Über einen Streit bei konkret

Eine Gruppe von Autorinnen und Autoren hat bekannt gegeben, dass sie aus Protest gegen die Berichterstattung der konkret zu Russlands Eroberungskrieg gegen die Ukraine nicht mehr für das Magazin schreiben will. Ich teile die Kritik, die in dieser Erklärung geäußert wird, in allen wesentlichen Punkten. Überzogen scheint mir die Gleichsetzung mit der jungen Welt, denn so perfide und unverschämt wie dort rechtfertigt, soweit ich sehe, in der konkret niemand diesen Angriffskrieg. Dennoch gibt es unter den für Außenpolitik zuständigen Autoren einige, die den neofaschistischen Putinismus nicht nur lange unterschätzt, sondern bisweilen sogar als löbliche Alternative zum Westen gepriesen haben. Statt sich nun endlich der kritischen Analyse des Putinismus zu widmen, schreiben sie mit der Schärfe und Besessenheit des schlechten Gewissens über Russophobie, ukrainischen Nationalismus und deutsche Militarisierung. All diese Phänomene gibt es, aber wer seitenlang über den „Kriegstreiber“ Toni Hofreiter dozieren kann, während ihm zu Wladimir Putin nichts einfällt, der entlarvt sich selbst als Ablenkungskünstler. Nie im Leben würden dieselben Autoren ebenso leichtfertig mit der Denunziationsvokabel „Bellizist“ um sich werfen, ginge es um Waffen für den kurdischen Freiheitskampf oder das Selbstverteidigungsrecht Israels. Aber auch linke Männer sind nun einmal zuallererst Männer: bloß keine Schwäche zeigen, keine Zweifel zulassen, keine Fehler eingestehen. Stattdessen: Immer feste druff! Dass die AfD ziemlich einleuchtend Frieden mit Russland in deutschem Interesse fordert, während man selbst den Krieg mit Russland mühevoll aus deutschem Machtstreben zu erklären sucht, darf da nicht irritieren.

Ich finde den Abschied so guter Autorinnen und Autoren einerseits verständlich, andererseits bedauerlich. Ich glaube, der beste Ort für eine kontroverse Auseinandersetzung zu diesen Fragen wäre die konkret selbst – wobei allerdings die Redaktion auch mitspielen müsste. Die Forderung, man dürfe nur in Medien veröffentlichen, mit denen man ganz und gar übereinstimmt, halte ich schon immer für absurd. Der Rückzug in homogene Sektenblätter ist überdies ein Weg zu linker Selbstverzwergung. Wenn es erwünscht ist und solange es mir Freude macht, werde ich weiter für konkret schreiben – wobei ich voraussetze, dass es im nächsten Heft keine stalinistische Denunziationskampagne gegen die Abtrünnigen gibt.

Hier der Text der Erklärung:

„Für uns, Autorinnen und Autoren von Konkret, ist mit dem redaktionellen Kurs zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine eine rote Linie überschritten. Wir wollen und können nicht weiter in einer Zeitschrift publizieren, die sich in dieser Frage in die Nachbarschaft der AfD, des völkischen Flügels der Linkspartei oder Jürgen Elsässers Compact, von Henry Kissinger, Klaus von Dohnanyi oder den Lobbyverbänden der deutschen Industrie begibt.

Der März-Titel (‚Nato-Aggression gegen Russland‘) hätte einen Einschnitt bedeuten müssen. Zwar haben viele nicht daran geglaubt, dass die russische Staatsführung mit ihren Drohungen ernst machen würde. Aber dass es in Wahrheit der Westen sei, der einen Überfall vorbereite, hat nicht einmal der Kreml selbst behauptet. Diese Stilisierung Russlands zum unschuldigen Opfer, samt Ausblendung des Aufmarsches von hunderttausend Soldaten an der Grenze zur Ukraine, wäre selbst dann fürchterlich gewesen, wenn der Einmarsch nicht erfolgt (oder, realistischer, lokal begrenzt geblieben) wäre. Durch das russische Vorgehen wurde der Titel, ob nolens oder volens, zu noch Schlimmerem: einem Stück Kriegspropaganda.

Wer – analytisch wie moralisch – so dermaßen danebengelegen hat, müsste sich eigentlich selbstkritisch fragen, wie es dazu hatte kommen können. Passiert ist bei Konkret das Gegenteil. Zwar werden in die meisten Texte pflichtschuldige Distanzierungen vom ‚völkerrechtswidrigen‘ Angriffskrieg eingestreut, den man ‚keinesfalls rechtfertigen‘ wolle. Aber die Grundtendenz ist überdeutlich: Russland, von der Nato-Osterweiterung und CIA-gesponserten Putschen in die Defensive gedrängt, habe schlichtweg keine andere Wahl gehabt, als entweder anzugreifen oder zu kapitulieren. Der Westen sei darum nicht bloß der eigentliche Aggressor, sondern durch die Unterstützung des ukrainischen Abwehrkampfes auch hauptverantwortlich dafür, dass das Blutvergießen nicht schon längst beendet wurde. Konkret-Hauspoet Marco Tschirpke brachte es in der Mai-Ausgabe auf den Punkt: Die Ukraine solle gefälligst kapitulieren, damit im Osten endlich wieder Ruhe herrscht.

Die Vorstellung, dass der Feind meines Feindes ein Freund sein muss, hat Konkret in der Vergangenheit stets zuverlässig kritisiert. Nur wenn es um Russland geht, will man partout nicht von der fixen Idee lassen, es handele sich irgendwie immer noch um einen Hort des Widerstands. Wie verquer diese Vorstellung ist, macht ein Satz der Redaktion unfreiwillig deutlich. In der Einleitung zum Wiederabdruck einer alten Kolumne Hermann L. Gremlizas, die den Kreml-Chef für seine Besonnenheit in Sachen Krieg und Frieden lobt, heißt es: ‚Der Westen sieht in diesem von Russland begonnenen Krieg die erhoffte Chance, jenes Regime loszuwerden, das sich bis heute weigert, ihm seine Märkte und seine Ressourcen zur freien Verfügung zu überlassen.‘ Selbstverständlich überlassen die russischen Kapitalisten ihre Ressourcen niemandem ohne Gegenleistung; das tut kein Land der Welt, nicht einmal Tuvalu. Selbstverständlich wiederum stellt der russische Staat, wie alle anderen auch, seine Märkte dem globalen Kapital zur Verfügung; wäre es anders, bräuchte man sich schließlich über die Sanktionen nicht so aufzuregen. Mit Kritik der politischen Ökonomie hat das wenig zu tun, mit Anlehnungsbedürfnis dafür umso mehr.

Bezeichnend ist, was alles ausgeblendet werden muss, damit die Linie stimmt. Über die Verfasstheit der russischen Gesellschaft, ihre Herrschaftsverhältnisse und inneren Widersprüche als mögliche Ursachen der Aggressionspolitik findet sich kaum etwas im Heft, ebenso wenig über die ideologische und materielle Zuarbeit der Machthaber im Kreml für die rassistische und faschistische Rechte weltweit, von Orbán und Le Pen bis Trump und Modi.

Auch die Zurückweisung jeder Relativierung und Instrumentalisierung der Shoah war einmal das Markenzeichen von Konkret. Als aber Putin die Invasion damit begründete, die Ukraine, die von einem jüdischen, russischsprachigen Präsidenten regiert wird, ‚entnazifizieren‘ zu wollen, war dies der Zeitschrift zunächst keine Silbe wert – bis zur Juni-Ausgabe, in der ausgerechnet Rolf Surmann diese Verhöhnung der Opfer als ‚Zuspitzung‘ verteidigte. Und während man unverdrossen die Osteuropapläne des deutschen Kapitals geißelt, kommen die Bewohnerinnen und Bewohner der Region höchstens einmal als Nazis oder als Marionetten des Westens vor, nie aber als Menschen mit eigenen, wie widersprüchlich auch immer konstituierten Interessen – zu denen es nicht zuletzt gehört, womöglich nicht unbedingt unter russischer Besatzungsherrschaft leben zu wollen.

Die Gegnerschaft zu Volk und Vaterland, für die Konkret einmal stand, reduziert sich inzwischen auf bloße Diskursanalyse. Mit Argusaugen wird beobachtet, wer was in welcher Talkshow verzapft hat, und darüber erspart man sich jede Analyse der tatsächlichen Regierungspolitik. Andernfalls müsste man sich fragen, wie es eigentlich ins Schema passt, dass die Bundesrepublik bei den westlichen Verbündeten seit Langem als der treueste Fürsprecher Putins bekannt ist; dass die deutsche Regierung ihr Veto zum Nato-Beitritt der Ukraine noch im Februar dieses Jahres öffentlichkeitswirksam wiederholte; und dass, wie hinlänglich bekannt sein dürfte, Regierungspolitiker in den Tagen nach dem russischen Überfall inständig darauf hofften, ein schneller Sieg der Invasionstruppen würde Forderungen nach einschneidenden Sanktionen gegenstandslos machen. Alice Schwarzer und Verbündete gingen nicht zu Unrecht davon aus, dass ihr ‚Offener Brief an Kanzler Olaf Scholz‘ ganz auf Regierungslinie liegt.

Bei Konkret hingegen muss man sich, wenn man das Gleiche will, unbedingt als Staatsfeind inszenieren. Als solcher aber verfügt man über jenes unverbesserlich gute Gewissen, das Täterkinder und -enkel dazu ermächtigt, den Bewohnerinnen und Bewohnern eines Landstrichs, in dem die Wehrmacht gewütet hat wie kaum irgendwo sonst, Lehren über die ‚berechtigten russischen Sicherheitsinteressen‘ zu erteilen – oder sie gar, wie Kay Sokolowsky es fertigbrachte, aufzufordern, sie möchten doch bitteschön den staatlich approbierten Schlächtern ‚gewaltfrei begegnen‘.

Wer ‚gegen den Westen‘ zum einzigen Entscheidungskriterium macht, kann sich jede Unverschämtheit herausnehmen und jede Barbarei zum Widerstandsakt verklären. Aus einem Organ der Kritik wird dann eine monatliche Junge Welt. Für die schreiben wir aus guten Gründen nicht. Für die Kopie dann halt auch nicht.“

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Kommentare
  1. Stefan Zimmermann

    Lieber Herr Bittner,

    herzlichen Dank für Ihren Beitrag. Er trifft genau meine Sicht der Dinge. Am Montag werde ich mir die Ausgabe 7/2022 kaufen.

    Kronauer lese ich stets mit Gewinn, auch wenn ich seine Einschätzungen oft nicht teile. Sokolowsky ist ein ganz feiner Autor, sein Blog ist eine Oase im Netz, seine Positionen zu Russland/Ukraine und Corona sind irritierend.

    Den konkret-Boykott halte ich für falsch. Die Autorinnen und Autoren werde ich sehr vermissen.

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  2. Thomas Schweighäuser

    Den Halbsatz „Wer ‚gegen den Westen‘ zum einzigen Entscheidungskriterium macht“ hätte HL Gremliza den Autoren wegen erkennbarer Sinnlosigkeit um die Ohren gehauen.
    Im übrigen halte ich es auch für unappetitlich, wenn „Täterkinder und -enkel (…) den Bewohnerinnen und Bewohnern eines Landstrichs, in dem die Wehrmacht gewütet hat wie kaum irgendwo sonst,“ vom bequemen Schreibtischstuhl aus empfehlen, sie sollten sich gegen eine „russische Besatzungsherrschaft“ zur Wehr setzen.

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    • Michael Bittner

      Die Deutschen, die den Ukrainern empfehlen, sich der russischen Gewaltherrschaft doch besser kampflos zu ergeben, sitzen auch an sicheren Schreibtischen – dieser Vorwurf ist also argumentativ wertlos.

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