Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

So borniert Hitler auch war, Talent auf dem Gebiet der Propaganda wird ihm wohl niemand absprechen. Vielleicht ist sein Erfolg in der Menschenwerbebranche aber auch nicht gar so überraschend. Um Reklame zu machen, braucht man weder große Intelligenz noch eine intakte Moral, es genügen Gerissenheit und Rücksichtslosigkeit. Im Kapitel Kriegspropaganda plauderte er in Mein Kampf sogar seine Betriebsgeheimnisse aus – ohne dass dies seinen Gegnern irgendwie genutzt hätte. Er kritisiert die seiner Meinung nach inkompetente und unwirksame deutsche Propaganda während des Weltkrieges und stellt sein eigenes Gegenkonzept vor. Ausgangspunkt ist eine einfache Frage:

Ist die Propaganda Mittel oder Zweck?
Sie ist ein Mittel und muß demgemäß beurteilt werden vom Gesichtspunkte des Zweckes aus. Ihre Form wird aber mithin eine zweckmäßige sein müssen zur Unterstützung des Zieles, dem sie eben dient.

Das klingt banal, hat aber radikale Konsequenzen: Allein die Wirkung rechtfertigt die Propaganda, Form und Inhalt sind der Wirkung untergeordnet, Schönheit oder Wahrheit oder Moral spielen also keine Rolle.

Wenn aber Völker um ihre Existenz auf diesem Planeten kämpfen, mithin die Schicksalsfrage von Sein oder Nichtsein an sie herantritt, fallen alle Erwägungen von Humanität oder Ästhetik in ein Nichts zusammen und scheiden aus; denn alle diese Vorstellungen schweben nicht im Weltäther, sondern stammen aus der Phantasie des Menschen und sind an ihn gebunden. Sein Scheiden von dieser Welt löst auch diese Begriffe wieder in ein wesenloses Nichtdasein auf; denn die Natur kennt sie nicht.

Erinnert man sich daran, dass auch Politik für Hitler letztlich kriegerischer Kampf ums Dasein war, hieß das aber: Auch in der politischen Propaganda waren für ihn Lüge und Verbrechen erlaubt. Das scheint nun aber der Tatsache zu widersprechen, dass Hitler seine Ziele in Mein Kampf mit krasser Offenheit bekannt machte, sie also keineswegs verschleierte oder leugnete. Es gilt zu unterscheiden: Seine zwei Hauptziele, die Vernichtung der Juden und die Eroberung von Lebensraum im Osten, sprach Hitler immer offen aus. In allen Detailfragen log er jedoch hemmungslos, wenn es ihm erforderlich schien, um seine Hauptziele zu erreichen.

Wie sollte nun aber Propaganda beschaffen sein, um erfolgreich zu wirken? „Sie hat sich ewig nur an die Masse zu richten!“ Und angesichts der „Primitivität der Empfindung der breiten Masse“ hieß das zunächst:

[…] so muß ihr Wirken auch immer mehr auf das Gefühl gerichtet sein und nur sehr bedingt auf den sogenannten Verstand.
Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau zu richten nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt.

Da die Masse nicht nur dumm sei, sondern auch vergesslich, sei jede Botschaft „schlagwortartig“ zu formulieren und „ewig zu wiederholen“. Sie habe außerdem „grundsätzlich subjektiv einseitig[]“ zu sein, denn Differenzierung verwirre die Menschen und säe Zweifel. Leider sei es gerade bei den Deutschen schwer, eine so einfache Methode durchzusetzen, denn dieses Volk leide an einem „Objektivitätsfimmel“ und wolle auch seinen Feinden kein Unrecht tun. In dieser Hinsicht enttäuschten Hitler die Deutschen später wohl angenehm.

Geistige Originalität konnte Hitler für all diese Thesen zur Propaganda gewiss nicht beanspruchen, denn er sagte ja nichts, was nicht in jeder zweitklassigen Reklameschmiede längst bekannt war und heute noch bekannt ist. Neu war allerdings – wenigstens in Deutschland – die unbedenkliche und konsequente Übertragung bekannter Reklametricks aufs Politische. Ein merkwürdiges Paradox: Hitler pries den Krieg als Gegensatz zum feigen Krämerdasein und übernahm doch zugleich die Verkaufsstrategien der Marktschreier für seinen politischen Kampf. Der Nationalsozialist steckte wohl doch tiefer im Kapitalismus, als ihm selbst bewusst war.

Was ist so niederschlagend an der Lektüre dieses Kapitels, ja an der Lektüre des ganzen Buches? Wahrscheinlich dies: Hier hatte ein Mann seine Weltanschauung aus der Menschenverachtung gewonnen – und der spätere Erfolg bei den Menschen scheint dem Mann in dieser Verachtung auch noch recht zu geben.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Termine der Woche

Am Sonntag (21. August) lese ich wieder bei der Berliner Reformbühne Heim & Welt, wo ich als Sommergast noch bis Ende August jede Woche mitwirken werde. Die Stammautoren sind Ahne, Jakob Hein, Falko Hennig, Heiko Werning und Jürgen Witte. Als Gäste sind diesmal außerdem noch Roman Israel, Stephan Serin, Claudia Tothfalussy sowie als musikalischer Part Larissa & Sven van Thom mit dabei. Los geht es in der Jägerklause in Friedrichshain um 20 Uhr.

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Menschen wollen, wenn sie nicht krank oder sehr unglücklich sind, gewöhnlich nicht sterben. Schon eher kommen sie in Versuchung, andere zu töten, wenn nicht die Angst vor Rache oder Strafe sie davon abhält. Trotzdem ist der Mord selbst in unzivilisierten Gemeinschaften kein alltägliches und geduldetes Verhalten, sonst wäre ein Zusammenleben von Menschen gar nicht möglich. Bedenkt man dies, stellt sich die Frage: Wieso begeistern sich Menschen, richtiger gesagt: Männer, für den Krieg? Ist man doch im Krieg nicht nur zum Morden gezwungen, sondern muss auch mit dem eigenen Tod rechnen.

Über Jahrhunderte war in Europa der Krieg eine professionalisierte und recht exklusive Angelegenheit. Über Krieg und Frieden entschieden zumeist die Könige und Fürsten nach eigenem Belieben. Für die Adligen war der Kampf als Offizier ihr eigentlicher Beruf. Die Truppen bestanden aus bezahlten Söldnern und Bauern, die man zum Militärdienst presste. Im eigentlichen Sinne aber hatten die Menschen, insbesondere die städtischen Bürger, mit dem Krieg nichts zu tun. Sie erlebten ihn nur als Opfer von Besatzung und Plünderung. Eroberte irgendein fremder Herrscher die eigene Stadt oder gleich das ganze Land, unterwarf man sich zügig dem neuen Souverän, um das Leben möglichst schnell wie gewohnt fortsetzen zu können. Erst der Nationalismus der modernen Staaten verbreitete die Idee, der Staat gehöre nicht einem Fürsten, sondern allen Bürgern, die das Land darum im Kriegsfall auch gemeinsam verteidigen müssten. In Deutschland gelten die Befreiungskriege gegen Napoleon, in denen erstmals Freiwilligenverbände neben regulären Truppen kämpften, als Geburtsstunde nationaler Begeisterung. Als hundert Jahre später der Erste Weltkrieg ausgebrochen wurde, propagierten die Herrschenden in Deutschland wieder eine nationale Erhebung. Das Ausmaß der Kriegsbegeisterung wurde allerdings stets übertrieben. Die meisten Soldaten meldeten sich auch im Ersten Weltkrieg nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen zum Kampf. Dennoch gab es auch viele Begeisterte. Und es waren besonders die jungen, gebildeten Bürgersöhne, die von der Aussicht auf den süßen Heldentod verlockt wurden. Zu ihnen gehörte auch der junge Kunstmaler Adolf Hitler.

Das Kapitel Der Weltkrieg enthält wenige Details zum eigentlichen Kampfgeschehen und zum persönlichen Schicksal unseres Helden. Hitler bemühte sich, sein eigenes Erleben möglichst abstrakt zu schildern, um sich selbst zur Identifikationsfigur aller deutschen Weltkriegskämpfer zu modellieren. Dadurch aber sind die Erinnerungen Hitlers in einiger Hinsicht wohl auch wirklich typisch.

Als jungen Wildfang hatte mich in meinen ausgelassenen Jahren nichts so sehr betrübt, als gerade in einer Zeit geboren zu sein, die ersichtlich ihre Ruhmestempel nurmehr Krämern oder Staatsbeamten errichten würde. Die Wogen der geschichtlichen Ereignisse schienen sich schon so gelegt zu haben, daß wirklich nur dem »friedlichen Wettbewerb der Völker«, das heißt also einer geruhsamen gegenseitigen Begaunerung unter Ausschaltung gewaltsamer Methoden der Abwehr, die Zukunft zu gehören schien. Die einzelnen Staaten begannen immer mehr Unternehmen zu gleichen, die sich gegenseitig den Boden abgraben, die Kunden und Aufträge wegfangen, und einander auf jede Weise zu übervorteilen versuchen, und dies alles unter einem ebenso harmlosen, wie aber dennoch riesigen Geschrei in Szene setzen. Diese Entwicklung aber schien nicht nur anzuhalten, sondern sollte dereinst (nach allgemeiner Empfehlung) die ganze Welt zu einem einzigen großen Warenhaus ummodeln, in dessen Vorhallen dann die Büsten der geriebensten Schieber und harmlosesten Verwaltungsbeamten der Unsterblichkeit aufgespeichert würden. […]
Warum konnte man denn nicht hundert Jahre früher geboren sein? Etwa zu den Befreiungskriegen, da der Mann wirklich, auch ohne »Geschäft«, noch etwas wert war?!

So mancher Globalisierungskritiker dürfte bei solchen Worten hellhörig werden. Es ist in der Tat erstaunlich, wie klarsichtig Hitler den ökonomischen Konkurrenzkampf als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln begriff. Bloß störte ihn eben das Kämpferische am Kapitalismus gar nicht, im Gegenteil: Der Kampf war ihm nicht blutig und brutal genug. Der ökonomische Wettbewerb drohte den existenziellen Kampf ums Dasein zwischen Völkern und Rassen zu ersetzen, wie ihn Hitler sich wünschte.

Ein anderer, wahrscheinlich ursprünglicherer Grund für Hitlers Kriegsbereitschaft spricht aber auch aus diesen Zeilen. Es ist die pubertäre Freude am Kriegsspiel, die von der militaristischen Erziehung der Epoche nach Kräften gefördert wurde. Der Krieg ist ja tatsächlich nichts anderes als ein Kinderspiel, bei dem allerdings mit scharfer Munition geschossen und wirklich gestorben wird. Die Freund-Feind-Logik des Krieges entspricht dabei jedoch ganz der von zankenden Kindern, wie Karl Kraus in einer besonders schönen Szene von Die letzten Tage der Menschheit gezeigt hat. Der Krieg ist eine Möglichkeit, nicht erwachsen zu werden und zugleich doch zum anerkannten Helden zu reifen. Für einen mutmaßlich jungfräulichen Mann wie Hitler, der bei Frauen als ärmlicher Stadtstreicher wenig Chancen hatte, war der Krieg eine Möglichkeit, die eigene Männlichkeit durch Gewalt unter Beweis zu stellen: „Aus dem jungen Kriegsfreiwilligen war ein alter Soldat geworden.“ Das Leben unter Kameraden befreite dabei aus der beängstigenden Gegenwart von Frauen. Zugleich wurde der „Sonderling“ Hitler, der sich aus eigenem Antrieb in keine Gruppe finden konnte, zum ersten Mal im Leben zu einem Gemeinschaftsleben gezwungen. Und wider Erwarten gefiel es ihm, in einer Masse aufzugehen, die allerdings nicht chaotisch vermischt, sondern streng geordnet war.

So, wie wohl für jeden Deutschen, begann nun auch für mich die unvergeßlichste und größte Zeit meines irdischen Lebens.

Ob die Millionen Gefallenen auch so positive Erinnerungen an den Krieg hatten? Es lässt sich nicht feststellen, da die Toten keine Möglichkeit mehr haben, ihre Meinung zu äußern. Selbst Hitler wird, wenn er vom Kampf erzählt, für einige Augenblicke menschlich, wenn er gesteht, „Todesangst“ empfunden zu haben. Doch er überwindet das menschliche Gefühl:

Immer, wenn der Tod auf Jagd war, versuchte ein unbestimmtes Etwas zu revoltieren, bemühte dann sich als Vernunft dem schwachen Körper vorzustellen und war aber doch nur die Feigheit, die unter solchen Verkleidungen den Einzelnen zu umstricken versuchte.

Man möchte Hitler zurufen: Nein, das war nicht die verkleidete Feigheit, das war wirklich die Vernunft, die gegen das sinnlose Töten und Sterben revoltierte! Aber Hitler erstickte diese Revolte im Keim und lernte, den Krieg zu lieben. Noch Jahre später wurde er wieder zum Kind, wenn er an den Krieg zurückdachte. So berichtet Rudolf Heß in einem Brief aus der Zeit, als Hitler Mein Kampf im Gefängnis niederschrieb:

Eben höre ich aus dem gemeinsamen Wohn- und Eßzimmer seine Stimme. Er scheint mitten im Auffrischen von Kriegserlebnissen zu sein, er ahmt Granaten und Maschinengewehre nach, springt wild im ganzen Zimmer herum, fortgerissen von seiner Phantasie.

Wie jeder Krieg verwüstete auch der Erste Weltkrieg nicht nur die Länder, sondern auch die Köpfe der Menschen. Die brutalisierten Soldaten machten aus den politischen Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit sofort Bürgerkriege. Es war gewöhnlich geworden, zu morden und zu sterben. Für Hitler war schon der Krieg nicht einfach Kampf um Sieg oder Niederlage, sondern um „Sein oder Nichtsein“ der Völker gewesen. Im Krieg hätte das deutsche Oberkommando seiner Ansicht nach auch im Inneren kriegerische Maßnahmen ergreifen und die marxistische Opposition ausschalten, oder, in der Terminologie Hitlers, „das Ungeziefer vertilgen“ sollen:

Was aber mußte man nun tun? Die Führer der ganzen Bewegung sofort hinter Schloß und Riegel setzen, ihnen den Prozeß machen und der Nation vom Halse schaffen. Man mußte rücksichtslos die gesamten militärischen Machtmittel einsetzen zur Ausrottung dieser Pestilenz. Die Parteien waren aufzulösen, der Reichstag wenn nötig mit Bajonetten zur Vernunft zu bringen, am besten aber sofort aufzuheben.

Für Hitler war die politische Auseinandersetzung immer Krieg, letztlich sogar Vernichtungskrieg. Sein ganzes Denken lässt sich eigentlich in seinem Lieblingswort zusammenfassen: „ausrotten“.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Link zum Text (18): Tödliche Versager

Nach jedem Terroranschlag hocken wir stundenlang vor den Bildschirmen, schauen uns dieselben Videos immer wieder an, hören Experten zu, die unablässig wiederholen, sie seien auch völlig ratlos. „Wer unterstützt die Terroristen?“, fragt man. „Was treibt sie an?“ Eine Antwort auf diese Fragen lautet leider: Wir selbst sind es. Die Amokläufer gieren nach unserer Aufmerksamkeit – und wir spendieren sie ihnen bereitwillig.

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Termine der Woche

Am Sonnabend (13. August) bin ich beim Kantinenlesen mit dabei, dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Neben Moderator Dan Richter lesen auch noch Sebastian Lehmann, Meikel Neid und Hans Duschke. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Am Sonntag (14. August) lese ich wieder bei der Berliner Reformbühne Heim & Welt, wo ich als Sommergast noch bis Ende August jede Woche mitwirken werde. Die Stammautoren sind Ahne, Jakob Hein, Falko Hennig, Heiko Werning und Jürgen Witte. Als Gäste sind diesmal außerdem noch Marco Tschirpke, Andreas Kampa und Juston Buße mit dabei. Los geht es in der Jägerklause in Friedrichshain um 20 Uhr.

Alternative für Hipster

Die Alternative für Deutschland möchte stärkste Partei in Deutschland werden, um das herrschende System umzustürzen. Will sie dieses Ziel erreichen, muss die Botschaft der Partei natürlich in alle deutschen Landstriche getragen werden. So macht die Alternative für Deutschland vor der anstehenden Wahl in Berlin Werbung auch in Friedrichshain-Kreuzberg. Das scheint durchaus sinnvoll, bedenkt man, dass in diesem Stadtviertel ja ohnehin traditionell die Alternativen zuhause sind. So heißt es denn auch auf der örtlichen Facebook-Seite der AfD:

Eine echte Alternative für einen alternativen Bezirk.

Hier im Szenekiez zeigt die AfD auf ihren Plakaten nicht ihre zerknitterten Funktionäre, sondern attraktive junge Menschen, wie sie auch in Friedrichshain-Kreuzberg zuhause sein könnten. Doch sind neben den hübschen Visagen auch noch Statements abgedruckt, die bekunden, dass diese jungen Menschen zugleich besorgte Bürger sind. So sagt etwa ein junger Mann mit schafsmäßigem Hipsterbart:

Mein marokkanischer Dealer kriegt sein Leben komplett vom Staat finanziert. Irgendwas ist in Deutschland oberfaul und deshalb wähle ich die Alternative.

Sehen wir einmal davon ab, dass ein Dealer, der vollständig von Sozialhilfe abhängig ist, weil er seine Drogen offenbar verschenkt, nicht allzu häufig vorkommen wird. Von diesem kleinen Mangel an Realitätssinn abgesehen, kann man der AfD nicht viel vorwerfen. Immerhin kämpft sie wirklich um alle Wähler, sogar um solche, die dem Parteiprogramm der AfD zufolge als Kriminelle verfolgt werden sollen. Ob sie bei den Menschen aber auch Erfolg mit ihrem Werben haben wird? Die AfD spekuliert, dass es in Friedrichshain-Kreuzberg wohl viele Konsumenten von Marihuana geben mag. Dies dürfte zutreffen. Aber wollen diese Menschen deswegen von fremden Politikern auch gleich als Kiffer angesprochen werden? Es wohnen gewiss auch viele Bürger in Berlin, die dem Hobby der Masturbation zugetan sind. Würden sich diese Leute für eine Partei begeistern, die sie etwa folgendermaßen anspräche: „Liebe Wichser! Nervt euch beim Wedeln das langsame Internet? Dann wählt AfD, wir verlegen kostenlos Breitband für euch! P.S.: Was ihr treibt, ist allerdings weiterhin Sünde wider den Fortbestand des deutschen Volkes.“ Aber wer weiß, das Volk ist seltsam dieser Tage! Es wäre der AfD vielleicht sogar dankbar für solch offene Worte.

Die AfD wirbt in Berlin auch nicht nur um Kiffer, sondern überhaupt um alle Gruppen, mit denen sie andernorts fremdelt. So äußert auf einem anderen Plakat ein schwules Paar:

Mein Partner und ich legen keinen Wert auf die Bekanntschaft mit muslimischen Einwanderern, für die unsere Liebe eine Todsünde ist.

Wahrscheinlich hat deswegen ein Abgeordneter der AfD in Sachsen-Anhalt vor einer Weile schon einmal vorgeschlagen, alle Schwulen nach der Machtübernahme in Schutzhaft zu nehmen.

Auch die Frauen, bekanntermaßen ebenfalls eine Minderheit, wenigstens unter den Mitgliedern der AfD, werden umworben. Eine dralle Blondine erklärt:

Damit es auf dem nächten Karneval der Kulturen nicht wieder zu Übergriffen auf Frauen kommt, wähle ich diesmal die AfD. Das mit der Armlänge Abstand haut einfach nicht hin!

Ganz sicher nie wieder zu Übergriffen beim Karneval der Kulturen käme es natürlich, wenn man den Karneval der Kulturen abschaffte, der ja ohnehin nur den gescheiterten Multi-Kulti-Wahnsinn feiert, mit dem die AfD endgültig Schluss machen wird.

Wer aber irrigerweise annimmt, die AfD stehe Zuwanderern feindlich gegenüber, den belehrt ein viertes Plakat eines Besseren. Da sagt uns eine anscheinend türkischstämmige Frau, die in vorbildlicher Weise auf das Kopftuch verzichtet:

Ich möchte, dass mein Sohn richtig deutsch sprechen lernt, weil das die Voraussetzung ist, zu einem guten Beruf. Die AfD nimmt das Schulwesen ernst und deshalb wähle ich sie.

Offenbar, um auf die Migranten zuzugehen, hat die AfD in diese zwei Sätze gleich mehrere Sprachfehler eingebaut. Dies jedenfalls ist die einzig schlüssige Erklärung für die Fehler, wenn man nicht annehmen will, dass die Werbetexter der AfD selbst Probleme mit der deutschen Sprache haben.

Wer diese Plakate gesehen hat, der wird kaum noch daran zweifeln, dass kiffende Hipster, ängstliche Homosexuelle, zornige Frauen und türkische Muttis die AfD in Berlin zum Sieg tragen werden. Nur eine Gefahr droht: Sollten auch die Stammwähler der AfD, also frustrierte Frührentner, seelisch verkrüppelte Wirtschaftsprofessoren und Burschenschaftler mit chronischem Samenstau, Wind von dieser Kampagne kriegen, dann bleiben die vielleicht aus Ärger am Wahltag zuhause. Und die nationale Revolution fällt erst einmal aus.

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Das Kapitel mit dem Titel München zeichnet sich dadurch aus, dass in ihm von München fast nicht die Rede ist. Auf einer einzigen Seite preist der Autor das „Hofbräuhaus“ und einige andere Sehenswürdigkeiten der bayrischen Hauptstadt. Und er versichert, in dieser echt deutschen Stadt habe er sich wohler gefühlt als im österreichischen „Rassenbabylon“. Hitlers neues Leben in München vor dem Ersten Weltkrieg dürfte tatsächlich ebenso einsam, ziellos und öde gewesen sein wie sein altes in Wien. Jedenfalls weiß Hitler nichts zu berichten. Auf den restlichen Seiten des Kapitels geißelt der – wie immer permanent rechthabende – Autor stattdessen eine verfehlte deutsche Politik, die an der Niederlage im Ersten Weltkrieg schuld gewesen sei.

Für Hitler wie für alle radikalen Rechten ist die Außenpolitik die eigentliche Politik. Das Verhältnis von Freund und Feind macht für sie den Begriff des Politischen aus, nicht etwa die gemeinschaftliche Regelung des Zusammenlebens in einer Gesellschaft. Nicht der Frieden ist für sie das Ziel der Politik, sondern der siegreiche Krieg. Nicht das Individuum, sondern das „Volk“ ist der entscheidende Akteur der Geschichte. Aus dieser Sicht muss dann als politische Tugend schlechthin „Aufopferungsfähigkeit und Aufopferungswille des einzelnen für die Gesamtheit“ erscheinen. Die Logik einer solchen Weltsicht ist zwingend, wenn man einmal ihre Prämissen akzeptiert hat. Was dann noch zur Katastrophe fehlt, ist nur eine „Kraft, die Männer in den Tod zu führen vermag aus freiem Willen und Entschluß“. Bekanntlich war es Hitler, der später eine solche Kraft wirklich entwickelte.

Meine Feder sträubt sich, Hitlers Weltanschauung „sozialdarwinistisch“ zu nennen, denn dem armen Darwin geschähe damit Unrecht. Schlagworte wie „Kampf um das Dasein“ und „Trieb der Arterhaltung“ haben in Mein Kampf einen anderen Sinn als bei Darwin, weil hier biologische Begriffe zu politischen Kampfphrasen umfunktioniert werden. Und auch die „Natur“ wird nicht naturwissenschaftlich verstanden, sondern als Person vergöttlicht wie in der Religion. Doch ist die Natur bei Hitler kein liebender Gott, sondern ein mitleidloser, der sich am Kampf der Menschen auf der Erde ergötzt:

Die Natur kennt keine politischen Grenzen. Sie setzt die Lebewesen zunächst auf diesen Erdball und sieht dem freien Spiel der Kräfte zu. Der Stärkste an Mut und Fleiß erhält dann als ihr liebstes Kind das Herrenrecht des Daseins zugesprochen.

Es ist auch heute noch durchaus üblich, etwa in esoterisch-ökologischen Kreisen, die eigene Weltanschauung der lieben Mutter Natur unterzuschieben. Man verleiht so den eigenen Argumenten einigen Nachdruck, denn wer zu widersprechen wagt, versündigt sich vorgeblich auf schlimme Weise an der Natur. Was aber ist eigentlich der Denkfehler in dieser Art von Weltanschauung? Er liegt in dem naturalistischen Fehlschluss, aus Tatsachen in der Natur moralische Anweisungen folgern zu wollen. Dass die Kreaturen sich in einem Kampf ums Dasein befinden, wie Hitler schreibt, lässt sich nicht leugnen, selbst wenn man einwenden kann, dass die meisten Lebewesen problemlos koexistieren, ja einander sogar oft helfen. Aber aus den natürlichen Verhältnissen folgt nicht, dass die Menschen sich den Naturgesetzen unterwerfen müssten wie göttlichen Geboten. Ebenso schlecht könnte man behaupten: Wenn in einem Haus ein Blitz einschlägt, dürfen wir nicht löschen, denn die Natur wollte alle Bewohner in den Flammen verbrennen sehen. Hitler aber argumentiert genau so. Kaum verblümt fordert er auch schon die Vernichtung der Kranken und Behinderten, indem er über die „Sucht, auch das Schwächlichste, ja Krankhafteste um jeden Preis doch ja zu »retten«“, spottet:

Das Ende aber wird sein, daß so einem Volke eines Tages das Dasein auf dieser Welt genommen werden wird; denn der Mensch kann wohl eine gewisse Zeit den ewigen Gesetzen des Forterhaltungswillens trotzen, allein die Rache kommt früher oder später doch. Ein stärkeres Geschlecht wird die Schwachen verjagen, da der Drang zum Leben in seiner letzten Form alle lächerlichen Fesseln einer sogenannten Humanität der einzelnen immer wieder zerbrechen wird, um an seine Stelle die Humanität der Natur treten zu lassen, die die Schwäche vernichtet, um der Stärke den Platz zu schenken.

Unwillkürlich denkt man hier an die kaum verhohlene Freude, mit der Hitler im ersten Kapitel vom schnellen Tod seines Vaters berichtet hatte, durch dessen Abgang ihm erst die Bahn zu seiner ungewöhnlichen Karriere frei gemacht worden war.

Hitler erkennt nicht nur einen Kampf ums Dasein, er begrüßt ihn auch und fordert uns auf, diesen Kampf nicht nur zu führen, sondern ihn womöglich noch zu verschärfen:

Daß aber diese Welt dereinst noch schwersten Kämpfen um das Dasein der Menschheit ausgesetzt sein wird, kann jeder glauben. Am Ende siegt ewig nur die Sucht der Selbsterhaltung. Unter ihr schmilzt die sogenannte Humanität als Ausdruck einer Mischung von Dummheit, Feigheit und eingebildetem Besserwissen, wie Schnee in der Märzensonne. Im ewigen Kampfe ist die Menschheit groß geworden und nur im ewigen Frieden geht sie zugrunde.

„Humanität“ und „ewiger Frieden“ (Kant) waren die höchsten Ideale der deutschen Aufklärung. Man übertreibt also nicht, wenn man Hitlers Weltanschauung als radikalste Ideologie der Gegenaufklärung in der deutschen Geschichte bezeichnet. Die Quelle für diese Ideologie sprudelte allerdings auch schon auf der Schattenseite der Aufklärung. Es ist der Rassismus. Fatal wird Hitlers Biologismus erst dadurch, dass er die Gesetze des Kampfes zwischen Arten auf die Konkurrenz von Völkern und Rassen überträgt. Für Hitler, wie für alle Rassisten, gibt es überhaupt keine Menschheit, sondern nur Rassen, die einander feindlich gegenüberstehen wie Jäger und Beute. Die menschliche Geschichte ist ein Rassenkampf, ein ewiges Fressen und Gefressenwerden. Wenn Hitler später Menschen wie Vieh schlachten ließ, dann war das aus seiner Sicht nur natürlich.

All diese Wahnideen blieben keine Fantastereien, sondern dienten als Leitlinien praktischer Politik. Ausgangspunkt von Hitlers außenpolitischer Konzeption war wieder einmal die Angst vor der Masse. Deutschland drohe wegen seines Bevölkerungswachstums bei begrenztem Raum Enge, Hunger und Verelendung. Weder Geburtenbegrenzung, noch innere Kolonisation, noch der friedliche Ausbau von Handel und Industrie könnten dieses Problem lösen. Die Deutschen brauchten unbedingt mehr „Lebensraum“, der nur durch einen neuen „Germanenzug“ gen Osten gegen Russland zu gewinnen sei. An der kriegerischen Art der Eroberung lässt der Autor keinen Zweifel: „was der Güte verweigert wird, hat eben die Faust sich zu nehmen.“

Aber nicht nur der Russlandfeldzug wird schon angekündigt, sondern auch der Krieg gegen die Juden. Diese seien ein Volk ganz eigener Art, das nicht wie andere Völker heldisch um Lebensraum kämpfe, sondern sich als „Schmarotzer“ in fremden Nationen einniste. Juden seien es, die „pazifistischen Unsinn“ verbreiteten, um Völker in ihrem ehrlichen Lebenskampf zu lähmen. Natürlich waren es für Hitler die jüdisch-marxistischen Völkervergifter, die auch die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg letztlich verursachten. Die Deutschen könnten also in kommenden Kriegen nur siegen, wenn sie sich zuvor von den Juden befreiten. Die Logik meldet sich da allerdings mit einem Einwand zu Wort: Behauptet Hitler nicht andernorts ganz im Gegenteil, der Jude befeuere den Krieg, um Profit aus ihm zu schlagen? Aber ein solcher Einwand kann einen Antisemiten nicht erschüttern, denn für ihn sind die Juden ja an allem schuld, am Krieg wie am Frieden, am Kapitalismus wie am Bolschewismus, am Hochwasser wie an der Dürre. Was immer die Juden auch tun, es ist für Hitler von Übel, ihre Vernichtung daher die einzig konsequente Lösung.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Link zum Text (17): Angriff auf den Anstand

Ist es nicht seltsam, dass die einzigen, die noch über politische Korrektheit reden, die Gegner der politischen Korrektheit sind? Dass eine Sache pausenlos mit bebendem Zorn und Todesmut attackiert wird, die überhaupt keiner mehr verteidigt? Was sind das für komische Eroberer, die in Scharen eine offene Tür einrennen und dabei jubilieren, sie hätten eine Festungsmauer durchbrochen?

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Zitat des Monats Juli

Mein marokkanischer Dealer kriegt sein Leben komplett vom Staat finanziert. Irgendwas ist in Deutschland oberfaul und deshalb wähle ich die Alternative.

Wahlwerbung der Alternative für Deutschland in Berlin