Blaues Blut

Vor hundert Jahren siegte in Deutschland die Revolution, wenn auch nur halb. Zu ihren Errungenschaften zählt die Abschaffung des Adels. Es scheint heute kaum mehr glaublich, dass Menschen einst davon überzeugt waren, ihr Blut sei von Natur aus edler als das der anderen und berechtige sie daher auf ewig zur Herrschaft über den Rest. Betrachtet man’s genau, ist dieser Wahn aber gar nicht verschwunden, sondern hat sich nur geschickt verwandelt. Denn in derselben Epoche, in der die europäischen Bürger den Aberglauben ans blaue Blut überwanden, begannen sie, an die Überlegenheit des arischen Blutes der weißen Rasse zu glauben. Wie einst die Adligen sich zur Herrschaft über die Bauern ausersehen glaubten, hielten sich nun die weißen Europäer für berechtigt, die farbigen Menschen zu unterjochen und auszubeuten.

Die rassistische Ideologie ist so verführerisch, weil sie keineswegs nur die bösartigen, sondern auch gutmütige Menschen anspricht. Sie beruhigt nämlich das schlechte Gewissen, das sich doch auch in vielen regt, die Unrecht tun. Wenn die Armen und Machtlosen von Natur aus minderwertig sind, unfähig sich selbst zu helfen oder zu regieren, dann muss ich mir über ihre Misshandlung keine Gedanken machen. Sie haben sie verdient, ihr Los ist ihnen vom Herrgott selbst bestimmt, ich kann und muss daran nichts ändern.

Thilo Sarrazin und die anderen Rassisten der Gegenwart ersetzen das „Blut“ durch die „Gene“, sonst unterscheidet sich ihr Denken in nichts von dem ihrer Vorgänger. Die Armen seien arm, so verkündete Sarrazin vor Jahren schon, weil sie eben „dümmer und fauler“ seien als die Erfolgreichen – und dies zum großen Teil von Natur aus. Tatsächlich weiß kein Mensch, wie stark das Erbgut und wie stark Pflege und Erziehung unseren Charakter formen. Aber das kümmerte den Hobbyrassenforscher nicht. Inzwischen ist eine neue blaue Partei auf seinem Mist gewachsen.

Sarrazin machte übrigens nie ein Geheimnis daraus, dass er nicht nur Muslime, sondern auch Ostdeutsche für minderwertig hält. Die Uckermark sei dem Schwabenland ökonomisch unterlegen, weil im Westen eben die klügeren und fleißigeren Leute lebten. Mir scheint: Allenfalls die Tatsache, dass Sarrazin auch im Osten Fans hat, könnte auf ein gewisses Maß an Verblödung schließen lassen.

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Dieser Beitrag erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung. Es war mein letzter Beitrag in dieser Reihe. Ich danke allen Lesern für ihr Interesse, besonders jenen, die mich durch Lob und Tadel aufgemuntert und ermutigt haben.

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