Matthias Matussek fragt: War Jesus ein Linker?

Viele Menschen in Deutschland fragen sich derzeit: Kann ich Weihnachten noch mit gutem Gewissen feiern? Soll ich nicht besser darauf verzichten? Denn ein schrecklicher Verdacht verbreitet sich: Könnte es sein, dass Jesus links gewesen ist? Es gibt immerhin einige Indizien: Trotzte er nicht den Mächtigen? Gab er sich nicht freiwillig mit Menschen niedrigsten Ranges ab? Speiste er nicht kostenlos die Armen? Glücklicherweise hat ein Mann rechtzeitig vorm Fest einen energischen Kommentar geschrieben, der alles Misstrauen zerstreut und alle Vorwürfe als haltlos erweist: Der ehemalige Starjournalist Matthias Matussek, früher Kulturchef des Spiegel, heute Zeilenschinder bei rechten Winkelpostillen, beantwortet uns die Frage: War Jesus ein Linker?

Wer sich anmasst, den Jesus, wie wir ihn aus den Evangelien kennen, ins kleine Karo unseres politischen Jammertals zu übertragen, verstösst ganz sicher gegen das zweite Gebot, in dem es heisst: «Du sollst den Namen deines Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.» Leider ist es dieses Gebot, gegen das derzeit besonders von den Kirchen, sowohl von der protestantischen wie der katholischen, verstossen wird. Wo immer eine vermeintlich moralische und linke Sache zu promoten ist, stehen die Kirchenvertreter Schlange wie Groupies bei einem Céline-Dion-Konzert, um sich als Streiter im Namen Gottes zu präsentieren und offene Türen einzurennen.

Der Erzkatholik Matthias Matussek scheint sich seit längerer Zeit in einem Kloster fern der Welt aufzuhalten, sonst hätte er wohl mitbekommen, dass seit ungefähr zwanzig Jahren niemandem mehr zuerst Céline Dion einfällt, wenn es um Objekte ungebremster Verehrung und Begeisterung geht. Was Céline-Dion-Groupies sein sollen, ist auch nur schwer auszumachen, denn von Orgien der kanadischen Sängerin mit willigen Knaben hat man auch 1997 eher selten gehört. Und wenn es sie gegeben hat, dann haben die Burschen ganz gewiss keine offenen Türen eingerannt, sondern brav vorm Backstage Schlange gestanden und einer nach dem anderen angeklopft. Der arme Matthias Matussek! Er versucht, auch als alter Mann noch jugendfrischen Witz zu versprühen, weiß aber leider nicht mehr, wie das geht.

Die Flüchtlingskrise mag ein Beispiel sein, wo es von allen Kanzeln herunterschallte, dass die Hl Familie schließlich auch einst auf der Flucht war, allerdings nicht auf einer, die in einem Wohlfahrtsstaat endete und Ansprüche auf fortdauernde Alimentierung nach sich zog. Auch die sogenannte Konzerninitiative in der Schweiz mag als Beispiel dienen, die Unternehmen verpflichtet, juristische Standars [sic] wie im Heimatland zu befolgen. Dass man Kinder nicht mit vergiftetem Wasser töten sollte, das kann man, so würde Rüdiger Safranski es formulieren, «schon mit Bordmitteln erkennen», dazu braucht man keinen Jesus, wie auch immer man ihn ausstaffiert. Auch Kant genügt mit seinem «Den Sternenhimmel über mir und das Sittengesetz in mir». Eine Selbstverständlichkeit, nicht nur für Linke, nicht nur für Kirchgänger.

In der Tat: Herodes war nicht so leichtsinnig, Kindergeld zu bezahlen, etwa gar noch für Fremde. Er war sogar noch schlauer und hat sich der unnützen Esser in Bethlehem mit einer recht drastischen Maßnahme entledigt. Ein König ganz nach Matthias Matusseks Geschmack? Matussek ist auch sicher, dass Unternehmer selbstverständlich wissen: Man vergiftet keine Kinder, auch nicht im Ausland. Warum sie es dann trotzdem tun, bleibt rätselhaft. Vielleicht haben sie, wie Matussek auch, die Kritik der praktischen Vernunft von Kant im entscheidenden Augenblick immer gerade nicht griffbereit, in der übrigens nicht vom Sternenhimmel und dem Sittengesetz, sondern vom „bestirnten Himmel“ und dem „moralischen Gesetz“ die Rede ist.

Ist die Bergpredigt das «Kommunistische Manifest»? Hm, Matthäus berichtet nicht von einem Volksaufstand, sondern von einem Publikum, das dem inspirational talk eines zunehmend bekannten Wanderpredigers lauscht. Ihn umgibt der Zauber des Unbegreifbaren, der kaum praktikable Forderungen stellt. Etwa die nicht nur nach Nächsten-, sondern sogar Feindesliebe.

Jesus war also nicht Karl Marx, sondern ein verblasener Quatschonkel wie beim Wort zum Sonntag, der unverbindliche Wohlfühlphrasen ins Publikum geseiert hat. Ein amerikanischer Fernsehprediger gleichsam oder ein Jürgen Fliege des Römischen Reiches. Der Religion von Matthias Matussek kommt das entgegen: Nächsten- und Feindesliebe wären ja, ernst genommen, kaum praktikabel im Kapitalismus, als inspirational talk gehen sie gerade noch durch: Christentum für Manager.

Die Waldenser, die Katharer, die Wiedertäufer und die Befreiungstheologen der wilden sechziger Jahre in Lateinamerika, die mit Bibel und Maschinengewehren die Diktatoren und die feudalen Rinderbarone und die United Fruit Company und Coca-Cola und Esso zum Teufel jagen wollten, sie alle beriefen sich auf den moralischen Heroismus der Bergpredigt.

Matussek hat es nicht leicht. Er ist mit Leidenschaft gläubiger Katholik, aber muss sich ständig über Glaubensgenossen ärgern, die im Gegensatz zu ihm so naiv sind, das Wort seiner Heiligen Schrift ernst zu nehmen. Matussek hat einen gewaltigen Vorsprung an Erfahrung gegenüber solchen blauäugigen Weltverbesserern: Er war viele Jahre Journalist, früher sogar ein erfolgreicher. Er weiß, dass man auf Worte nicht allzu viel geben sollte. Heute schreibt man dies, morgen schreibt man das Gegenteil, wenn der Wind sich gedreht oder der Auftraggeber gewechselt hat. Im Spiegel hat man eine andere Meinung als im Deutschland Kurier. Gott wird’s bei der Bibel ebenso gemacht haben, er ist ja auch nur ein Mensch.

Da wird, wenn es um die Flüchtlinge geht, immer wieder das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zitiert von den kirchlichen Falschmünzern, diesen verschlagenen PR-Strategen mit ihrem selbstgerechten Pharisäertum, mit dem sie uns drängen, die «Mühseligen und Beladenen» aus aller Welt bei uns aufzunehmen. Diese Typen haben ganz einfach falsch gelesen: Der Samariter kümmert sich persönlich um diesen Elenden, der geschlagen und blutend am Wegrand liegt. Er ruft nicht den Gesundheitsdienst an. Dann bringt er ihn persönlich zur Herberge und sorgt mit seinem eigenen Geld dafür, dass er dort gepflegt wird, bis er von seiner Reise zurückkehrt – und ruft nicht auf dem Marktplatz kaltschnäuzig nach kommunaler und staatlicher Hilfe nach dem Motto: Jetzt seid ihr dran!

Wer Flüchtlinge aufnehmen will, der soll sie gefälligst bei sich zuhause einquartieren! Beruhigend, dass diese Wutbürgerweisheit sich schon im Neuen Testament nachweisen lässt. Wahrscheinlich steht da auch schon irgendwo, dass man die Gesundheitspolitik der Regierung erst kritisieren darf, wenn man gelernt hat, selbst Herztransplantationen durchzuführen.

Nein, Jesus war kein Linker. In seinen Lehrbeispielen wäre auch für einen Antikapitalisten verdammt zu oft von Geld die Rede.

Während in Schriften von Linken bekanntlich nie von Geld die Rede ist oder gar von Kapital.

Ja, sie scheinen alle aus der Wirtschaft entlehnt, ob es um die Entlohnung im Weinberg geht, um die Freude über die Entdeckung der verloren geglaubten Drachme oder um jene Erzählung des verreisenden Herrn, der seinen Dienern Kapital in abgestufter Grösse hinterlässt. Nach seiner Rückkehr kann ihm derjenige seiner Diener, dem er fünf Talente hinterlassen hat, stolz vermelden, dass er sein Kapital verdoppelt hat. Ebenso derjenige, dem er zwei Talente anvertraute. Den armen letzten Diener jedoch, der das ihm anvertraute eine Talent aus Angst vor Räubern vergraben hat, will er in die Finsternis werfen lassen, dorthin, wo Heulen und Zähneknirschen herrschen. Kann es einen besseren Beleg dafür geben, dass Jesus für gesundes Wirtschaften, ja bei höheren Einsätzen sogar für gewinnbringende Spekulation zu haben war?

Wenn die Gelegenheit passt, dann kann man das heilige Wort also doch auch einmal nicht als Gleichnis, sondern buchstäblich verstehen. Gott sei Lob für diese Bibelexegese von Matthias Matussek: Jesus war ein Anlageberater.

Und wie viel Sympathie er aufbringt für den reichen Jüngling, der ihn fragt, wie er das ewige Leben gewinnen kann! Jesus antwortet: «‹Was fragst du mich nach dem, was gut ist? Gut ist nur der Eine. Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote.› [. . .] Da sprach der Jüngling zu ihm: ‹Das habe ich alles gehalten; was fehlt mir noch?› Jesus sprach zu ihm: ‹Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach!› Da der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt davon; denn er hatte viele Güter.» Jesus hat Verständnis für menschliche Schwächen. Er spricht nirgends von Enteignung.

Mit welcher Meisterschaft findet Matussek am Ende seiner Tirade noch den besten Beleg für die Vorliebe, die der Messias für Reiche hatte! Nein, Jesus will die Reichen nicht enteignen, er droht ihnen nur mit der Hölle. Linke sind da tatsächlich völlig anders: Sie gönnen dem Reichen seinen Platz im Himmel, nur auf Erden wollen sie das Geld zurück, das er gestohlen hat. So behält Mattusek am Ende also doch noch völlig recht:

Nein, Jesus war alles, nur kein Linker.

Und Matthias Matussek ist das Kamel, das durch ein Nadelöhr passt.

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Dieser Text ward erschaffen für die satirische Medienschau Phrase & Antwort im Dezember 2020. Quelle: https://www.matthias-matussek.de/war-jesus-ein-linker

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