Der gesunde Patriotismus

Es mehren, ja überschlagen sich dieser Tage die Stimmen, die nach einem „gesunden Patriotismus“ rufen. Ich gestehe, dass ich vom gesunden Patriotismus noch nicht infiziert worden bin. Mir will einfach nicht einleuchten, warum ich das Land, in dem ich zufällig geboren wurde, mehr als andere lieben sollte. Es fällt mir auch schwer, stolz auf Leistungen zu sein, die ich gar nicht selbst erbracht habe. Aber ich möchte Deutschen, die solche Vaterlandsliebe empfinden, keineswegs das Recht dazu absprechen. Leider reicht dies den Patrioten aber nicht. Sie ertragen niemanden, der ihre Leidenschaft nicht teilt. Eigenlob scheint ihnen wertvoll, Selbstkritik verächtlich. Wer nüchtern über das eigene Land redet oder gar spottet, der gilt ihnen als masochistischer Selbstverletzer. Sie bemerken nicht, wie anmaßend und zugleich lächerlich es ist, anderen Menschen die eigenen Gefühle befehlen zu wollen. Aber Liebe macht eben blind.

Die Vernünftigen unter den Patrioten versichern, ihr Patriotismus sei etwas ganz anderes als der Nationalismus, der Deutschland und die Welt schon mehrmals ins Unglück gestürzt hat. Sie meinen es gewiss ehrlich. Doch leider lehrt die Geschichte wie die Gegenwart, dass es mit der Vernunft schnell vorbei ist, wenn es wirklich zum Konflikt kommt. Patriotismus nennt sich der Nationalismus nur solange, bis es ernst wird. Ist die Welt erst einmal in Freund und Feind eingeteilt, dann wird nicht nur der äußere Gegner verteufelt, sondern auch jeder Mitbürger, der sich dem nationalen Taumel entzieht, als Volksverräter verdammt. Auch Bildung schützt vor solch nationalem Gruppenzwang nicht, selbst Professoren bejubeln regelmäßig unsinnige Kriege. Das darf nicht verwundern: Gebildete Menschen unterscheiden sich von gewöhnlichen nur dadurch, dass sie auf kompliziertere Weise dumm sind.

Der Nationalismus ist die dümmste und wohl deswegen auch erfolgreichste Ideologie der Geschichte. Er bringt Menschen derselben Konfession dazu, einander gnadenlos zu bekämpfen. Seinetwegen haben die Proletarier aller Länder sich nicht vereinigt, sondern auf den Schlachtfeldern gegenseitig umgebracht. Und nun droht der Nationalismus, auch die seit dem Krieg mühsam errungene europäische Einheit wieder aufzulösen. Ich glaube, gesünder als mehr Patriotismus wäre für die Welt mehr Humanität.

***

Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.