Die Volksverräterin Tatjana Festerling

Sie hat es geschafft! Tatjana Festerling hat es geschafft! Bei der Wahl in Dresden am 7. Juni wurde sie als Kandidatin von PEGIDA gewählt – zur „Bürgermeisterin der Herzen“ (Lutz Bachmann)! Und wie jeder „Sieger der Herzen“ erwies auch Tatjana Festerling sich vor allem als – schlechter Verlierer. Am 8. Juni feierte sie beim traditionellen Montagsspaziergang in strömendem Regen vor 2000 begossenen Pudeln ihre Niederlage. Ihre kurze und ungewöhnlich kleinlaute Rede ist bemerkenswert, weil sie ungewollt zur Bankrotterklärung von PEGIDA wurde. Der große Angriff gegen das ganze politische System endete in einem Akt kleinlicher Parteipolitik. Der fauchende Tiger legte sich brav als Bettvorleger nieder.

Man traute seinen Ohren nicht: Die unerschrockene Rebellin Tatjana Festerling, die alles umstürzende Kämpferin gegen das politische System, sie palaverte plötzlich wie eine x-beliebige parteipolitische Betriebsnudel! Sie redete ihr mickriges Ergebnis schön und die Erfolge der gegnerischen Kandidaten schlecht – mit den schlimmsten Phrasen aus dem Werkzeugkasten der so verabscheuten politischen Klasse. „Fast jeder zehnte Wähler hat für uns gestimmt!“, so jubilierte Festerling. In der Tat: Fast 5 Prozent der wahlberechtigten Dresdner haben für die Hamburgerin gestimmt. Einen solch triumphalen Sieg hat es in der Geschichte der westlichen Demokratie selten gegeben. 9,6 Prozent der Stimmen seien „ein hervorragendes Ergebnis, das wir nur alle gemeinsam gestemmt haben und auf das wir stolz sein müssen.“ Leute, wir müssen! Ich weiß, euch fällt das schwer, aber wir müssen stolz sein auf unser Versagen!

Verloren haben nämlich selbstverständlich nur die anderen: Das schlechte Ergebnis von Markus Ulbig sei eine „Klatsche“ für Angela Merkel. Die Zuschauer grölen „Merkel muss weg! Merkel muss weg!“, der PEGIDA-Chor klingt allerdings schon etwas dünner als sonst. Und zielsicher ergänzt Tatjana Festerling: „Die Verliererin dieser Wahl heißt nämlich Stange!“ Nicht anders, Freunde! Die Kandidatin mit den meisten Stimmen ist die Verliererin! Eine Sichtweise nicht ohne dialektische Konsequenz: Wenn die Verliererin sich zur Gewinnerin erklärt, muss sie natürlich auch die Gewinnerin zur Verliererin erklären. Da bei PEGIDA die Wahrheit sowieso immer auf dem Kopf steht, fällt eine solche Akrobatik auch nicht sonderlich auf.

Tatjana Festerling spürt aber doch: Wenn das „Volk“ sich plötzlich als Splittergruppe herausstellt, kann man die Enttäuschung nicht einfach wegreden. Man kann aber die Schuld wie gewohnt bei den anderen suchen: „Wie hätte das Ergebnis ausgesehen, wenn wir mehr Zeit, mehr Geld und einen großen, organisierten Apparat hinter uns gehabt hätten?“ Ihren desillusionierten Anhängern befiehlt sie, sich nicht „in den Strudel der Resignation reißen“ zu lassen. Ja, sie zieht alle Register, und appelliert sogar an die „sächsische Ehre“! Lokalstolz zieht beim Sachsen immer. Fast flehentlich ruft sie: „Ihr werdet weiter gebraucht!“ Und das stimmt: Die Mitläufer von PEGIDA werden wirklich weiter gebraucht: als Fußvolk einer toten Bewegung nämlich, die nur noch dazu dient, den verkrachten Existenzen von Lutz Bachmann und Tatjana Festerling ein Auskommen zu verschaffen.

Aber Tatjana Festerling lässt noch eine Bombe platzen: Sie zieht ihre Bewerbung für den zweiten Wahlgang zurück! Zugunsten von Dirk Hilbert, den sie zugleich noch mit ihrem ganz eigenen Charme als „verdammt dicke Kröte“ bezeichnet, die es nun zu schlucken gelte. Und zum ersten Mal verweigern die Anhänger von PEGIDA den Applaus. Selbst sie spüren instinktiv, dass sie gerade von ihrer Führerin gewaltig verarscht werden. „Stange wäre der Horror für Dresden!“, ruft Festerling beschwörend. „Es gilt mit allen Mitteln, dieses bunte Bündnis für Dresden zu verhindern!“ Das alte Feindbild zieht noch und die Zustimmung kehrt halbherzig zurück. Aber ein Unbehagen bleibt, das sich auch im Internet unter den PEGIDA-Anhängern bald Bahn bricht. Die Bewegung, die sich selbst immer als Alternative zum ganzen politischen System verstand, die gegen alle etablierten Parteien gleichermaßen wetterte, sie wird von Tatjana Festerling plötzlich ganz klein gemacht und ordnet sich ein in „das bürgerlich-konservative Lager, zu dem wir gehören“. Einst rief der Lutz Bachmann: „PEGIDA ist und bleibt überparteilich!“ Es war nur eine Lüge unter vielen Lügen eines notorischen Lügners.

Tatjana Festerling hat sich aber nicht nur plötzlich in eine gewöhnliche Politikerin verwandelt, sie hat sich auch noch in eine schlechte Politikerin verwandelt. Sie verschenkt bedenkenlos Wählerstimmen an Dirk Hilbert, die ihr gar nicht gehören! Kein Politiker der etablierten Parteien wäre so dumm, seine Verachtung für den Volkswillen so offen zu zeigen. Frau Festerling aber ist noch dümmer: Sie verschenkt die Stimmen ihrer Wähler auch noch, ohne sich von Dirk Hilbert vorher wenigstens eine Gegenleistung zu sichern. Nicht einmal die CDU war so naiv, sich darauf einzulassen. Welch ein politischer Pfusch einer politischen Dilettantin!

„Wir halten uns jetzt freiwillig zurück, aber nur um Anlauf zu nehmen“, versichert Tatjana Festerling wie der Fuchs vor den Trauben. Der große Volksaufstand von PEGIDA führt nun also zu keinem anderen Ergebnis als zur Wahl des netten Herrn Hilbert von der FDP zum Dresdner Oberbürgermeister! Peggy hält ihm die Tür zum Rathaus auf und darf dabei höchstens leise fluchen. Einen besseren Komödienschluss hätte sich kein Dichter für die PEGIDA-Farce ausdenken können. Fast übermannt mich das Mitleid ob eines so über alle Maßen erbärmlichen Endes. Peggy, das hast selbst du nicht verdient!

Und doch bleibe ich am Ende dieser Geschichte nicht heiter, sondern betrübt zurück. Welches Ausmaß von Hass und Hysterie hat sich in den letzten Jahren in Deutschland gezeigt, während es den Deutschen doch gerade leidlich gut geht! Was käme wohl erst auf uns zu, wenn wir eine schwere wirtschaftliche Krise erlebten oder einen schlimmen Terroranschlag? Gott sei uns allen gnädig!

***

Die Rede von Tatjana Festerling am 8. Juni 2015 kann man als Video anschauen.

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Kommentare
  1. Scoon

    Ich möchte dem Artikel in einigen Belangen zustimmen, allein die Überschrift, genauer die Bezeichnung „Volksverräterin“ empfinde ich als einen schlecht gewählten Begriff. Dergleichen bin ich eher aus der gegensätzlichen politischen Richtung gewohnt, wo Volk und Verräter gerne in alter Tradition in Hetzttriaden zelebriert werden. Ich finde es nicht sinnvoll sich diesem Slang anzuschließen.

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    • Michael Bittner

      Ich verstehe Ihre Bedenken. Aber es ist doch, wie ich hoffe, offenkundig, dass ich den Begriff nur ironisch verwende. So fällt er nicht bloß auf seine Erfinder zurück, sondern wird auch in seiner ganzen Absurdität erkennbar.

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  2. Pedroleum

    Ein waschechter Pegida-Fan wird sich trotz des Wahlergebnisses nicht so schnell davon überzeugen lassen, dass Pegida nur Verarsche und Bachmann ein Lügner ist. Dank des rechtspopulistischen Instrumentenkastens der verqueren Argumentation kann man sich mit ein bisschen Fantasie eine Erklärung für das Ende von Pegida zurechtlegen.

    Der Klassiker ist: „Die etablierte Politik und den etablierten Medien ist es gelungen, Pegida mundtot zu machen, indem sie die Bewegung zu Unrecht als Nazis diffamiert haben“.

    Mit etwas Phantasie kann man sich bestimmt auch andere Erklärungen zurechtlegen. Aber wichtig ist, niemals den Fehler beim Sprachrohr für die eigenen Ressentiments – also bei Pegida – zu suchen, sondern immer beim Gegner.

    Trotz dieses treuherzigen Kerns gehe ich davon aus, dass es auch andersartige Reaktionen gibt. Die Pegida-Führung und die Sprecher auf den Demos haben so viel Porzellan zerschlagen, dass ich auch immer wieder von Menschen höre oder lese, die sich enttäuscht von der Bewegung abwenden. Aber frei nach Tolstois Anna-Karenina-Prinzip ist jeder auf seine eigene Weise unglücklich enttäuscht.

    Vielleicht werden auch einige dieser Enttäuschten Seelen Trost im rhetorisch-argumentativen Instrumentarium des Rechtspopulismus suchen, um eine Orientierung in der schnelllebigen Moderne zu finden, die im Einklang mit ihren instinktiven Abwehrreflexen steht.

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    • Pedroleum

      Falls ich noch eine Quelle angeben darf, in der der „rechtspopulistische Instrumentenkasten der verqueren Argumentation“ erläutert wird:

      Roland Sturm: Rechtspopulismus. In: Kleines Lexikon der Politik. Herausgegeben von Dieter Nohlen und Florian Grotz. Verlag C. H. Beck, München 2011, 5. Auflage, S. 506ff.
      Dieter Nohlen: Populismus, ebd., S. 448ff.

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  3. Paul Wicaz

    Mich macht äußerst nachdenklich, dass eine Frau aus Hamburg, die nichts konkretes erzählt, außer „Klar zur Wende, böse Gutmenschen, Gender-Tanten, Rot-Grüner Filz usw.“, es zu „unserer Tatjana“ schafft und widerspruchslos als OB-Kandidatin gefeiert und hofiert wird. Dieser Umstand muß Politiker nachdenklich stimmen. Denn wie Michael Bittner richtigerweise schreibt,was wäre wenn es hier einen Terroranschlag gäbe oder eine richtige Krise.
    Ein Großteil von uns Volk sehnt sich scheinbar extrem nach Identifikationsfiguren, nach Anerkennung ihrer Leistung (Mindestlohn ist da nur ein Brotkrümel) und „einfach mal gehört zu werden“. Wenn ich Politikerreden lausche, wo von „Wir müssen für unsere Politik werben“ geredet wird, dann will ich denen entgegnen „Ich habe verstanden, was du willst. Ich brauche daher kein werben, kein erklären. Ich finde das was da läuft einfach nur NICHT gut“
    Ich glaube weiterhin, dass bei PEGIDA Leute mitlaufen, die eine diffuse oder auch realistische Existenzangst haben und diese nach unten weitergeben wollen.

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  4. Christian Werth

    „…als Fußvolk einer toten Bewegung nämlich, die nur noch dazu dient, den verkrachten Existenzen von Lutz Bachmann und Tatjana Festerling ein Auskommen zu verschaffen.“ Ich denke, das, was Herr Bittner hier andeutet, wird mMn viel zu wenig beleuchtet und auch investigativ journalistisch bearbeitet: Der Verdacht nämlich, dass einem Mann, dem das Gericht bei seiner Verurteilung eine erhebliche kriminelle Energie wie im Bereich der organisierten Kriminalität attestiert hat, dass ein solcher Mann über Spendengelder und Mitgliedsbeiträge von erheblichem Umfang (mehrere zehntausend Euro) frei verfügen kann. Niemand blickt hier hinter die Kulissen, das gesamte Finanzgebaren von Pegida ist völlig intransparent. Solange die Mitglieder und Spender ihrem „Führer“ nicht nur politisch, sonder auch sonst alles unhinterfragt glauben, wird es aber mMn für Externe schwierig sein, hier rechtlich Einsichtnahme in Pegidas Bücher zu erzwingen. Mal provokant gesagt: Ich bezweifle manchmal, dass es Bachmann und Konsorten jemals ausschließlich um Politik gegangen ist, sondern vielleicht war und ist Pegida nur das zugegebenermaßen geniale Geschäftsmodell eines Gewohnheitskriminellen, der damit seinen prekären Verhältnissen versucht zu entkommen.

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