Am Grab des Konservativen

Wer in Dresden den Alten Katholischen Friedhof besucht, der kann dort das Grab von Friedrich Schlegel entdecken. Dass dem Philosophen das Glück widerfuhr, in Sachsen seine letzte Ruhestätte zu finden, verdankt sich einem traurigen Zufall. Während er in Dresden im Jahr 1829 eine Vorlesung hielt, ereignete sich ein Unglück. Friedrichs alter Freund, der Dichter Ludwig Tieck, musste Schlegels Bruder August Wilhelm in einem Brief davon berichten: „In der Nacht nehmlich von Sonntag zu Montag, Montag nach 2 Uhr, den 12ten Januar ist Friedrich plötzlich, nach einem kurzen, aber harten Kampfe, der ihn ohngefähr eine Stunde geängstiget hat, am Schlage gestorben.“

Friedrich Schlegel war einer der renommiertesten, aber auch umstrittensten Intellektuellen seiner Zeit. In seiner Jugend begeisterte er sich für die Französische Revolution und schockte die deutschen Spießbürger mit einem erotischen Roman. Angesichts von Krieg und Chaos in Europa unter der Herrschaft Napoleons bekehrte er sich aber zum konservativen Denken und auch gleich noch zur katholischen Kirche. Von vielen Weggefährten wurde ihm dies als Verrat verübelt. Dabei trieb ihn zu diesem Schritt die Sehnsucht nach Harmonie, die ihn schon immer bestimmt hatte. Dass er sich den dauernden Frieden nur in einer Gesellschaft nach dem Vorbild des Mittelalters vorstellen konnte, machte ihn zum Konservativen.

Zum modernen Denker macht ihn sein klarer Blick für die zerstörerischen Wirkungen des Nationalismus. Schlegel träumte von einer Einigung Europas durch die Wiederherstellung des römischen Reiches, ja er wollte den von den Patrioten seiner Zeit gepredigten „Volkshass“ sogar schon durch eine „liebevolle Verschmelzung der Nationen“ überwinden.

Es ist kein Zufall, dass Schlegel hundert Jahre nach seinem Tod von einem gewissen Carl Schmitt als haltloser Ästhet und Fantast denunziert wurde, von jenem Staatsrechtler also, der den rassistischen Nationalismus zum Wesen deutscher Politik erklärte, im Jahr 1934 Hitlers Meuchelmorden die juristische Absolution erteilte und von den neuen Rechten unserer Tage als Säulenheiliger angebetet wird. Manchem Politiker könnte eine Pilgerfahrt zu Friedrich Schlegels Grab vielleicht in Erinnerung rufen, dass Konservatismus und Nationalismus nicht dasselbe sind.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

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