Link zum Text (49): Wie die Deutschen weiß wurden

Der Buchtitel, den der Soziologe Wulf D. Hund für seine Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus gewählt hat, irritiert und soll irritieren: Wie die Deutschen weiß wurden. Waren die Deutschen denn nicht schon immer weiß? Hund spielt nicht etwa auf die neuesten Ergebnisse biogenetischer Forschungen an, nach denen alle Europäer (sogar die Sachsen!) aus Afrika stammen. Vielmehr geht es ihm um folgende Einsicht: „Die Wahrnehmung von Hautfarben schließt nicht automatisch rassistische Konstruktionen von Schwarzen und Weißen ein.“

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Kommentare
  1. Pedroleum

    Zitat aus dem Text: „Ein anderer Mangel des Buches wiegt schwerer: Hunds Geschichte des Rassismus macht sich selbst der Schwarz-Weiß-Malerei schuldig. Es gibt in seiner Darstellung nur die rassistischen Weißen auf der einen Seite und auf der anderen deren Opfer, die Schwarzen, Asiaten, ,Zigeuner‘, Muslime und Juden. Hund, der im Text einmal von einem anderen Autor Dialektik einfordert, wäre besser auch selbst dialektischer zu Werke gegangen.“

    Echt jetzt? Das klingt wie eine Relativierung à la „Ja, der Rassismus der Deutschen bzw. Europäer ist schlimm, aber die anderen sind auch nicht viel besser, also kann es gar nicht so schlimm sein!“

    Abgesehen davon, dass der Rassismus der Weißen nicht durch den Verweis auf den Rassimus von Nicht-Weißen besser wird, würde dieser Aspekt, so glaube ich, den Rahmen des Buches sprengen, dessen Autor nach Ihrer Beschreibung sowieso schon Mühe hat, „den roten Faden der Erzählung“ im Blick zu behalten.

    Es ist die Macht der Europäer, zu denen auch die Amerikaner mit europäischen Vorfahren zählen, die den Rassismus der Weißen meines Erachtens zurecht in den Fokus rückt, Stichwort „white privilege“.

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      • Pedroleum

        Leider habe ich einfach schon zu viele Kommentare gelesen, um mir einen Reim zu machen, worauf eine derartige Feststellung hinauslaufen soll, außer auf eine Relativierung.

        Streng genommen haben Sie allerdings Recht: Sie relativieren den Rassismus der Weißen in keinster Weise. Worauf wollen Sie mit der Feststellung dieses „Mangels“ dann hinaus?

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        • Michael Bittner

          Wenn man den Rassismus in der Gegenwart, auch den in Deutschland, erkennen und begreifen will, dann muss man alle Phänomene erfassen, die dazugehören, und darf keine ausblenden. Dazu gehören eben auch die von mir angeprochenen, im Buch aber nicht erwähnten. Ich sehe nicht, wieso der Hinweis, dass es neben den einen Übeltätern auch noch andere Übeltäter gibt, zwangsläufig „Relativierung“ sein müsste. (Dass es Leute gibt, die in solcher Absicht argumentieren, mag sein.) Wenn ich darauf hinweise, dass es neben ausländischen Sexualstraftätern auch deutsche Sexualstraftäter gibt – ist das dann auch Relativierung?

          (Nebenbei gesagt ist übrigens der Rassismus, den es in der islamischen Welt gibt, in gewisser Weise auch ein „weißer“, denn über Jahrhunderte wurden von arabischen Staaten Afrikaner versklavt.)

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          • Pedroleum

            Zitat: „Wenn man den Rassismus in der Gegenwart, auch den in Deutschland, erkennen und begreifen will, dann muss man alle Phänomene erfassen, die dazugehören, und darf keine ausblenden. Dazu gehören eben auch die von mir angeprochenen, im Buch aber nicht erwähnten.“

            Dazu müsste erst einmal geprüft werden, ob der Rassismus der Nicht-Weißen auf dieselben Ursachen zurückzuführen ist, wie der der Weißen.

            Zitat: „Ich sehe nicht, wieso der Hinweis, dass es neben den einen Übeltätern auch noch andere Übeltäter gibt, zwangsläufig ,Relativierung‘ sein müsste.“

            Ist es auch nicht zwangsläufig, aber dann sollte das Ziel der Forderung schon deutlich gemacht werden, gerade um zu vermeiden, dass Forderung einer dialektischen Darstellung nicht von Dritten missbraucht wird, um Ressentiments zu verbreiten.

            Wie ich bereits schrieb, birgt dieser dialektische Ansatz die Gefahr, den Rahmen des Themas für solch ein Buch zu sprengen. Daher wäre es besser dies in einem gesonderten Text ausführlich zu behandeln, da mir z. B. nicht klar ist, ob eine rassistische Argumentation von Nicht-Weißen mit der Geschichte des Rassismus in Deutschland zu erklären ist.

            Eine interessante Fragestellung wäre in diesem Kontext, wie man Nicht-Weiße für das Thema sensibilisiert. Das hat aber möglicherweise nur noch am Rande mit der im Buch thematisierten Geschichte des Rassismus in Deutschland zu tun.

            Zitat: „Wenn ich darauf hinweise, dass es neben ausländischen Sexualstraftätern auch deutsche Sexualstraftäter gibt – ist das dann auch Relativierung?“

            Nein, darin sehe ich keine Relativierung, denn jemand der eine qualitative Unterscheidung zwischen ausländischen und deutschen Sexualstraftätern konstruieren will, versucht Ressentiments zu verbreiten, die auf einer falschen – konstruierten – Prämisse aufbauen. Jemand, der den von Ihnen aufgeführten Hinweis als Gegenargument nutzt, versucht die konstruierte Prämisse zu hinterfragen und geradezurücken.

            Zitat: „Nebenbei gesagt ist übrigens der Rassismus, den es in der islamischen Welt gibt, in gewisser Weise auch ein ,weißer‘, denn über Jahrhunderte wurden von arabischen Staaten Afrikaner versklavt.“

            Haben die Araber das mit derselben Rechtfertigung wie die Europäer gemacht?

            Zudem sind nicht alle Muslime Araber bzw. nicht alle Araber. Einige Muslime sind selbst Afrikaner oder Roma. (Ich schreibe das, weil in Ihrem Ausgangstext vom „dem Hass gegen Juden, der in einigen muslimischen Gemeinschaften grassiert“ die Rede ist.)

          • Michael Bittner

            Ich könnte nun höchst dialektisch erwidern, dass die Forderung, man solle den Rassismus von „Nicht-Weißen“ doch bitte anders und woanders behandeln als den Rassismus von „Weißen“, selbst unwillentlich die rassistische Farbentrennung wiederholt. Ich könnte aber stattdessen auch sagen, dass das alles ein bisschen viel theoretisches Brimborium ist angesichts meines ganz einfachen Anliegens: Auch wenn in der Neuzeit zumeist die Europäer die Propagandisten und Täter des Rassismus waren und sind, ist Rassismus keine Eigenschaft der Weißen, sondern ein Denken und eine Praxis, die potenziell jede Gruppe von Menschen annehmen kann. Deswegen ist es sinnvoll, auch „nicht-weißen“ Rassismus zu besprechen oder zumindest zu erwähnen in einem Buch, das sich ausdrücklich dem Rassismus in Deutschland widmet.

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