Affige Grenzen

Obwohl mich mit meiner Partnerin eine Vielzahl von gemeinsamen Interessen verbindet, gibt es doch auch eine Leidenschaft von mir, die sie in keiner Weise teilt, ja über die sie sogar gelegentlich mit eisiger Kälte spottet, meine Leidenschaft für Tierfilme nämlich. Dabei schaue ich mir diese Filme nicht etwa an, weil mich die Treue von Pinguinen zu Tränen rührte oder die Kopulationslust von Bonobos angenehm erregte. Ich schaue mir das Leben von Tieren einfach gerne an, weil auch wir Menschen Säugetiere sind, selbst wenn sich dies mancher Mann und manche Frau nur ungern eingestehen mag. Deswegen können uns die Geschichten der Tiere auch etwas über unser eigenes Leben sagen.

Vor einer Weile schaute ich mir im Fernsehen eine Dokumentation über das Leben japanischer Schneeaffen an. Diese Rotgesichtsmakaken sind bekannt dafür, im Winter in den Bergen ausgiebige Bäder in den vulkanisch beheizten warmen Quellen zu nehmen. So lässt es sich auch in der kalten Höhenluft des Gebirges ganz gut aushalten. Stundenlang räkeln sich die Affen genüsslich in dem 40 Grad heißen Wasser – aber nicht alle: Es sind die Mitglieder der ranghöheren Familien der Horde, denen das Bad vorbehalten ist. Während sie es sich gut gehen lassen, rieselt der Schnee auf die rangniederen Tiere, die rings um die warme Quelle auf den frostigen Felsen sitzen. Diese Ärmsten können sich nur wärmen, indem sie eng zusammenrücken und einander festhalten. Äffische Grenzschützer achten am Beckenrand darauf, dass nur die auserwählten Tiere ins Wasser gelangen, unbefugte Affen werden von den Wächtern durch Gebrüll und Bisse verjagt. Allenfalls wenn die herrschenden Affen abwesend oder die Wächter einmal unaufmerksam sind, haben auch die niederen Affen die Gelegenheit, kurz ins warme Nass zu tauchen.

Ob den privilegierten Affen manchmal Bedenken kommen angesichts der Gewalt und der Ungerechtigkeit, für die sie verantwortlich sind? Sind ihre Gesichter rot nicht nur wegen des angeheizten Kreislaufs, sondern ab und zu auch vor Scham? Vermutlich nicht. Ein schlechtes Gewissen verursacht ziemlich unangenehme Gefühle, deswegen stellt das Hirn von Primaten ganz zuverlässig erleichternde Gedanken bereit, um das Gewissen zu entlasten.

Einige der Affen im Glück werden glauben, der liebe Gott habe nun einmal ihnen und nicht den anderen ein günstiges Schicksal zugewiesen, weshalb schon alles ganz in der Ordnung sei. Schwere Sünde wäre es sogar, die von Gott bestimmten Rollen zu tauschen. Andere Affen werden darauf pochen, schon ihre Vorfahren hätten die Wärme genossen und an Traditionen müsse man nun einmal festhalten, schon aus Respekt vor dem Bestehenden, das ja doch letzten Endes vernünftig sei. Manche Affen dürften fest davon überzeugt sein, die Wärme im Becken sei einzig das hart erarbeitete Ergebnis ihres fleißigen Strampelns mit den Beinen, etwas Wohlverdientes also, das man mit Nichtstuern keineswegs teilen müsse. Wieder andere werden einander beständig versichern, ihr Affenblut sei edler als das der Artgenossen jenseits der Grenze, der Sieg im Kampf ums Dasein im warmen Wasser beweise ja die eigene Tüchtigkeit und Überlegenheit. Überhaupt würden die Affen aus der Kälte nur Schmutz und Krankheiten ins saubere Becken einschleppen, was unter allen Umständen zu verhindern sei. Deshalb: Grenzen schützen!

Solch ganz rohes Denken wird den bedächtigeren Tieren auf der warmen Seite allerdings unangenehm sein. Sie werden sich viel vernünftigere Erklärungen einfallen lassen und im Ton des Bedauerns versichern, man würde ja gerne den Affen in der Kälte helfen, aber der Platz im Becken sei begrenzt und auch die Wärme reiche nun einmal leider, leider nicht für alle. Es sei doch niemandem gedient, wenn alle im Wasser sitzen würden, das dann aber höchstens noch lauwarm wäre. Und wäre einer der Affen rhetorisch so begabt wie Christian Lindner, der Ranghöchste von der FDP, der Partei der Ranghöchsten, dann würde er vielleicht sagen: „Es gibt kein Affenrecht, sich seinen Standort auf der Welt selbst auszusuchen.“ Und die anderen Affen würden in die Hände klatschen und begeistert rufen: „Endlich sagt’s mal einer!“ Und sie stünden Schlange, um ihren neuen Anführer zum Dank zärtlich zu lausen.

***

Eine kürzere Fassung dieses Textes erschien zuerst als Kolumne in der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

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Kommentare
  1. Frans Bonhomme

    Wer allgemein die Abschaffung von Grenzen fordert, fordert die Schleifung des Sozialstaates, und damit die Abschaffung der Sozialen Gerechtigkeit.

    Ich zitiere mal Werner Patzelt:

    „Das Herz der SPD schlägt für eine postnationale, kosmopolitische Politik, die den wohlhabenden und kulturellen Eliten unseres Landes auch rundum einleuchtet. Der Sozialstaat, das Hauptinstrument einer auf soziale Gerechtigkeit ausgehenden Politik, funktioniert aber nur als territorialer Nationalstaat.“

    und weiter:

    „…dass gerade eine linke Migrationspolitik sich an den sozial Schwachen in Deutschland orientieren muss.“

    „Das aber heißt: Migration muss begrenzt, Migranten müssen rasch in den Arbeitsmarkt integriert werden. Sobald sich das als Grundverständnis linker Migrations- und Integrationspolitik durchgesetzt haben sollte, könnte die SPD wieder stark und kanzlerfähig werden.“

    http://wjpatzelt.de/2017/11/23/was-soll-die-spd-jetzt-tun-und-warum/

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    • Michael Bittner

      Es ist rührend und komisch zugleich, wie die Rechten plötzlich ihr Herz für die Armen, ja gar für die soziale Gerechtigkeit entdecken (oder zumindest so tun müssen), um erfolgreich die einheimischen gegen die fremden Habenichtse ausspielen zu können. Und am Niedergang des Sozialstaates muss natürlich die Zuwanderung schuld haben, damit man über die entsolidarisierende Sparpolitik kein Wort verlieren muss.

      Eine Politik, die alle Grenzen sofort und für alle öffnen will, halte ich übrigens auch für illusorisch. Nicht minder illusorisch ist allerdings die Vorstellung, man könne Waren und Kapital weltweit frei wandern lassen, die Wanderungsbewegungen von Menschen, die aus der ökonomischen Ungleichheit entstehen, aber restlos blockieren.

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  2. Frans Bonhomme

    Welches Land wird denn aktuell von Deutschland gezwungen, Freihandel mit Deutschland zu seinem Schaden zu treiben? Handel treibt man, weil es für beide Seiten Vorteile hat, und weil es Wohlstand schafft. Und genau das wirkt Wanderungsbewegungen entgegen. Ich hege den Verdacht, dass Linke generell einer fundamentalen Missdeutung der Natur internationalem Handels erlegen sind.

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    • Michael Bittner

      Diese Position scheint mir doch etwas naiv. Meinen Sie, die armen Länder Afrikas hätten eine Position, in der sie wirklich faire Handelsverträge mit dem Westen durchsetzen könnten? Mal ganz abgesehen davon, dass in diesen Ländern zumeist korrupte Diktatoren an der Macht sind, die sich leicht von westlichem (oder neuerdings chinesischem) Geld beeinflussen lassen.

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      • Frans Bonhomme

        Genau, und dort muss man ansetzen. Diese Verträge müssen fair gestaltet werden. Das Problem mit den Diktatoren ist leider nicht so leicht zu lösen. Die militärischen Versuche scheinen es noch schlimmer gemacht zu haben (Irak, Libyen, …), zumal der Westen da ja dort humanitäre und geostrategische Interessen vermischt, oder vielleicht auch die humanitären Gründe zur Maskierung der geostrategischen Interessen nutzt, wenn Sie so wollen (schwer zu beweisen). In Syrien wurden ja auch externe Kämpfer gesponsert, wie man so hört, ohne das das groß diskutiert wird. Selbstverständlich haben wir da, speziell in Syrien, Verantwortung. Trotzdem muss dort Frieden her und die Menschen müssen dort leben können. Und das macht mich eigentlich wütend: man hat dort scheinbar 4 Jahre den IS gewähren lassen, in der Hoffnung, dass dieser erstmal Assad beseitigt, und dafür die Zivilbevölkerung geopfert. Deutschland macht zwar offiziell nicht mit, hält aber auch schön international die Klappe…..

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        • Michael Bittner

          Auch hier stimme ich ganz zu. Die Idee, man könne gewaltsam Regime auswechseln und Demokratien nach westlichem Vorbild am Reißbrett entwerfen, ist katastrophal gescheitert. Die – gewiss nicht immer befriedigende – Alternative wäre: finanzielle und ideelle Unterstützung von zumindest halbwegs demokratischen oder wenigstens stabilen und zivilisierten Regierungen, in letzterem Fall mit Einsatz für den Schutz demokratischer Opposition. Und eine Erweiterung der Entwicklungshilfe von bloßen Almosen zur echten Aufbauhilfe.

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  3. Frans Bonhomme

    Und um das mal klarzustellen: ich finde den derzeitigen „Migrationsdruck“ auf Deutschland ganz gut, weil so nämlich mal das Problem auf die Tagesordnung kommt und nicht bequem ignoriert werden kann. Aber gelöst werden muss es in den Ländern (bis auf Ausnahmen wie z.B. Klimawandel oder Krieg) wo die Wanderungsbewegungen entstehen. Diese Ländern brauchen eine funktionsfähige Wirtschaft bzw. meistens erstmal ein funktionierendes Government.

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    • Michael Bittner

      Ich stimme Ihnen zu. Besser wäre es, die Probleme, die zur Flucht führen, ließen sich vor Ort lösen. Aber das eine schließt das andere nicht aus: Es hat in der Geschichte der Menschheit stets Wanderungsbewegungen gegeben, von ärmeren oder kriegerisch verheerten Regionen in Gebiete des Wohlstands und Friedens. Ich empfehle einen Besuch im „Auswandererhaus“ in Bremerhaven, wo man Näheres über die 6 Millionen (!) Deutschen erfahren kann, die bis zum Ersten Weltkrieg ihre Heimat, größtenteils aus wirtschaftlichen Gründen, verließen und nach Amerika und Australien auswanderten.

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      • Frans Bonhomme

        Ich stimmen Ihnen auch zu, aber ich sehe aber eine faktische Obergrenze, und die liegt dort, wo hier (in D.) die Stabilität gefährdet wird, sei es durch Behördenversagen, sei es durch Zulauf für rechte Parteien. Keiner kennt diese Grenze genau, und sie lässt sich auch nur indirekt beeinflussen. Natürlich kann man z.B. Ausländerfeindlichkeit eindämmen usw., aber das geht nur zu einem gewissen Grad. Jedenfalls bin ich hier für einen sachlichen Dialog, und der wird auch geführt (es ist eben nur so das in den Zeiten von online Medien das alles auf den möglichst niedrigst möglichen Niveau abläuft).

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