Neuerscheinung: „Die Emanzipation des Fleisches und ihre Gegner. Literarischer Sensualismus zwischen Romantik und Vormärz“

Um das Jahr 1800 betritt eine Gruppe junger Autoren das literarische Feld, die später unter dem Namen Frühromantik in die Literaturgeschichte eingehen wird. Durch gezielte Provokationen erringen die Dichter und Kritiker die Aufmerksamkeit des Publikums, machen sich aber auch viele Feinde in den Reihen der Spätaufklärung. Gerade die Ideen zur Aufwertung der Sinnlichkeit und Weiblichkeit, wie sie besonders in Friedrich Schlegels Roman Lucinde zum Ausdruck kommen, sorgen für skandalöses Aufsehen und polemische Debatten. Wenige Jahre später ist vom frühromantischen Aufbruch nur noch wenig geblieben. Im Kampf gegen die Napoleonische Fremdherrschaft propagiert die gereifte romantische Bewegung Patriotismus und eine Rückkehr zum Christentum – erotische Dichtungen stehen nun im Verdacht, französische Unmoral zu verbreiten. Während die Autoren der romantischen Bewegung sich von ihrer eigenen Jugend distanzieren, nimmt der Dichter Heinrich Heine in den zwanziger und dreißiger Jahren die Idee des Sensualismus programmatisch wieder auf. Seinem Vorbild folgt eine Avantgarde um den jungen Schriftsteller Karl Gutzkow, die bald unter dem Namen Junges Deutschland bekannt wird. Gutzkows Roman Wally, die Zweiflerin, der aufs Neue die freie Liebe und die Emanzipation der Frau diskutiert, erregt einen Skandal wie einst Schlegels Lucinde. Die Jungdeutschen eignen sich frühromantische Ideen dabei nicht nur an, sie instrumentalisieren sie auch im literaturpolitischen Kampf gegen die Spätromantik. Und spätromantische Autoren wie Ludwig Tieck und Clemens Brentano sehen sich gezwungen, auf die Provokation durch die jungen Konkurrenten zu reagieren und sich dabei auch mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Die 2015 an der TU Dresden als Dissertation angenommene Arbeit ist ein Beitrag zur Literaturgeschichte des Sensualismus wie auch zum komplexen Verhältnis von Romantik und Vormärz. Methodisch kombiniert die Arbeit Ansätze der Literatursoziologie Pierre Bourdieus mit einer zeitgemäßen Ideengeschichte.

Das Buch ist im Buchhandel oder direkt beim Verlag Thelem erhältlich.

Termine der Woche

Am Donnerstag (2. März) darf ich wieder einmal bei einer der schönsten Lesebühnen Berlins mitlesen, den Couchpoetos. Die Stammautoren sind Sarah Bosetti, Daniel Hoth, Karsten Lampe, Aidin Halimi, Jan von im Ich und Ingo Starr. Ich bin gespannt, denn die Couchpoetos haben jüngst einen neuen Ort für sich erobert, das Lovelite Berlin in Friedrichshain. Los geht es um 20:30 Uhr. Tickets kann man auch im Vorverkauf erwerben.

Am Montag (6. März) moderiere ich in Dresden auf Einladung der Sächsischen Akademie der Künste ein Gespräch der Diskussionsreihe „Jetzt! Zur Zeit“. Ich spreche mit der Publizistin Carolin Emcke und dem Dichter Durs Grünbein über die gegenwärtigen Erfolge der Rechtspopulisten, den Streit um kulturelle Identitäten und die Rolle der Intellektuellen in diesen Auseinandersetzungen. Das Gespräch beginnt um 18:30 Uhr, der Eintritt ist frei.

Aus meiner Fanpost (23): Auf den Scheiterhaufen

Herr Zeitungsschmierer,
anscheinend haben Sie vergessen, wie schnell ein übermächtiges, radikales Regime durch des volkes Willen davongejagt wurde, friedlich und ohne Hetze! Was wollen Sie mit Ihrem Hass auf die AfD erreichen. Denken Sie daran, Sie befinden sich in Sachsen und nicht in NRW, wo der Multikultiwahn und die Lüge von der Integration erfunden wurden. Türkische Deutschhasser in der 3. Generation in Deutschland geboren und in allen Großstädten der alten Bundesländern muslimische Parallelgesellschaften. Dagegen kämpft die AfD und Pegida sowieso. Wir sind gekommen um zu bleiben und wir bleiben um zu siegen. Und Sie werden auf dem Scheiterhaufen der Geschichte verschwinden.
Viel Spaß beim Hassen und beim Hetzen.

Manfred S***, per E-Mail

Zitat des Monats Februar

Sehr geehrter Herr „Schriftsteller“
Sie gehören wegen Beleidigung, Volksverhetzung und der Verwendung von Parolen grundgesetzfeindlicher Systeme endlich vor Gericht gestellt und weggespererrt , wenigstens 5 Jahre !
Ich hoffe auf baldige Realisierung

Manfred S***, per E-Mail

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE deutsche ARBEITERPARTEI…

Mit dieser historisch extravaganten These machte Erika Steinbach auf sich aufmerksam, als sie noch Politikerin der CDU war. In rechtsradikalen Kreisen ist die These inzwischen modisch geworden, belegt meist mit einem Zitat des jungen Dr. Goebbels, der einmal davon sprach, die NSDAP verkörpere „die deutsche Linke“ gegen die rechten Besitzbürger. Man muss schon arg verblendet sein, um die Haltlosigkeit dieser Argumentation nicht zu durchschauen. Wäre jeder, der sich „sozialistisch“ nennt, auch tatsächlich Sozialist, müsste man wohl auch die DDR für demokratisch halten, da sie sich ja selbst „demokratisch“ nannte. Und wer, um sich die Linksthese einreden zu können, dem abgefeimtesten Lügner der deutschen Geschichte aufs Wort glaubt, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen. Die NSDAP als linke Partei – das ist nichts als der plumpe Versuch der Rechten, die Verantwortung für ihre Diktatur durch eine Geschichtsfälschung auf den politischen Gegner abzuwälzen.

Unzweifelhaft wahr ist es allerdings, dass sich die NSDAP um die Stimmen der Arbeiter bemühte, indem sie nicht nur gegen den „Marxismus“, sondern auch gegen den „Kapitalismus“ agitierte. Wie der italienische Faschismus beanspruchte auch der deutsche Nationalsozialismus, einen dritten Weg zwischen den beiden Erzübeln zu weisen. Und es finden sich unter den Anhängern und Wählern der NSDAP auch tatsächlich Arbeiter, wiewohl die organisierte Arbeiterschaft und die Masse der gläubigen Katholiken jene beiden Gruppen waren, bei denen die Nazis die geringsten Erfolge hatten. Die NSDAP wurde zur ersten deutschen Volkspartei, indem sie autoritär und nationalistisch eingestellte Menschen aller Klassen ansprach. Vor allem aber versammelte sie Angehörige des Mittelstandes, die sich vor den Proleten fürchteten und die Juden beneideten.

Es ist aber einzuräumen: Es gab in der NSDAP anfangs auch einen Flügel um die Gebrüder Strasser, der tatsächlich sozialistische Ziele wie die Sozialisierung von Großbetrieben und Banken verfolgte. Dieser Flügel aber wurde von Hitler noch vor der Machtergreifung gespalten und entmachtet. Den Rebellen Joseph Goebbels etwa machte sich Hitler durch persönliche Gunstbeweise gefügig. Als Otto Strasser enttäuscht mit dem Schlachtruf „Die Sozialisten verlassen die NSDAP!“ aus der Partei austrat, folgte ihm kaum jemand. Offenbar gab es die Sozialisten in der Partei gar nicht, nach denen er rief. Hitler jedenfalls lag nichts ferner als eine Umwälzung von Vermögens- und Produktionsverhältnissen. Wenn er von „Sozialismus“ sprach, meinte er nichts weiter als den sozialen Zusammenhalt des Volkes, also eigentlich den Nationalismus. Der konservative Publizist Joachim Fest resümierte in seiner Hitler-Biografie: „Das linke Etikett trug diese Ideologie vor allem aus machttaktischen Erwägungen.“

Das Kapitel Die Gewerkschaftsfrage zeigt Hitlers ökonomische Einstellungen – oder besser: Es belegt seine ängstliche Scheu, über ökonomische Fragen auch nur zu sprechen. In keinem anderen Kapitel des Buches zeigt sich der Autor Hitler so vorsichtig, unsicher und widerspruchsvoll. Der parteiinterne Streit um die Frage, ob es eine eigene nationalsozialistische Gewerkschaft geben sollte, war für Hitler äußerst unangenehm. Der Klassenkampf war seiner Ansicht nach ja nur eine Erfindung der jüdischen Marxisten, um die Völker zu spalten:

Nicht die Gewerkschaft ist „klassenkämpferisch“, sondern der Marxismus hat aus ihr ein Instrument für seinen Klassenkampf gemacht. Er schuf die wirtschaftliche Waffe, die der internationale Weltjude anwendet zur Zertrümmerung der wirtschaftlichen Basis der freien, unabhängigen Nationalstaaten, zur Vernichtung ihrer nationalen Industrie und ihres nationalen Handels und damit endlich zur Versklavung freier Völker im Dienste des überstaatlichen Weltfinanz-Judentums.

Die Möglichkeit einer nicht-marxistischen, nationalsozialistischen Gewerkschaft schloss er nicht aus:

Die nationalsozialistische Gewerkschaft hat demgegenüber durch die organisatorische Zusammenfassung bestimmter Gruppen von Teilnehmern am nationalen Wirtschaftsprozeß die Sicherheit der nationalen Wirtschaft selbst zu erhöhen und deren Kraft zu stärken durch korrigierende Beseitigung all jener Mißstände, die in ihren letzten Folgeerscheinungen auf den nationalen Volkskörper destruktiv einwirken, die lebendige Kraft der Volksgemeinschaft, damit aber auch die des Staates schädigen und nicht zuletzt der Wirtschaft selbst zum Unheil und Verderben geraten.

„Bestimmte Gruppen“, „jene Mißstände“ – kann man sich klarer ausdrücken? Der Leser spürt förmlich das Unbehagen des Führers, sich mit solchen Fragen überhaupt beschäftigen zu müssen. Die Ökonomie war Hitler wurscht, ihn interessierte einzig die militärische Schlagkraft des deutschen Volkes im Daseinskampf. Dummerweise zeigte sich im parteiinternen Streit um Notwendigkeit und Aufgabe einer braunen Gewerkschaft, dass der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit auch die NSDAP durchzog. Hitler wusste, dass eine Entscheidung der Frage die Partei entzweien konnte. Denn es gab eben auch mittelständische Mitglieder und industrielle Sponsoren der NSDAP, die von Gewerkschaften generell gar nichts hielten. Darum vermied er in höchst untypischer Weise ein Machtwort, das Kapitel endet halbherzig: Die Idee einer nationalsozialistischen Gewerkschaft sei zwar an sich nicht übel, doch fehle es im Moment noch an geeigneten Leuten und Erfolgsaussichten, darum lasse man die Sache besser erst einmal bleiben.

Wie kam Hitler mit solchen Halbheiten durch? Er appellierte an die urdeutsche Sehnsucht nach Harmonie, nach dem glücklichen Aufgehen des Teils im Ganzen:

Der nationalsozialistische Arbeitnehmer muß wissen, daß die Blüte der nationalen Wirtschaft sein eigenes materielles Glück bedeutet.
Der nationalsozialistische Arbeitgeber muß wissen, daß das Glück und die Zufriedenheit seiner Arbeitnehmer die Voraussetzung für die Existenz und Entwicklung seiner eigenen wirtschaftlichen Größe ist.
Nationalsozialistische Arbeitnehmer und nationalsozialistische Arbeitgeber sind beide Beauftragte und Sachwalter der gesamten Volksgemeinschaft.

„Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“, die sich zusammenraufen, um gemeinsam den nationalen Wohlstand zu mehren? Hier nahm Hitler schon die Ideologie der sozialen Marktwirtschaft der BRD vorweg. Doch folgte bei ihm auf den Ruf nach Versöhnung im Inneren immer sogleich der aggressive Schlachtruf nach draußen. Die völkische Einheit sollte nur die Kraft verleihen für den Angriff auf den fremden Feind: Rassenkampf statt Klassenkampf.

***

Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

***

Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

„Menschenmaterial“ war eines der Lieblingsworte Adolf Hitlers. Er hatte das Wort nicht erfunden, es war in seiner Zeit gebräuchlich, dennoch bezeichnet es seine eigentümliche Denkweise ziemlich gut. Menschen waren für ihn im Allgemeinen keine Individuen, sondern Dinge – Werkzeuge oder Waffen, die es zweckmäßig zu gebrauchen, oder Hindernisse, die es zu beseitigen galt. Die Menschheit war nur der Stoff, in dem er seine Wahnideen verwirklichen wollte. Wenn moralisches Verhalten darin besteht, Menschen nie bloß als Mittel, sondern immer auch als Zweck zu behandeln, dann war Hitlers Denken im Kern bösartig. Das Wort „Menschenmaterial“ ist aus der Mode gekommen, wahrscheinlich, weil inzwischen eine akademische Jury jährlich Unwörter verurteilt, auf dass die Sprache nicht ganz so hässlich aussehe wie die Wirklichkeit. Allenfalls lassen sich heutzutage noch „humane Ressourcen“ vernutzen.

Hitler plante den effizienten Gebrauch seiner humanen Ressourcen auf dem Weg zur totalen Herrschaft wie folgt:

Jede Bewegung wird das von ihr gewonnene Menschenmaterial zunächst in zwei große Gruppen zu sichten haben: in Anhänger und Mitglieder. […]
Anhänger einer Bewegung ist, wer sich mit ihren Zielen einverstanden erklärt, Mitglied ist, wer für sie kämpft. […]
Die Erkenntnis in ihrer passiven Form entspricht der Majorität der Menschheit, die träge und feige ist. Die Mitgliedschaft bedingt aktivistische Gesinnung und entspricht damit nur der Minorität der Menschen.
Die Propaganda wird demgemäß unermüdlich dafür zu sorgen haben, daß eine Idee Anhänger gewinnt, während die Organisation schärfstens darauf bedacht sein muß, aus der Anhängerschaft selbst nur das wertvollste zum Mitglied zu machen.

Hitler entwarf hier (vielleicht mit halbbewussten Anleihen bei Lenin) das Konzept einer kleinen, schlagkräftigen und radikalen Kaderpartei, die zwar um die Zustimmung der Massen kämpft, nicht aber um massenhaften Zulauf. (Als die NSDAP, besonders nach 1933, dann doch zur Massenpartei anschwoll, wurden zeitweilige Aufnahmestopps verhängt. Und Hitler sorgte dafür, dass immer neue Eliten innerhalb der Eliten gegründet wurden, so besonders die SS.) Die Reinheit der Lehre wie die Totalität seiner Führung wollte Hitler nie durch Zugeständnisse und Kompromisse gefährden.

Höchste Aufgabe der Organisation ist es daher, dafür zu sorgen, daß nicht irgendwelche innere Uneinigkeiten innerhalb der Mitgliedschaft der Bewegung zu einer Spaltung und damit zur Schwächung der Arbeit in der Bewegung führen; weiter daß der Geist des entschlossenen Angriffs nicht ausstirbt, sondern sich dauernd erneuert und festigt.

Um die Einheit nicht zu gefährden, würgte Hitler auch alle Programmdiskussionen ab und erklärt die 25 Punkte des schmalen Gründungsprogramms für unabänderlich. Es überrascht nicht, dass Hitler auch kein Freund der innerparteilichen Demokratie war, denn Debatten fördern Meinungsunterschiede zutage und Abstimmungen zerlegen die Mitgliederschaft in Fraktionen.

Jedenfalls muß aber eine Bewegung, die den parlamentarischen Wahnsinn bekämpfen will, selbst von ihm frei sein.

Die NSDAP sollte für sich schon im Kleinen das Dritte Reich verkörpern, um nach der Machtergreifung sogleich an die Stelle des bestehenden Systems treten zu können. Hitlers Taktik war bekanntlich erfolgreich, deshalb verwundert es nicht, wenn sie auch heute noch Nachahmer findet. Die erfolgreichen rechtsradikalen Parteien Europas verzichten auf ein allzu konkretes Programm und sind in undemokratischer Weise auf eine einzige Führungsfigur zugeschnitten. Die Niederländische Partij voor de Vrijheid besteht sogar buchstäblich nur aus einem Mitglied, nämlich Geert Wilders. Die deutschen Rechtsradikalen haben seit dem Zweiten Weltkrieg vergleichsweise wenig erreicht, weil sie immer wieder von ihren Kaninchenzüchtervereinsinstinkten behindert werden. Sie wollen alles sauber und ordentlich regeln, sie wollen ein ausführliches Programm schreiben, sie wollen diskutieren und abstimmen. Hitler bekäme auf einem der chaotischen Parteitage der Alternative für Deutschland einen seiner gefürchteten Wutanfälle. Gäbe es die inneren Querelen bei der AfD nicht, hätte ein charismatischer Mann die unumschränkte Führung übernommen, die Partei wäre längst mächtiger.

Hitler war in seinen ideologischen Grundüberzeugungen starr, im Taktischen aber ein geschickter Opportunist. Er hatte deswegen auch keine Probleme damit, sich die Arbeit von Fachleuten zunutze zu machen, selbst wenn diese keine überzeugten Parteigänger waren.

Wer für sein Volk wirklich Wertvolles schafft, bekundet damit eine ebenso wertvolle Gesinnung, während ein anderer, der bloß Gesinnung heuchelt, ohne in Wirklichkeit seinem Volke nützliche Dienste zu verrichten, ein Schädling jeder wirklichen Gesinnung ist.

Hitler erregte sich auch darüber, wie „beleidigend und unnationalsozialistisch“ es sei, „wenn Menschen, die eine Sache nicht verstehen, den wirklichen Fachleuten ununterbrochen dreinreden“. Totalitäres und technokratisches Denken gehen durchaus gut zusammen. Dies gilt auch heute noch. Gerne geben sich die gegenwärtigen Wutbürger der Illusion hin, es existierten einfache Lösungen für alle Probleme, nur das überflüssige Streitgeschwätz der demokratischen Politiker verhindere deren sachgemäße Durchführung.

Geschickt sandte Hitler mit seinem Lob der Facharbeit eine Botschaft an die Deutschen: Auch wenn ihr jetzt noch nicht meine Anhänger seid, müsst ihr keine Angst vor meiner Machtergreifung haben. Wer danach brav weiter seine Aufgabe erledigt und seine Pflicht erfüllt, der hat von mir nichts zu befürchten. Hitler wusste, dass er sein Ziel, die Ausrottung der Juden, auch mit einer relativ kleinen Zahl von fanatischen Anhängern würde verwirklichen können, wenn nur die Masse still und gehorsam weiterarbeitete:

Wenn die Propaganda ein ganzes Volk mit einer Idee erfüllt hat, kann die Organisation mit einer Handvoll Menschen die Konsequenzen ziehen.

***

Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

***

Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Der rote Sündenbulle

Der Fußball ist eine kleine Welt geworden, in der sich die große Welt spiegelt. Im Laufe weniger Generationen wurde wie der Rest der Welt auch der Fußball durch den Kapitalismus auf den Kopf gestellt. Einst war der Spieler eines Vereins angestammter Sohn seiner Stadt. Mit rußschwarzem Gesicht radelte er nach der Schicht zum Training, jeden Samstag vertrat er für fünfzig Mark Prämie seine Heimat auf dem Rasen. Aus Amateuren, die ein Leben lang für einen Verein kickten, sind über die Jahre hochbezahlte Profis geworden, die bedenkenlos den Arbeitgeber wechseln, wenn ihnen woanders bessere Bezahlung winkt. Früher waren Spieler Leibeigene, die losgekauft werden mussten, heute sind sie freischaffende Fachkräfte, die wechseln dürfen, wohin sie wollen. Die Globalisierung erlaubt es ihnen, sogar in Japan oder Katar anzuheuern. Aus den Vereinen sind derweil Firmen geworden, die sich am Profit orientieren. Aus Spiel wurde Ernst. Und der Fußball vom Zweck zum Mittel, um Geld zu verdienen. Ein wenig seltsam ist es, dass Menschen sich immer noch als Fans dieser Fußballfirmen verstehen, obwohl sie ja längst eher deren Kunden sind. Aber es soll ja auch Fans von Apple und Opel geben.

Nicht alles an dieser Entwicklung war schlecht: Die Stadien wurden sauberer und friedlicher, weil man auch Familien als Zuschauer anlocken wollte. Und da selbst kleine Vereine ausländische Spieler einstellten, wurde auch der Rassismus zurückgedrängt. Schimpansen, die schwarze Spieler mit Affenlauten beleidigen, hört man im Stadion heute seltener als früher. Doch mit dem Kapitalismus hielt auch die Klassengesellschaft Einzug. Nicht nur sind die Spieler heute Großverdiener, die mit ihren Fans kaum noch etwas gemein haben. Auch das Publikum zerfällt in eine Oberklasse, die in der VIP-Lounge Champagner schlürft, eine Mittelschicht auf den Sitzplätzen und das Fußballproletariat in der Stehkurve. Ganz wie im Rest der Gesellschaft darf der kleine Mann noch zahlen und klatschen, allenfalls auch einmal Buh rufen, zu entscheiden hat er nichts.

Solche Ungleichheit weckt Neid und Zorn. In den Fans rumort das unbestimmte Gefühl, verarscht zu werden. Aber ganz wie im echten Leben solidarisieren sich die einfachen Leute nicht miteinander. Sie könnten durch gemeinsame Zuschauerstreiks gegen Kommerzialisierung und Korruption protestieren. Stattdessen lassen sie sich gegeneinander aufhetzen. Keinen anderen Zweck verfolgt ja auch die laufende Hasskampagne gegen RB Leipzig. Der Leipziger Verein mit Brausesponsor ist der rote Sündenbulle, auf den die anderen stellvertretend ihre eigene Schuld laden. Alle Vereine sind längst kommerzielle Unternehmen, aber allein dem Leipziger Klub wird vorgehalten, er sei nur ein Retortenprodukt und noch dazu aus dem Ausland finanziert. Da kocht die deutsche Volksseele.

Es waren passenderweise die Chefs der Aktiengesellschaft Borussia Dortmund, die bei der Heuchelei am lautesten brüllten. Erst nachdem ihre Hetze vorm Stadion zur Gewalt führte, traten sie mit scheinheiliger Zerknirschung vor die Kamera. Die Ähnlichkeiten zur politischen Wutbürgermalaise dieser Tage sind erstaunlich. Im Stadion hasst man den mit der falschen Trikotfarbe, auf der Straße den mit der falschen Hautfarbe. Zuerst fliegen Beschimpfungen, dann fliegen Flaschen und Fäuste. Es würde mich nicht wundern, wenn dieselben Leute, die RB Leipzig durch einen abgeschlagenen Bullenkopf bedrohten, auch Schweinsköpfe vor Moscheen werfen.

Hoffen wir, dass sich dieser Fußballkampf doch noch friedlich beilegen lässt. Sonst muss der Bürgerkrieg zwischen Rothemden und Gelbhemden vielleicht wie in Thailand durchs Militär beendet werden.

***

Eine kürzere Fassung dieses Textes erschien zuerst als Kolumne der Reihe Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung. Ein Dresdner Leser reagierte mit den nachdenklichen Worten: „Wenn man vom Fußball keine Ahnung hat,einfach mal die fresse halten“.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Gelegentlich hört man, der extreme Antisemitismus sei bloß eine persönliche Macke Hitlers gewesen, habe jedenfalls zum Erfolg des Nationalsozialismus nicht entscheidend beigetragen. Tatsächlich war der Antisemitismus aber das Zentrum von Hitlers Weltanschauung. Die propagandistisch so erfolgreiche Verknüpfung von nationalistischer und sozialistischer Rhetorik wurde erst möglich durch die ausgrenzende Verunglimpfung des marxistischen und anarchistischen Internationalismus als „jüdisch“. Auch hätte Hitler die Gunst des deutschen Mittelstandes nicht erringen können, wäre es ihm durch den Antisemitismus nicht möglich gewesen, zugleich gegen den „jüdischen“ Bolschewismus der Arbeiter und gegen den „jüdischen“ Kapitalismus der Eliten zu agitieren. Aber auch noch in den kleinsten Fragen diente „der Jude“ Hitler immer wieder dazu, Argumentationslücken zu stopfen, Widersprüche zu verkleistern und unsichtbare Ursachen dingfest zu machen. Stets war für Hitler der Jude „Schlüssel zur Lösung des ganzen Rätsels“.

Dies zeigt sich auch in seiner Stellungnahme zum Föderalismus. Diese urdeutsche Tradition musste Hitler in doppelter Hinsicht verdächtig sein: Zum einen widersprachen die traditionellen regionalen Identitäten seinem völkischen Nationalismus, der nur noch Deutsche kannte. Zum anderen konnte eine totale Herrschaft, wie sie Hitler plante, natürlich auch keine föderalistische Gewaltenteilung dulden. Nach 1933 wurden denn auch die Länder rasch entmachtet. Um seinen – historisch betrachtet sehr undeutschen – Zentralismus zu rechtfertigen, denunzierte er den Föderalismus als jüdische Taktik zur Zersetzung der deutschen Nation. So heißt es über die Abneigung der Bayern gegenüber dem preußisch dominierten Reich:

Mochte ruhig Bayern gegen Preußen und Preußen gegen Bayern streiten, je mehr desto besser! Der heißeste Kampf der beiden bedeutete für den Juden den sichersten Frieden. Die allgemeine Aufmerksamkeit war damit vollständig abgelenkt von der internationalen Völkermade, man schien sie vergessen zu haben.

Noch heute machen Faschisten, die im Volk stets eine Einheit sehen müssen, für Entzweiungen dieses Volkes gerne eine kleine, bösartige, fremde Minderheit verantwortlich. Auch bei vielen Bürgern, die den Parteienstreit verabscheuen und sich nach Harmonie sehnen, stoßen solche Erklärungen auf Zustimmung. Nicht ungeschickt setzte Hitler den jüdischen Popanz ein, um sich als Versöhner der zerstrittenen Deutschen zu präsentieren. Er wandte sich auf diese Weise nicht nur „gegen die wahnwitzige Verhetzung der deutschen Stämme untereinander“, sondern auch gegen den Streit der Konfessionen, der ebenfalls vom Juden angeheizt werde, um die Deutschen zu entzweien:

Der Jude hat jedenfalls das gewollte Ziel erreicht: Katholiken und Protestanten führen miteinander einen fröhlichen Krieg und der Todfeind der arischen Menschheit und des gesamten Christentums lacht sich ins Fäustchen.

Auf diese Weise stilisierte sich Hitler einmal mehr zum Erlöser in der Nachfolge Christi. Hitlers Mission beschränkte sich allerdings auf die Errettung des Ariers. Wer über gefestigte Nerven verfügt, gönne sich die volle Dröhnung:

Man halte sich die Verwüstungen vor Augen, welche die jüdische Bastardisierung jeden Tag an unserem Volke anrichtet, und man bedenke, daß diese Blutvergiftung nur nach Jahrhunderten oder überhaupt nicht mehr aus unserem Volkskörper entfernt werden kann; man bedenke weiter, wie diese rassische Zersetzung die letzten arischen Werte unseres deutschen Volkes herunterzieht, ja oft vernichtet, so daß unsere Kraft als kulturtragende Nation ersichtlich mehr und mehr im Rückgang begriffen ist und wir der Gefahr anheimfallen, wenigstens in unseren Großstädten dorthin zu kommen, wo Süditalien heute bereits ist. Diese Verpestung unseres Blutes, an der Hunderttausende unseres Volkes wie blind vorübergehen, wird aber vom Juden heute planmäßig betrieben. Planmäßig schänden diese schwarzen Völkerparasiten unsere unerfahrenen jungen blonden Mädchen und zerstören dadurch etwas, was auf dieser Welt nicht mehr ersetzt werden kann. Beide, jawohl, beide christliche Konfessionen sehen dieser Entweihung und Zerstörung eines durch Gottes Gnade der Erde gegebenen edlen und einzigartigen Lebewesens gleichgültig zu. Für die Zukunft der Erde liegt aber die Bedeutung nicht darin, ob die Protestanten die Katholiken oder die Katholiken die Protestanten besiegen, sondern darin, ob der arische Mensch ihr erhalten bleibt oder ausstirbt. Dennoch kämpfen die beiden Konfessionen heute nicht etwa gegen den Vernichter dieses Menschen, sondern suchen sich selbst gegenseitig zu vernichten. Gerade der völkisch Eingestellte hätte die heilige Verpflichtung, jeder in seiner eigenen Konfession dafür zu sorgen, daß man nicht nur immer äußerlich von Gottes Willen redet, sondern auch tatsächlich Gottes Willen erfülle und Gottes Werk nicht schänden lasse.

Eine recht eigentümliche Vision der Ökumene! In Taizé stießen diese Pläne heute wohl nicht auf ungeteilte Zustimmung. In den dreißiger Jahren begeisterten sie in Deutschland aber doch Millionen von Christen, insbesondere Protestanten, deren Glaube schon so hohl geworden war, dass er sich leicht mit völkischer Ideologie auffüllen ließ. Den Leuten, die nicht mehr so recht an Gott glauben konnten, präsentierte Hitler immerhin noch einen Satan, den Juden, und sich selbst als weltlichen Erlöser. Dabei konnte er an die judenfeindlichen Traditionen des Christentums anschließen und so den Eindruck eines fundamentalen Bruches ohne große Mühe vermeiden. Folgte er denn nicht, als er 1938 die Synagogen anzünden ließ, nur dem entsprechenden Vorschlag Martin Luthers?

***

Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

***

Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Du sollst nicht sollen. Gedanken in Eisenhüttenstadt

Wer nicht weiß, wie er in diesen trüben Zeiten seine Sonntage verbringen soll, dem empfehle ich eine Reise nach Eisenhüttenstadt. Es gibt vielleicht ein paar geringfügig schönere Orte auf der Welt. Aber Schönheit ist nicht alles. Schönheit kann sogar langweilen, wenn sie allzu gefällig nach unserer Gunst hascht. Dies tut Eisenhüttenstadt nicht. Nein, diese Stadt empfängt den Besucher eher herb. Dennoch lohnt sich eine Reise in die Stadt, die in den Fünfzigern aus dem Boden gestampft wurde. In ihr sollten Arbeiter Stahl produzieren, man taufte sie auch zunächst auf den Namen Stalinstadt. Eine gebaute Utopie war Eisenhüttenstadt, ein Experiment der jugendfrischen DDR. Wer heute durch das Zentrum schlendert, der kann erahnen, wie der real existierende Sozialismus ausgesehen hätte, wären ihm nicht schon frühzeitig Geld und Hoffnung ausgegangen. Durchaus anmutig und großzügig wirken die Häuser und Plätze, weit menschenfreundlicher als die späteren Neubausiedlungen mit ihren einförmigen Platten in Fertigbauweise.

Einen Besuch wert ist auch das Dokumentationszentrum zur Alltagskultur der DDR. Es handelt sich nicht, wie man befürchten könnte, um eine ostalgische Sammlung von Zonengerümpel. Nein, die Schau stellt mit allerhand Exponaten klug die verschiedenen Bereiche des Lebens in der DDR vor. In einem der Räume, der sich dem Schulwesen widmet, entdeckte ich etwas wieder, das ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen und längst vergessen hatte: die Zehn Gebote der Jungpioniere. Während ich sie las, fragte ich mich: Hat denn damals wirklich keiner der Genossen geahnt, dass man sich über diese Gebote einmal lustig machen würde? Dass man in ihnen geradezu überdeutlich den Beweis sehen muss, dass der Staatssozialismus bloß eine Ersatzreligion ist, die genauso auf die Gutgläubigkeit ihrer Anhänger vertraut wie das Christentum? Aber vielleicht waren die eifrigen Genossen wirklich überzeugt, man habe die Macht, die Religion zu ersetzen, und könne deren Formen benutzen wie ausgeleerte Gefäße.

Wir Jungpioniere lieben unsere Deutsche Demokratische Republik.

So lautet das erste Gebot. Auch der Gott des Alten Testaments fordert bekanntlich in seinem ersten Gebot Liebe, zeigt sich dabei auch noch außerordentlich eifersüchtig und droht religiösen Fremdgängern damit, ihr Vergehen noch an den Söhnen und Enkeln zu strafen. Man muss wohl sagen, dass auch in der DDR mancher Sohn darunter litt, wenn sein Vater sich mit dem Klassenfeind eingelassen hatte.

Wir Jungpioniere lieben unsere Eltern. Wir Jungpioniere lieben den Frieden.

Vielleicht sollte man grundsätzlich misstrauisch werden, wenn einem befohlen wird, irgendetwas zu lieben, sei es ein Gott, eine Partei oder ein Land. Was liebenswert ist, erweckt Liebe auch ohne Zwang. Aus Gehorsam lieben können wiederum nur passionierte Masochisten.

Wir Jungpioniere halten Freundschaft mit den Kindern der Sowjetunion und aller Länder.

So lautet das vierte Gebot, das aus logischer Sicht seinen Plan etwas übererfüllt. Schließen denn „alle Länder“ die Sowjetunion nicht schon mit ein? Aber es war wohl wichtig, die große Brudermacht noch einmal einzeln herauszustellen, um klar zu machen, dass dies eine Land gleicher als die anderen sei.

Wir Jungpioniere lernen fleißig, sind ordentlich und diszipliniert. Wir Jungpioniere achten alle arbeitenden Menschen und helfen überall tüchtig mit.

Aus solchen Maximen sollte eine Gemeinschaft freier Menschen erblühen? Das kommt wohl dabei heraus, wenn man die Anarchisten, Querdenker und Vagabunden in den Gulag schickt. Übrig bleiben nur die Jasager, Flachköpfe und Spaßbremsen. Wen wundert’s da, dass aus der DDR bloß eine Spießerdiktatur wurde? Immerhin wirken nicht alle Gebote so unsympathisch:

Wir Jungpioniere sind gute Freunde und helfen einander. Wir Jungpioniere singen und tanzen, spielen und basteln gern.

Solchen Geboten unterwirft man sich gerne. Nur das Trinken hätte ruhig auch noch Erwähnung finden können. Das neunte Gebot sorgt aber gleich wieder für Ernüchterung:

Wir Jungpioniere treiben Sport und halten unseren Körper sauber und gesund.

Nein, eine Religion, die uns den erzdummen Turnvater Jahn als Heiligen anbietet, kann einfach nicht der wahre Glaube sein.

Wir Jungpioniere tragen mit Stolz unser blaues Halstuch. Wir bereiten uns darauf vor, gute Thälmannpioniere zu werden.

Zum Thälmannpionier mit dem roten Halstuch habe ich es nicht gebracht, die Wende kam leider dazwischen. Und damit blieb mir auch die kommunistische Kommunion vorenthalten.

Vor einer Weile hörte ich von einem Interview mit Gregor Gysi. Der behauptete da im Gespräch überraschend, eine gottlose Gesellschaft, eine Gesellschaft ohne Kirchen und Religionsgemeinschaften, habe verheerende Folgen. Allein die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland sorgten noch für eine allgemein verbindliche Moral. Gysi glaubt also nicht mehr an Gott, aber immer noch an die Religion? Er kann sich offenbar partout nicht vorstellen, dass Leute auf ihr Gewissen hören, ohne es sich als zornigen Mann mit Bart vorzustellen, es sei Jehovah oder der selige Marx. Eine Moral, der man freiwillig folgt, wäre demnach gar keine, echte Moral müsste knechten. Man folgte ihr nicht aus Überzeugung, sondern weil sie höheren Ortes beschlossen wurde. Mir scheint, hier hat bloß einer ein bisschen autoritäre Hörigkeit aus der DDR in den Westen herübergerettet. Aber erschlagen sich die Leute nicht doch gegenseitig auf den Straßen, wenn es keine verbindliche Moral mehr gibt? Nun, ganz im Gegenteil erschlagen sich erfahrungsgemäß gegenseitig vor allem jene Leute, die der Meinung sind, es müsse eine allgemein verbindliche Moral, Religion oder Weltanschauung geben. (Jeweils ihre eigene natürlich.) Dafür, dass in einer Gesellschaft, in der Menschen verschieden denken, nicht das Chaos ausbricht, sorgt nicht die verbindliche Moral, sondern die Polizei. Das reicht völlig.

An der Wand einer kleinen baptistischen Freikirche in Eisenhüttenstadt sah ich ein großes Kreuz mit vier Worten eines Schriftzuges: „Jesus liebt auch dich“. Mir kam unwillkürlich ein leicht blasphemischer Gedanke. Mir fiel ein, wie Erich Mielke bei seinem letzten großen Auftritt in der Volkskammer der DDR ebenso versichert hatte: „Ich liebe doch alle Menschen!“ Er erntete nur noch Gelächter und sah aus wie ein Leidensmann. Aber es regte sich kein Mitleid mit ihm. Denn es war allzu offensichtlich, dass da einer, der Jahrzehnte lang zwangsweise Gehorsam durchgesetzt hatte, nun, da ihm die Macht verloren ging, plötzlich um Liebe bettelte. Ein Sozialismus, der nicht auf Glaube, Liebe und Hoffnung beruhte, sondern auf Befehl und Gewalt, musste wohl früher oder später im Museum landen.

Termine der Woche

Meine literarische Heimat in Berlin, die Leseshow Zentralkomitee Deluxe, zieht um. Am Mittwoch (15. Februar) sind wir ab 21 Uhr erstmals am neuen Ort, in der Baumhaus Bar am Schlesischen Tor, zu erleben. Es lesen und singen zusammen mit mir die weiteren Stammautoren Noah Klaus, Christian Ritter, Piet Weber sowie als Gäste die Poetin Filo und der Songwriter Sven van Thom.

Am Montag (20. Februar) bin ich Gast der Diskussionsreihe „Jetzt! Zur Zeit“ der Sächsischen Akademie der Künste. Ich spreche mit der Leipziger Autorin Anna Kaleri über schriftstellerisches Engagement in politisch turbulenten Zeiten. Moderator ist der Journalist Oliver Reinhard von der Sächsischen Zeitung. Los geht es um 19 Uhr.