Der Streit um den *

Seit der Todesstern des Imperiums vor langer Zeit in einer weit entfernten Galaxie sein Unwesen trieb, wurde kein Stern mehr mit solcher Inbrunst gehasst wie das Gendersternchen. Schon deswegen übermannt mich Mitleid mit dem kleinen Racker, der doch gewiss noch nie jemandem etwas zuleide getan hat. Der Asterisk soll, wie dank der erregten Debatte inzwischen wohl jeder Mensch weiß, nach dem Wunsch seiner Fürsprecher und Fürsprecherinnen sprachlich für Geschlechtergerechtigkeit sorgen. Ähnliche Versuche gibt es seit Jahrzehnten, so den BinnenGroßbuchstaben und den Unterstrich im Wort_inneren. Diese Versuche spielten sich aber fast ausschließlich innerhalb der linken Szene ab. Durchsetzen konnten sich diese Sprachformen nicht einmal in den größeren linken Zeitungen und Zeitschriften. Der neue Asterisk, der neben den Frauen auch allen anderen Geschlechtsidentitäten zu ihrem sprachlichen Recht verhelfen soll, wird hingegen inzwischen auch von manchen Kulturinstitutionen, Universitäten und Behörden verwendet. Das weckt den Zorn seiner Feinde.

Jüngst sorgte eine vom Verein Deutsche Sprache initiierte Petition gegen den „Gender-Unfug“ für Aufsehen, die nicht nur von den üblichen Rechten wie Safranski, Patzelt und Maaßen unterzeichnet wurde, sondern auch von Autorinnen wie Judith Hermann oder Katja Lange-Müller, die gewiss keiner dem maskulinistischen Lager zurechnen wird. Es ist einfach so, dass auch in liberalen und linken Kreisen Vorbehalte gegen Spracherfindungen im Dienste der Geschlechtergerechtigkeit verbreitet sind. Sie werden bloß nicht so laut ausgesprochen, aus Angst davor, sich den Applaus der Rechten oder den Zorn der Freunde einzuhandeln.

Der „Generalirrtum“ der Freunde der „sogenannten gendergerechten Sprache“ besteht nach Meinung der Sprachschützer im Glauben, „zwischen dem natürlichen und dem grammatischen Geschlecht bestehe ein fester Zusammenhang.“ Man sage doch: „Der Löwe, die Giraffe, das Pferd. Und keinen stört es, dass alles Weibliche sich seit 1000 Jahren von dem Wort ‚das Weib‘ ableitet.“ Dies ist nun allerdings das denkbar schlechteste Beispiel, das die Sprachschützer wählen konnten. Und dies nicht nur, weil es heutzutage gewiss jede Frau stören würde, als „das Weib“ bezeichnet zu werden. Dass wir Weiber und Mädchen wie Sachen anreden, hat sprachgeschichtlich durchaus damit zu tun, dass Frauen früher eben auch wie Sachen behandelt wurden, die verkauft werden konnten, zum Beispiel vom Vater an den Bräutigam. Dass wir „die Frau“ anders ansprechen, dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die „vrouwe“ noch im Mittelhochdeutschen ausschließlich die adlige Dame bezeichnete, jene Ausnahmefrau also, der man schon damals eine Persönlichkeit zubilligte. Aber das sind Fragen, welche die Sprachschützer vorsichtshalber gar nicht erst in den Blick nehmen. Sie ignorieren völlig eine unbestreitbare Einsicht: Unsere Sprache ist bis heute stark dadurch geprägt, dass über Jahrtausende nur der Mann als Mensch im vollen Sinne galt, die Frau hingegen als minderwertige Abweichung.

Zwischen dem grammatischen und dem natürlichen Geschlecht besteht gewiss kein „fester“ Zusammenhang. Aber die Sprachschützer mogeln sich an dem Eingeständnis vorbei, dass es einen mehr oder weniger starken Zusammenhang sehr wohl gibt. Stellen wir uns, wenn wir an „die Katze“ denken, nicht eher ein weibliches Wesen vor? Und ein eher männliches, wenn uns „der Hund“ in den Sinn kommt? Ganz sicher malen jedenfalls französische Kinder „la lune“ eher als Frau und „le soleil“ eher als Mann – ganz im Gegensatz zu deutschen Kindern. Und auch Erwachsene werden, wenn sie in einem Geschichtsbuch von der harten Arbeit der Bauern auf den Feldern lesen, ganz unwillkürlich Männer vor sich sehen, nicht aber die Bäuerinnen, deren Arbeit gewiss nicht weniger hart war. Als in der amerikanischen und der französischen Revolution die „Rights of Man“ und die „Droits de l’homme“ verkündet wurden, da handelte es sich nicht nur dem Buchstaben nach, sondern auch in der Tat ausschließlich um die Rechte der Männer. Erst die gendergerechte Erfindung des Wortes „Menschenrechte“ machte es möglich, auch Frauen als Träger dieser Rechte zu denken. Wörter wie „Ärztinnen“ und „Richterinnen“ gab es noch vor kurzer Zeit nicht, eben weil es keine Ärztinnen und Richterinnen gab. Die Wörter zeigen also den Fortschritt. Nichts spricht dagegen, die der deutschen Sprache ureigene Möglichkeit zu nutzen, weibliche Endungen an schon vorhandene Hauptwörter anzuhängen. Seltsamerweise bilden sich die in dieser Hinsicht ziemlich beschränkten Sprachschützer offenbar etwas darauf ein, ausschließlich „Politiker, Behörden, Firmen, Gewerkschaften, Betriebsräte und Journalisten“ anzusprechen.

Ich halte das Ziel der Befürworter und Befürworterinnen der „gendergerechten Sprache“ also für völlig berechtigt. Eine andere Frage ist es, ob alle von ihnen vorgeschlagenen Sprachreformen auch geeignete Mittel sind. Berechtigt ist der Einwand, Formen wie „die Radfahrenden“ seien schlicht falsch. Ein Lesender ist jemand, der eben in diesem Augenblick etwas liest, ein Leser hingegen jemand, der dies schon einmal getan hat und regelmäßig tut. Wenn neuerdings von „Radfahrenden“ die Rede ist, geht es also zumeist in Wirklichkeit um Radfahrer (und Radfahrerinnen). Ebenso zutreffend ist der zweite Einwand, eine völlig geschlechtergerechte Sprache, die immerzu männliche und weibliche Formen gleichberechtigt gebraucht, lasse sich konsequent gar nicht durchhalten. Man käme nicht nur zu absonderlichen Wörtern wie „Bürgerinnen- und Bürgermeister“ oder „Christ*innentum“. Man müsste im Grunde auch in beinahe jedem Satz Pronomen wie „keine*r“ oder „seine/ihre“ gebrauchen. Was für Berufsbezeichnungen noch angemessen und sinnvoll ist, wird auf die ganze Sprache angewandt zur Absurdität. Selbst wenn man der Meinung ist, eine so umgeformte Sprache sei gerechter, sollte man eingestehen, dass dieser Zugewinn mit Verlusten erkauft ist. Die Sprache wird ausladender, verwickelter, unübersichtlicher, verkopfter und hässlicher. Die Schriftsprache entfernt sich von der gesprochenen Sprache, der sie sich doch eigentlich anschmiegen sollte. Der Versuch, Genderzeichen in gesprochene Sprache zu übersetzen, erzeugt nicht eben Wohlklang.

Diese Überlegungen führen mich zu grundsätzlichen Einwänden: Sollten nicht gerade Menschen, die sich politisch für Solidarität einsetzen, möglichst für alle verständlich sprechen und schreiben? Wozu sonst die anderweitigen Versuche mit „einfacher Sprache“? Inwiefern kann dabei eine Ausdrucksweise helfen, zu deren Verständnis man elaborierte Kenntnisse im Feld der feministischen Linguistik benötigt? Sollte nicht auch bedacht werden, dass Umfragen zufolge eine große Mehrheit der Bevölkerung diese Neusprache nicht mag? Man kann natürlich erwidern: Die Leute sind eben noch nicht aufgeklärt genug, man muss ihnen diese Sprache gehörig eintrichtern, bis sie zur Normalität wird. Aber ist das ein emanzipatorischer Ansatz?

Die Freunde der gendergerechten Sprache stammen überwiegend aus akademischem Milieu. Und es scheint mir, als ließe sich aus dieser Herkunft auch ihr Hang erklären, die Sprache sehr zu überschätzen. In manchen Sprachen gibt es überhaupt keine weiblichen Endungen wie im Deutschen. Ist für diese Länder alles verloren? In anderen Sprachen gibt es selbst für die Verben weibliche Formen. Sind diese Länder in Sachen Gleichberechtigung uneinholbar voraus? Gewiss, die Sprache formt das Denken und damit auch das Handeln. Noch mehr aber wird die Sprache geformt durch die materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse. Wer glaubt, die Sprachreform sei das wichtigste Mittel, um die Gesellschaft gerechter zu machen, wird enttäuscht sein zu hören, dass das Esperanto bislang noch nicht den Weltfrieden gebracht hat. Ich glaube: Dürften die Frauen nur erst in Ökonomie, Politik und Kultur gleichberechtigt mitreden, würde sich die Sprache dazu schon finden.

Nichts spricht dagegen, im Rahmen dessen, was sinnvoll und machbar ist, die Geschlechtergerechtigkeit auch in der Sprache walten zu lassen. Aber diese Absicht ist es ganz sicher nicht wert, durch eine unaussprechliche und unverständliche Geheimsprache Menschen zu verschrecken, die in praktischer Hinsicht der Emanzipation durchaus zugetan sind. Viele von denen empfinden den Genderjargon nämlich nicht als inklusiv, sondern als Selbstgespräch einer Kaste von Bildungsprivilegierten, die sich gegenseitig ihrer Awareness versichern.

Wer das Gendersternchen benutzen will, der mag das von mir aus gerne tun. Doch soll auch niemand dafür verdammt werden, es zu unterlassen. Fast möchte ich vorschlagen: Können wir nicht einfach alle schreiben, ohne anderen etwas vorzuschreiben? Das ist allerdings in Deutschland kaum möglich, wo alle immerzu nach dem Kommandohebel schielen, wo in jedem Menschen ein Hausmeister steckt, der Vorschriften machen will. Der Verein Deutsche Sprache macht reinheitsbesessen Jagd auf Anglizismen, aber auch so mancher Freund „gerechter Sprache“ zeigt auf subtilere Weise Unduldsamkeit, indem er Anderssprechende zu Bösewichten erklärt. Gegen eine Zwangsbeglückung, die von uns allen verlangte, dem Genderstern zu folgen wie dem Stern zu Bethlehem, müsste auch ich Einspruch erheben.

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Kommentare
  1. Stefan Zimmermann

    Sehr geehrter Herr Bittner,

    dieses überzeugende Plädoyer für Gelassenheit im Umgang mit dem Bemühen um eine gendergerechte Sprache gibt mir einmal mehr Gelegenheit, mich für Ihr Journal und auch für Ihren neuerdings aktiver genutzten Twitteraccount zu bedanken. Beide suche ich regelmäßig mit Gewinn auf.

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