Auf Weimers Liste

Unser christdemokratischer Bundeskanzler Friedrich Merz verfolgt das Ziel, überall in Deutschland den Geldadel an die Macht zu bringen, möglichst in Form von Männern, die auch noch das Spießertum des vergangenen Jahrhunderts verkörpern. Ganz diesem Plan entsprechend, ernannte er zum Kulturbeauftragten seiner Regierung den geistfernen Geschäftemacher Wolfram Weimer. Um seine intellektuelle Blöße zu bedecken, hat der Medienunternehmer Weimer sich in der Vergangenheit gelegentlich zu kulturellen Fragen geäußert, zumeist in konservativem Ton, aus Überzeugung vielleicht, ganz sicher aber, weil sich rechtes Gerede derzeit gut verkaufen lässt. Weimer wandte sich unter anderem gegen eine Cancel Culture, die er linksgrünen Kräften ankreidete. Seit einiger Zeit tritt nun aber Weimer selbst als Bundesabkanzler auf.

Weimer scheiterte nur knapp damit, die Chefin des Filmfestivals Berlinale abzusetzen. Die hatte es nicht unterbunden, dass Filmschaffende auf der Bühne – ausgestattet mit den dafür unabdingbaren modischen Accessoires – Freiheit für Palästina eingefordert hatten – ein Auftritt, den man einseitig und unpassend finden mochte, der aber gewiss nicht kriminell war. Kurz darauf folgte Weimers nächster Streich: In seinem Haus wurden die drei Buchhandlungen „Golden Shop“, die „Rote Straße“ und „Zur schwankenden Weltkugel“ von der Liste der Gewinner des diesjährigen Buchhandlungspreises gestrichen mit der Begründung, das Bundesamt für Verfassungsschutz habe „Erkenntnisse“ über diese Läden. Um welche Erkenntnisse es sich handelt, hält der Geheimdienst aber geheim. Dass in den Kellern der Buchhandlungen Sprengsätze gebaut oder entführte Investmentbanker gefangen gehalten werden, ist eher unwahrscheinlich, da die Polizei bislang nicht tätig geworden ist. Wahrscheinlich werden die Buchhandlungen nur in irgendwelchen Akten des Verfassungsschutzes erwähnt, die dort vielleicht noch während der segensreichen Regentschaft eines gewissen Hans-Georg Maaßen angelegt worden sind.

Weimer erklärte trotzig, die Buchhandlungen hätten „verfassungsfeindliche Elemente in sich“, verriet aber ebenfalls nicht, welche. Ihm reichte es wohl, einen Vorwand dafür zu haben, die als links eingestuften Buchhandlungen nicht mehr auszeichnen zu müssen. Dass Menschen wegen Vorwürfen bestraft werden, die nicht bewiesen, ja nicht einmal benannt sind, kennt man sonst nur aus Staaten mit totalitärer Herrschaft. Es ist sicherlich nicht ganz so schlimm, von der Liste für einen Preis gestrichen zu werden wie auf einer Liste zu landen, die Zwangsarbeit in Sibirien anordnet. Doch wenn Weimer im Grußwort zum Buchhandlungspreis salbadert, wir müssten „die Freiheit des Wortes“ „um jeden Preis erhalten und schützen“, und „inhabergeführte Buchhandlungen“ leisteten „dazu einen wichtigen Beitrag“, so klingt das jetzt nicht mehr vollends überzeugend. Die AfD immerhin lobte die Maßnahme. Weil es von allen anderen Seiten nur Kritik gab, sagte der beleidigte Weimer die Preisverleihung jetzt ganz ab. Sonst hätte er sich in Leipzig womöglich noch persönlich Widerworte gefallen lassen müssen.

Die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen, die in ihrem Buchhaus Loschwitz als bibliophiler Arm der AfD amtiert, kommentierte Weimers Entscheidung, linke Buchhandlungen auszuschließen, mit den Worten: „Die Revolution frisst ihre Kinder“. Mit dieser hämischen Bemerkung wollte sie wohl daran erinnern, dass ihr eigener rechter Buchladen den Buchhandlungspreis schon seit einer Weile nicht mehr bekommen hat – aus ihrer Sicht gewiss zu Unrecht und nur wegen ihrer politischen Arbeit für die Volksbefreiungspartei AfD. Doch es ist ein beträchtlicher Unterschied, ob eine Fachjury eine Buchhandlung nicht mehr auszeichnen mag, weil die sich aus eigenem Antrieb in eine Propagandazentrale verwandelt hat, in der Faschisten ein- und ausgehen, oder ob das Urteil einer Fachjury von einem politischen Machthaber willkürlich aufgehoben wird.

„Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Sie Ihre Meinung frei aussprechen dürfen.“ Diesen Satz hat Voltaire bekanntlich nie gesagt. Warum auch? Er war ja kein Esel. Voltaire hatte Besseres zu tun, als das Wort für seine Feinde zu erheben. Er tat das lieber für seine Freunde. Er wusste auch sehr gut, wann es klüger war, zu schweigen. Ich würde mein Leben auch nicht dafür opfern, dass Uwe Tellkamp in Loschwitz weiterhin dreimal pro Woche sagen darf, er dürfe nichts mehr sagen. Von mir aus kann Susanne Dagen in ihrem Kulturhaus weiterhin ihre ariosophischen Sitzungen abhalten, aber ich würde nichts vermissen, wenn es nicht mehr geschähe. Wenn Leute sich entschließen, diesen Ort zu boykottieren, hat das mit einer Einschränkung der Redefreiheit nicht das Geringste zu tun. Vom Staat wird die rechte Buchhandlung in keiner Weise bedroht. Ich wünsche mir das auch nicht, weil ein Staat, der diese Macht hätte, auch Leute bedrohen könnte, die mir lieb sind.

Blauäugig ist es, an den Staat zu glauben wie an einen Gott, der alle gleichermaßen liebt und immer gerechte Urteile ausspricht. Regierende verfolgen die Interessen ihrer eigenen Klientel. Wäre es nicht so, ergäben Wahlen auch keinen Sinn. Dass ein rechter Kulturbeauftragter konservative Kräfte bevorzugt, ist betrüblich, aber nicht zu verhindern. Ein linker Kulturminister kümmert sich auch mit größerer Leidenschaft um Brechtfestivals als um Trachtenvereine. Das Fatale am Wirken von Wolfram Weimer ist, dass er seine rechte Agenda mit autoritären Mitteln durchsetzt und sich dabei hinter der Lüge verbirgt, er verteidige die Freiheit der Kunst. Es ist höchste Zeit, diesem Kulturbeauftragten seinen Auftrag wieder zu entziehen. Er wird die Kultur so wenig vermissen wie die Kultur ihn.

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