Planschen mit dem Immobilienhai

Eine der Erfolgsgeschichten des Jahres 2021 war gewiss die der Berliner Zeitung. Seit der Ostzonenesohipsterkapitalist Holger Friedrich sich das Blatt gekauft hat, rast die Traditionszeitung bergab in eine ganz neue Zeit. Alte Autorinnen und Autoren fliehen oder werden kurzfristig freigesetzt, junge Nachwuchskräfte schreiben stattdessen die Seiten voll mit dem, was sie für wichtig und gegenwärtig halten, sofern nicht Holger Friedrich selbst Lust hat, seine persönlichen Macken ins Blatt drucken zu lassen. Neben der Kritik an der Corona-Diktatur ist dem Holger besonders eine Sache wichtig: Unternehmer sollen endlich nicht mehr als kaltherzige Egoisten wahrgenommen werden, sondern als die spannenden und liebenswerten Geschöpfe, die sie eigentlich sind. So werden dann regelmäßig Jungredakteure abkommandiert, um einfühlsame Kapitalistenporträts zu schreiben, wie jüngst Jesko zu Dohna und Maximilian Both über einen ganz besonderen Mann: den Immobilienunternehmer Jakob Mähren.

Müssen wir diesen Mann enteignen?

Auf den ersten Blick würde ich sagen: Ja. Aber ich bin bereit, mir die Gegenargumente anzuhören.

Warum die Sache komplizierter ist. Der Berliner Immobilienzar Jakob Mähren im Porträt.

Jetzt verstehe ich, warum dieser Mann auf dem Titelfoto so traurig schaut. Ein Immobilienzar hat es schwer dieser Tage. Nicht nur rufen dauernd irgendwelche Mieter an, die sich über verstopfte Abflüsse beschweren. Nein, es drohen auch noch Kommunisten damit, dem Immobilienzar seine eigenhändig errichteten Immobilien gegen eine angemessene Entschädigung wegzunehmen. Und die Mehrheit der Berliner hat dem sogar zustimmt, wohl wissend, dass es trotzdem nie passieren wird, weil die Stimme des Volkes in Deutschland nur dann zählt, wenn sie „Ausländer raus!“ ruft. Trotzdem saust dem Jakob Mähren offenbar so sehr die Muffe, dass er zwei unvoreingenommene Journalisten zur Audienz empfangen hat, um sich so sympathisch zu zeigen, wie er ist.

„Jakob Bester Mann.“ Ehemaliger Dienstbotenaufgang, heute Spiegelkabinett. Der Berliner Immobilienunternehmer Jakob Mähren startete seine Unternehmerkarriere im Kinderzimmer eines Plattenbaus in Tegel, heute hat er seine Firmenzentrale am Kurfürstendamm.

Hätten die Berliner doch nur schon früher etwas von diesem absolut volksverbundenen, hart arbeitenden Immobilienzaren erfahren, sie hätten sich beim Enteignungsvolksentscheid gewiss nicht verführen lassen. Aber halt! Sind denn die beiden Journalisten, die ihn uns schildern, auch wirklich unbestechlich und kompetent? Am besten, wir lesen uns einmal den ersten Satz des Porträts durch, an den ersten Sätzen sollst du sie erkennen.

Das Berlin der Brückenstraße zwischen Kreuzberg und Mitte hat sich in den letzten 20 Jahren scheinbar kaum verändert: graue Häuserfassaden, eine Alt-deutsche Kneipe (das Würzfleisch kostet hier noch immer 7,95 Euro), Spätis, in die Jahre gekommene Thai Restaurants und ein Nagelstudio.

Ach, Jesko zu Dohna und Maximilian Both! Wie gerne hätte ich euch vertraut! Aber zwei Journalisten, die glauben, man hätte in der guten, alten Zeit in Berliner Kneipen 16 Mark für ein Würzfleisch bezahlt, kann ich leider nicht ernst nehmen. Hoffentlich habt ihr euch im Zuge dieses Artikels wenigstens einen kleinen Rabatt für eine Eigentumswohnung erschrieben. Mühe habt ihr euch jedenfalls gegeben:

Mit leuchtenden Augen erzählt Mähren, wie er seine erste Immobilie für 40.000 Euro kauft, wie er selber mit dem Vorschlaghammer Wände einschlägt und eigenhändig mit Schulfreunden die marode Immobilie auf Vordermann bringt. Und wie er direkt gegenüber des Kitkat 2002, da war er gerade mal 20 Jahre alt, ein unsaniertes Mietshaus für heute eher läppische 200.000 Euro kauft. Wenn er vom Kauf eines seiner ersten Mietshäuser in der Brückenstraße und dem Immobilienmarkt der 2000er-Jahre in der Hauptstadt erzählt, dann klingt das fast so, wie wenn ein Teenager von den Erlebnissen seiner ersten Weltreise schwärmt.

Warum nur vergeuden so viele Teenager ihr Leben damit, auf Weltreise zu gehen, statt sich einfach ein Haus für läppische 200000 Euro zu kaufen und damit den Grundstein für unermesslichen Reichtum zu legen? Es ist so einfach, man muss doch nur den Vorschlaghammer rausholen! Auf die Dauer geht die jugendliche Unschuld auf so einem Lebensweg allerdings leider verloren:

Der Jakob Mähren, der heute über den Immobilienmarkt der Hauptstadt berichten will, hat nur noch wenig mit dem Teenager zu tun, der zu Hause im Kinderzimmer in Tegel Süd einst seine ersten 1000 Euro mit Börsengeschäften verdiente. Als seine Vorbilder nennt er die berühmten CEOs aus dem Silicon Valley – Elon Musk oder Jeff Bezos. Und der Berliner Unternehmer hat sich den asketischen Lebensstil der neuen global agierenden Firmenchefs angeeignet. Jeden Morgen wird er von einem Tageslichtwecker pünktlich um sechs Uhr geweckt, macht mit einem Personal Trainer Workout, trinkt stilles Wasser, isst gerne gesundes Essen ohne hochkalorische Soßen und verachtet weitestgehend auf Alkohol und Kohlehydrate.

Fast bekommt man Mitleid mit diesem Mönch des Immobilienkapitals. Aber auch nur fast, denn dass sich Miethaie jetzt bewusst ernähren, macht sie nicht ungefährlicher.

Dass sich der Markt erstmals auch für Eigentümer wie Mähren verbessert, habe er erstmals vor zwölf Jahren begriffen. Da will er eine Wohnung in Neukölln für 5,50 Euro pro Quadratmeter vermieten und lädt um 13 Uhr zur Wohnungsbesichtigung an der Bushaltestelle vor dem Haus. Doch plötzlich steht da nicht eine Handvoll Interessenten, sondern Hunderte wollen die Wohnung haben. Die Firma bekommt zwischenzeitlich sogar eine Anzeige wegen einer vermeintlich illegalen Demonstration, weil die Wohnungssuchenden die Straße versperren. Heute können Mähren und Laube darüber nur lachen.

Ja, sie konnten und können lachen, den Leuten in der Schlange ist weniger danach zumute. Sie sind die Objekte der Heiterkeit und machen sie erst möglich. Aber der Immobilienzar versichert den beiden Journalisten, dass nicht alles eitel Sonnenschein ist:

Es werde trotz der Wertsteigerung immer schwieriger, in Berlin mit Wohnungen Geld zu verdienen, erklärt der Unternehmer. Die zunehmende Regulierung, klagefreudige Mieter und das kommunale Vorkaufsrecht machen den Unternehmern, die am Markt Geld verdienen wollen, das Leben zunehmend schwerer.

Das Leben als Kapitalist, es ist schwer. Was sind die Sorgen der Leute, die vorm Hauseingang schlafen, verglichen mit denen der Hausbesitzer? Läppisch.

Bei allem Verständnis für den angespannten Wohnungsmarkt in Berlin und für diejenigen Bürger, die unter den vielfältigen negativen Auswirkungen leiden, darf man sich den Unternehmer Jakob Mähren nicht als reinen Wohltäter vorstellen.

Schade, genau das hätten wir nur zu gerne getan. Aber der Mann macht es einem nicht einfach, da hilft nicht einmal das größte journalistische Einfühlungsvermögen:

Wenn man Mähren durch seine Firmenzentrale begleitet, dann bekommt man ein ziemlich gutes Gefühl dafür, dass der Unternehmer auch ein knallharter Geschäftsmann sein kann. Überall an den Wänden hängen Poster mit Motivationssprüchen, die auch von Gordon Gekko oder Tony Montana stammen könnten. Im Erdgeschoss, dort, wo die Sales-Abteilung ihre Schreibtische hat, stehen lebensgroße Pappaufsteller von Wladimir Putin und Donald Trump, und dort hängt auch die große Glocke aus Messing, die an die Glocke einer Börse erinnert und mit der jeder große Deal der Firma gefeiert wird.

Hat es auch gebimmelt, als dieser Reportagedeal abgeschlossen war? Wurde ordentlich gefeiert? Der letzte Absatz klingt danach:

Wer denkt, mit Jakob Mähren nur einen kühl berechnenden Kapitalisten vor sich zu haben, an dem die Enteignungsdebatte und die damit verbundene Abneigung gegen Unternehmer wie ihn spurlos vorbeigeht, der liegt vielleicht falsch: „Am Ende bin ich auch nur ein Mensch“, sagt er, „ich will nicht in zehn Jahren im Sportwagen durch die Stadt fahren und angespuckt werden.“ Und wenn Jakob Mähren das sagt, dann glaubt man ihm das sogar.

Ich glaub’s ihm auch. Wer will schon angespuckt werden? Aber ich bin mir auch sicher, dass er sich eher anspucken lassen würde, als auf seinen Sportwagen zu verzichten. Auch Kapitalisten sind nur Menschen. Schade, dass der Kapitalismus unmenschlich ist.

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Dieser Text entstand für die satirische Medienschau Phrase & Antwort, die ich gemeinsam mit dem Kollegen Maik Martschinkowsky in Berlin im Salon des Franz-Mehring-Platz 1 präsentiere. Unsere Show am 29. Dezember musste krankheitsbedingt leider ausfallen, wir gehen jetzt erst einmal in eine Pause und kehren zurück, wenn das unsympathische Virus unbeschwerte Veranstaltungen wieder zulässt.

 

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