Ein Haus am See

Von der Zeit, die ich nicht habe, nahm ich mir an einem Frühlingssonntag etwas, um nach langer Zeit endlich einmal wieder die große Stadt zu verlassen und durchs sprießende Grün zu wandern. Vom Bahnhof aus durchquerte ich zunächst eine Brandenburgische Kleinstadt. Auf dem Marktplatz war sinnigerweise gerade ein Volksfest im Gange, bei dem junge Zier- und Gemüsepflanzen für den Garten zum Verkauf angeboten wurden. Die Leute tummelten sich in der Sonne wie nach langem Winterschlaf erwacht. Ich bog auf einen Wanderweg ab, der mich in fünf Stunden rund um einen großen See führen sollte. Das Land Brandenburg mag nicht viele Menschen und nicht viele Attraktionen besitzen, aber an Seen, Teichen und Tümpeln herrscht kein Mangel.

Ich gelangte auf die Uferpromenade, an der schicke Häuser standen. Viele waren erkennbar erst in jüngerer Zeit errichtet, vermutlich von Zuzüglern oder Sommerfrischlern aus der Hauptstadt Berlin, denen es an Mammon nicht gebrach. Zwischendrin standen aber immer wieder auch graue Häuschen, denen man ansah, dass sie schon zu sozialistischen Zeiten oder noch früher gebaut worden waren. In mir stieg unangenehmerweise leiser Neid auf. Wäre das nicht doch ein bisschen schön, wenn ich selbst von einer Großmutter so ein Häuschen direkt am See geerbt hätte, samt Uferwiese, Weidenbaum und Bootssteg? Die hätte dann ruhig auch bei der Stasi gewesen sein können, das Haus hätte mich mit ihren politischen Schnitzern versöhnt. Aber mir geht es wie den meisten Ostdeutschen: Ich werde nichts dergleichen erben.

Ich war schon geraume Zeit am Ufer entlanggelaufen und kam dem Waldrand näher, an dem das Städtchen endete. Da entdeckte ich vor einem der Wassergrundstücke das Schild eines Immobilienmaklers, auf dem verkündet wurde, das zugehörige Haus stehe zum Verkauf. Das Gebäude befand sich dem Augenschein nach in einem guten Zustand, der Garten war groß und nicht verwildert. Warum verkaufte jemand ein Haus in so schöner Lage zwischen See und Wald? Ich lief nur wenige Schritte weiter und entdeckte im Vorgarten eines Nachbargrundstückes ein weiteres Schild. Auf dem war ein Gedicht zu lesen:

Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten,
vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott.
Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten,
dann richtet das Volk und dann gnade Euch Gott!

Als Autor war darunter „Theodor Körner, deutscher Dichter“ angegeben. Geschrieben hatte diese Verse also ein Schriftsteller aus Dresden vom Anfang des 19. Jahrhunderts, den in seiner Heimatstadt die Leute noch kennen, weil ein Biergarten nach ihm benannt ist? Mir war er nicht in bester Erinnerung, denn ich hatte ihn einmal lesen müssen. In seinen Versen fand sich romantische Todessehnsucht derart übergeschnappt zu suizidalem Nationalismus, dass es den Nazis leichtgefallen war, Körner nachträglich zu einem ihrer Vorfahren auszurufen, zumal er im Kampf gegen die Franzosen pflichtschuldig den Heldentod gestorben war. Aber hatte wirklich er dieses Gedicht geschrieben? Irgendetwas passte nicht recht, hatte Körner doch den deutschen Obrigkeiten seiner Zeit gedient. Hier verfluchte er sie aber.

Ich zog mein Telefon aus der Tasche und das Internet zurate. Das ließ mich auch nicht im Stich. Rasch enthüllte sich dank der Arbeit guter Rechercheure, dass die Verse schon lange in rechten Kreisen verbreitet und Theodor Körner fälschlicherweise zugeschrieben werden. Tatsächlich handelte es sich bei ihnen jedoch um eine leicht abgewandelte Version der letzten Strophe des Gedichts „Anklage“ der Neonazi-Schriftstellerin Renate Schütte aus den siebziger Jahren, in dem die gute Frau all jene verdammte, die den lieben Führer Adolf Hitler verraten hatten und nun an seiner Stelle in Deutschland regierten. Herausgegeben hatte die Gedichte von Frau Schütte ein Verleger, der während des Zweiten Weltkrieges als SS-Sonderführer in der Nähe des Konzentrationslagers Auschwitz im Einsatz gewesen war. Der Brandenburger Hausbesitzer befand sich mit seinem poetischen Gartenschmuck also in einem literaturgeschichtlichen Irrtum. Obwohl es als ausgebildeter Germanist meine Pflicht gewesen wäre, unterließ ich es, bei ihm zu klingeln und ihn aufzuklären.

Während ich meine Wanderung durch sumpfiges Gelände fortsetzte, kam mir der Verdacht, dass die Bewohner des ersten Hauses ihr Heim vielleicht wegen der sonderbaren Gesinnung ihrer Nachbarn aufgegeben hatten. Was nützte einem ein schönes Grundstück zwischen Wald und See, wenn nebenan regelmäßig deutschgetümelt wurde, womöglich sogar in größerer Menge und Lautstärke? Nicht jeder besaß die Duldsamkeit jener Heldin, die in einem erfolgreichen Roman von Juli Zeh vorurteilsfrei mit einem kernigen Brandenburger Nachbarnazi Freundschaft schloss. In meinem Geist entspann sich ein konkurrierender Roman, in dem die freundliche Familie Jochmann aus Berlin-Charlottenburg sich ihren Traum von einem Haus im Grünen in Brandenburg erfüllt. Der Vater Daniel, ein erfolgreicher Nervenarzt, seine Lebensgefährtin Katharina, eine halbtags tätige Gymnasiallehrerin für Deutsch und Geschichte, und ihre zwei Kinder Mia und Ben versuchen lange alles, um in der Kleinstadt Freundschaften zu schließen und sich auch mit ihrem mürrischen Nachbarn, dem Bauunternehmer Ralf, und dessen alkoholkranker Frau Kerstin zu arrangieren. Doch während der Corona-Pandemie wird deren Verhalten immer abweisender. Ralf und Kerstin dichten ihre Fenster mit Alufolie ab, hissen eine schwarz-weiß-rote Fahne und stellen ein Schild mit wütenden Versen in den Vorgarten. Als Daniel in guter Absicht ein klärendes Gespräch mit Ralf sucht, erläutert ihm dieser die Nichtexistenz der BRD. Kerstin wiederum beteiligt sich führend an Demonstrationen gegen eine geplante Unterkunft für zwanzig Geflüchtete aus Afghanistan, in denen sie Vorboten der kommenden Umvolkung sieht, während Katharina in einer chaotischen Bürgerversammlung als Einzige das Wort für die Fremden erhebt. Mia und Ben werden in der Provinzschule gehänselt, weil sie sich weigern, den deutschen Gruß zu zeigen. Als die Jochmanns eines Morgens ihren geliebten Familienhund Adorno am Apfelbaum erhängt finden, begreifen sie unter Schmerzen, dass ihr Paradies unwiederbringlich zerstört ist und als einzige Rettung die Rückkehr nach Berlin bleibt. Das leerstehende Haus aber findet keine Käufer mehr, weil die patriotische Lyrik nebenan alle Interessenten zuverlässig zur Umkehr bewegt. Kurz vor Ende meiner Wanderung hatte ich den Plot meines großen Brandenburg-Bestsellers vollständig beisammen, beschloss dann aber, ihn nicht zu schreiben, um mir Lebenszeit zu sparen.

In der Bahn zurück passierte wenige Stationen vor Berlin etwas Sonderbares. An einem Halt bei einem Dörfchen mitten im Nirgendwo stiegen mit einem Mal Dutzende von jugendlichen Schülerinnen und Schülern mit ein paar Lehrerinnen ein, offenbar mehrere Klassen oder eine ganze Jahrgangsstufe. Sie hatten schwere Koffer bei sich, kehrten also wohl von einer längeren Exkursion oder einem Ferienlager zurück. Mit Mühe und Not passten die Jugendlichen in den Zug, in allen Gängen standen sie dicht gedrängt und schwatzten und lachten aufgeregt. Offensichtlich waren es Großstadtteenager, die Brandenburger waren im Zug mit einem Mal deutlich in der Minderheit. Und diese Jugendlichen hatten alle Geschlechter, Formen und Farben, die man sich nur vorstellen kann. Da dachte ich mir: Stellt so viele Pappschilder mit gereimtem Volkszorn in eure Gärten oder ins Netz, wie ihr wollt – gewinnen werdet ihr am Ende nicht.

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