In Slowenien oder Kein Urlaub vom Faschismus

Alles ist scheiße. Die Rechten sind auf dem Vormarsch und ihre Gegner zeigen sich, wenn man’s noch schonend ausdrücken will, auch nicht gerade in Bestform. In solcher Lage stellen sich Zustände der Erschöpfung auch beim zähesten Streiter im Meinungskrieg ein. Er entschließt sich also, seine Einmannkaserne doch einmal für verdiente Ferien zu verlassen – Faschismus hin oder her. Zum Ziel der Reise wurde Slowenien erkoren, ein kleines Land, das bekannt vor allem dafür ist, oft mit der Slowakei verwechselt zu werden. Das unterläuft aber nur Ignoranten, alle anderen wissen ja, dass Slowenien die nördlichste der ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens ist, ein seit 1991 unabhängiger Staat, der Mitglied der Europäischen Union ist und sogar den Euro eingeführt hat, obwohl dafür eine Währung mit dem wunderschönen Namen Tolar für immer abtreten musste.

Der EuroCity-Zug, der meine Liebste und mich nach Slowenien bringt, ist ein Sinnbild der Europäischen Union. Er kommt verspätet, fährt langsam und besteht aus Teilen mehrerer Länder, die nicht recht zusammenpassen wollen. Das Personal wird an jeder Grenze ausgewechselt, sodass die neue Besatzung die Schuld für das herrschende Chaos immer den Leuten aus dem vorherigen Land zuschieben kann. Fahrradfahrer finden den versprochenen Fahrradwagen nicht, weil keiner existiert. Es gibt auch zu wenige Sitzplätze, von denen anscheinend einige auch noch doppelt reserviert sind, vielleicht um die Europäer auf diesem Weg miteinander in engeren Kontakt zu bringen. In unserem Abteil hat sich aus unseren beiden Sitzen ein junger Kroate ein Bett zusammengeschoben, auf dem er schlummert, mit lautem Techno in den Ohren. In einer seiner Wachphasen erzählt er uns, er arbeite für eine Metallbaufirma in der Nähe von Ulm und sei nun auf dem Weg in den Heimaturlaub. An Deutschland gefalle ihm besonders der gute Lohn, in Kroatien werde man selbst in ordentlichen Berufen mickrig bezahlt. Einziger Nachteil sei, dass er seine Freundin nur selten sehen könne. Gerne würde er in Deutschland eine schöne Wohnung finden, bislang habe er immer in Arbeiterheimen und ärmlichen Zimmern gelebt. Aber es sei schwer mit den Vermietern, viele wollten wohl keinen Ausländer. Weil wir dem arbeitsmüden Mann seinen Schlaf gönnen, verbringen wir einige Zeit im österreichischen Speisewagen. Viele Gerichte sind gerade aus, aber der Kellner ist so charmant unverschämt, wie man es von einem jungen Österreicher erwartet. Der Anblick der Alpengipfel, die während der Fahrt draußen vorbeiziehen, entschädigt ohnehin für alle Unbequemlichkeiten.

Die Hauptstadt Ljubljana macht auf den ersten Blick einen merkwürdigen Eindruck. Prachtvoll restaurierte Gebäude im Habsburgerstil mischen sich im Stadtbild mit bröckelnden sozialistischen Zweckbauten. Das öffentliche Leben wiederum wirkt westlicher als im Westen. Überall wird freier Netzzugang versprochen, im Nahverkehr kann man nur elektronisch bezahlen, die Lokale werben stolz mit ihren sieben Sorten selbstgebrautem Pale Ale. Das Stadtzentrum, gelegen an drei Brücken über ein kleines Flüsschen, quillt über vor Touristen. Es ist unmöglich, noch irgendwo einen freien Platz zu finden. Wir versorgen uns deshalb mit Nahrung an einer Imbissbude, wo eine aufgeregte, junge Chinesin Nudeln und Gemüse in Pappkartons füllt. Als wir ihr etwas Trinkgeld geben, besteht sie darauf, uns zum Ausgleich noch mehr Frühlingsrollen einzupacken. Essen können wir vor dem Laden im Freien, es ist auch nachts noch immer heiß. Ziemlich überfordert falle ich im Hotel in die Federn und plädiere für einen baldigen Ausflug in die Natur zum Zwecke der Entspannung.

Daheim tadelt mich die Frau oft, weil ich mich angeblich nicht genug bewege. Es überzeugt sie nicht, wenn ich ihr vorrechne, welche Strecke tagtäglich allein schon durch meine Wege vom Bett zum Kühlschrank zusammenkommt. Nun befinden wir uns in der Nähe von Bergen und es hilft alles nichts: Sie müssen bestiegen werden. Wir nehmen uns zuerst den Berg Krim vor, einen Gipfel der leichteren Kategorie. Mit dem Bus fahren wir in ein kleines Dörfchen zwischen gelben Feldern, wo hinter der alten Dorfkirche der Aufstieg durch dunklen Gebirgswald beginnt. Eintausend Meter sind keine sonderlich lange Strecke. Dies gilt allerdings nur, wenn sie in der Waagerechten zu bewältigen sind. In vertikaler Form nehmen sie einen ganz anderen Charakter an. Nach einhundert Metern überlege ich, inzwischen ein schwitzendes und schnaufendes Wrack, wie ich vor der Frau die feste Überzeugung verbergen kann, dass ich in Kürze sterben werde. Ich lasse erst einmal ein bisschen abreißen. Vielleicht sollte ich mich einfach auf den Waldboden legen und sanft entschlummern, als Allerletztes im Ohr den fröhlichen Gesang der Vögel. Der Gedanke ans Ende scheint mir weit tröstlicher als die Überlegung, dass auf mich, sollte ich nicht sterben, noch 900 weitere Höhenmeter warten.

Ich nehme einen Schluck aus der Wasserflasche und raffe mich doch noch einmal auf. Während ich weiter bergan wandere, versuche ich mich durch den Anblick der Natur für meine Schmerzen zu entschädigen. Besonders ins Auge fallen mir die Alpenveilchen am Wegesrand. Da es sich um die Lieblingsblume des gemeinen Ossis handelt, ist mir die Pflanze vertraut. Andererseits wirkt sie hier auf mich befremdlich, denn ich kenne sie nur aus schwarzen Plastikblumentöpfen. Das Alpenveilchen in freier Wildbahn zu erblicken, verstört mich. Meine Oma hatte stets mehrere Alpenveilchen auf dem Fensterbrett. Das Alpenveilchen war im Osten überhaupt in den neunziger Jahren überall zu sehen, in Wohnungen, Büros und Gaststätten. Und das, obwohl die Zeit nach der Wende eigentlich die der Kunststoffblumen war. Sie galten damals im Osten als schick und praktisch, denn sie sahen lebensecht aus, wenn man nicht allzu genau hinschaute, man brauchte sie aber nicht zu gießen. Allenfalls abstauben musste man sie gelegentlich. Die Blume aus Plastik war ein Symbol des Fortschritts. Unterdessen schlossen die Gärtnereien, auch die in unserem Dorf. Aber die Ossis waren stolz, dank des Kapitalismus endlich echten Kunststoff kaufen zu können und sich nicht mehr mit den sozialistischen Ersatzprodukten Plaste und Elaste begnügen zu müssen, die bekanntlich aus dem Knochenmehl rumänischer Waisenkinder hergestellt worden waren. Wie konnte das Alpenveilchen damals trotzdem Gnade finden? Wahrscheinlich, weil es mit seinen leuchtenden Blüten und seinen unnatürlich schön marmorierten Blättern aussah, als wäre es aus Plastik. So drückte man ein Auge zu und ließ auch mal was Lebendiges passieren.

Am Gipfel angelangt, werde ich für den Aufstieg entschädigt, weniger durch berauschenden Fernblick als durch eine Berghütte, in der mir eine nette Wirtin Limonade verkauft. Ein alter Slowene in Wanderkluft sitzt neben uns. Ich bin erstaunt darüber, wie der Zausel es bis hier nach oben geschafft hat. Nach dem Essen spricht er uns an und erzählt, eigentlich möge er den Berg Krim gar nicht besonders. „Mir ist das hier zu niedrig, hier sind noch zu viele Bäume und Blumen“, sagt er. „Ich mag die Alpen. Hier hoch laufe ich bloß, um ein bisschen zu trainieren, bevor ich auf die richtigen Berge steige.“ Bevor ich den Alten erwürgen kann, gibt die Frau schon den Entschluss bekannt, auch wir wollten auf jeden Fall noch Alpengipfel besteigen.

Das Nationalmuseum in Ljubljana erläutert die Geschichte der Gegend, die heute Slowenien heißt, von der Steinzeit bis zum Mittelalter. Allerhand Schwerter, Münzen und sonstiges Blech. Dazu erzählen Karten und Texte davon, wie die Kelten von den Römern, die Römer von den Germanen, die Germanen von den Slawen unterjocht und wechselweise vertrieben oder eingeschmolzen worden sind. Bemerkenswerter finde ich die „Neandertalerflöte“, einen hohlen Tierknochen mit kreisrunden Löchern, der in einer slowenischen Höhle gefunden und auf ein Alter von 45000 Jahren datiert wurde. Im Internet kann man von wissenschaftlichen Spaßverderbern lesen, die nicht glauben wollen, dass es sich wirklich um eine Flöte handelt. Ich mag diesen Pedanten keinen Glauben schenken, denn die Vorstellung von einem Neandertaler, der sich in der Höhle eine Flöte bastelt, um seinen Kumpels am Lagerfeuer ein Liedchen zu pfeifen, ist zu schön, um nicht wahr zu sein. Früher hielt man die Neandertaler ja für tumbe Keulenschwinger, die von den modernen Menschen mühelos verdrängt und ersetzt wurden. Die Genetik hat nun aber herausgefunden, dass auch in uns modernen Menschen noch beachtlich viel vom Neandertaler steckt. Es gilt wohl sogar die einleuchtende Faustregel: Je blonder, desto mehr Neandertal. Jedenfalls konnten nachweislich schon die Steinzeitmenschen nicht von der Völkermischung lassen, dieser großen Versuchung, gegen die uns nun endlich die Faschisten wappnen wollen.

Vorm Museum ohrfeige ich mich selbst, denn ich hatte mir ja fest vorgenommen, im Urlaub nicht an Politik zu denken. Aber das ist schwer. Man müsste die Augen fest geschlossen halten. Denn Grafitti gibt es auch in Ljubljana, zum Beispiel liest man an der Wand eines Kulturzentrums: „LGBT je degeneracija, degradacija, dekadenca“, was sich ins Deutsche wohl so übersetzen lässt: „Die Bewegung der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgeschlechtlichen ist Entartung, Erniedrigung, Verfall“. Immerhin hat ein gegnerischer Sprüher diese These rot durchgestrichen und durch die schlichte Botschaft „Pro Homo“ korrigiert. Ich sehe langsam ein: Wenn ich den politischen Kämpfen unserer Zeit entkommen wollte, müsste ich wohl Urlaub in der Antarktis oder auf dem Mond machen. Vielleicht kann man aus der Allgegenwärtigkeit des Streits zumindest einen Trost ziehen: Wenn überall in Europa, ja beinahe auf der ganzen Welt von den gleichen Parteien die gleichen Kämpfe ausgefochten werden, dann ist die Weltgesellschaft kein utopisches Phantom mehr, sondern inzwischen die Wirklichkeit.

Mit einer romantisch rostigen Bimmelbahn reisen wir von Ljubljana weiter in das kleine Städtchen Kamnik am Fuß der Alpen. Unsere Unterkunft befindet sich in den Zimmern eines Gasthauses, in dessen Schankraum sich die örtlichen Biertrinker versammeln. Die Pension liegt unmittelbar neben dem Busbahnhof, sodass wir am nächsten Morgen mühelos in die Berge fahren können. In den Bus steigt an einer Dorfhaltstelle auch ein alter, grauhaariger Mann mit freundlichem Gesicht, der mir merkwürdig bekannt vorkommt. Er trägt das Gewand eines Hirten, hat einen Wanderstab bei sich und an seinem Hut einen Strauß mit Wiesenblumen befestigt. Endlich fällt es mir ein: Ein Foto des Mannes findet sich als Illustration in unserem Reiseführer. Er trägt seine Kluft mit einer Würde, die mich vermuten lässt, dass er kein Hirt, sondern ein erfahrener Hirtendarsteller ist. Jedenfalls hat er dasselbe Ziel wie wir: die Velika Planina, eine Hochfläche mit großen Almen und Hirtensiedlungen. Er nimmt allerdings die Seilbahn, während wir wieder zu Fuß bergan steigen.

Erstaunlicherweise fällt mir der Weg nach oben diesmal wesentlich leichter, offenbar komme ich langsam in Form. Am Wegesrand sehe ich prächtigste Steinpilze, aber da wir nicht über eine Küche verfügen, schone ich sie. Obwohl ich mir mit Immanuel Kant einzureden versuche, der wahre Genuss der Schönheit bestehe im interesselosen Wohlgefallen, bleibt Unzufriedenheit zurück. Wie gern hätte ich diese Pilze auch mit Zunge und Gaumen, nicht nur mit den Augen genossen! Die Frau fragt mich, wieso ich denn beim Wandern ständig in die Hände klatsche. Ich erläutere ihr, dies sei ein probates Mittel gegen die plötzliche, vielleicht verhängnisvolle Begegnung mit den in Slowenien durchaus heimischen Braunbären. Die Frau lacht mich aus. Ich nehme es klaglos hin. Wir überleben auch diesen Tag im Wald und es genügt mir, dass ich weiß, wem wir das zu verdanken haben.

Oben auf der Hochfläche angekommen, finden wir uns sogleich auf einer Weide zwischen weißbraunen Rindern wieder. Das Geläut ihrer Glocken beschallt die ganze Alm. Einige schindelgedeckte Hütten stehen auf dem Grün, sonst nichts. Schüchtern bahnen wir uns den Weg durch die Herde. Die Kühe schauen uns etwas misstrauisch, aber nicht ängstlich an. Gewiss sind sie Wanderer gewohnt. Ich erinnere mich an das Gedicht Gang durch die Kuhherde, geschrieben vom Kabarettisten Werner Finck, der wie ich in Görlitz geboren wurde:

Nächtlich auf der dunklen Weide
Grasen viele große Kühe,
Kauen,
Schauen,
Tun mir nichts zuleide,
Während ich mich durch sie durch bemühe.

Wenn sie wollten, könnten sie mich überrennen,
Doch sie werden nicht dran denken,
Da sie
Quasi
Gar kein Denken kennen.
Außerdem sind sie nicht abzulenken.

Und so geh’ ich lautlos durch die Herde
Auf dem Gras, daran sie kauen,
Eilig,
Weil ich
Plötzlich bange werde,
Dass sie meine schwache Position durchschauen.

Warum kommt mir dieses vermaledeite Poem in den Sinn? Finck erzählte 1933 auf der Bühne seines Kabaretts natürlich nicht von Rindern, sondern von den faschistischen Hornochsen, die eben die Macht übernommen hatten. Ich konzentriere mich wieder auf die wirklichen Kühe, um die allegorischen zu vergessen. Kühe sind wohlgeformte, auf ihre Art anmutige Tiere, vielleicht nicht allzu schlau, aber friedlich. Sie haben es nicht verdient, mit Faschisten in Verbindung gebracht zu werden.

In der Mitte der Hochfläche, wo sich Gasthäuser, eine kleine Bergkapelle und Sesselliftstationen befinden, geht es ziemlich belebt zu. Fußlahme und Drückeberger, die mit dem Lift oder dem Auto bis hierher gelangt sind, spazieren frohgemut im Kreis, genießen die Aussicht auf die benachbarten Alpengipfel und fotografieren Rinder. Eine erkennbar deutsche Familie kommt uns entgegen, vorneweg der Vater mit seinem Sohn, wenige Schritte dahinter Mutter und Tochter. Der Vater trägt einen Alpenhut und versucht zu jodeln, weil er der festen Überzeugung ist, dies sei äußerst witzig. Mutter und Tochter verdrehen peinlich berührt die Augen und auch auf dem Gesicht des Sohnes zeichnet sich deutlich ein einziger Gedanke ab: Scheiße, das ist also der Typ, der mich gezeugt hat.

Wir suchen eines der Gasthäuser auf, ich esse eine slowenische Pilzsuppe und spreche maßvoll dem Bier zu. Währenddessen beobachte ich seltsame Krähenvögel, die sich zwischen den Almhütten geschickt von den Aufwinden tragen lassen und immerzu nach Nahrung spähen, die sich auf dem Boden erhaschen lassen könnte. Meine Vogel-App mit dem Namen „Die Vogel App“ verrät mir, dass es sich um Alpendohlen handelt. Bei dieser Gelegenheit fällt mir auf, dass man in Slowenien selbst auf Berggipfeln ins Internet gelangen kann, während man in Deutschland schon am Rand der Hauptstadt des Empfangs verlustig geht. Das neue Europa scheint das alte doch in manchen Bereichen zu überholen.

Das Nachtleben des Städtchens Kamnik ist überschaubar. Aber ich spüre zielsicher das beste Lokal der Stadt auf. Das Café Racer am Hauptplatz wirbt offenbar besonders um Biker. Immer wieder stellen junge Männer, aber auch Frauen ihre Maschinen neben dem Café ab, um sich ein Getränk zu gönnen. (Im Internet werde ich später lesen, dass englische Rock’n’Roller in den Sechzigern die frisierten Motorräder, mit denen sie Sonntagsausflüge machten, „Café Racer“ nannten. Das Café Racer hat sich also nach einer Sorte von Motorrädern benannt, die ihren Namen Cafés verdankt – ein Taufkreislauf von geradezu philosophischer Qualität.) Obwohl ich in meiner Jugend darauf verzichtet habe, den Mopedführerschein zu erwerben, erhalte auch ich Bier. Bedient werden wir vom Besitzer des Cafés, einem agilen Mann mittleren Alters mit zottigen Haaren. Er gehört zu den Menschen, die erkennbar für den Beruf des Wirtes geboren wurden: Es gibt keinen Gast, den er nicht in einen kleinen Plausch verwickelte. Die Frau meint, er habe die Ausstrahlung eines Weltenbummlers, der nach Jahren der Wanderschaft in die Heimat zurückgekehrt sei. Sie muss es wissen, denn sie war selbst in ihrer Jugend viel auf dem Globus unterwegs. Als der Wirt erfährt, dass wir aus Berlin in sein kleines Café geraten sind, ist er hellauf begeistert und fragt uns erst einmal aus. Er entschuldigt sich für die Schläfrigkeit seiner Heimatstadt und scheint ein wenig neidisch auf die Besucher aus der Metropole. Es ist seltsam, ich blicke in letzter Zeit immer öfter mit Neid auf Menschen wie den Kamniker Biker-Wirt, die auf kleinem Raum ihre Idee verwirklichen und das Leben einiger Leute schöner machen, statt sich in der Großstadt im Kampf gegen die Gleichgültigkeit zu vergeuden. Als wir am nächsten Tag noch einmal im Café Racer einrücken, schenkt uns der Wirt am Ende die Zeche zum Dank für unseren Besuch. Ich beschließe, mich später zu revanchieren, indem ich sein Lokal literarisch ins kulturelle Gedächtnis der Menschheit befördere.

Die letzten Tage unserer Reise verbringen wir in Maribor, der zweitgrößten Stadt Sloweniens im Osten des Landes. Die Stadt wirkt noch barocker und österreichischer als die Hauptstadt. In der hübschen Altstadt sitzen Einheimische und Touristen beisammen, trinken Kaffee und schlecken Eis. Der junge Kioskverkäufer im Stadtpark versichert uns, in diesem Teil Sloweniens könne man ruhig Deutsch sprechen, jeder hier verstehe das. Nach dem Besuch im Museum der nationalen Befreiung wundere ich mich dann allerdings darüber, dass irgendjemand hier noch Lust hat, Deutsch zu sprechen. Aber das gilt ja im Grunde fast für ganz Europa. Ein Deutscher, den in der Ferne das Heimweh nach dem Faschismus packt, findet in fast jeder europäischen Stadt ein Museum, in dem er sich über das historische Treiben seiner faschistischen Landsleute in der Region unterrichten kann. In Slowenien, dessen nördlichen Teil die Deutschen als „Untersteiermark“ für sich beanspruchten, planten die Nazis im Zweiten Weltkrieg eine großangelegte Germanisierung. Die Slowenen wehrten sich gegen Vertreibung und Ermordung durch einen Partisanenkrieg. In der Ausstellung des Museums sind die Waldhütten nachgebaut, in denen Ärzte und Krankenschwestern während des Krieges heimlich verwundete Kämpfer versorgten. Entdeckte die Wehrmacht so ein geheimes Lazarett, wurden meist alle Patienten und ihre Helfer an Ort und Stelle umgebracht. Ich kann mir nicht helfen, es fällt mir noch schwer, die Forderung der neuen deutschen Faschisten zu erfüllen, auf solche Leistungen unserer Soldaten stolz zu sein. Aber die Zeiten ändern sich, wir müssen alle umdenken.

Auf der Heimfahrt teilen wir im Zug das Abteil mit einer deutsch-amerikanischen Familie. Die drei jungen Söhne wechseln mühelos vom Englischen ins Deutsche und zurück. Die Eltern sprechen ab und zu Spanisch, vielleicht dann, wenn sie nicht belauscht werden möchten. Wir erfahren trotzdem, dass die Familie nach ihrem Aufenthalt in Slowenien nun nach Bayern fährt, wo die Eltern der Mutter beheimatet sind. Der amerikanische Vater ist geradezu der Prototyp des Daddys: ein großer, stämmiger Mann mit ordentlichem Bauch, Halbglatze und Oberarmen so dick wie Laternenpfähle. Mit seinen drei Kindern geht er zärtlich und doch bestimmt um, er muntert sie auf und hält sie im Zaum. Als sein ältester Sohn vorführt, wie er einen Rubik-Würfel in zwei Minuten lösen kann, staunt er nicht nur wie wir anderen auch, sondern lässt sich geduldig die Technik von seinem Kind erklären, um sie ebenfalls zu erlernen. In Salzburg springt er während eines Zwischenhaltes aus dem Zug, um Wasser für die durstige Familie zu besorgen. Als er zurückkehrt, empört er sich: „Der ganze Bahnhof ist voller Nazis! Und niemand tut etwas! Sie grölen herum und heben ihre Arme! Das können doch nur Nazis sein!“ Ich überlege, ob ich ihm darlegen sollte, dass er vielleicht nur die Gesänge und Gesten der Fans von Austria Salzburg missverstanden hat, die gerade den Bahnhof bevölkern. Aber dann lasse ich es doch. Woher weiß ich denn, dass der Bahnhof nicht wirklich voller Nazis ist, die machen, was sie wollen, weil niemand sie daran hindert? Undenkbar scheint das ja in unseren Zeiten nicht mehr. Ich entwickle spontan den Wunsch, von dem amerikanischen Mustervati adoptiert zu werden. Ja, ich wünschte mir, er könnte gleich ganz Europa in seine multikulturelle Familie aufnehmen. Denn er besitzt das, was wir alle in Zukunft brauchen werden, um uns zu schützen: Klugheit, Gefühl und Muskeln.

Alle Schuld den Linken

Zwei Grundsätze scheinen sich in der Debatte über politische Gewalt gerade durchzusetzen: Wenn Linksradikale gewalttätig werden, wie bei den Protesten gegen den G-20-Gipfel in Hamburg, dann sind die Linken daran schuld, die sich nicht ausreichend von den Randalierern distanzieren. Wenn hingegen Rechte gewalttätig werden, wie vielfach in den letzten Jahren – dann sind daran auch die Linken schuld, weil sie die Sorgen dieser Menschen nicht ernst genug genommen haben. Diese armen, verstörten Seelen sind einfach so verzweifelt, dass ihnen als Hilferuf nur der Hitlergruß bleibt. Ihr Hang zum Pöbeln und Prügeln – eine bedauerliche Folge der verfehlten Migrationspolitik der linksliberalen Eliten.

Ich kann mich leider nicht so dumm stellen, dass mir diese Theorie vom berechtigten Volkszorn einleuchten würde. Mir fällt es schon schwer, an die Abneigung von Menschen gegen Kriminalität zu glauben, die einem Berufsverbrecher zujubeln und sich mit Nazi-Schlägern verbrüdern. Auch zeigt sich der spontane Volkszorn überraschend wählerisch in seinem Wallen: Als 2009 die ägyptische Pharmazeutin Marwa El-Sherbini in Dresden von einem Deutschen erstochen wurde, fanden nur wenige der Wutbürger zur Trauerfeier. Außerdem gelingt es anderen Völkern offenbar besser, ihren Zorn zu zügeln. Soweit ich weiß, gab es in China keine Massenproteste gegen Deutsche, nachdem der Stiefsohn des Dessauer Polizeichefs eine chinesische Studentin vergewaltigt und zu Tode gefoltert hatte. Nicht einmal die Angehörigen der Opfer des NSU haben zur rächenden Jagd auf junge Thüringer geblasen.

In Wirklichkeit sieht es so aus: Es gibt einen Bodensatz von Deutschen, die von jeher die Ausländer hassen wie die Pest. Jedes Verbrechen eines Ausländers ist für sie nur willkommener Anlass, ihrem Hass gegen Fremde freien Lauf zu lassen. Die Stimmung in der Gesellschaft ist für diese Leute mal mehr, mal weniger günstig, um gehört zu werden und unter Verwirrten und Frustrierten Mitläufer anzuwerben. Aber es gäbe sie auch, wenn alle Einwanderer Engel wären. Politiker, die das Recht aufs „Ausrasten“ propagieren, geben den militanten Rechten das gute Gefühl: Wir müssen nur laut genug brüllen und genügend Häuser anzünden, dann wird schon irgendwann getan, was wir wollen.

***

Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Alter Sack mit vollen Eimern

Wer kennt sie nicht, die großen, weißen Farbflecke auf unseren Gehwegen? Bisher hielt man sie für Spuren von Unfällen. Doch nun hat sich, wie ich exklusiv für die taz berichten konnte, der sächsische Malerfürst Gerhard Richter zu diesen Werken bekannt!

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Aus meiner Fanpost (35): Am Rockzipfel von Mutti

Servus, Herr Dr.!

ich finde es immer wieder toll, wie Menschen, die ihrer Heimat ( Entschuldigung –  ist Heimat neonazistisch ? ), aus welchen Grund auch immer,den Rücken gekehrt haben, diese nun AUS DER FERNE verunglimpfen! Allerdings muß ich sagen, es war das Beste was Sie tun konnten. Sie hätten mit großer Sicherheit im rechtsverseuchten Sachsen keinen Fuß auf den Boden bekommen. Des weiteren bin ich überzeugt, daß Ihnen der Begriff  ,, Heimatgefühl “ absolut fremd ist!

Haben Sie je für Deutschland eine Waffe in der Hand gehabt – bei der Bundeswehr gedient? Für die NVA waren Sie wahrscheinlich noch nicht geboren. Da lernt MAN(N) so etwas wie TREUE, KAMERADSCHAFT, EHRLICHKEIT, DISZIPLIN sowie VATERLAND – UND HEIMATVERBUNDENHEIT! 

Nichts für Weicheier und HAIMATverrachter!

Oder haben Sie Ihr täglich Brot in der Produktion für eine Wertschöpfung im Akkord verdient? Eher wohl nicht! Sonnst würden Sie vielleicht auch die Millionen Protestler und ihre Ohnmacht gegen die Politik einer ehemaligen Linken, verstehen.

In Einem stimme ich Ihnen aber vollumfänglich zu, wenn Sie von sich behaupten,  Sie können sich nicht so dumm stellen  … !

Übrigens, in Sachsen wurde mit den Montagsdemos der Grundstein für die Wiedervereinigung gelegt. Nirgends wo anders!

Zu der Zeit hingen Sie vermutlich noch am Rockzipfel Ihrer Mutter!

Und nun an dem von „Mutti „.

Mit demokratischen Grüßen

*.Uwe ***


PS :

Sie tun mir sehr, sehr leid ! Die Vergewaltigungs -, Messerstecher-, und andere ,, Migranten „opfer “ sind Ihnen und den Alt –       Parteien  scheiß egal …      

Sehr geehrter Herr ***,

vielen Dank für Ihre Zuschrift! Ihre Vermutungen über meine Weltanschauung kann ich leider nicht bestätigen: Ich halte den Begriff „Heimat“ nicht für neonazistisch und Heimatverbundenheit ist mir gar nicht fremd. Ich bin gerne und oft in meiner sächsischen Heimat, wo auch die meisten meiner Freunde und Leser leben. Fremd sind mir allenfalls drollige Pappnasen wie Sie, die versuchen, sich zum Sprecher aller Sachsen aufzuwerfen und Missliebige eigenmächtig aus Sachsen auszubürgern.

Hochachtungsvoll, Michael Bittner

Termine der Woche

Am Dienstag (11. September) bin ich einer der Autoren bei „Peace, Love & Poetry“, dem Dichterwettkampf in Berlin, der nur Gewinner kennt. Mit dabei sind auch Volker Surmann und Samson, moderiert wird der Spaß von Sarah Bosetti und Daniel Hoth. Los geht es um 20:30 Uhr im Frannz Club.

Am Donnerstag (13. September) meldet sich meine Dresdner Lesebühne Sax Royal zurück aus der Sommerpause in der Scheune mit einer Neuigkeit: Ab sofort begrüßen die Stammautoren Roman Israel, Max Rademann, Stefan Seyfarth und ich jeden Monat einen Stargast aus der Ferne! Im September ist es der Schriftsteller, Musiker und Kabarettist Tilman Birr. Tilman ist in Berlin Mitglied der Slamshow Zentralkomitee Deluxe. Mit seinem aktuellen Solo-Programm „… alles andere später“ tourt er gerade durch die Republik. Außerdem schreibt er auch noch regelmäßig Bücher und spielt Platten ein. Zuletzt erschien seine kleine Heimatkunde „Zum Leben ist es schön, aber ich würde da ungern auf Besuch hinfahren“ und die CD „Ich hab ’nen LKW für dich geklaut“. Heiterkeit ohne Reue ist garantiert! Los geht’s um 20 Uhr. Karten gibt es bis Mittwoch im Vorverkauf oder am Donnerstag am Einlass ab 19:30 Uhr.

Zeit der großen Gefühle

Lass uns über Gefühle reden! So mancher Mensch erschauert, hört er diesen Satz, vorgetragen vom Partner mit ernster Miene. Doch müssen auch wir heute einmal über Gefühle reden. Beginnen wir mit den Gefühlen auf dem Brocken. Über diesen höchsten Gipfel des Harzes hörte ich einmal in einem Wetterbericht im Radio, es herrsche dort gerade eine Temperatur von minus 2 Grad, die sich aber wegen des scharfen Windes wie minus 12 Grad anfühle. Ich fing augenblicklich an zu zittern, denn die Kälte auf dem Brocken konnte ich sogar aus der Entfernung fühlen. Herrschte demnach nicht auch in meinem gut beheizten Zimmer nun eine gefühlte Temperatur von minus 12 Grad? Wenigstens für einige Augenblicke? Oder zumindest von minus 2 Grad? Den Unterschied zu bestimmen, würde mir schwerfallen, denn soweit ich mich erinnere, fühlen sich minus 2 Grad und minus 12 Grad ziemlich ähnlich an, kalt nämlich.

Temperaturen misst man mit dem Thermometer. Aber wie werden gefühlte Temperaturen gemessen? Stellt man da irgendeinen Mann testweise auf den Gipfel des Brockens, möglichst unbekleidet, um die Messwerte nicht zu verzerren, und fragt ihn: „Wie fühlst du dich?“ Und er antwortet: „Minus 12 Grad?“ – „Ganz sicher? Nicht minus 11 oder minus 13?“ Stoppt man die Zeit, die er in der Kälte aushält, bevor er nach einem Glühwein verlangt? Misst man nach, um wie viele Zentimeter sein empfindlichstes Körperteil zusammenschrumpft? Hat diese Art der Gefühlsmessung eigentlich Grenzen? Wie sieht’s aus, wenn schon minus 273,2 Grad Celsius herrschen – und dann kommt auch noch ein kühles Lüftchen auf?

Bei den gefühlten Temperaturen, die Meteorologen seit einiger Zeit verkünden, geht es wohl hauptsächlich darum, dem Publikum zu schmeicheln. „Liebe Kunden, wir kümmern uns nicht nur um die kalten Fakten, wir wollen eure Herzen wärmen, indem wir uns um eure Gefühle sorgen! Euer Empfinden ist es, das zählt, denn ihr seid die, die zahlen. Am liebsten würden wir euch jeden Tag Sonnenschein ansagen, nur um eure Gefühle zu schonen und euer Wohlbefinden zu erhöhen. Aber leider beschwert ihr euch ja auch bei uns, wenn es dann doch regnet. Ganz unabhängig habt ihr euch von den Tatsachen eben noch nicht gemacht, deswegen können wir das auch nicht tun, so gern wir es würden.“

Dass die Welt sich oft anders anfühlt, als sie ist, kann man gar nicht bestreiten. So dehnt sich beispielsweise die Zeit, wenn man sich in einer Regionalbahn auf der Fahrt nach Gera befindet. Auch der Raum ist relativ: Selbst ein Fahrstuhl mit einem Volumen von 10 Kubikmetern bietet nicht genug Platz für zwei Menschen, wenn einer von ihnen soeben einen Döner mit Knoblauchsoße verzehrt hat. 20 Kilogramm werden zu 200 Kilogramm, handelt es sich bei ihnen um eine Umzugskiste des Ex-Partners. Wir wissen schon lange um diese Relativität der Wahrnehmung. Neu aber ist in unseren Tagen der Anspruch vieler Leute, die Welt möge sich gefälligst ihren Empfindungen entsprechend einrichten. „Du, sorry, aber könntest du vielleicht mal damit aufhören, vor meinen Augen Erdbeereis zu essen? Ich find das ganz schön rücksichtslos von dir! Weißt du nicht, dass ich allergisch gegen Erdbeeren bin? Du triggerst mich grad total!“

Vor einer Weile sorgten Berliner Student*innen dafür, dass das Gedicht eines alten weißen Mannes von der Fassade ihrer Hochschule verschwand. Ihrer Interpretation zufolge reproduzierte das Gedicht, in dem die Worte „Frauen“ und „Bewunderer“ vorkamen, patriarchalische Muster. Die Student*innen fühlten sich durch den Anblick des Gedichtes bedrückt, ja geradezu bedroht. Sie warfen dem Poeten nicht unmittelbar Sexismus vor, sondern begnügten sich damit, festzustellen, das Poem verursache ihnen einfach ein „komisches Bauchgefühl“. Deshalb müsse es weg. Ich finde, die Student*innen haben alles Recht, selbst zu entscheiden, wie ihre Universität angepinselt werden soll. Als ich ihre Begründung hörte, bekam ich aber dennoch ein komisches Bauchgefühl. Es passiert mir immer öfter in letzter Zeit, dass es mich triggert, wenn andere Leute sich getriggert fühlen.

Wenn komische Bauchgefühle von nun an als Argumente gelten, weiß ich nämlich nicht mehr, wie ich noch dem sächsischen Wutrentner widersprechen soll, der so ein komisches Bauchgefühl hat, seit Menschen mit dunkler Haut in seiner Nachbarschaft eingezogen sind. Statistiken brauche ich ihm gar nicht erst vorzulegen, denn er wird mir erwidern, die seien leider nicht in der Lage, etwas gegen seine gefühlte Bedrohung auszurichten. Nur konsequente Abschiebungen könnten da wirklich helfen. Was wollen wir ihm entgegnen? Wir brauchen gegen Donald Trumps alternative Fakten jedenfalls nicht mehr protestieren, wenn wir Gefühle als Alternative zu Fakten akzeptieren. Gegen Gefühle ist kein Widerspruch möglich. Wir können den Leuten nicht die Schädel aufbrechen, um festzustellen, ob die Gefühle wirklich so aussehen, wie sie es uns sagen. Gefühle lassen sich nicht widerlegen. Niemand kann sich über seine eigenen Gefühle täuschen. Nichts liegt da näher, als daraus zu schließen, die eigenen Gefühle könnten nie täuschen. Um sich von diesem Fehlschluss zu kurieren, genügt es aber eigentlich, sich daran zu erinnern, in welchen Menschen man in der achten Klasse so verliebt war, dass man ihn für das großartigste Wesen des Planeten gehalten hat.

„Der Mensch ist das Maß aller Dinge!“, soll ein Sophist im alten Griechenland gelehrt haben. Diese Maxime ist schon zweifelhaft genug. Ganz unangenehm wird es aber, wenn jeder Mensch für sich persönlich beansprucht, eben der Mensch zu sein, der das Maß aller Dinge sei. Wer sich selbst zum Maßstab für alle anderen erhebt, dem werden die Mitmenschen stets unpassend erscheinen. Damit sie passen, müssen sie passend gemacht werden, erniedrigt zum Beispiel oder gleich einen Kopf kürzer. Reden die anderen das Falsche, muss man ihnen das Maul stopfen. Haben die anderen die falsche Farbe, bittet man einen Anstreicher, die Macht zu übernehmen.

In einer Welt, die von Gefühlen regiert wird, herrscht mit großer Wahrscheinlichkeit nicht Friede, Freude und veganer Eierkuchen, sondern Krieg. Denn Gefühle sind ständig beleidigt oder verletzt, Gefühle lassen nicht mit sich reden, Gefühle sind Diktatoren. Dass Gefühle trotzdem einen guten Ruf, Tatsachen aber einen schlechten haben, ist verständlich. Viele Tatsachen sind ja wirklich ziemlich unangenehme Gesellen. Sie sehen hässlich aus, sie nerven, sie machen uns traurig. Man denke nur an so widerwärtige Tatsachen wie Nazis, Hundescheiße oder Bananenweizen. Es ist nicht verwunderlich, dass viele empfindsame Menschen nichts mehr mit solchen Fakten zu tun haben wollen und sich lieber mit dem beschäftigen, was in ihrem eigenen Bauch so vor sich geht. Ich denke aber, es ist besser, wenn wir bei den Tatsachen bleiben und ihnen ins Auge schauen. Ein paar von denen lassen sich mit etwas Mühe vielleicht sogar ändern.

Warum ich bei „Aufstehen“ nicht mitmache. Eine Absage von links

Wenn jemand, der ver­spro­chen hat, unser zer­schla­ge­nes Por­zel­lan wieder heil zu machen, mit einem Hammer anrückt, dann wundern wir uns. Ähn­li­che Ver­wir­rung herrscht derzeit um die linke Samm­lungs­be­we­gung „Auf­ste­hen“. Deren lau­teste Stimme ist bislang Sahra Wagen­knecht, die in ihrer Kar­riere immer wieder aufs Neue das Talent bewie­sen hat, die Geister zu schei­den. Die Frau, die alle Linken sammeln möchte, hat es bislang noch nicht einmal geschafft, die eigene Partei hinter sich zu ver­sam­meln. Es vergeht kaum ein Tag, an dem Wagen­knecht sich nicht mit schar­fen Worten für eine stren­gere Ein­wan­de­rungs­po­li­tik aus­sprä­che. Ihre For­de­run­gen sind inzwi­schen härter als jene, die man aus den Reihen der Union hört, denn sogar gere­gelte Arbeits­mi­gra­tion ist Wagen­knecht ein Gräuel. Dass sie mit ihren Deut­sche-zuerst-Parolen viele jener Linken ver­schreckt, die sie doch eigent­lich anlo­cken sollte, scheint sie nicht zu stören.

WEITERLESEN BEI ZENTRUM LIBERALE MODERNE

Der große Austausch

Es ist amüsant, wie gerade jene Leute, die uns ständig sagen, wir sollten doch bitte angesichts der gegenwärtigen Ereignisse nicht immer an die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts denken, das sei doch so lange her und inzwischen lägen die Dinge ganz anders – wie eben diese Leute für ihre Vergleiche bis in die Bronzezeit zurückkehren, um uns die Apokalypse auszumalen, die Europa wegen der Einwanderung drohe. Da werden die alten Azteken herbeizitiert, die Lehren der Völkerwanderung beschworen, ja ältere Herren schlüpfen sogar in die Frauenrolle der Kassandra, um vor den Invasoren im Bauch des Trojanischen Pferdes zu warnen.

Es ist nicht schwer zu verstehen, warum gerade Männer im Spätherbst ihres Lebens panische Angst davor haben, „ausgetauscht“ zu werden. Der liebe Gott schickt die jungen Menschen nun mal wirklich auf die Erde, um die Alten zu ersetzen. Die rasende Wut angesichts von jungen Fremden ist nur ein politisch verbrämter Versuch, mit solchen Ängsten fertig zu werden. Aber Engstirnigkeit ist keine Frage des Alters. So wie es jede Menge alte Menschen gibt, die sich ihre Offenheit bewahrt haben, gibt es auch Gesellen, deren Hirn und Herz schon in der Jugend versteinern.

Da wären zum Beispiel die sogenannten „Identitären“, die an diesem Wochenende nach Dresden pilgern, zumeist Burschenschaftler, die gerne „unsere Frauen“ verteidigen wollen, obwohl sie seit Jahren keine Frau aus der Nähe gesehen haben. Diese Trauergestalten, die Europa als „Lebensraum des weißen Menschen“ verteidigen wollen, unterscheiden sich von ihrem Vorbild allein durch die Feigheit, ihre Gesinnung nicht offen zu bekennen. Der Führer sprach immerhin gleich vom Kampf gegen die „Vernegerung“ Europas.

Ich hatte schon mehrmals Einwanderer in meiner Wohnung zu Gast und kann versichern, dass sie meinen Kühlschrank nicht geplündert, meine Frau nicht im Sack entführt und mich auch nicht rausgeworfen haben, um anschließend das Türschloss auszuwechseln. Ich will niemanden schockieren, aber wie ich höre, hat die Wissenschaft Erstaunliches herausgefunden: Alle Europäer stammen aus Afrika! Sogar die Sachsen! Die Höflichkeit gebietet, auch die Verwandten, die ein bisschen später eintreffen, bei uns freundlich zu begrüßen.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Zitat des Monats August

Demokratie verlangt auch, dass wir fähig sind, uns in die Wirklichkeit von Menschen zu versetzen, die anders sind als wir, damit wir ihren Standpunkt verstehen. Vielleicht können wir ihre Meinung ändern, vielleicht ändern sie aber auch unsere. Das aber kannst du nicht schaffen, wenn du von Vornherein alles, was deine Gegner zu sagen haben, als falsch abtust. Du schaffst es auch nicht, wenn du darauf bestehst, dass alle, die nicht sind wie du, weil sie weiß sind oder männlich, unmöglich verstehen können, was du fühlst, und dass sie nicht das Recht haben, über bestimmte Themen zu reden.

Barack Obama bei der Gedenkfeier zum 100. Geburtstag von Nelson Mandela in Johannesburg (Südafrika)

Termine der Woche

Am Mittwoch (5. September) bestreite ich gemeinsam mit dem Freund und Kollegen Max Rademann eine Show in der Sommereihe „Gartengeflüster“ im Dresdner Kabarett Breschke & Schuch. Getreu dem Motto der Reihe „Text miez Musik“ werden dabei zur Freude des Publikums Geschichten auf Lieder treffen. Ich lese Texte aus meinem aktuellen Buch Der Bürger macht sich Sorgen, aber auch neue Geschichten. Max spielt dazu einige seiner schönsten Lieder. Karten kann man beim Kabarett reservieren oder im Vorverkauf erwerben. Los geht es um 19:30 Uhr.

Am Sonnabend (8. September) bin ich einer der Autoren beim Kantinenlesen, dem von Dan Richter moderierten Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Heitere und satirische Geschichten gibt’s auch von den Kollegen Uli Hannemann, Andreas Krenzke und Meikel Neid. Los geht es um 20 Uhr. Karten können neuerdings auch im Vorverkauf erworben werden.

Am Sonntag (9. September) lese ich erstmals beim Fontänefest in Halle an der Saale, das in diesem Jahr sein zehnjäriges Jubiläum begeht. Ich lese Texte aus meinem aktuellen Buch Der Bürger macht sich Sorgen, aber auch neue Geschichten. Zu erleben bin ich zweimal auf der Großen Bühne, um 14:55 Uhr und 16:45 Uhr.