Link zum Text (22): Das Elend der Kultur

Eine wahre Seuche, die unsere Gesellschaft befallen hat, ist die Mode, nicht mehr über einzelne Menschen, sondern nur noch über „Kulturen“ zu reden. Wir schauen nicht mehr auf das Individuum und sein persönliches Handeln, sondern glauben, schon alles über Menschen zu wissen, wenn wir sie nur einer bestimmten „Kultur“ zugeordnet haben. So können wir ganze Gruppen kollektiv entschuldigen oder verdammen.

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Termine der Woche

Am Dienstag (1. November) lese ich erstmals als Gastautor bei der Lesebühne Liebe für alle in Hamburg. Die Stammautoren sind Katrin Seddig, Ella Carina Werner, Piero Masztalerz und Anselm Neft. Los geht es um 20:30 Uhr im Grünen Jäger (Neuer Pferdemarkt 36).

Am Donnerstag (3. November) bin ich sodann Gastautor bei der Lesebühne Couchpoetos in Berlin. Die Stammautoren dort sind Sarah Bosetti, Daniel Hoth, Karsten Lampe und Jan vom Im Ich. Als weitere Gäste sind auch noch Temye Tesfu und Uli Hannemann mit dabei. Der Spaß beginnt um 20:30 Uhr im traditionsreichen Kaffee Burger.

Am Sonnabend (5. November) lese ich beim Kantinenlesen, dem von Dan Richter organisierten Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Mit dabei sind auch noch die Kollegen Ruth Herzberg, Falko Hennig und Jakob Hein. Der heitere literarische Ringelreihn hebt an um 20 Uhr in der Alten Kantine auf dem Gelände der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Das ekelhafte Neukölln

In einem Buch mit dem Titel Spazieren in Berlin las ich jüngst: „Um seiner selbst willen Neukölln aufzusuchen, dazu kann man eigentlich niemandem raten.“ Eine „traurige Gegend“ sei dieses Viertel, man sehe nur „arbeitsmüdes Volk“ und „kümmerliche Kinder“. Der gutbürgerliche Autor räumt allerdings auch ein, er habe „nur geringe Kenntnisse von dieser Vorstadt“, denn: „Ich bin immer nur rasch mit der Tram durch Neukölln gefahren, um wo anders hinzukommen.“ Die Mischung aus Ignoranz und Verachtung, die aus diesem Text über Neukölln spricht, überrascht nicht, eher vielleicht schon die Tatsache, dass er aus dem Jahr 1929 stammt. Damals lebte vermutlich noch kein einziger Mensch türkischer oder arabischer Herkunft in Neukölln, sehr wohl aber viele arbeitende und arme Leute – der bürgerliche Ekel war schon der gleiche.

Vieles, was wir heute für Fremdenhass halten, ist nichts anderes als der uralte Hass der Besitzenden gegen die Armen, der sich bloß ein neues Kostüm zugelegt hat. Denn Proletariat und Prekariat der Bundesrepublik bestehen inzwischen, im Westen noch stärker als im Osten, zum großen Teil aus Zuwanderern. Auf unseren Baustellen wird Rumänisch und Portugiesisch gesprochen. Viele Imbissverkäufer stammen aus der Türkei, viele Gemüsehändler aus Vietnam. Polen ernten unseren Spargel, Ukrainerinnen pflegen unsere siechen Großeltern. In unseren Bordellen wälzen sich deutsche Familienvatis über mittellose Bulgarinnen. Und weil sich aus der Unterschicht seit jeher auch die Kleinkriminellen rekrutieren, finden sich auch unter diesen viele Migranten.

Ein schwerer Exzess wurde in der Nacht auf Sonntag in der Hermannstraße von einer Horde von 10 jungen Burschen verübt. Wir erfahren darüber folgendes: Kurz nach 1 Uhr kamen in der Hermannstraße etwa 10 mindestens im Alter von 18 bis 20 Jahren stehende Burschen aus einem Lokal, die auf der Straße sofort einen Heidenlärm zu vollführen begannen, indem sie johlten, schrien und mit Stöcken gegen Zäune und Hauswände schlugen. Der dort patrouillierende Schutzmann Matthe vom 10. Polizeirevier, ein äußerst ruhiger und besonnen auftretender Beamter, forderte die Lärmenden in angemessener Weise auf, sich ruhig zu verhalten, was die Rowdies damit beantworteten, daß sie ohne weiteres über den Schutzmann herfielen, ihn rücklings zu Boden rissen und ihn in der rohesten Weise mißhandelten. Der Säbel, dessen der Angegriffene sich zu seiner Verteidigung zu bedienen versuchte, wurde ihm sofort aus der Hand gerissen. Dem wehrlos am Boden liegenden Beamten wurde neben anderen Verletzungen ein schwerer Messerstich oberhalb des rechten Auges zugefügt. Es wäre ihm wohl noch übler ergangen, wenn nicht jetzt ein zweiter Schutzmann zur Hilfe herbeigeeilt wäre, bei dessen Erscheinen die Bande auseinanderstob, worauf die Burschen im Dunkel der Nacht verschwanden. Doch gelang es dem herbeieilenden Schutzmann, den Rädelsführer zu verhaften. Die sogleich von dem Überfall in Kenntnis gesetzte Kriminalpolizei ermittelte dann noch im Laufe der Nacht die übrigen an dem Exzeß Beteiligten und brachte sie nach dem hiesigen Polizeipräsidium, wo gestern Vormittag ihre Vernehmung stattfand.

Der Messerstecher hieß, wie uns das Neuköllner Tageblatt vom 7. Dezember 1915 glaubhaft versichert, nicht Ali oder Mohammed. Es handelte sich vielmehr um „den taubstummen 33jährigen Lederarbeiter Karl Schubert aus der Jägerstr. 67“. Heute werden solche Straftaten in Neukölln und anderswo allerdings auch von jungen Männern begangen, die das Pech haben, nicht viel mehr zu besitzen als einen Migrationshintergrund. Die großen Verbrechen, also jene, die gewöhnlich nicht bestraft werden, behalten sich die Deutschen allerdings doch noch immer selbst vor.

Schon vor Jahrhunderten galt die dunkle Haut als Erkennungszeichen der Armen, denn nur die Bauern wurden bei der Arbeit auf dem Feld von der Sonne verbrannt. Wer es sich leisten konnte, zeigte seinen Reichtum durch makellos bleiche Haut. Die Reichen ekeln sich, wenn sie Arme erblicken, denn arme Menschen sind schlecht angezogen, verstaubt und verschwitzt, sie haben raue Umgangsformen, sie riechen nach Zwiebeln, sie können sich nicht über Goethe unterhalten oder die Sonatenhauptsatzform erklären. Sie haben eine eigene Kultur, die den Reichen fremd und unheimlich ist. Die Sprache der Armen verstanden die Reichen auch nicht besser, als sie noch nicht Türkisch war.

Die neuen Rechten unserer Tage werfen Linken gerne Heuchelei vor, weil diese Multikulti zwar gutmenschelnd predigen, ihre eigenen Kinder tatsächlich aber auch nicht auf die Rütli-Schule im Ausländerviertel schicken. Diese Kritik ist gewiss berechtigt, doch könnte man die Rechten zurückfragen: Warum schicktet ihr denn eure noblen Sprösslinge nicht auf Schulen in Berlin-Hohenschönhausen, Rostock-Lichtenhagen oder Halle-Neustadt, wo die Schülerschaft doch weithin tadellos germanisch ist? Schreckt euch vielleicht die Aussicht, eure Kinder könnten mit bildungsfernen Bälgern von deutschen Arbeitern und Arbeitslosen in Kontakt kommen? Ist euch der Prolet vielleicht ebenso fremd wie der Kanake?

Rassisten hielten seit jeher nicht nur fremde Völker, sondern auch die Armen ihres eigenen Volkes für biologisch minderwertig, für Abkömmlinge einstmals unterjochter Rassen. Auch der Führer Adolf Hitler hielt die „breite Masse“ für dumm, feig und träge. Wer im Kampf ums Dasein unterliege, der habe sein Schicksal eben verdient. Aber die Arbeiter waren doch nicht so dumm, mehrheitlich Hitler zu wählen, das übernahmen jene braven Bürger des Mittelstandes, die Angst davor hatten, die rachsüchtigen Armen könnten ihnen eines Tages die Sparbücher wegnehmen. Wer eine solche Mentalität heute besichtigen möchte, der sollte Thilo Sarrazin ins Antlitz schauen – so schwer das auch fällt. Dieser Mann verachtet Deutsche aus dem Prekariat ja nicht weniger als ungebildete Zuwanderer. Als Senator in Berlin sparte er konsequent bei denen, die schon am wenigsten hatten. Das ganze Leben dieses Seelenkrüppels ist ein einziger Krieg gegen die Armen.

Und doch geben in fast allen westlichen Ländern immer mehr Arbeiter und Arbeitslose jenen neuen Rechten ihre Stimme, denen es gelungen ist, soziale und ökonomische Probleme in ethnische und religiöse Konflikte umzudeuten. Der Klassenkampf ist passé, der Krieg der Kulturen hingegen en vogue. Und so glaubt sich mancher weiße Arbeiter mit seinem kommandierenden Ausbeuter verbunden im Kampf gegen den fremden und farbigen Feind. Geheilt werden solche Arbeiter von ihrem Irrtum wohl erst, wenn sie von den neuen Faschisten so bitter enttäuscht werden, wie frühere Arbeiter von den alten Faschisten enttäuscht worden sind.

Zitat des Monats Oktober

Uns liegt nicht viel daran, daß Ihr unseren Vorsatz versteht. Wozu sich erklären? Wozu sich auf ein Gespräch einlassen, auf eine Beteiligung an einer Debatte? Weil Ihr Angst vor der Abrechnung habt, bittet Ihr uns nun an einen Eurer runden Tische? Nein, diese Mittel sind aufgebraucht, und von der Ernsthaftigkeit unseres Tuns wird Euch kein Wort überzeugen, sondern bloß ein Schlag ins Gesicht.

Götz Kubitschek, PEGIDA-Redner zum Tag der deutschen Einheit 2016, in: Provokation (2007), wieder abgedruckt in: Die Spurbreite des schmalen Grats. 2000-2016. Schnellroda: Antaios, 2016, Zitat S. 77f.

Neuerscheinung: „Das Lachen im Hals. Neun Geschichten“

Ich freue mich, allen geneigten Freundinnen und Freunden meines Schaffens ein soeben erschienenes Buch ans Herz legen zu dürfen. Der neue Band Das Lachen im Hals enthält neun bislang unveröffentlichte Geschichten über die Jugend, den Rausch, die Kunst und die Liebe. Bestellen könnt ihr das Buch direkt beim Verlag edition AZUR, beim Buchhändler eures Vertrauens oder, wenn’s denn sein muss, beim Moloch Amazon.

Vielleicht schaut ihr auch bei einer der Lesungen vorbei, mit denen ich das Buch in verschiedenen Städten vorstellen werde: 18.10. Berlin (Ocelot), 24.10. Jena (Café Wagner), 25.10. Chemnitz (Atomino), 26.10. Leipzig (Horns Erben) und 27.10. Dresden (Thalia).

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Termine der Woche

Am Donnerstag (13. Oktober) lese ich wieder mit der Dresdner Lesebühne Sax Royal in der scheune. Mit einem brandneuen Programm kurieren wir einsetzende Herbstdepressionen. Mit dabei sind neben mir wie immer: Stefan Seyfarth, der Johnny Cash von Strehlen, Max Rademann, der Neustadtphilosoph mit Erzgebirgshintergrund, Roman Israel, der gewiefte Großstadterzähler und Julius Fischer, der lustigste Barde Mitteldeutschlands. Los geht es um 20 Uhr, Karten gibt es ab 19:30 Uhr am Einlass oder auch im Vorverkauf.

Am Freitag (14. Oktober) folgt wie immer die nicht minder heitere Lesebühne Grubenhund in Görlitz, die ich zusammen mit Udo Tiffert und Max Rademann bestreite. Als Gast haben wir uns diesmal den wunderbaren Christian Kreis aus Halle eingeladen. Los geht es um 19:30 Uhr im Kino Camillo.

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Liest man Mein Kampf, gerät man oft in die Gefahr zu vergessen, dass hier noch kein triumphierender Diktator schreibt, sondern der von Feinden belächelte, unter Gleichgesinnten umstrittene Führer einer rechtsextremen Splitterpartei. Hitler stellt eine Siegesgewissheit zur Schau, die mehr ist als bloße Großsprecherei. Besser wird man sie wohl als Autosuggestion verstehen. Liest man Hitlers – natürlich stilisierten – Bericht über seine erste Rede vor Massen, dann spürt man etwas von der ekstatischen Verblendung, in die er verfiel und in die er manche Zuhörer versetzte:

Von Viertelstunde zu Viertelstunde wurden die Zwischenrufe mehr und mehr zurückgedrängt von steigenden Zurufen. Und als ich endlich die fünfundzwanzig Thesen Punkt für Punkt der Masse vorlegte und sie bat, selber das Urteil über sie zu sprechen, da wurden sie nun eine nach der anderen unter immer mehr sich erhebendem Jubel angenommen, einstimmig und immer wieder einstimmig, und als die letzte These so den Weg zum Herzen der Masse gefunden hatte, da stand ein Saal von Menschen vor mir, zusammengeschlossen von einer neuen Überzeugung, einem neuen Glauben, von einem neuen Willen.

Man könnte von Größenwahn sprechen, wäre Hitler nicht leider tatsächlich zu einer historischen Größe geworden. Seine Selbststilisierung zum nationalen Heiland wäre bloß lächerlich, hätte nicht später wenigstens die Hälfte der Deutschen in ihm wirklich einen Messias gesehen, dem sie eine „Wiederaufrichtung eines Deutschen Reiches erhöhter Macht und Herrlichkeit“ zutraute.

Denn es ist das Bemerkenswerte aller großen Reformen, daß sie als Verfechter zunächst oft nur einen einzigen besitzen, als Träger jedoch viele Millionen. Ihr Ziel ist oft schon seit Jahrtausenden der innere, sehnsuchtsvolle Wunsch von Hunderttausenden, bis einer sich zum Verkünder eines solchen allgemeinen Wollens aufwirft und als Bannerträger der alten Sehnsucht als einer neuen Idee zum Siege verhilft.

Und Hitler erfüllte ja offenkundig tatsächlich die Sehnsüchte von Millionen Deutschen. Allerdings erreichte er nicht unbedingt die „breite Masse“, die er selbst anvisierte. Unter Arbeitern verfing seine Botschaft weniger als unter Bürgern des Mittelstandes oder unter Studenten. Wie soll man das erklären? Gerade die Gebildeteren erlagen besonders leicht der Dummheit. Allen Entschuldigungen der Art, Hitler habe die Deutschen „verführt“ oder „betrogen“, steht die schlichte Tatsache entgegen, dass der Führer sowohl seine Methoden als auch seine Ziele von Anfang an ganz offen aussprach:

Der Glaube ist schwerer zu erschüttern als das Wissen, Liebe unterliegt weniger dem Wechsel als Achtung, Haß ist dauerhafter als Abneigung, und die Triebkraft zu den gewaltigsten Umwälzungen auf dieser Erde lag zu allen Zeiten weniger in einer die Masse beseelenden wissenschaftlichen Erkenntnis als in einem sie beherrschenden Fanatismus und einer sie manchmal vorwärtsjagenden Hysterie.
Wer die breite Masse gewinnen will, muß den Schlüssel kennen, der das Tor zu ihrem Herzen öffnet. Er heißt nicht Objektivität, also Schwäche, sondern Wille und Kraft.
Die Gewinnung der Seele des Volkes kann nur gelingen, wenn man außer dem positiven eigenen Kampf für die eigenen Ziele zugleich den Träger des Gegenteils vernichtet.
Das Volk sieht zu allen Zeiten im rücksichtslosen Angriff gegen einen Widersacher einen Beweis des eigenen Rechtes, und es empfindet den Verzicht auf dessen Vernichtung als Unsicherheit in bezug auf das eigene Recht, wenn nicht als Zeichen des eigenen Unrechtes.
Die breite Masse ist nur ein Stück der Natur, und ihr Empfinden versteht nicht den gegenseitigen Händedruck von Menschen, die behaupten, Verschiedenes zu wollen. Was sie wünscht, ist der Sieg des Stärkeren und die Vernichtung des Schwachen oder seine bedingungslose Unterwerfung.
Die Nationalisierung unserer Masse wird nur gelingen, wenn bei allem positiven Kampf um die Seele unseres Volkes ihre internationalen Vergifter ausgerottet werden.

Noch Fragen? Wer die „internationalen Vergifter“ sind, versteht sich von selbst:

Wer das deutsche Volk aus seinen ihm ursprünglich wesensfremden Eigenschaften und Untugenden erlösen will, wird es erst erlösen müssen vom fremden Erreger dieser Äußerungen.
Ohne klarste Erkenntnis des Rasseproblems, und damit der Judenfrage, wird ein Wiederaufstieg der deutschen Nation nicht mehr erfolgen.

Der Krieg, den Hitler sich wünschte, wäre aber auch mit dem vollständigen Sieg des Nationalsozialismus nicht beendet gewesen:

Die Größe einer Bewegung wird ausschließlich gewährleistet durch die ungebundene Entwicklung ihrer inneren Kraft und durch deren dauernde Steigerung bis zum endgültigen Siege über alle Konkurrenten.
Ja, man kann sagen, daß ihre Stärke und damit ihre Lebensberechtigung überhaupt nur solange in Zunahme begriffen ist, solange sie den Grundsatz des Kampfes als die Voraussetzung ihres Werdens anerkennt, und daß sie in demselben Augenblick den Höhepunkt ihrer Kraft überschritten hat, in dem der vollkommene Sieg auf ihre Seite neigt.
Es ist mithin einer Bewegung nur nützlich, diesem Siege in einer Form nachzustreben, die zeitlich nicht zum augenblicklichen Erfolge führt, sondern die in der durch die unbedingte Unduldsamkeit herbeigeführten langen Kampfdauer auch ein langes Wachstum schenkt.

Ein Nationalsozialismus ohne Feind wäre in der Tat in sich zusammengefallen. Und für die Zeit nach dem fest eingeplanten Endsieg lagen ja auch schon Pläne in der Schublade, das Ende doch noch ein bisschen hinauszuschieben: durch einen Ertüchtigungskrieg gegen slawische Untermenschen im Osten etwa oder einen Vernichtungsfeldzug gegen Kranke im eigenen Land.

Der Sieg über den ersten Band von Mein Kampf wäre mit diesem Kapitel nun errungen. Ich kann mit der kleinen Schar treuer Leser dieser Reihe also Bergfest feiern. Prost! Soll ich ein Zwischenfazit ziehen? Das Lesen ist wahrlich eine Qual. Wem die zitierten Hitler-Worte schon unerträglich scheinen, der überlege sich bitte mal, was ich durchmache! Hitlers Deutsch ist schauerlich schlecht, der Text eine Ansammlung ständig wiederholter Phrasen. Dennoch kann man nicht behaupten, das Buch wäre unverständlich oder gar unlesbar. Es ist auch keineswegs durchweg irre. Abgesehen vom pathologischen Antisemitismus entspricht Hitlers Denken und Fühlen eigentlich dem eines Durchschnittsspießers.

Warum wurde Mein Kampf zu allen Zeiten so selten und so oberflächlich zur Kenntnis genommen? Darüber wunderte sich schon Eberhard Jäckel, der in seinem Buch Hitlers Weltanschauung als einer der ersten Historiker die Legende widerlegte, Hitler wäre nur ein machthungriger Irrer ohne konsistente Ideologie gewesen. Noch heute begeistert der Dämon oder die Witzfigur Hitler die Massen, für seine wirklichen Worte und Ideen interessieren sich nur wenige. Vielleicht ist die Lektüre auch deswegen frustrierend, weil man im Text vergeblich nach dem Erfolgsgeheimnis Hitlers sucht. Gewiss beweist er Gespür für die Schwächen seiner Feinde und für die Schwächen des Menschen überhaupt. Aber wie konnte ein so beschränkter, vulgärer und brutaler Kleinbürger die Liebe von Millionen gewinnen? „Aber ausgerechnet den?“ (Erich Weinert) Hatten die Deutschen gar keinen Geschmack oder einfach fürchterlich einen an der Klatsche? Der Leser von Mein Kampf muss aufpassen, dass er vom Menschenhass des Autors nicht angesteckt wird.

To be continued.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Termine der Woche

Am Montag, dem Tag der deutschen Freizeit (3. Oktober), präsentiert in Berlin das Zentralkomitee Deluxe wieder ein aktuelles Programm. Mit dabei sind wie immer die Kollegen Tilman Birr, Noah Klaus, Christian Ritter und Piet Weber – außerdem als Gast diesmal Dominik Erhard aus München. Zu erwarten sind brandneue Geschichten und Lieder, fragwürdige Späße und der Ausbruch der Weltrevolution. Wir laden herzlich ein! Los geht es um 20 Uhr im Monarch am Kottbusser Tor. Der Eintritt kostet proletarierfreundliche 5 Euro.

Am Dienstag (4. Oktober) lese ich bei der Berliner Traditionslesebühne LSD – Liebe statt Drogen. Los geht es um 21:30 Uhr im Schokoladen.

Am Freitag (7. Oktober) bin ich erstmals Gast in der literarischen Reihe „Hamset nich kleina“, deren Gastgeberin die Berliner Schriftstellerin Lea Streisand ist. Die fröhliche Zweierlesung findet statt in der Bar Bänsch in der gleichnamigen Straße in Berlin-Friedrichshain. Los geht es um 20 Uhr.

Am Sonntag (9. Oktober) bin ich erfreulicherweise mal wieder Gast bei der wunderbaren Lesebühne ihres Vertrauens in Frankfurt am Main. Die Stammautoren sind Tilman Birr, Elis und Severin Groebner. Der Spaß findet im Ponyhof in Sachsenhausen statt. Einlass um 20 Uhr, Start um 21 Uhr.

Zitat des Monats September

Viele Männer sind aber auch in Zorn geraten, weil sie mit Schlägen körperlich misshandelt wurden, und haben aus dem Gefühl, Opfer entehrenden Unrechts zu sein, entweder die Täter umgebracht oder es versucht, und dazu gehörten auch die Inhaber hoher Ämter oder Männer aus dem engsten Machtkreis um den König. In Mytilene hat so Megakles mit seinen Anhängern die Penthiliden, die herumzogen und mit Keulen Schläge austeilten, angegriffen und getötet. Und später hat Smerdis, der verprügelt und aus den Armen seiner Frau weggerissen worden war, Penthilos getötet. Und Anführer des Anschlages gegen Archelaos wurde Dekamnichos, der auch die Angreifer ganz besonders aufstachelte. Grund seines Zornes war die Tatsache, daß Archelaos ihn dem Dichter Euripides zum Verprügeln übergeben hatte; Euripides war aber über Dekamnichos verärgert, weil dieser etwas über seinen üblen Mundgeruch gesagt hatte. Viele andere wurden aus solchen Gründen entweder umgebracht oder wurden Opfer von Anschlägen.

Aristoteles, Politik