich liebe doch alle Menschen!“ Er erntete nur noch Gelächter und sah aus wie ein Leidensmann. Aber es regte sich kein Mitleid mit ihm. Denn es war allzu offensichtlich, dass da einer, der Jahrzehnte lang zwangsweise Gehorsam durchgesetzt hatte, nun, da ihm die Macht verloren ging, plötzlich um Liebe bettelte. Ein Sozialismus, der nicht auf Glaube, Liebe und Hoffnung beruhte, sondern auf Befehl und Gewalt, musste wohl früher oder später im Museum landen.

Termine der Woche

Meine literarische Heimat in Berlin, die Leseshow Zentralkomitee Deluxe, zieht um. Am Mittwoch (15. Februar) sind wir ab 21 Uhr erstmals am neuen Ort, in der Baumhaus Bar am Schlesischen Tor, zu erleben. Es lesen und singen zusammen mit mir die weiteren Stammautoren Noah Klaus, Christian Ritter, Piet Weber sowie als Gäste die Poetin Filo und der Songwriter Sven van Thom.

Am Montag (20. Februar) bin ich Gast der Diskussionsreihe „Jetzt! Zur Zeit“ der Sächsischen Akademie der Künste. Ich spreche mit der Leipziger Autorin Anna Kaleri über schriftstellerisches Engagement in politisch turbulenten Zeiten. Moderator ist der Journalist Oliver Reinhard von der Sächsischen Zeitung. Los geht es um 19 Uhr.

Link zum Text (29): Fortschritt ohne Führer

Vor einer Weile sah ich einen Bericht über die selbstfahrenden Lastkraftwagen der Zukunft. Noch seien nicht alle technischen Probleme gelöst, so erfuhr ich. Auch seien noch rechtliche Fragen offen, wie etwa die, wen die Leute, die in Zukunft von führerlosen Trucks überfahren werden, für ihr Unglück verantwortlich machen können. Die Entwickler äußerten sich aber zuversichtlich, das autonome Fahrzeug werde bald kommen. Mir hingegen wurde mulmig beim Anblick des Lenkrads, das sich selber drehte. Es ist schon erstaunlich, wie energisch die Menschheit an der Abschaffung des Menschen arbeitet.

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Termine der Woche

Am Donnerstag (9. Februar) startet meine Dresdner Lesebühne Sax Royal in der Scheune mit vollem Elan in die dreizehnte Saison ihres Schaffens – die gewiss nicht zum Unglücksjahr werden wird. Der aus Indien zurückgekehrte Max Rademann wird einiges über seine Reiseabenteuer zu erzählen wissen – nicht oft verschlägt es ja einen Erzgebirgsmenschen in subtropische Gefilde. Neue Geschichten und Gedichte bringen aber auch die anderen Stammautoren mit, neben mir sind das Roman Israel und Stefan Seyfarth. Außerdem begrüßen wir als besonderen Gast auch noch einen unserer liebsten Kollegen: André Herrmann aus Leipzig von der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz, den Autor des Erfolgsromans Klassenkampf. Los geht es um 20 Uhr. Karten gibt es bis Mittwoch im Vorverkauf, am Donnerstag ab 19:30 Uhr am Einlass.

Am Freitag (10. Februar) reise ich sodann nach Görlitz zur Lesebühne Grubenhund. Mit dabei sind nicht nur wie immer die Kollegen Udo Tiffert und Max Rademann, sondern auch noch ein musikalischer Gast: der wunderbare Liedermacher Bruno Kolterer aus Dresden. Los geht es um 19:30 Uhr im Kino Camillo, Karten gibt es am Einlass.

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Es fällt schwer, bei einem Buch wie Mein Kampf die Qualität verschiedener Kapitel abzuwägen. Das gleicht dem Versuch, Töne von Schwarz zu bestimmen. Aber das Kapitel Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A. zählt doch zu den deprimierendsten des Buches. Es erzählt die Erfolgsgeschichte des Nationalsozialismus in Kurzform, am Beispiel der Eroberung des Städtchens Coburg. Dort erprobte Hitler zum ersten Mal seine – sicherlich von den italienischen Faschisten inspirierte – Strategie, mit Hilfe von Gewalt die öffentliche Meinung zu gewinnen und zuletzt die Macht zu erobern.

Wie stets bekennt Hitler seine eigenen Pläne, indem er sie dem politischen Gegner unterschiebt:

Was dem Marxismus einst den Erfolg gegeben hatte, war das vollendete Zusammenspiel von politischem Wollen und aktivistischer Brutalität. Was das nationale Deutschland von jeder praktischen Gestaltung der deutschen Entwicklung ausschaltete, war das Fehlen einer geschlossenen Zusammenarbeit brutaler Macht mit genialem politischem Wollen.

Die „Sturmabteilung“ wurde gegründet, um Hitlers Pläne praktisch umzusetzen. Wie gewöhnlich versucht Hitler, die eigene Gewalt durch Projektion auf den Gegner als reine Notwehr auszugeben:

Die junge Bewegung stand dabei vom ersten Tage an auf dem Standpunkt, daß ihre Idee geistig zu vertreten ist, daß aber der Schutz dieser Vertretung, wenn notwendig, auch durch brachiale Mittel gesichert werden muß. Getreu ihrer Überzeugung von der ungeheueren Bedeutung der neuen Lehre erscheint es ihr selbstverständlich, daß für die Erreichung des Zieles kein Opfer zu groß sein darf.

Das Wort „Opfer“ ist hier wohl nicht versehentlich zweideutig. Denn noch weniger als Opfer in den eigenen Reihen scheute Hitler Opfer unter den Feinden. Die SA diente selbstverständlich nicht nur dem Schutz, sondern ging unmittelbar zum Angriff über. Gewalt war für Hitler nicht nur eine Möglichkeit, unliebsame Konkurrenten und Gegner auszuschalten. Wichtiger noch war ihm die Gewalt als politisches Mittel der symbolischen Machtdemonstration. Er ging von der Annahme aus, die Masse des Volkes sei träge und feige; sie werde sich also bereitwillig der Partei unterwerfen, die durch Terror die größte Stärke zeige.

Was wir brauchten und brauchen, waren und sind nicht hundert oder zweihundert verwegene Verschwörer, sondern hunderttausend und aber hunderttausend fanatische Kämpfer für unsere Weltanschauung. Nicht in geheimen Koventikeln soll gearbeitet werden, sondern in gewaltigen Massenaufzügen, und nicht durch Dolch und Gift oder Pistole kann der Bewegung die Bahn freigemacht werden, sondern durch die Eroberung der Straße. Wir haben dem Marxismus beizubringen, daß der künftige Herr der Straße der Nationalsozialismus ist, genau so, wie er einst der Herr des Staates sein wird.

Um seine Strategie zu erproben, nutzte Hitler die Einladung zu einem Treffen völkischer Gruppen in Coburg unter dem Titel „Deutscher Tag“. Hitler beförderte Hunderte SA-Männer aus ganz Bayern im Sonderzug in die Stadt und ließ sie in militärischer Formation mit Musik und Fahnen durch die Straßen marschieren. In der Stadt protestierten linke Arbeiter lautstark gegen diese Provokation. Nach Aussage Hitlers waren es natürlich die Marxisten, die den ersten Stein warfen. Auf jeden Fall begann eine Straßenschlacht, bei der Hitler seine Sturmtruppen die Gegner mit äußerster Brutalität vertreiben ließ. In der Nacht setzte sich die Gewalt von beiden Seiten fort. Am nächsten Tag zeigte sich, dass die linken Gegner durch die Ereignisse eingeschüchtert waren. Wichtiger aber noch war für Hitler, dass diese rücksichtslose Demonstration der Stärke der NSDAP Sympathien beim Bürgertum der Stadt einbrachte:

Und nun konnte man sehen, wie die bisher ängstlich eingeschüchterte Bevölkerung langsam aufwachte, Mut bekam, durch Zurufe und Winken uns zu begrüßen wagte und abends bei unserem Abzug an vielen Stellen in spontanen Jubel ausbrach.

Dass Hitler hier nicht flunkerte, beweisen die Wahlergebnisse der folgenden Jahre. Die NSDAP errang 1929 im Stadtrat die absolute Mehrheit, 1931 wurde ein Nationalsozialist zum Bürgermeister gewählt, 1932 wurde Hitler zum Ehrenbürger ernannt. Coburg durfte im Dritten Reich den Unehrentitel „Erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands“ tragen. In Coburg funktionierte Hitlers Strategie also zum ersten Mal: Die Nationalsozialisten empfahlen sich durch ihre gewaltsame Demonstration der Stärke jenen mittelständischen Bürgern als Schutzmacht, die sich vor dem wachsenden Einfluss der Arbeiter und dem Sieg des Bolschewismus fürchteten. Zugleich öffneten die Nazis die Schleusen für den kleinbürgerlichen, provinziellen Antisemitismus; Neid und Hass konnten nun offen in Terror und Beraubung ausbrechen. Schon kurz nach dem „Deutschen Tag“ griffen SA-Männer in Coburg erstmals einen jüdischen Unternehmer an.

Wenn man aus dieser tristen Geschichte etwas lernen kann, dann vielleicht Folgendes: Man verhindert den Aufstieg einer faschistischen Partei nicht dadurch, dass man ihren Provokationen auf den Leim geht, gewaltsam ihre Anhänger angreift und Veranstaltungen sprengt, wie dies die KPD in der Weimarer Republik unternahm. Unabhängig davon, was man moralisch davon halten mag, ist es politisch unklug: Die Angst vor dem Chaos eines Bürgerkriegs treibt den Nazis nämlich nur noch zusätzlich jede Menge verängstigte Bürger in die Arme, besonders dann, wenn der Eindruck entsteht, die Gesellschaft zerfalle in genau zwei verfeindete Lager. Meiner bescheidenen Ansicht nach reagiert man auf rechte Provokationen wirkungsvoller mit Aufklärung, Spott und einem friedlichen Widerstand, der den Tätern jeden Vorwand nimmt, sich als Opfer auszugeben. Auch diese Strategie garantiert allerdings keinen Erfolg. Wenn sich, wie zum Ende der Weimarer Republik, die bürgerlichen Eliten samt Polizei, Armee und Justiz mit den Faschisten verbünden, dann ist jeder Widerstand vergeblich.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Wie man nicht über die Sache streitet

Oft kommt man, im Internet oder im noch wirklicheren Leben, in die Verlegenheit, mit einem Andersdenkenden sprechen zu müssen. Solche Diskussionen bergen Gefahren. Man kann sich blamieren, weil man im Streit nicht recht behält. Oder man wird am Ende gar von den Argumenten des Gegners überzeugt. Um dies zu verhindern, haben sich eine Reihe von Kunstmitteln bewährt. Die zehn besten seien hier zum allgemeinen Nutzen vorgestellt:

Erklären Sie gleich vorneweg, die ganze Sache sei ohnehin unwichtig und nicht der Rede wert. Das gibt Ihnen die Möglichkeit, aus dem Gespräch auszusteigen, sobald es irgendwie brenzlig wird.

Behaupten Sie, es seien beide Meinungen gleich berechtigt, weshalb es gar keinen Zweck habe, über die eine oder über die andere zu diskutieren. Es habe eben jeder seinen Standpunkt und damit gut. So ein Unentschieden ist auf jeden Fall immer noch besser als eine Niederlage.

Versichern Sie Ihrem Gegenüber, es sei gar nicht fähig und würdig, über ein so wichtiges und komplexes Problem mitzureden. Es fehle doch erkennbar an Lebenserfahrung, an einem Abitur oder an einem Penis.

Reden Sie nicht über die Meinung Ihres Gegners, sondern über die Gefühle, die dessen Haltung bei Ihnen auslöst. Insbesondere schmerzliche Empfindungen geben Ihnen zweifellos das Recht, die Sache nicht weiter zu besprechen und als Sieger der Herzen das Schlachtfeld zu verlassen. Tränen lügen nicht.

Kritisieren Sie nicht die Argumente Ihres Feindes, unterstellen Sie ihm besser üble Motive. Weisen Sie ihm nach, dass er nur vom Neid angetrieben wird oder als bezahlter Agent finsterer Mächte agiert.

Wechseln Sie im passenden Moment das Thema, vorzugsweise zu einem, das dem Gegner unangenehm ist. Versucht dieser, Sie zurück zur Sache zu rufen, dann werfen Sie ihm vor, er habe wohl etwas zu verbergen und wolle im passenden Moment das Thema wechseln.

Reden Sie ausschließlich in unverständlichen Andeutungen, raunen Sie möglichst vieldeutig, sodass es Ihrem Kontrahenten unmöglich wird, Sie bei irgendeiner konkreten Aussage zu fassen. Werden Sie zum Mäuslein, das dem Jäger stets entkommt, weil es immer ein Schlupfloch in der Nähe findet.

Äußern Sie die Behauptung, auch Hitler, Stalin und Dieter Nuhr hätten in dieser Sache nachgewiesenermaßen die gegnerische Position vertreten, was deren Falschheit, ja Bösartigkeit schon zur Genüge beweise und jede weitere Diskussion überflüssig und sogar gefährlich mache.

Brüllen Sie so laut und ausdauernd Beleidigungen, dass die Stimme des Feindes nie zu hören ist. Halten Sie sich, wenn nötig, außerdem auch noch die Ohren zu. Der Feind wird nach einer Weile entnervt abwinken und verschwinden.

Hauen Sie Ihrem Gegner tüchtig auf’s Maul und laufen Sie dann ganz schnell davon.

Zitat des Monats Januar

Die Männer aus den Gesellschaftsklubs und die Arbeiter-Gruppe weichen in den mittleren F[aschismus]-Punktwerten nicht wesentlich voneinander ab. Das wird nur den überraschen, der alle wichtigen Unterschiede in den sozialen Verhaltensweisen aus der sozio-ökonomischen Gruppenzugehörigkeit zu erklären gewohnt ist, und der die Arbeiter als Hauptträger liberaler Ideen sieht. Natürlich wird ihnen auf Grund der gegebenen ökonomischen und sozialen Tatsachen die entscheidende Rolle im Kampf gegen die wachsende Konzentration wirtschaftlicher Macht zufallen, wenn sie im eigenen Interesse handeln, doch wäre es leichtsinnig, die Empfänglichkeit für faschistische Propaganda in diesen Massen zu unterschätzen. Aus unserer Sicht gibt es keinen Grund für die Annahme, die autoritären Strukturen, mit denen wir uns hier beschäftigen, seien innerhalb der Arbeiterklasse weniger stark entwickelt als in anderen Bevölkerungsschichten.

Erwähnenswert ist, als weiterer Aspekt des „funktionalen“ Charakters des Antisemitismus, daß wir häufig Angehörigen anderer Minderheiten mit stark „konformistischen“ Tendenzen begegneten, die ausgesprochen antisemitisch reagierten. Unter den verschiedenen Fremdgruppen war kaum eine Spur von Solidarität zu finden; vielmehr ist es die Regel, die „Last abzuschieben“, andere Gruppen zu diffamieren, um den eigenen sozialen Status in ein besseres Licht zu rücken.

Schon der beiläufige Blick in das Material genügte, um die Vermutung zu bestärken, daß die sozial Unterdrückten häufig eher dazu neigen, den Druck an andere weiterzugeben, als sich mit ihren Leidensgenossen zu verbünden.

Theodor W. Adorno in: ders., Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford: The Authoritarian Personality, dt. Studien zum autoritären Charakter (1950)

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Das kernige Wort aus dem Munde von Schillers Wilhelm Tell scheint ein machtvolles Prachtkapitel anzukündigen. Tatsächlich setzt sich Hitler in diesem kurzen Abschnitt aber auf recht kleinkarierte Weise mit konkurrierenden Parteien im völkischen Lager auseinander. Die Formationen mit Namen wie Nationalsozialer Volksbund, Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund, Deutschvölkische Freiheitspartei und Deutschsozialistische Partei sind heute vergessen, weil sie sich noch vor 1933 auflösten oder in der NSDAP aufgingen. Zu ihrer Zeit aber waren sie zeitweise größer und einflussreicher als die NSDAP.

Hitler unterschied zwischen zwei Sorten von Konkurrenten, den ehrlichen und den diebischen. Jene hatten aus eigenem Antrieb eine der NSDAP verwandte Sendung, diese kopierten bloß nachträglich das Programm der Nationalsozialisten, um an ihrem Erfolg teilzuhaben. Hitlers Grenzziehung zwischen beiden Gruppen war allerdings willkürlich. Und in Wirklichkeit war es natürlich Hitler selbst gewesen, der seine Ideologie bedenkenlos bei Vorgängern zusammengestohlen hatte. Zumeist würdigte er die beklauten völkischen Vordenker in Mein Kampf nicht einmal namentlich. Lobend erwähnt er hingegen in diesem Kapitel Julius Streicher, den wohl widerlichsten aller Antisemiten, weil dieser ehemalige Konkurrent in beispielhafter Weise aus freien Stücken mit seinen fränkischen Anhängern zur NSDAP gekommen sei. (Tatsächlich wurde er auch gut bezahlt.)

Hitlers Taktik im Umgang mit politischen Konkurrenten war ein Kurs der Ausschließlichkeit:

Durch die Bildung einer Arbeitsgemeinschaft werden schwache Verbände niemals in kräftige verwandelt, wohl aber kann und wird ein kräftiger Verband durch sie nicht selten eine Schwächung erleiden. Die Meinung, daß aus der Zusammenfassung schwacher Gruppen sich ein Kraftfaktor ergeben müsse, ist unrichtig, da die Majorität in jeglicher Form und unter allen Voraussetzungen erfahrungsgemäß die Repräsentantin der Dummheit und Feigheit sein wird und mithin jede Vielheit von Verbänden, so wie sie durch eine selbstgewählte mehrköpfige Leitung dirigiert wird, der Feigheit und Schwäche ausgeliefert ist. Auch wird durch solchen Zusammenschluß das freie Spiel der Kräfte unterbunden, der Kampf zur Auslese des Besten abgestellt und somit der notwendige und endgültige Sieg des Gesünderen und Stärkeren für immer verhindert.

Um seinen totalen Führungsanspruch und die programmatische Uniformität der NSDAP nicht zu gefährden, lehnte Hitler jede dauerhafte Zusammenarbeit mit anderen Parteien ab. Zusammenschlüsse akzeptierte er nur in der Form einer bedingungslosen Unterordnung der anderen. Zugleich achtete er darauf, alle Konkurrenten an Radikalität immer zu überbieten. Alle innerparteilichen Gegner, die einen gemäßigteren Kurs verfolgten, zwang er nieder oder zum Austritt. Am Ende hatte diese Taktik Erfolg – allerdings auch, weil die katastrophale Wirtschafts- und Staatskrise Anfang der dreißiger Jahre eben der Partei die günstigste Position beim Publikum verschaffte, die am aggressivsten alles Bestehende verneinte. Und das war die NSDAP.

Gewohnt größenwahnsinnig erhob Hitler seine Strategie gleich zum Gesetz der Weltgeschichte:

Man vergesse niemals, daß alles wirklich Große auf dieser Welt nicht erkämpft wurde von Koalitionen, sondern daß es stets der Erfolg eines einzelnen Siegers war. Koalitionserfolge tragen schon durch die Art ihrer Herkunft den Keim zu künftigem Abbröckeln, ja zum Verlust des schon Erreichten. Große, wahrhaft weltumwälzende Revolutionen geistiger Art sind überhaupt nur denkbar und zu verwirklichen als Titanenkämpfe von Einzelgebilden, niemals aber als Unternehmen von Koalitionen.
So wird auch vor allem der völkische Staat niemals geschaffen werden durch das kompromißhafte Wollen einer völkischen Arbeitsgemeinschaft, sondern nur durch den stahlharten Willen einer einzigen Bewegung, die sich durchgerungen hat gegen alle.

1933 gelangte Hitler dann an die Macht – allerdings dank einer Koalition. Einige konservative Trottel glaubten allen Ernstes, sich Hitler „engagieren“ zu können. Offenbar zählten sie zu den vielen, die Mein Kampf nicht sehr aufmerksam gelesen hatten.

Ist es übertrieben, ja vielleicht gar hysterisch, wenn ich in Mein Kampf schon wieder etwas über Björn Höcke von der Alternative für Deutschland zu lesen glaube? Dessen im schönen Dresden ausgesprochene „Machtergreifungsphantasie“ (Achim Wesjohann) entspricht aber eben leider nur allzu deutlich der Strategie des Führers. Höcke tritt dafür ein, eine „Fundamentalopposition“ zum bestehenden „Regime“ zu betreiben, allerdings eine „inhaltliche“, keine „strukturelle“. Dies entspricht dem Vorgehen der NSDAP, die das Weimarer „System“ inhaltlich radikal ablehnte, sich aber dennoch an Wahlen beteiligte und in die Parlamente ging, um die Republik von innen zu zersetzen. Höcke verlangt auch, die AfD müsse eine „Bewegungspartei“ bleiben, engstens vernetzt mit den Protestformen der Straße. Welchen Wert die Nazis darauf legten, als „Bewegung“ zu gelten und die Parlamente wie die Straßen zu erobern, ist bekannt. Schließlich finden wir auch Hitlers Anspruch auf Ausschließlichkeit bei Höcke wieder:

Die AfD ist die letzte evolutionäre, sie ist die letzte friedliche Chance für unser Vaterland. Damit sie es sein kann, muss sie sich als inhaltliche – nicht als strukturelle, als inhaltliche! – Fundamentalopposition verstehen, denn sie ist die einzig relevante politische Kraft des Bewahrenden, die gegen die kollektiven Kräfte der Auflösung der One-World-Ideologen und ihrer Verbündeten steht.

Dementsprechend zählt für Höcke nichts außer einem „vollständigen Sieg der AfD“:

Wir werden das so lange durchhalten, bis wir in diesem Lande 51 Prozent erreicht haben, oder aber als Seniorpartner – als Seniorpartner! – in einer Koalition mit einer Altpartei sind, die durch ein kathetisches [gemeint wohl: kathartisches] Fegefeuer gegangen ist, die sich selbst wiedergefunden hat, und die abgeschworen hat von einer Politik gegen das Volk, um endlich wieder zu einer Politik für das eigene Volk […].

Nur ein totaler Sieg der AfD, die sich zuvor ganz dem kompromisslosen Höcke-Kurs angeschlossen hat, kann also Deutschland noch vor dem Untergang retten. Allenfalls um die Macht zu erringen, wäre eine Koalition mit einer anderen Partei denkbar, die zuvor allerdings ihren alten, eigenen Charakter völlig aufzugeben hätte. Mal sehen, ob die blauen Augen von Björn Höcke verführerisch genug sind, um eine andere Partei zu einer solchen Heirat zu bewegen.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016